Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung

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Ein Maggi-Würfel kostet zwei Pfennig. Heißes Wasser dazu, und für einen Moment ist der Hunger beschäftigt.

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Lebe ehrlich, werde frei!: Erich Lejeunes Lebensbuch über Ehrlichkeit, Klarheit, Richtung, innere Freiheit, Motivation, Mut, Wirtschaft, KI und Orientierung in einer Welt voller Krisen und Veränderung

Erich Lejeune erinnert sich in seinem neuen Buch Lebe ehrlich, werde frei! an Wochen seiner Kindheit, in denen eine solche Brühe zur Mahlzeit werden konnte. Jahrzehnte später ist aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen ein international erfolgreicher Unternehmer geworden. Dazwischen liegen Aufstieg und Absturz, Chiphandel und Börse, Begegnungen und Verluste, Wohlstand, Öffentlichkeit, Krisen – und die hartnäckige Frage, was von einem Leben bleibt, wenn man seine äußeren Erfolge abzieht.

Der Maggi-Würfel bleibt.

Nicht als sentimentales Requisit einer Aufstiegsgeschichte. Eher als Maßeinheit. Wer Mangel erlebt hat, misst Sicherheit anders. Wer erfahren hat, wie schnell sie verloren gehen kann, womöglich auch Freiheit.

Lejeune, Jahrgang 1944, schreibt deshalb keine klassische Unternehmerbiografie. Er erzählt sein Leben, um darin eine Ordnung zu suchen. Sein Titel verrät, wie diese Ordnung heißt: Ehrlichkeit.

Sie soll zu Klarheit führen, Klarheit zu Richtung und Richtung schließlich zu Freiheit. Diese Bewegung zieht sich durch ein Buch von beträchtlicher Spannweite. Es beginnt beim eigenen Leben, führt über Motivation, Vertrauen und Menschlichkeit bis zu Künstlicher Intelligenz, gesellschaftlicher Verunsicherung und den „zehn Menschheitsfragen einer neuen Weltordnung“. Am Ende stehen Dankbarkeit und Versöhnung.

Die interessante Frage ist deshalb weniger, ob Lejeunes Formel für jedes Leben gilt.

Interessanter ist, was sichtbar wird, wenn ein Mensch acht Jahrzehnte seines Lebens unter ihr betrachtet.

Kein Fachbuch, sondern ein „Lebensbuch“

David Theil, Pfarrer in St. Ursula und St. Sylvester in München-Schwabing und Dekan des Erzbischöflichen Dekanates München-Mitte, gehörte zu den ersten Lesern des Buches. Er findet dafür einen bemerkenswert passenden Begriff: „Lebensbuch“.

Seinen Eindruck formuliert er so:

„Mich fasziniert es besonders, dass es kein theoretisches Fachbuch ist, sondern ein Lebensbuch. Der Autor beschreibt in berührenden Worten, sein Leben, mit allen Auf und Abs, mit Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Es wird spürbar, was es heißt, einen Lebensprozess der Ehrlichkeit zu führen.
Aus diesem großen Leben leitet Erich Lejeune wichtige Impulse für unsere Zeit, mit ihren vielen Fragehorizonten, überzeugend ab: Herausforderungen des Einzelnen in einer sich neu sortierenden Welt, die zehn Menschheitsfragen, als Möglichkeit, Leben zu verantworten und zu gestalten und Versöhnung und Dankbarkeit als menschlichen Weg zu Ehrlichkeit und Freiheit, geben wichtige Impulse im Hier und Heute.
Kurz um! Sehr lesens- und empfehlenswert!“

David Theil, Pfarrer in St. Ursula und St. Sylvester in München-Schwabing und Dekan des Erzbischöflichen Dekanates München-Mitte

Der Begriff trifft die Konstruktion des Buches genauer als die Schublade Ratgeber.

Denn Lejeune entwickelt keine systematische Theorie der Ehrlichkeit. Er legt sein eigenes Leben auf den Tisch. Die Beweisstücke sind keine Studien, sondern Erfahrungen. Menschen, Straßen, Gespräche, Summen, Niederlagen. Und ein paar Gegenstände, die mehr erzählen als mancher Lehrsatz.

Armut braucht keine Definition

„Armut ist kein Wort, Armut ist ein Raum“, schreibt Lejeune.

