SPIEGEL Buchpreis 2026: Zwanzig Bücher und die Frage, was Literatur heute erzählen muss

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Zwanzig Bücher, sechs Jurymitglieder und eine Entscheidung, die am 16. November in Hamburg fallen wird. Der SPIEGEL Buchpreis geht in seine zweite Runde und versammelt auf seiner Longlist deutschsprachige Gegenwartsliteratur neben internationalen Romanen in deutscher Übersetzung. Mit Daniel Kehlmann, Shida Bazyar, Clemens J. Setz, Maggie O’Farrell und Amitav Ghosh stehen bekannte literarische Stimmen neben weniger etablierten Namen. Bemerkenswert ist dabei weniger die Prominenz einzelner Autoren als der Anspruch der Jury, erzählerische Kraft und literarische Form gemeinsam zu beurteilen.

SPIEGEL Buchpreis 2026: Zwanzig Bücher stehen auf der Longlist, darunter Werke von Daniel Kehlmann, Shida Bazyar und Maggie O’Farrell. Am 12. November gibt die Jury die fünf Finalisten bekannt, am 16. November wird der Gewinner in Hamburg ausgezeichnet. SPIEGEL Buchpreis 2026: Zwanzig Bücher stehen auf der Longlist, darunter Werke von Daniel Kehlmann, Shida Bazyar und Maggie O’Farrell. Am 12. November gibt die Jury die fünf Finalisten bekannt, am 16. November wird der Gewinner in Hamburg ausgezeichnet.

Eine Longlist, die keine Landesgrenzen kennt

Literatur lässt sich nach Sprachen ordnen, nach Herkunftsländern, Epochen oder Gattungen. Man kann sie in Regale stellen, mit Preisen versehen und auf Bestenlisten sortieren. Was sich auf diese Weise nur schwer erfassen lässt, ist ihre Fähigkeit, die Welt anders sichtbar zu machen, als wir sie zu kennen glauben.

Der SPIEGEL Buchpreis versucht in seiner zweiten Ausgabe, dieser Vielgestaltigkeit Raum zu geben. Am 4. November 2026 veröffentlichte die Jury ihre Auswahl von zwanzig belletristischen Werken, die im laufenden Jahr auf Deutsch erscheinen. Dabei konkurrieren deutschsprachige Originalausgaben unmittelbar mit Übersetzungen internationaler Literatur.

Das unterscheidet den Preis beispielsweise vom Deutschen Buchpreis, der deutschsprachige Romane auszeichnet. Beim SPIEGEL Buchpreis ist dagegen die Veröffentlichung in deutscher Sprache entscheidend, nicht die Sprache, in der ein Werk ursprünglich geschrieben wurde.

So stehen die Romane von Daniel Kehlmann und Shida Bazyar neben Werken von Emma Cline, Amitav Ghosh, Gaëlle Bélem und Yang Shuang-zi. Die Übersetzung wird damit zu einem selbstverständlichen Bestandteil der literarischen Gegenwart. Schließlich endet Literatur nicht dort, wo eine Sprache aufhört.

Zwischen historischer Erinnerung und literarischem Experiment

Mit Daniel Kehlmanns neuem Roman „Afrika“ findet sich ein Buch auf der Liste, das unmittelbar in die europäische Kolonialgeschichte führt. Im Mittelpunkt steht die Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85, bei der europäische Mächte über koloniale Interessen in Afrika verhandelten.

Kehlmann nähert sich diesem historischen Ereignis über einen österreichischen Diplomaten, der weniger mit den großen politischen Fragen als mit seinen privaten Betrügereien beschäftigt ist. Der Legationsrat Strinetzky gerät zwischen eine Affäre, unterschlagene Gelder und eine Duellforderung, während um ihn herum Entscheidungen von erheblicher historischer Tragweite vorbereitet werden.

Die Verbindung von persönlicher Lächerlichkeit und politischer Macht eröffnet einen Blick auf Geschichte, der die vermeintliche Größe ihrer Akteure in Zweifel zieht. Nicht jede folgenschwere Entscheidung entspringt einem großen Gedanken. Manchmal sitzen Menschen am Verhandlungstisch, die schon an ihren eigenen Angelegenheiten scheitern.

Neben Kehlmann stehen mit Clemens J. Setz und seinem Roman „Mein Leben als Noiseband“ sowie Valeria Gordeevs „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ weitere deutschsprachige Werke auf der Longlist, deren Aufnahme auch das Interesse der Jury an unterschiedlichen literarischen Verfahren erkennen lässt.

Denn ausdrücklich geht es ihr nicht darum, konventionelles Erzählen gegen formale Experimente auszuspielen. Entscheidend sei vielmehr, ob Inhalt und Form einander tragen. Ein Roman müsse nicht allein durch seine Geschichte überzeugen, ebenso wenig genüge eine kunstvolle Konstruktion, wenn das Erzählen dahinter verschwinde.

Das klingt selbstverständlich. In der literarischen Praxis ist es eine anspruchsvolle Forderung.

