Früher hatte fast jedes Dorf einen Ort, an dem seine Geschichten zusammenliefen. Man traf sich, stritt, trank und wusste meist mehr voneinander, als einem lieb war. Heute sind viele dieser Orte verschwunden. Mit ihnen verschwindet nicht nur ein Stück Gastronomie, sondern eine Form des Zusammenlebens.
Tommie Goerz erzählt in „Der Baum“ von einer solchen Welt. Sein letzter Roman, posthum im Oktober 2026 erschienen, handelt von Michel Gruber, einem alten Wirt, dessen Gasthaus über Generationen das Zentrum eines fränkischen Dorfes bildete.
Es ist eine Geschichte über Heimat und Schuld, über eine verlorene Liebe und ein Leben, das anders hätte verlaufen können. Vor allem aber erzählt Goerz davon, wie Menschen an Orte gebunden bleiben, selbst wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, als diese zu verlassen.
Worum geht es in „Der Baum“?
Michel Gruber führt das Gasthaus seiner Familie in vierter Generation. Der „Baum“, wie die Wirtschaft heißt, war früher ein Treffpunkt für das ganze Dorf. Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Streitigkeiten ausgetragen und gemeinsame Abende verbracht.
Inzwischen ist Michel alt geworden. Die Gäste bleiben zunehmend aus, und oft sitzt er allein am großen Wirtshaustisch.
Seine Gedanken führen ihn zurück in die Kindheit, zu seinem Großvater, der ihm Schutz bot, und zu seinem Vater, dessen Härte sein Leben bestimmte.
Später verliebt sich Michel in Berta. Doch sein Vater will die Beziehung nicht akzeptieren. Michel versucht, der Familie und dem Gasthaus zu entkommen. In der Fremde lädt er Schuld auf sich und kehrt schließlich zurück.
Was folgt, ist kein Leben voller großer Abenteuer, sondern eines, das sich zunehmend um den Ort dreht, dem er einst entfliehen wollte.
Das Wirtshaus als Mittelpunkt einer verschwindenden Welt
Der „Baum“ ist mehr als der Schauplatz des Romans.
Das Gasthaus steht für eine Gesellschaft, in der das Dorfleben stärker von gemeinsamen Orten geprägt war. Menschen trafen sich regelmäßig, unabhängig davon, ob sie einander besonders mochten.
Solche Begegnungen schufen Gemeinschaft, konnten aber auch einengend wirken. Jeder kannte jeden, und persönliche Entscheidungen blieben selten privat.
Goerz verklärt diese Vergangenheit nicht vollständig.
Das Wirtshaus war ein Ort der Geselligkeit, aber auch des Alkohols, der Streitigkeiten und der männlichen Dominanz. Frauen und Kinder standen häufig außerhalb jener Gemeinschaft, die sich am Stammtisch selbst als Mittelpunkt der Welt betrachtete.
Gerade diese Widersprüche machen die Darstellung interessant.
Der Roman erzählt vom Verlust einer sozialen Struktur, ohne zu behaupten, dass früher alles besser gewesen sei.
Was verschwindet, war nicht vollkommen. Aber sein Verschwinden hinterlässt dennoch eine Lücke.
Michel Gruber: Ein Leben zwischen Pflicht und Schuld
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der sich nie vollständig von seiner Herkunft lösen konnte.
Michel wächst in einer Familie auf, in der das Gasthaus nicht nur wirtschaftliche Existenzgrundlage, sondern Verpflichtung ist. Sein Vater erwartet, dass er den Betrieb übernimmt und die Tradition fortsetzt.
Für Michel bedeutet das einen Konflikt zwischen familiärer Loyalität und persönlichen Wünschen.
Die Liebe zu Berta eröffnet ihm die Vorstellung eines anderen Lebens. Doch sein Versuch, sich von der Familie zu lösen, führt nicht zur erhofften Freiheit.
Stattdessen kehrt er zurück und übernimmt schließlich genau jene Rolle, gegen die er sich gewehrt hatte.
Goerz interessiert sich dabei weniger für die Frage, ob Michel die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Er zeigt, wie Schuld, Abhängigkeit und familiäre Erwartungen ein Leben prägen können.
Das macht die Figur glaubwürdig. Michel ist weder ein tragischer Held noch ein unschuldiges Opfer seiner Umstände.
Er ist ein Mensch, der Entscheidungen getroffen hat und mit deren Folgen weiterleben muss.