Dieser Raum hat 34 Quadratmeter. Er kennt die Erschöpfung der Mutter und einen Vater, der nach Stalingrad und russischer Gefangenschaft als verwundeter Mensch in seine Familie zurückkehrt. Er trinkt. Der Wochenlohn kann am Freitag verschwunden sein. Dann wird das Wochenende lang.

Doch Lejeune macht aus seinem Vater keine bequeme Figur.

Er erinnert auch den musischen Menschen, dessen Sinn für Klang und Form. Den Arbeiter, der selbst nach durchzechten Nächten morgens aufsteht und zur Arbeit geht. Die Arbeit erscheint als letzter Rest einer Ordnung, die im Inneren längst beschädigt ist.

Gerade diese Differenzierung ist auch Prof. Dr. phil. habil. Godehard Brüntrup SJ, einem Freund Lejeunes, bei der Lektüre aufgefallen. In einem ausführlichen persönlichen Brief an den Autor schreibt er:

„Du hättest es Dir leicht machen können. Ein Mann kommt aus der Gefangenschaft zurück, vertrinkt den Wochenlohn am Freitag, die Familie hungert bis Montag. Das ist eine fertige Figur, und die meisten hätten sie so stehen lassen.“

Und wenig später:

„Ein Sohn, der so über seinen Vater schreibt, hat mehr geleistet als eine gute Seite Prosa. Das ist Gerechtigkeit gegenüber einem Menschen, der einem wehgetan hat. Das ist selten.“

Und hier liegt eine der überzeugendsten Formen von Ehrlichkeit in diesem Buch.

Nicht in einem Merksatz. Sondern in der Weigerung, einen Menschen auf das zu reduzieren, was er einem angetan hat.

Das ist auch literarisch bedeutsam. Erinnerung besitzt Macht. Wer erzählt, verteilt Rollen. Opfer, Täter, Helfer, Gegner. Lejeune hätte seinen Vater als dunklen Hintergrund einer späteren Erfolgsgeschichte verwenden können. Er tut es nicht. Er lässt den Widerspruch stehen.

Ehrlichkeit wird damit zu einer Form der Gerechtigkeit gegenüber der eigenen Erinnerung.

Jemand, der mich sieht

Gegen die Enge der Kindheit steht Großmutter Agnes.

Ihre Einzimmerwohnung in der Türkenstraße 104 wird zum Gegenraum. Dort herrschen Ruhe, Ordnung und Würde. Vor allem aber erlebt der Junge etwas, das sich durch das gesamte Buch ziehen wird: Er wird gesehen.

Auch Brüntrup bleibt genau an dieser Stelle hängen:

„Nicht die Ordnung hat Dich gerettet, sondern der Blick eines Menschen, das Gesehenwerden.“

Später kommt Lehrer Pallmann. Er versteht, dass der Vierzehnjährige gern schwätzt und gern singt. Also schließt er einen kleinen Vertrag: Ruhe im Unterricht gegen einen Elvis-Song am Freitag. Weil Lejeunes Englisch noch nicht für Elvis reicht, singt er „Muss i denn zum Städtele hinaus“.

Eine kleine Szene. Und vielleicht eine bessere Erklärung von Motivation als manche Seite, auf der das Wort selbst erscheint.

Anerkennung setzt Energie frei.

Unterhalb der ausdrücklich erzählten Geschichte von Willenskraft, Disziplin und Motivation verläuft deshalb eine zweite: Kein Mensch erfindet sich allein.

Lejeunes Biografie ist voller Menschen, die etwas in ihm sehen, bevor eine Leistung daraus geworden ist. Großmutter, Lehrer, Mentoren, Geschäftspartner. Später vor allem seine Frau Irène.

Das nimmt der eigenen Leistung nichts. Es korrigiert nur die alte Legende vom Selfmademan.

Selbst der Selfmademan braucht gelegentlich jemanden, der ihm die Tür aufhält.

Ehrlichkeit hat einen Preis

Die zentrale These des Buches wird früh mehrfach auf die Probe gestellt.

Beim Vorstellungsgespräch erzählt Lejeune ungefragt von einer Jugendstrafe. Der Personalchef stellt ihn gerade wegen seiner Offenheit ein.

Das wäre die schöne Version der Geschichte: Ehrlichkeit zahlt sich aus.

Doch Lejeune erzählt weiter.

