Eine Zeitmaschine wäre jetzt hilfreich.
Nicht um vorauszureisen. H. G. Wells hat das für uns oft genug getan. Wir müssten den Hebel in die andere Richtung bewegen, vorbei an zwei Weltkriegen, an Mondlandung, Atomzeitalter und Internet, vorbei auch an all den Filmen, Romanen und Bildern, die seine Einfälle weitergetragen haben. Zurück durch ein Jahrhundert, in dem die Zukunft schneller Wirklichkeit wurde, als es ihren Bewohnern bisweilen lieb sein konnte.
Wir stellen die Maschine auf den 21. September 1866.
Bromley, Kent.
Dort wird Herbert George Wells geboren. Von Marsianern ist noch nichts zu sehen. Auch die Zeitmaschine muss noch fast drei Jahrzehnte warten. Das Britische Empire befindet sich in einer Phase gewaltiger Expansion, Charles Darwins On the Origin of Species ist gerade sieben Jahre alt, und die Industrialisierung hat nicht nur Maschinen hervorgebracht, sondern eine Gesellschaft, in der sehr genau geregelt ist, wer wo steht.
Der Junge, den wir hier besuchen, steht nicht weit oben.
160 Jahre später nennen wir ihn einen der Begründer der modernen Science-Fiction. Das ist richtig und ein wenig zu bequem. Denn Wells hat uns nicht nur eine Zeitmaschine, einen unsichtbaren Mann, Dr. Moreaus verstörende Geschöpfe und die Marsianer hinterlassen. Hinter diesen Erfindungen steht ein Schriftsteller, der beinahe sein ganzes Leben lang an derselben Sache gearbeitet hat: an der Frage, ob die Welt so bleiben muss, wie sie ist.
Und was geschieht, wenn sie es nicht tut.
Ein Junge lernt, dass Gesellschaft Stockwerke hat
Wells’ Vater Joseph betreibt einen kleinen Laden und spielt Cricket, seine Mutter Sarah arbeitet zeitweise als Hausangestellte. Geld ist knapp, Sicherheit ebenfalls. Als Herbert vierzehn Jahre alt ist, beginnt er eine Lehre im Textilhandel.
Es ist keine besonders ungewöhnliche Geschichte für das viktorianische England.
Vielleicht ist gerade das wichtig.
Wells erlebt eine Gesellschaft, in der Herkunft keine abstrakte soziologische Kategorie ist. Sie entscheidet darüber, welche Bildung erreichbar ist, welche Arbeit wartet und wie weit ein Leben voraussichtlich reichen wird. Später wird er diese Welt in Romanen wie Kipps literarisch vermessen. Doch ihre Ordnung reicht auch in jene Bücher hinein, die scheinbar sehr weit von einem englischen Tuchgeschäft entfernt liegen.
Manchmal sogar bis ins Jahr 802701.
Zunächst aber gelingt Wells etwas, das in seiner eigenen Biografie beinahe wie eine kleine Verschiebung der gesellschaftlichen Mechanik wirkt. Über Ausbildung und Stipendium gelangt er 1884 an die Normal School of Science in South Kensington. Dort studiert er bei Thomas Henry Huxley, dem Biologen und entschiedenen Verteidiger Darwins.
Evolution wird für Wells damit mehr als angelesenes Wissen.
Sie wird eine Möglichkeit zu denken.
Arten verändern sich. Lebensbedingungen verändern Arten. Was vorhanden ist, war nicht immer vorhanden und muss nicht bleiben, was es ist.
Man muss diesen Gedanken nur aus der Biologie herausnehmen und eine Weile auf die Gesellschaft richten.
Wells wird genau das tun.
1895: Die Maschine setzt sich in Bewegung
Fast dreißig Jahre nach Wells’ Geburt erscheint Die Zeitmaschine.
Ein Mann reist in eine ferne Zukunft und findet dort die Eloi und die Morlocks. Die einen leben an der Oberfläche, die anderen darunter. Aus gesellschaftlicher Trennung ist etwas geworden, das beinahe wie biologische Verschiedenheit aussieht.
Wells braucht dafür mehr als achthunderttausend Jahre.
Vielleicht ist das die eigentliche Kühnheit des Romans: nicht die Maschine, sondern die Geduld des Gedankens.
Er nimmt die Klassengesellschaft seiner Gegenwart und lässt sie weiterlaufen.
Was dann sichtbar wird, ist keine Prophezeiung. Wells war kein Hellseher, und man tut ihm keinen Gefallen, wenn man ihn zu einem macht. Er ist interessanter als Visionär im eigentlichen Sinn: als jemand, der Möglichkeiten entwirft, um in ihnen die Gegenwart genauer zu erkennen.
Die Zukunft ist bei ihm kein Ort der Vorhersage.
Sie ist ein Denkraum.
