Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling: Die Revolution wird diesmal nicht vertagt

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Revolutionen haben ein Organisationsproblem. Man braucht Menschen, Zeit, eine halbwegs verständliche Forderung und idealerweise jemanden, der sich um die Getränke kümmert. Das Känguru hat für solche bürgerlichen Bedenken erwartungsgemäß wenig Verständnis. Die Zustände sind schlecht, also wird rebelliert. Gegen welche Zustände genau? Nun ja: die Zustände.

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Die Känguru-Rebellion: Illustrierte Ausgabe | Mit 66 Illustrationen von Bernd Kissel (Die Känguru-Werke, Band 5)

Nach acht Jahren kehren Marc-Uwe Kling und sein kommunistisches Känguru mit „Die Känguru-Rebellion“ zurück. Es ist der fünfte Band der Känguru-Werke und zugleich ein Buch, das merklich anders auf die Gegenwart blickt als seine Vorgänger. Künstliche Intelligenz, Desinformation, soziale Medien, politische Radikalisierung und Aufmerksamkeitsökonomie liefern inzwischen so viel absurdes Material, dass selbst ein satirisches Känguru gelegentlich Schwierigkeiten bekommt, mit der Realität mitzuhalten.

Das Ergebnis ist politischer, ernster und stellenweise wütender als früher. Der Wortwitz ist geblieben. Nur hat er inzwischen häufiger etwas zu erledigen.

Worum geht es in „Die Känguru-Rebellion“?

Das Känguru hat genug. Es betritt die Küche des Kleinkünstlers und verkündet seine Rebellion gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Marc-Uwes Bereitschaft mitzumachen wird sofort einer ersten ideologischen Prüfung unterzogen: Wer rebelliert, fragt schließlich nicht um Erlaubnis.

Damit beginnt ein Projekt, das ungefähr so organisiert ist, wie man es von diesem Duo erwarten darf.

Die Idee der Rebellion beruht auf einem einfachen Prinzip: Jeder Rebell soll zwei weitere Menschen zum Mitmachen bewegen, die wiederum jeweils zwei neue gewinnen. Revolution als exponentielles Wachstum. Fast ein Strukturvertrieb, nur dass diesmal nicht Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden sollen.

Natürlich bleibt es nicht bei diesem Plan. Das Känguru und der Kleinkünstler geraten in Diskussionen über Politik und Gesellschaft, und gemeinsam mit Herta entsteht sogar ein Podcast für die Rebellion.

Wie schon in den früheren Büchern gibt es dabei keine klassische Romanhandlung, die geradlinig von Konflikt zu Lösung führt. Kling arbeitet mit Episoden, Dialogen, Wortspielen, Gleichnissen und wiederkehrenden Figuren. Der rote Faden ist diesmal jedoch deutlicher: Was kann man eigentlich noch tun, wenn man mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht einverstanden ist?

Meckern ist schließlich eine ausgesprochen beliebte Form politischer Beteiligung. Nur mit der Wirksamkeit hapert es gelegentlich.

Das Känguru ist älter geworden. Die Welt leider auch.

Die früheren Känguru-Geschichten lebten stark von einem wunderbaren Gegensatz. Da war Marc-Uwe, der eher pragmatische Kleinkünstler, und daneben ein kommunistisches Känguru, das Schnapspralinen liebt, Eigentumsverhältnisse grundsätzlich verdächtig findet und ideologische Diskussionen mit einer Mischung aus Marxismus, Größenwahn und schlechtem Benehmen führt.

Diese Konstruktion funktioniert noch immer. Aber die Welt, auf die sie angewendet wird, hat sich verändert.

„Die Känguru-Rebellion“ beschäftigt sich wesentlich unmittelbarer mit aktuellen politischen und technologischen Entwicklungen. Der SWR hebt insbesondere ungeregelte künstliche Intelligenz, Desinformation, digitale Manipulation und Aufmerksamkeitsökonomie hervor. Der Ton sei düsterer geworden, ohne resigniert zu sein.

Das trifft einen wesentlichen Unterschied zu den früheren Bänden. Das Känguru kommentiert die Welt nicht mehr nur. Es will eingreifen.

Damit verändert sich auch der Humor. Früher konnte ein absurder Streit über Eigentum oder eine missglückte Alltagssituation relativ unbeschwert für sich stehen. Jetzt lauert hinter vielen Pointen eine reale politische Entwicklung.Man lacht noch. Manchmal nur etwas später.

Wenn die Wirklichkeit der Satire Konkurrenz macht

Für politische Satire gibt es derzeit ein grundsätzliches Problem: Die Realität hat ihre Scham verloren.

Was vor einigen Jahren noch wie eine absurde Übertreibung geklungen hätte, kann heute eine Schlagzeile sein. Algorithmen entscheiden, welche Informationen Menschen sehen. Falschmeldungen verbreiten sich in Sekunden. Politische Kommunikation konkurriert mit Katzenvideos, Empörung und Werbung um dieselben Sekunden Aufmerksamkeit.

Kling interessiert sich genau für diese Mechanismen.

Das passt erstaunlich gut zum Känguru. Denn dessen vielleicht wichtigste Eigenschaft war nie der Kommunismus. Es war sein permanenter Widerspruch. Das Känguru akzeptiert kaum eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, ohne zunächst zu fragen, wem sie eigentlich nützt.

Diese Methode funktioniert auch 2026.

Wenn ein Algorithmus angeblich nur zeigt, was Menschen interessiert, fragt das Känguru sinngemäß nach den Interessen hinter dem Algorithmus. Wenn politische Botschaften vereinfacht werden müssen, weil Aufmerksamkeit knapp ist, interessiert sich Kling für die Absurdität einer Öffentlichkeit, die immer komplexere Probleme in immer kürzere Formate pressen möchte.