Jahre später ist er beruflich erfolgreich und arbeitet für einen Chef, dessen Unwahrheiten ihn zunehmend beschäftigen. Lejeune schweigt lange. Loyalität spielt eine Rolle. Abhängigkeit ebenfalls. Und im Hintergrund arbeitet noch immer die alte Angst vor dem sozialen Absturz.

Dann kommt Weihnachten. Ein Mercedes 380 SE steht als Geschenk bereit. Lejeune stellt stattdessen die Frage, die er zu lange nicht gestellt hat: Warum lügen Sie mich immer wieder an?

Er nimmt den Wagen nicht.

Wenig später folgen Kündigung, Verlust des Gehalts, ein zweijähriges Wettbewerbsverbot und ein Rechtsstreit, der sich hinzieht. Fast gleichzeitig stirbt seine Großmutter Agnes.

Brüntrup erkennt in seinem Brief sehr genau, weshalb diese Abfolge für Lejeunes These entscheidend ist:

„Wer Ehrlichkeit empfiehlt, ohne ihren Preis zu nennen, beschönigt. Du nennst den Preis. Dadurch wird es glaubwürdig.“

Das verändert die Frage, die man an dieses Buch stellen muss.

Nicht: Ist Ehrlichkeit immer gut?

Sondern: Was ist ein Mensch bereit, für die Übereinstimmung mit sich selbst zu riskieren?

Denn Lejeunes eigene Geschichte zeigt, dass Ehrlichkeit keineswegs voraussetzungslos verfügbar ist. Wer abhängig ist, bezahlt für Offenheit einen anderen Preis als derjenige, der Macht besitzt.

Die Formel des Titels klingt einfach. Die Geschichte, mit der Lejeune sie belegt, ist es nicht.

Und das spricht für die Geschichte.

Die Brücke

Nach zwei Jahren Rechtsstreit kommt der graue Umschlag des Oberlandesgerichts. „Klage abgewiesen.“

Lejeune fährt zur Großhesseloher Brücke. Er denkt daran, sein Leben zu beenden.

Es ist die dunkelste Szene des Buches – und sein eigentliches Zentrum.

Denn dort wird nichts gelöst. Kein Urteil korrigiert sich. Kein Geld kehrt zurück. Die Großmutter bleibt tot.

Lejeune erinnert sich vielmehr an eine Fähigkeit.

Warum hatte sein früherer Chef ihn eigentlich so gut bezahlt?

Seine Antwort ruft er laut heraus: weil er ein begeisternder Verkäufer war und ist.

Das klingt fast erschreckend schlicht. Aber die Sätze, an denen Menschen sich festhalten, müssen selten einen Philosophiepreis gewinnen.

Lejeune zieht daraus einen bemerkenswerten Schluss: Durch die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst werde er wieder handlungsfähig. Und Handlungsfähigkeit sei die erste Form von Kraft und Freiheit.

Prof. Dr. phil. habil. Godehard Brüntrup SJ liest darin die philosophisch präziseste Passage des Buches. In seinem Brief schreibt er:

„Ehrlichkeit erscheint hier nicht als moralische Pflicht, als Sekundärtugend, sondern als Bedingung dafür, überhaupt handeln zu können. Wer sich über sich selbst täuscht, verliert den Zugriff auf seine eigenen Gründe, und wer seine Gründe nicht kennt, kann nicht mehr wählen, sondern nur noch reagieren.“

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung.

„Lebe ehrlich, werde frei!“ bedeutet in dieser Szene nicht: Sei ein guter Mensch, dann wird alles gut.

Es bedeutet: Sieh deine Wirklichkeit an, damit du wieder handeln kannst.

Das ist etwas anderes.

Wenn die Szene den Gedanken trägt

Lejeunes Prosa ist am stärksten, wenn sie konkret wird.

Brüntrup beschreibt das in seinem Brief anhand des Anfangs:

„Ein Satz ist mir besonders geblieben: ‚Armut ist kein Wort, Armut ist ein Raum.‘ Ich habe in vielen Jahren viele Definitionen von Armut gelesen. Keine hat mir gesagt, wie Armut riecht. Zwei Seiten später stehen die Maggi-Würfel, zwei Pfennig das Stück, von Deiner Mutter mit heißem Wasser aufgebrüht, wochenlang. Damit ist die Sache erledigt. Wer diese Seite gelesen hat, braucht keine Definition mehr. Das ist stark!“

Genau das ist es. Der Maggi-Würfel erklärt nichts. Deshalb erklärt er fast alles.

