Irgendwo zwischen einem Laut und einem Gedanken beginnt Sprache. Ein Tier ruft, ein Mensch hört; aus dem Geräusch wird ein Merkmal, aus dem Merkmal ein Zeichen, aus dem Zeichen eine gemeinsame Welt. Herder machte diesen kaum beobachtbaren Augenblick zum Gegenstand seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Der für eine Preisfrage der Berliner Akademie verfasste und ausgezeichnete Text erschien 1772 in Berlin.
Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache – Das erste Merkwort
Der Mensch ohne Wörterbuch
Herder lehnt die Vorstellung ab, eine vollständig ausgebildete Sprache sei dem Menschen fertig übergeben worden. Ebenso wenig genügt ihm die bloße Nachahmung tierischer Laute. Der Mensch erfindet Sprache, weil seine besondere Organisation ihn dazu befähigt und zwingt. Anders als das instinktsichere Tier ist er offen, verletzlich und auf Orientierung angewiesen. Was zunächst wie ein Mangel erscheint, wird zur Voraussetzung seiner Freiheit.
Der Schlüsselbegriff lautet Besonnenheit. Der Mensch kann aus der Fülle sinnlicher Eindrücke ein Merkmal herausheben und innerlich festhalten. Herders berühmtes Anschauungsmodell ist das Schaf, das an seinem Blöken erkannt wird. Das Geräusch wird zum inneren Merkwort. Sprache beginnt nicht erst beim ausgesprochenen Namen, sondern in jenem Akt, durch den Wahrnehmung unterscheidbar und erinnerbar wird.
Denken mit allen Sinnen
Herders Argumentation besitzt eine körperliche Energie, die philosophische Abhandlungen selten auszeichnet. Es wird gewimmert, gehört, gesehen, gestammelt. Denken schwebt nicht über der Sinnlichkeit, sondern wächst aus ihr hervor. Sprache und Vernunft entstehen gemeinsam; das Wort ist nicht die nachträgliche Verpackung eines bereits fertigen Gedankens.
Von hier weitet sich die Abhandlung zur Kulturgeschichte. Sprache wird in Familien weitergegeben, durch Lebensformen geprägt und in Gemeinschaften verändert. Jeder Mensch empfängt ein sprachliches Erbe, arbeitet daran weiter und reicht es verwandelt weiter. Menschheitsgeschichte ist deshalb auch Sprachgeschichte.
Eine kühne Ursprungsszene
Wissenschaftlich lässt sich der erste Spracherwerb der Menschheit nicht so rekonstruieren, wie Herder es versucht. Manche seiner Unterscheidungen zwischen Kulturen tragen die Hierarchien des 18. Jahrhunderts deutlich mit sich. Auch die sprunghafte, emphatische Prosa kann Leser überfahren, ehe sie ein Argument vollständig sortiert haben. Herder denkt nicht am Reißbrett; er denkt im Sturm.
Gerade deshalb bleibt die Schrift anregend. Sie versteht Sprache weder als neutrales Werkzeug noch als starres Regelsystem. Wörter formen Wahrnehmung, Erinnerung und Gemeinschaft. Zwischen Laut und Gedanken liegt kein leerer Raum. Dort hört der Mensch etwas, hält inne und macht aus einem Geräusch sein erstes Stück Welt.
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