Wenn wir Die Zeitmaschine später ausführlich lesen, werden wir über Klasse und Evolution sprechen müssen, über Fortschritt und darüber, wie eine gesellschaftliche Ordnung irgendwann so selbstverständlich werden kann, dass sie wie Natur erscheint.
Für den Moment lassen wir den Zeitreisenden weiterfahren.
Wells selbst bleibt noch im 19. Jahrhundert.
Eine Insel und die unsichere Grenze des Menschen
1896 erscheint Die Insel des Dr. Moreau.
Wieder nimmt Wells einen wissenschaftlichen Gedanken und verschiebt ihn. Diesmal nicht durch die Zeit, sondern auf eine Insel.
Moreau operiert Tiere und versucht, aus ihnen menschenähnliche Wesen zu formen. Der Körper wird Material. Die Grenze zwischen Mensch und Tier, die Darwins Evolutionstheorie ohnehin porös gemacht hatte, gerät unter das Messer.
Doch Wells bleibt nicht beim biologischen Experiment.
Moreaus Geschöpfe müssen Regeln lernen. Sie sprechen ein Gesetz nach, das ihnen sagt, was sie tun dürfen und was sie zu sein haben. Menschlichkeit entsteht damit nicht nur am Operationstisch. Sie wird durch Sprache, Wiederholung und Verbot hergestellt.
Hier wird Wells für einen Augenblick sehr modern.
Nicht weil er unsere Gegenwart vorausgesehen hätte. Sondern weil er eine Frage berührt, die ihre Zeit offenbar überlebt hat: Wer besitzt die Macht, einen anderen Menschen – oder ein anderes Wesen – zu definieren?
Wir werden auf diese Insel zurückkehren.
Noch genügt es zu wissen, dass Wells dort etwas entdeckt, das ihn nicht mehr verlassen wird: Wissenschaft schafft Möglichkeiten. Über deren Gebrauch entscheidet sie nicht.
Ein Mann verschwindet
Ein Jahr später, 1897, wird Griffin unsichtbar.
Wells befindet sich nun in jener erstaunlichen Schaffensphase, in der beinahe jährlich ein Roman erscheint, der später zum Grundbestand der Science-Fiction gehören wird.
Der Unsichtbare beginnt mit einer wissenschaftlichen Sensation und interessiert sich dann für deren Alltag.
Griffin kann verschwinden.
Nur seine Bedürfnisse verschwinden nicht.
Er friert, er muss essen, er braucht Schutz. Kleidung macht ihn sichtbar. Andere Menschen bleiben notwendig und werden zugleich zum Hindernis. Eine Fähigkeit, die zunächst nach vollkommener Freiheit aussieht, führt immer tiefer in Isolation und Gewalt.
Wells hat eine besondere Begabung dafür, seinen Erfindungen den Glanz zu nehmen, sobald sie funktionieren.
Dann beginnt die eigentliche Frage.
Was macht eine neue Möglichkeit aus einem Menschen?
Und was glaubt ein Mensch plötzlich tun zu dürfen, nur weil er es kann?
Auch Griffin lassen wir vorerst im Schnee stehen. Seine Unsichtbarkeit wird uns später noch beschäftigen.
1898: Das Empire wechselt die Seite
Dann kommen die Marsianer.
Der Krieg der Welten wurde 1897 als Fortsetzungsroman veröffentlicht, 1898 folgte die Buchausgabe. Eine technisch weit überlegene Macht landet in England. Menschliche Waffen helfen wenig. Menschen fliehen. Städte werden zerstört.
Das ist im Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Versuchsanordnung.
Denn Wells lässt die Katastrophe im Zentrum eines Weltreiches stattfinden, das selbst Expansion, Eroberung und technische Überlegenheit zu Instrumenten seiner Macht gemacht hat.
Nun wechseln die Positionen.
Die Engländer stehen plötzlich auf der anderen Seite.
Wells braucht dafür den Mars, aber sein Blick bleibt auf der Erde. Vielleicht ist das überhaupt die heimliche Bewegung vieler seiner berühmtesten Bücher. Je weiter er sich von seiner Gegenwart entfernt, desto genauer kann er sie betrachten.
Die Marsianer sind deshalb mehr als Monster aus dem All.
Aber auch ihnen sollten wir nicht schon heute alles abverlangen. Der Krieg der Welten bekommt seine eigene Lektüre.
Hier genügt der Augenblick, in dem ein Empire erfahren muss, wie sich Überlegenheit von unten betrachtet.
Wells wollte die Welt nicht nur beschreiben
Bis hierher könnte man Wells als außergewöhnlich produktiven Erfinder fantastischer Versuchsanordnungen betrachten.
Doch der Mann hinter diesen Büchern wollte mehr.
Er schrieb Gesellschaftsromane wie Kipps, Tono-Bungay und The History of Mr Polly, dazu Essays, politische Schriften und Arbeiten über Geschichte und Bildung. Er trat der Fabian Society bei und geriet dort bald in Auseinandersetzungen über Richtung und Organisation sozialistischer Reformpolitik.
