Anna Cieplaks „Stahlkörper“: Was vom Fortschritt übrig bleibt

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Eine Stahlhütte, zwei Generationen und ein halbes Jahrhundert polnischer Geschichte. In ihrem Roman „Stahlkörper“ erzählt Anna Cieplak von den großen Versprechen des Sozialismus und den Menschen, die ihr Leben darauf eingerichtet haben. Doch während politische Systeme wechseln und Industriebetriebe ihre Bedeutung verlieren, bleiben die Erfahrungen jener zurück, deren Arbeit den Fortschritt überhaupt erst möglich gemacht hat. Besonders die Frauen haben eine Geschichte zu erzählen, die in den offiziellen Erfolgsmeldungen kaum vorkam.

Stahlkörper Stahlkörper Anna Cieplak aus dem Polnischen von Simone Falk KLAK Verlag

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Stahlkörper: Roman

Eine neue Welt aus Stahl

Am 3. Dezember 1976 floss das erste Roheisen aus dem Hochofen der Stahlhütte Katowice. Vier Jahre zuvor hatte in Dąbrowa Górnicza der Bau eines Industriekombinats begonnen, das zu den größten Europas gehören sollte. Für die polnische Staatsführung war die Anlage ein Prestigeprojekt, für die Menschen in der Region verbanden sich mit ihr Arbeitsplätze, Wohnungen und die Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg.

Anna Cieplak macht diese Industriegeschichte zum Ausgangspunkt ihres Romans „Stahlkörper“, der 2023 unter dem Originaltitel „Ciało huty“ in Polen erschien und seit Januar 2026 in der deutschen Übersetzung von Simone Falk vorliegt.

Im Mittelpunkt stehen Ewa, Ula und Zygmunt, die in den 1970er-Jahren Teil jener neuen Arbeitswelt werden. Sie kommen mit Erwartungen, die über einen sicheren Arbeitsplatz hinausreichen. Die Hütte verspricht eine Zukunft, in der Anstrengung und gesellschaftlicher Fortschritt zusammengehören sollen.

Doch was für die einen eine gewaltige technische Errungenschaft ist, bedeutet für andere vor allem Arbeit, Abhängigkeit und die Notwendigkeit, sich innerhalb bestehender Machtverhältnisse zu behaupten.

Die Geschichte beginnt nicht erst am Hochofen

Interessant an Cieplaks Perspektive ist der Blick auf jene Menschen, die gewöhnlich am Rand der Industriegeschichte stehen. Ewa und Ula arbeiten nicht an der Verwirklichung einer politischen Idee, sondern zunächst an ihrem eigenen Leben.

Sie finden Freundschaft, erleben Liebe und Verrat, müssen sich gegen Übergriffe und Machtmissbrauch behaupten. Während die Männer am Hochofen den Fortschritt feiern, entstehen in den Küchen und Sozialräumen der Hütte ganz andere Formen des Zusammenhalts.

Eine besondere Rolle spielen dabei Pflanzen. Die Frauen ziehen Ableger, tauschen sie untereinander und geben sie weiter. Was zunächst wie eine beiläufige Gewohnheit erscheint, erhält eine Bedeutung, die weit über das Verschenken einer Zimmerpflanze hinausgeht.

Die Pflanzen werden zu einem Zeichen gegenseitiger Unterstützung, manchmal auch zu einer stillen Verständigung über Erfahrungen, für die es noch keine gemeinsame Sprache gibt.

Anna Cieplak hat in einem Interview mit dem polnischen Magazin „Final Girls“ erläutert, dass sie sich beim Schreiben besonders mit den Erfahrungen arbeitender Frauen beschäftigt habe. Übergriffe und Erniedrigungen wurden von Betroffenen früher oft anders benannt als heute. Nicht jede Frau verfügte über die Begriffe und Möglichkeiten, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen.

Darin liegt eine der interessanten Fragen des Romans: Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn Menschen zwar dieselbe Gewalt erfahren, aber nicht dieselben Worte haben, um darüber zu sprechen?

Wenn die Kinder die Geschichte ihrer Eltern suchen

Ein halbes Jahrhundert später betrachtet Maja, die Tochter von Ula, die Geschichte der Hütte aus einer anderen Perspektive. Die politischen Versprechen ihrer Eltern gehören längst der Vergangenheit an. An ihre Stelle sind neue Vorstellungen von Freiheit, beruflicher Selbstverwirklichung und persönlichem Erfolg getreten.