Der große Tisch: Erinnerung aus Holz
Zu den eindrücklichsten Motiven gehört der große Wirtshaustisch.
Er wurde aus einem Kirschbaum gefertigt, den einst ein Gewitter entwurzelte. Über Generationen hinweg versammelten sich die Dorfbewohner an diesem Tisch.
Damit verbindet Goerz die Geschichte eines einzelnen Gegenstands mit der Geschichte einer ganzen Gemeinschaft.
Das Holz überdauert Menschen, Gespräche und Konflikte. Was früher selbstverständlich zum Alltag gehörte, wird für Michel zunehmend zur Erinnerung.
Der Tisch ist zugleich ein Ort des Schutzes und der Bedrohung. Als Kind versteckte sich Michel darunter, wenn er Angst vor seinem Vater hatte.
Hier zeigt sich die besondere Qualität des Romans: Ein vertrauter Gegenstand erhält Bedeutung, ohne dass er ständig symbolisch erklärt werden muss.
Die Vergangenheit bleibt buchstäblich im Raum stehen.
Eine verlorene Liebe ohne romantische Verklärung
Berta gehört zu den entscheidenden Figuren in Michels Erinnerungen.
Die Beziehung steht für eine Möglichkeit, die sich in seinem Leben nicht verwirklicht hat. Mit ihr verbindet sich die Vorstellung eines anderen Weges, vielleicht sogar eines anderen Menschen, der Michel hätte werden können.
Goerz erzählt diese Liebe jedoch nicht als großes romantisches Versprechen.
Interessanter ist für ihn, was geschieht, wenn eine Beziehung nicht zustande kommt und trotzdem ein ganzes Leben lang Bedeutung behält.
Michel muss mit einer Entscheidung leben, die sich nicht rückgängig machen lässt.
Darin liegt eine stille Form der Tragik. Nicht jedes verpasste Glück führt zu einem dramatischen Zusammenbruch. Manchmal wird es zu einem Teil des Alltags, über den kaum noch gesprochen wird.
Sprache und Erzählweise: Weniger ist mehr
Tommie Goerz war ein Erzähler, der seinen Figuren Zeit ließ.
Auch „Der Baum“ setzt nicht auf eine komplizierte Handlung oder spektakuläre Wendungen. Der Roman entwickelt seine Wirkung aus Erinnerungen, Gesprächen und alltäglichen Beobachtungen.
Die Sprache ist knapp und unaufgeregt. Goerz beschreibt seine Figuren ohne große psychologische Erklärungen.
Besonders der NDR hebt in seiner Besprechung hervor, dass der Autor die Dorfgemeinschaft weder sentimental verklärt noch ihre Schattenseiten verschweigt.
Diese Zurückhaltung verleiht dem Text Glaubwürdigkeit.
Allerdings verlangt sie Geduld. Wer eine Handlung mit deutlichem Spannungsbogen erwartet, wird hier wenig finden.
Auch die Konzentration auf Michels Erinnerungen begrenzt den Blick. Andere Figuren erscheinen vor allem in ihrer Beziehung zu ihm.
Das ist eine bewusste erzählerische Entscheidung, lässt aber manche Perspektiven offen.
Ein Roman über das Altern und die Veränderung des Dorfes
Michel wird älter, während sich seine Umgebung verändert.
Die Landwirtschaft verliert an Bedeutung, vertraute Lebensformen verschwinden, und das Gasthaus wird zunehmend zu einem Ort der Vergangenheit.
Goerz verbindet damit die persönliche Geschichte eines Mannes mit einer gesellschaftlichen Entwicklung.
Der Rückgang traditioneller Dorfgasthäuser steht beispielhaft für eine Veränderung des ländlichen Zusammenlebens. Begegnungen verlagern sich, Gewohnheiten lösen sich auf, und Orte, die über Jahrzehnte selbstverständlich waren, verlieren ihre Funktion.
Der Roman behandelt diesen Wandel nicht als politische Anklage.
Er zeigt vielmehr, wie gesellschaftliche Veränderungen im Alltag einzelner Menschen sichtbar werden.
Michel erlebt nicht einfach den Niedergang seines Gasthauses. Er erlebt, wie die Welt verschwindet, in der seine eigene Lebensgeschichte verständlich war.
Stärken und Schwächen von „Der Baum“
Die größte Stärke des Romans liegt in seiner sprachlichen Zurückhaltung.