Ähnlich funktioniert die spätere Gründungsgeschichte der ce. Lejeune sitzt auf dem Fußboden vor einer Weltkarte. Ein großer Tisch fehlt, also muss der Boden genügen. Für 130 Mark kauft er auf dem Schwabinger Trödelmarkt einen gebrauchten Fernschreiber. In der Küche werden später Bauteile verpackt.

Solche Einzelheiten haben Widerstand. Sie lassen sich nicht vollständig in einen Motivationssatz auflösen.

Gelegentlich scheint Lejeune selbst dieser Kraft seiner Bilder allerdings weniger zu vertrauen als sein Leser.

Dann folgt auf die Szene noch die Erkenntnis, auf die Erkenntnis der Merksatz und auf den Merksatz zuweilen dessen Erklärung. Aus dem Erzähler wird der Motivator.

Man möchte ihm gelegentlich zurufen: Lass die Szene noch einen Augenblick allein. Sie kann das.

Denn sein Leben ist häufig widersprüchlicher – und damit erkenntnisreicher – als die Formel, die anschließend aus ihm gezogen wird.

Das schwarze Loch des Erfolgs

Zu den interessantesten Passagen gehört deshalb ausgerechnet ein Kapitel, in dem Lejeune nicht vom Scheitern erzählt.

Sondern vom Erfolg.

Das große Ziel ist erreicht. Die Umsatzmilliarde steht. Der Kalender leert sich. Das Telefon klingelt nicht mehr achtzig- oder hundertmal am Tag. Beim Frühstück fragt Irène: „Erich, und was machst du denn eigentlich heute?“

Eine harmlose Frage. Bis man keine Antwort darauf hat.

Lejeune nennt diesen Zustand das „schwarze Loch“. Jahrzehntelang hatte das nächste Ziel den Tag strukturiert. Erfolg bedeutete Bewegung. Nun ist etwas erreicht – und gerade deshalb fehlt plötzlich die Richtung.

Brüntrup formuliert dazu in seinem Brief einen bemerkenswerten Satz:

„Ein Leben, das ganz auf ein Ziel hin geordnet ist, hat keine Antwort mehr auf die Frage, was jetzt zu tun sei, sobald das Ziel erreicht ist.“

Hier berührt Lebe ehrlich, werde frei! eine Frage, die weit über eine Unternehmerbiografie hinausführt.

Unsere Gesellschaft besitzt ein umfangreiches Vokabular für das Scheitern. Resilienz. Neustart. Motivation. Durchhalten.

Für das Gelingen hingegen ist das Wörterbuch erstaunlich dünn.

Was geschieht, wenn ein Ziel erreicht wurde, das jahrzehntelang Sinn produziert hat?

Die Leere nach dem Erfolg ist vielleicht die diskretere Schwester der Niederlage. Man spricht nur weniger gern über sie. Erfolg soll schließlich das Problem lösen, nicht selbst eines werden.

Lejeune spricht darüber.

Das gehört zu den interessanteren Zumutungen seines Buches.

Keine Blaupause – und gerade deshalb interessant

Lebe ehrlich, werde frei! sollte man deshalb nicht als Rezeptbuch lesen.

Lejeune selbst liefert genügend Material gegen eine solche Lektüre.

Armut kann antreiben. Sie kann einen anderen Menschen erschöpfen. Eine Niederlage kann Kräfte freisetzen. Sie kann Kräfte nehmen. Ein Mentor kann im richtigen Augenblick erscheinen – oder ausbleiben. Ehrlichkeit kann befreien und zunächst sehr teuer werden.

Biografien kennen keine Kontrollgruppe. Ihre Wahrheit liegt anderswo.

Sie zeigen, was einem Menschen möglich war und wie dieser Mensch im Rückblick versteht, was mit ihm geschehen ist.

Hier gewinnt David Theils Formulierung vom „Lebensprozess der Ehrlichkeit“ noch einmal an Bedeutung. Ein Prozess kennt keinen fertigen Zustand. Er kennt Bewegung, Irrtum, Umwege und Korrektur.

Lejeunes Weg ist deshalb keine Blaupause. Er muss keine sein.