Doch Maja verfügt nicht einfach über jene Unabhängigkeit, die der vorherigen Generation versagt blieb. Auch sie erlebt Abhängigkeiten und Grenzüberschreitungen, obwohl sich die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändert haben.

Cieplak verbindet diese beiden Generationen auch erzählerisch miteinander. Die Geschichte von Ewa und Ula wird in der dritten Person geschildert, während Maja ihre Gegenwart aus der Ich-Perspektive erzählt.

Damit stehen nicht allein zwei historische Epochen nebeneinander, sondern unterschiedliche Möglichkeiten, das eigene Leben zu begreifen. Was die Eltern als gemeinsame Geschichte erlebt haben, versucht die Tochter nachträglich zu rekonstruieren. Sie sucht nach Erklärungen für Entscheidungen, deren Voraussetzungen sie selbst nicht mehr kennt.

Und während das eine politische System den Menschen eine Zukunft versprach, in der alle gemeinsam vorankommen sollten, verlangt das andere von ihnen, ihren Weg möglichst selbstständig zu finden.

Die Frage nach dem Gelingen eines Lebens wird damit keineswegs einfacher.

Was der Körper erinnert

Schon der Titel „Stahlkörper“ verweist auf eine Verbindung, die Cieplak durch ihren Roman zieht. Die Hütte besitzt einen gewaltigen Körper aus Stahl, Maschinen und Feuer. Sie wird gebaut, betrieben und instand gehalten von Menschen, deren eigene Körper dabei beansprucht werden.

Arbeit hinterlässt Spuren, ebenso Gewalt und Enttäuschung. Die Lebensgeschichte eines Menschen lässt sich deshalb nicht allein an seinem beruflichen oder gesellschaftlichen Aufstieg messen.

Auch die industrielle Geschichte Polens erscheint aus dieser Perspektive in einem anderen Licht. Die Hütte war mehr als eine Produktionsanlage. Sie prägte Wohnungen, Familien, Freundschaften und die Erwartungen ganzer Generationen. Ihre Bedeutung ging weit über das hinaus, was ihre Wirtschaftszahlen ausdrücken konnten.

Gerade deshalb lässt sich die Vergangenheit nicht einfach mit dem Ende eines politischen Systems abschließen. Was einmal Teil des eigenen Lebens war, verschwindet nicht gleichzeitig mit der Ideologie, die es hervorgebracht hat.

Ein polnischer Roman über eine europäische Erfahrung

Mit „Stahlkörper“ erhält auch das Gastlandprojekt „Beziehungsweise Europa“ der Leipziger Buchmesse 2027 einen konkreten literarischen Bezug.

Polen, Frankreich und Deutschland wollen dort gemeinsam über Geschichte, Gegenwart und Zukunft Europas nachdenken. Cieplaks Roman führt mitten in eine Erfahrung, die über Polen hinausreicht: die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft durch Arbeit, industrielle Entwicklung und technischen Fortschritt.

Auch die deutsche Literatur kennt diese Auseinandersetzung. Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ erzählt von einer jungen Architektin, die an die gesellschaftliche Gestaltungskraft ihrer Arbeit glaubt und doch immer wieder an den Verhältnissen scheitert, unter denen sie diese verwirklichen soll.

Die beiden Romane gehören unterschiedlichen Zeiten und literarischen Zusammenhängen an. Aber sie berühren dieselbe grundsätzliche Frage: Was geschieht mit den Menschen, wenn die Zukunft, für die sie gearbeitet haben, eine andere wird als die versprochene?

Cieplaks Geschichte ist damit auch eine Geschichte über Europa. Nicht über seine Institutionen oder Verträge, sondern über Menschen, deren Leben von politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Umbrüchen geprägt wurde.

Der Fortschritt hat schließlich viele Denkmäler hinterlassen. Die Erfahrungen derer, die ihn ermöglicht haben, sind weniger leicht zu bewahren.

Manche liegen in Familienerinnerungen verborgen. Andere in Geschichten, über die lange geschwiegen wurde. Und gelegentlich in einem Pflanzenableger, den eine Frau einer anderen weiterreicht.

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Stahlkörper: Roman

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