Die Weltliteratur in deutscher Sprache

Auch die internationale Auswahl ist breit angelegt. Mit Maggie O’Farrells „Land“, Amitav Ghoshs „Der Strom der Erinnerung“, Emma Clines „In die Schweiz“ und Ben Lerners „Transkription“ sind Autoren vertreten, deren Werke in unterschiedlichen literarischen Traditionen entstanden sind.

Hinzu kommen unter anderem Gaëlle Béléms „Die seltenste Frucht“, Abdellah Taïas „Die Bastion der Tränen“ und Yang Shuang-zis „Das Taiwan-Tagebuch“.

Dass diese Bücher gemeinsam mit deutschsprachigen Originalwerken beurteilt werden, lenkt den Blick auch auf die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie ermöglichen nicht nur den Zugang zu Geschichten aus anderen Sprachräumen, sondern müssen deren Rhythmus, Eigenheiten und gedankliche Bewegung in eine neue Sprache übertragen.

Gerade bei einem Literaturpreis, der Originalwerke und Übersetzungen gleichberechtigt berücksichtigt, gehört diese Leistung zur literarischen Qualität, über die letztlich entschieden wird.

Die Longlist ist damit auch ein Hinweis darauf, wie sehr sich die deutschsprachige literarische Öffentlichkeit aus internationalen Stimmen zusammensetzt. Das Eigene und das Fremde lassen sich hier nicht mehr sauber voneinander trennen. Im besten Fall war das ohnehin nie die Aufgabe der Literatur.

Die zwanzig nominierten Bücher

Die Jury hat folgende Werke für den SPIEGEL Buchpreis 2026 ausgewählt:

Autorin / Autor Titel Verlag
Shida Bazyar Die Lücken Kiepenheuer & Witsch
Gaëlle Bélem Die seltenste Frucht Peter Hammer
Emma Cline In die Schweiz Hanser
Dave Eggers Contrapposto Kiepenheuer & Witsch
Amitav Ghosh Der Strom der Erinnerung Blessing
Valeria Gordeev Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle S. Fischer
Martina Hefter Nach der Sonne schauen Klett-Cotta
Daniel Kehlmann Afrika Rowohlt
Louise Kennedy Red Claassen
Olivia Laing Buch der Träume Insel
Ben Lerner Transkription Suhrkamp
Leh-Wei Liao Glaszeit Luchterhand
Maggie O’Farrell Land Piper
Hendrik Otremba Der Gräber März
Clemens J. Setz Mein Leben als Noiseband Suhrkamp
Abdellah Taïa Die Bastion der Tränen Orlanda
Tony Tulathimutte Fiasko dtv
David Vajda Diamanten Hanser Berlin
Dana Vowinckel Anton und Alma Suhrkamp
Yang Shuang-zi Das Taiwan-Tagebuch DuMont

Wer entscheidet über den SPIEGEL Buchpreis?

Die sechsköpfige Jury setzt sich aus unterschiedlichen Bereichen des literarischen und kulturellen Lebens zusammen. Ihr gehören die Autorin und Theaterregisseurin Lena Brasch, die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, die Schriftstellerin und ehemalige Tennisspielerin Andrea Petković sowie die SPIEGEL-Kulturredakteure Arno Frank, Enrico Ippolito und Xaver von Cranach an.

Ihre Auswahl begründet die Jury mit dem Zusammenspiel von erzählerischem Inhalt und literarischer Gestaltung. Gerade Bücher, die sich nicht auf eine dieser beiden Ebenen beschränken, könnten über sich selbst hinausweisen.

Damit formuliert sie einen Maßstab, der sich einer einfachen Rangordnung entzieht. Denn literarische Qualität lässt sich weder an der gesellschaftlichen Bedeutung eines Themas noch an der Kühnheit einer sprachlichen Konstruktion allein festmachen.

Wie überzeugend die Jury diesen Anspruch bei ihrer endgültigen Entscheidung einlöst, bleibt abzuwarten.

Am 16. November fällt die Entscheidung

Am 12. November wird die Longlist auf fünf Finalisten reduziert. Vier Tage später, am 16. November, folgt die Preisverleihung in Hamburg. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert.

Erstmals vergeben wurde der SPIEGEL Buchpreis 2025. Damals erhielt die amerikanische Schriftstellerin Rachel Kushner die Auszeichnung für ihren Roman „See der Schöpfung“, übersetzt von Bettina Abarbanell.

Mit seiner zweiten Ausgabe beginnt sich der Preis im deutschen Literaturbetrieb zu etablieren. Ob daraus langfristig eine eigenständige literarische Instanz entsteht, wird sich nicht allein an der Bekanntheit seiner Preisträger entscheiden, sondern auch daran, welche Bücher er sichtbar macht.

Zwanzig stehen nun zur Auswahl. Am Ende wird eines ausgezeichnet. Die anderen neunzehn werden dadurch nicht schlechter.

Quelle: SPIEGEL-Gruppe

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