Ein Lebensbuch wird nicht dadurch wertvoll, dass fremde Leben ihm gehorchen.

Von der eigenen Geschichte zu den Menschheitsfragen

In der zweiten Hälfte weitet Lejeune den Horizont.

Die persönliche Erfahrung trifft auf eine Gegenwart, die er als beschleunigt, technologisiert und verunsichert beschreibt. Kriege, wirtschaftliche Verschiebungen, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und permanente Nachrichtenströme erzeugen äußeren Druck. Lejeune setzt dagegen den „inneren Kompass“.

Daraus entwickelt er seine zehn Menschheitsfragen. Es geht um Wahrheit, Vertrauen, Angst, Einsamkeit, Verantwortung, Schuld und Versöhnung – um die Möglichkeit also, unter veränderten äußeren Bedingungen eine innere Haltung zu bewahren.

Manche dieser Gegenwartsdiagnosen sind weit gespannt. Dort, wo geopolitische und technologische Entwicklungen in große Formeln gebracht werden, hätte etwas mehr Differenzierung dem Buch nicht geschadet.

Aber interessant bleibt die Position, aus der Lejeune spricht.

Hier blickt ein Mann auf Künstliche Intelligenz, dessen wirtschaftliches Leben eng mit einer früheren technologischen Revolution verbunden war: dem Mikrochip. Er hat erlebt, wie aus einem unscheinbaren Bauteil Infrastruktur wurde, aus Infrastruktur Abhängigkeit und aus technologischer Kompetenz eine Machtfrage.

Sein Blick auf KI kommt deshalb nicht aus technologischer Fremdheit. Er kommt aus Erinnerung.

Und wieder sucht Lejeune für die Beschleunigung außen einen Maßstab innen.

Die anderen sind nicht Kulisse

Vielleicht zeigt sich dabei eine weitere Stärke des Buches in den Porträts.

Brüntrup weist in seinem Brief darauf hin, dass die stärksten Passagen außerhalb von Lejeunes eigener Geschichte wiederum einzelne Menschen zeigen. Über Lejeunes Erzählweise schreibt er:

„Deine Prosa wird immer dann besonders stark, wenn Namen darin vorkommen, Zahlen, Straßen, Summen, Jahreszahlen, ein Gesprächspartner mit einem Gesicht.“

Das ist eine genaue Beobachtung.

Lejeunes große Begriffe – Ehrlichkeit, Freiheit, Menschlichkeit, Motivation – brauchen Körper.

Sie brauchen die Türkenstraße 104. Den Fernschreiber für 130 Mark. Die fünf Franken, mit denen Irène nach München kommt. Einen Gesprächspartner. Eine Küche. Einen Brief. Eine Brücke.

Erst dann verlieren die Begriffe ihre Seminarraumtemperatur.

Dann werden sie Leben.

Und vielleicht erklärt das auch, warum die Menschen in Lejeunes Buch mehr sind als Nebenfiguren einer Erfolgsgeschichte. Seine Großmutter Agnes, Lehrer Pallmann, Mentoren, Geschäftspartner und Irène markieren jene Stellen, an denen eine Biografie ihre vermeintliche Autonomie verliert. Das eigene Leben besteht eben auch aus dem, was andere in ihm ermöglicht haben.

Am Ende stehen Kinder

Schließlich schließt sich ein Kreis, den man beim Lesen zunächst kaum bemerkt.

Das Buch beginnt mit einem hungrigen Kind.

Es endet im Flugzeug nach Vietnam, auf dem Weg zu herzkranken Kindern, denen die Stiftung von Erich und Irène Lejeune seit vielen Jahren Hilfe ermöglicht.

Brüntrup erkennt darin den Spannungsbogen des Buches:

„Ein Kind am Anfang, Kinder am Ende. Der Bogen schließt sich. Das ist Komposition, die aus einem gelebten Leben kommt.“

Das ist mehr als eine hübsche Symmetrie.

Denn dazwischen liegt ein Leben, das lange von der Bewegung nach oben bestimmt war. Aus der Armut heraus. In den Handel. In internationale Märkte. Zum Unternehmen. Zur Börse. Zum Erfolg.

Am Ende verändert sich die Richtung. Nicht mehr: Was kann ich erreichen? Sondern: Was kann ich weitergeben?

