Eine Stadt versammelt sich wegen des Schattens eines Esels. Der eine hat das Tier vermietet, der andere meint, der Schatten sei im Preis enthalten, und bald verfügen beide Seiten über Rechtsbeistand, Anhänger und jene unerschütterliche Gewissheit, die gewöhnlich kurz vor dem vollständigen Verlust der Vernunft eintritt. Wielands Geschichte der Abderitenerschien von 1774 bis 1780 in Fortsetzungen im Teutschen Merkur und wurde später überarbeitet. Die fünf Bücher führen unter anderem Demokrit, Hippokrates und Euripides in jene thrakische Stadt, die schon in der Antike als Heimat der Torheit galt. Aufbau und Fassungsbestand dokumentiert die Reclam-Studienausgabe.
Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten – Der Schatten des Gemeinsinns
Abdera ist anderswo
Wielands antike Stadt ist eine Maske, allerdings eine durchsichtige. Hinter ihr erscheinen deutsche Kleinstaaterei, gelehrte Eitelkeit, Provinztheater, Justizbetrieb und religiöser Parteigeist. Doch die Satire zielt weiter als auf Weimar oder irgendeine andere Stadt, deren Honoratioren sich ertappt fühlen mochten. Abdera entsteht überall dort, wo lokale Gewohnheit für Weltvernunft gehalten wird.
Demokrit, der philosophische Außenseiter, wird für verrückt erklärt, weil er über die Torheiten seiner Mitbürger lacht. Hippokrates soll ihn untersuchen und erkennt erwartungsgemäß, dass die vermeintliche Krankheit eher bei der Umgebung zu suchen wäre. Euripides erlebt eine Theaterkultur, die sich für außerordentlich fein hält. Es folgen der Prozess um den Eselschatten und der Streit um die heiligen Frösche, bei dem religiöse Empfindlichkeit, Parteipolitik und praktische Hilflosigkeit zu vollendeter Harmonie finden.
Ein Erzähler mit erhobener Braue
Wielands wichtigste Waffe ist der Ton. Der Erzähler behauptet gewissenhaft historische Genauigkeit, während er die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens als alltägliche Erfahrung ausweist. Seine Ironie ist selten laut. Sie gibt den Abderiten genügend Raum, sich selbst zu erklären, und verlässt sich darauf, dass jede weitere Erklärung die Sache verschlimmert.
Dabei verspottet der Roman nicht einfach dumme Einzelne. Er zeigt, wie Institutionen Torheit vermehren: Gerichte verwandeln Bagatellen in Staatsfragen, Akademien liefern Gutachten, Parteien entdecken Grundsätze, sobald Interessen ein passendes Kostüm benötigen. Die Aufklärung richtet ihren Witz hier auch gegen ihre eigene Hoffnung, vernünftige Belehrung müsse nur klar genug ausgesprochen werden. Demokrit kann denken; Abdera bleibt dennoch Abdera.
Die Aktualität des Esels
Einige gelehrte Anspielungen verlangen heute Erläuterung, und Wielands Umständlichkeit gehört zu jener kultivierten Geselligkeit, die Zeit zum Abschweifen besitzt. Doch die großen Episoden haben nichts von ihrer Schärfe verloren. Wer je gesehen hat, wie eine Organisation ein lösbares Problem durch Sitzungen, Zuständigkeiten und Positionspapiere veredelt, kennt die Stadt.
Am Ende ist der Esel verschwunden, der Streit jedoch nicht wirklich beigelegt. Sein Schatten fällt weiter, erstaunlich lang und bis in unsere Gegenwart.
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