Wells glaubte daran, dass gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden konnten – durch Bildung, Wissenschaft, Planung und politische Organisation.
Die Welt war für ihn kein fertiges Gebäude.
Sie war eine Konstruktion.
Das erklärt einen Teil seiner intellektuellen Unruhe. Es erklärt aber auch, weshalb Wells dort schwierig wird, wo sein Vertrauen in Gestaltung in ein Vertrauen auf diejenigen übergeht, die gestalten sollen.
Wenn Fortschritt zu viel von sich hält
In seinen frühen politischen und gesellschaftstheoretischen Schriften finden sich Vorstellungen, die mit eugenischem Denken und rassischen Hierarchien seiner Epoche verbunden sind. Besonders Anticipations enthält Passagen, in denen Wells Menschen und Bevölkerungsgruppen nach ihrer vermeintlichen Tauglichkeit für eine künftige Gesellschaft ordnet.
Diese Stellen lassen sich nicht mit dem Hinweis erledigen, Wells sei eben ein Mann seiner Zeit gewesen.
Aber ebenso wenig ergibt sein Denken eine unveränderte Linie. Seine Positionen verschoben sich. Spätere Texte zeigen ein komplizierteres Verhältnis zu Eugenik, Rasse und gesellschaftlicher Selektion. Der Widerspruch verschwindet dadurch nicht. Er wird nur genauer.
Und gerade hier begegnet uns ein Wells, der weniger bequem ist als der gefeierte Zukunftsvisionär.
Der Schriftsteller, der bei Dr. Moreau zeigt, wie unheimlich die wissenschaftliche Verfügung über Leben werden kann, denkt selbst darüber nach, wie Gesellschaft vernünftig organisiert werden könnte. Der Beobachter von Macht bleibt nicht außerhalb der Machtvorstellungen seiner Zeit.
Fortschritt besitzt bei Wells deshalb keinen unschuldigen Klang.
Er kann befreien.
Er kann ordnen.
Und Ordnung stellt irgendwann die Frage, wer nicht hineinpasst.
Die Zukunft holt ihren Autor ein
Unsere Zeitmaschine könnte nun schneller werden.
Wells erlebt zwei Weltkriege. Er sieht, wie Wissenschaft und Technik nicht nur jene Möglichkeiten erweitern, auf die das 19. Jahrhundert seine Hoffnungen gesetzt hatte. Sie erweitern auch die Reichweite der Zerstörung.
Am 13. August 1946 stirbt H. G. Wells in London. Er ist 79 Jahre alt.
Fast acht Jahrzehnte liegen zwischen Bromley und diesem Tag.
Eine erstaunliche Strecke für einen Mann, der literarisch sehr viel weiter gereist ist.
Wir könnten die Maschine jetzt anhalten.
Aber wir müssen noch zurück.
Die Zeitmaschine steht wieder auf 2026
160 Jahre nach Wells’ Geburt kennen wir Teile seiner Zukunft.
Menschen waren auf dem Mond. Wir verändern Gene. Maschinen erzeugen Sprache. Informationen bewegen sich nahezu ohne Zeitverlust über den Planeten. Technische Systeme beobachten Menschen, während Menschen technische Systeme beobachten. Manche Grenzen, die Wells noch für fest halten konnte, sind verschwunden. Andere haben nur ihre Form verändert.
Die Eloi und Morlocks sind nicht erschienen.
Marsianer ebenfalls nicht.
Das ist kein Einwand gegen Wells.
Literatur ist keine Wette darauf, wie die Welt in hundert Jahren aussehen wird.
Interessanter ist, dass seine Versuchsanordnungen noch funktionieren.
Klasse bekommt bei ihm Jahrtausende.
Wissenschaft bekommt eine Insel.
Ein Mensch bekommt Unsichtbarkeit.
Das Empire bekommt Marsianer.
Und jedes Mal verändert sich mit den Bedingungen auch der Blick auf den Menschen.
In den kommenden Rezensionen werden wir deshalb zu diesen vier Büchern zurückkehren: Die Zeitmaschine, Die Insel des Dr. Moreau, Der Unsichtbare und Der Krieg der Welten. Jedes wird einen anderen Teil von Wells’ Denken öffnen. Zusammen werden sie vielleicht ein genaueres Porträt ergeben als jede Geburtstagsrede.
Am 21. September wäre H. G. Wells 160 Jahre alt geworden.
Für einen Augenblick haben wir seine Maschine ausgeliehen und sind zu ihm zurückgefahren.
Nun steht der Hebel wieder auf Gegenwart.
Die interessante Frage ist nicht, ob Wells unsere Zeit erkannt hätte.
Sondern was er an ihr unter die Lupe genommen hätte.
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