Goerz gelingt es, mit wenigen Figuren und einem begrenzten Schauplatz eine Geschichte über Schuld, Heimat und gesellschaftlichen Wandel zu erzählen.
Besonders überzeugend ist das Gasthaus als Erinnerungsort. Es verbindet Michels persönliche Erfahrungen mit dem Leben einer ganzen Dorfgemeinschaft.
Auch die Darstellung des Alterns wirkt ohne sentimentale Überhöhung.
Die Schwächen liegen in der schmalen Handlung und der starken Konzentration auf Michels Perspektive. Manche Nebenfiguren bleiben vor allem Teil seiner Erinnerungen.
Wer komplexe Handlungsstränge oder überraschende Wendungen sucht, dürfte den Roman als zu ruhig empfinden.
„Der Baum“ lebt nicht von dem, was noch geschehen könnte, sondern von dem, was längst geschehen ist.
Für wen eignet sich „Der Baum“?
Der Roman richtet sich an Leserinnen und Leser, die ruhige, sprachlich konzentrierte Geschichten über das Leben auf dem Land mögen.
Besonders interessant ist er für Menschen, die sich für Familiengeschichten, Heimatliteratur ohne Verklärung und die Veränderungen ländlicher Gemeinschaften interessieren.
Wer bereits „Im Tal“ oder „Im Schnee“ gelesen hat, wird vertraute Themen und die charakteristische Erzählweise von Tommie Goerz wiederfinden.
Weniger geeignet ist das Buch für Leser, die einen klassischen Kriminalroman oder eine spannungsreiche Handlung erwarten.
Über den Autor Tommie Goerz
Tommie Goerz wurde 1954 in Erlangen geboren und starb im März 2026. Sein bürgerlicher Name war Marius Kliesch.
Sein beruflicher Weg verlief ungewöhnlich. Nach einem begonnenen Jurastudium studierte er Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaften und promovierte. Daneben arbeitete er in zahlreichen Berufen, unter anderem als Dachdecker, Postsortierer, Musiker und Schallplattenvertreter.
Später war er in der Werbebranche tätig, bevor er sich vollständig dem Schreiben widmete.
2010 erschien mit „Schafkopf“ sein erster Kriminalroman. Bekannt wurde Goerz vor allem durch die Reihe um den fränkischen Kommissar Friedo Behütuns.
Für „Meier“ erhielt er 2021 den Friedrich-Glauser-Preis. Sein Kriminalroman „Frenzel“ wurde 2022 mit dem Crime-Cologne-Award ausgezeichnet.
Neben seinen Krimis beschäftigte sich Goerz intensiv mit der fränkischen Alltagskultur. Er veröffentlichte Bücher über traditionelle Wirtshäuser und kleine Läden, die zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden.
Mit „Im Tal“ (2023) und „Im Schnee“ (2025) wandte er sich stärker der literarischen Erzählung zu. Beide Romane beschäftigen sich mit Menschen, deren Leben von Herkunft, Verlust und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist.
„Der Baum“ erschien posthum am 30. Oktober 2026 bei Piper. Der Roman bildet den Abschluss dieser späten literarischen Phase.
Dass Goerz selbst die Veröffentlichung nicht mehr erlebte, verleiht dem Buch eine besondere biografische Bedeutung. Seine literarische Qualität sollte jedoch nicht allein daran gemessen werden.
Fazit: Was bleibt, wenn die Menschen gehen?
„Der Baum“ von Tommie Goerz ist ein stiller Roman über Heimat, Schuld und die Vergänglichkeit vertrauter Lebensformen.
Die Geschichte von Michel Gruber zeigt, wie eng persönliche Entscheidungen mit familiären Erwartungen und gesellschaftlichen Veränderungen verbunden sein können.
Goerz erzählt ohne große Gesten. Seine Figuren sind widersprüchlich, seine Schauplätze unspektakulär, seine Sprache präzise.
Nicht jede Nebenfigur erhält die gleiche Tiefe, und die Handlung bleibt bewusst schmal. Doch gerade diese Konzentration macht den Roman zu einer eindringlichen Betrachtung über das Altern und die Erinnerung.
Ein Dorf kann weiterbestehen, auch wenn sein Mittelpunkt verschwunden ist. Ob es dann noch dasselbe Dorf ist, bleibt eine andere Frage.
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