Damit werden auch Dankbarkeit und Versöhnung verständlicher, die Lejeune in den letzten Kapiteln ins Zentrum rückt.

Versöhnung bedeutet bei ihm nicht, dass das Schwere nachträglich leicht wird. Sie bedeutet eher, ihm nicht mehr die alleinige Deutungshoheit über das eigene Leben zu überlassen.

Und Dankbarkeit ist kein freundlicher Nachsatz zum Erfolg.

Sie ist dessen Korrektur.

Ein Leben sucht seine Ordnung

David Theil nennt Lebe ehrlich, werde frei! ein „Lebensbuch“. Prof. Dr. phil. habil. Godehard Brüntrup SJ liest es als Freund Lejeunes und zugleich mit großer Aufmerksamkeit für seine philosophische und erzählerische Konstruktion. Die beiden Stimmen kommen aus unterschiedlichen Richtungen und treffen sich doch an einem Punkt: Dieses Buch gewinnt seine Kraft aus dem gelebten Leben.

Lejeunes Buch ist nicht dort am stärksten, wo es die größten Antworten gibt.

Es ist dort am stärksten, wo jemand einen gebrauchten Fernschreiber kauft. Wo ein Junge Suppe aus einem Maggi-Würfel isst. Wo eine Großmutter einen Enkel ansieht. Wo ein Mann einen Mercedes stehen lässt. Wo derselbe Mann auf einer Brücke begreift, dass er noch etwas kann. Wo nach dem großen Erfolg beim Frühstück plötzlich niemand weiß, was heute eigentlich zu tun ist.

Aus diesen Szenen entstehen Lejeunes Begriffe.

Manchmal werden die Begriffe größer als die Szenen. Dann wird aus Erfahrung rasch Erkenntnis und aus Erkenntnis eine Regel. Das gehört zu diesem Buch und zu seinem Autor, der nicht nur erinnern, sondern weitergeben will.

Doch seine eigene Biografie widersetzt sich glücklicherweise jeder allzu glatten Gebrauchsanweisung.

Sie zeigt den Preis der Ehrlichkeit ebenso wie ihren Gewinn. Sie zeigt die Kraft des Einzelnen und die Menschen, ohne die diese Kraft vielleicht nie sichtbar geworden wäre. Sie zeigt den Hunger nach Erfolg – und die Leere, die entstehen kann, wenn der Hunger plötzlich satt ist.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb der Titel am Ende weniger einfach klingt als am Anfang.

Lebe ehrlich, werde frei! verspricht keine Methode, mit der sich ein Leben zuverlässig in Freiheit verwandeln lässt.

Es erzählt vielmehr von einem Mann, der auf acht Jahrzehnte zurückblickt und versucht, zwischen Maggi-Würfel und Mikrochip, Vater und Großmutter, Irène und Börse, Erfolg und schwarzem Loch eine Verbindung zu erkennen.

Manches fügt sich. Manches wird im Rückblick womöglich ein wenig ordentlicher, als gelebte Leben gewöhnlich sind.

Auch Erinnerung möchte schließlich irgendwo wohnen.

Lejeunes Weg ist keine Blaupause. Gerade deshalb ist er interessant.

Nicht: So sollt ihr leben. Sondern: So habe ich gelernt, mein Leben zu verstehen.

Und genau dort beginnt Ehrlichkeit.

Der Autor Erich Lejeune

Erich Lejeune, Jahrgang 1944, ist Unternehmer, Autor und Stifter. Aus einfachen Verhältnissen in München stammend, wurde er zu einem der bekannten Unternehmer der deutschen Elektronik- und Halbleiterbranche. Mit der ce Consumer Electronic AG baute er ein international tätiges Unternehmen auf und führte es an die Börse. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er auch als „Mr. Chip“ bekannt. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit veröffentlichte Lejeune Bücher, hielt zahlreiche Vorträge und führte als Moderator Gespräche mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.

Gemeinsam mit seiner Frau Irène Lejeune engagiert er sich seit vielen Jahren für soziale und humanitäre Projekte. In seinem 2026 erschienenen Buch Lebe ehrlich, werde frei! blickt er auf acht Jahrzehnte seines Lebens zurück und verbindet seine Biografie mit Fragen nach Ehrlichkeit, Freiheit, Vertrauen, Verantwortung und Versöhnung.


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