Die Känguru-Geschichten waren deshalb schon immer politischer, als ihre Schnapspralinen vermuten ließen. Im fünften Band wird dieser Unterbau lediglich sichtbarer.

Die erfolgreichste Kapitalismuskritik ist ein Bestseller

Dabei begleitet die Reihe inzwischen ein Widerspruch, der fast zu gut ist, um ihn nicht selbst zum Känguru-Witz zu machen.

Ein kommunistisches Beuteltier kritisiert seit Jahren Kapitalismus und Konsumgesellschaft – und verkauft dabei Millionen Bücher, Hörbücher, Kinotickets und Spiele. Der SWR bezeichnet das Känguru treffend als möglicherweise „erfolgreichste antikapitalistische Marke Deutschlands“.

Das ist kein Argument gegen die Bücher. Im Gegenteil: Es passt zu ihrem Humor.

Kling weiß, dass politische Reinheit in einer kommerzialisierten Gesellschaft schwer zu bekommen ist. Wer Kapitalismus kritisiert, muss trotzdem Miete zahlen. Wer soziale Medien problematisch findet, erreicht sein Publikum möglicherweise genau dort. Und wer ein Buch gegen die Verhältnisse schreibt, hofft selbstverständlich, dass möglichst viele Menschen es kaufen.

Der Widerspruch wird nicht aufgelöst. Er bleibt stehen.

Satire kann sich solche Widersprüche leisten. Ideologien tun sich damit traditionell schwerer.

Weniger Nonsens, mehr Haltung

Gerade diese stärkere Politisierung dürfte darüber entscheiden, wie sehr man „Die Känguru-Rebellion“ mag.

Wer vor allem den anarchischen Alltagsunsinn der früheren Geschichten sucht, könnte bemerken, dass die Balance sich verschoben hat. Auch andere Kritiken beschreiben den fünften Band als expliziter politisch; kulturnews urteilt beispielsweise, dass der Spaßfaktor durch den politischen Einsatz gelegentlich zurücktrete.

Das lässt sich nachvollziehen.

Eine Pointe funktioniert anders als ein Argument. Kling möchte inzwischen häufiger beides gleichzeitig liefern. Nicht immer verschmelzen diese Ebenen vollkommen. Gelegentlich merkt man einer Passage an, dass hier nicht zuerst der Witz stand, sondern eine politische Beobachtung, für die anschließend die passende satirische Form gefunden wurde.

Andererseits wäre es merkwürdig gewesen, das Känguru nach acht Jahren zurückzubringen und so zu tun, als habe sich nichts verändert.

Satire, die ihre Gegenwart ignoriert, wird irgendwann Folklore.

Kling entscheidet sich dagegen.

Zwei Stimmen, ein ziemlich gutes Streitgespräch

Die eigentliche Stärke der Känguru-Werke bleibt deshalb auch im fünften Band das Gespräch zwischen Marc-Uwe und dem Känguru.

Kling nutzt Dialoge, um Argumente gegeneinander laufen zu lassen. Das Känguru darf radikal vereinfachen, Marc-Uwe darf zweifeln, beide dürfen einander missverstehen. Daraus entstehen jene kleinen sprachlichen Fallen, für die die Reihe bekannt geworden ist.

Die Süddeutsche Zeitung beschreibt diese Konstruktion treffend als eine Form „sokratischer Dialoge“ mit einem kommunistischen Känguru. Das klingt akademischer, als die Bücher auftreten, trifft aber ihr Prinzip: Ein Gedanke wird nicht vorgetragen, sondern im Gespräch zerlegt.

Gerade deshalb funktionieren die Känguru-Geschichten als Hörbuch besonders gut. Marc-Uwe Kling spricht die ungekürzte Hörbuchfassung selbst, die parallel zum Buch erschien. Seine unterschiedlichen Stimmen und sein Timing gehören inzwischen so sehr zu den Figuren, dass viele Leser das Känguru vermutlich zuerst hören und erst danach sehen.

Das gedruckte Buch funktioniert trotzdem. Nur sitzt beim Lesen gewissermaßen Marc-Uwe Kling ungefragt mit im Kopf.

Rebellion gegen die Ohnmacht

Unter all den Pointen liegt ein überraschend ernstes Thema: politische Ohnmacht.

Viele Menschen erleben gesellschaftliche Krisen heute vor allem als Nachrichtenstrom. Krieg, Klimawandel, Desinformation, politische Radikalisierung, technologische Umbrüche – alles erscheint gleichzeitig auf demselben Bildschirm. Man kann sich informieren, empören, teilen und weiterscrollen.

Danach kommt Werbung.

Die Rebellion des Kängurus ist auch ein Versuch, aus dieser Zuschauerrolle herauszukommen. Seine Methode mag absurd sein, doch der Gedanke dahinter ist bemerkenswert altmodisch: Menschen müssen miteinander reden, sich organisieren und gemeinsam handeln.

Deshalb ist die exponentielle Rebellion mehr als ein Gag. Wenn jeder zwei Menschen überzeugt, entsteht Veränderung nicht durch den genialen Einzelnen, sondern durch Verbindung.

Das ist beinahe optimistisch.

Kling erzählt keine Revolution, bei der am Ende plötzlich alle gesellschaftlichen Probleme verschwinden. Dafür kennt er sein Känguru vermutlich zu gut. Aber er widerspricht der bequemeren Vorstellung, dass ohnehin nichts verändert werden könne.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Rebellion dieses Buches: nicht zynisch zu werden.

Stärken und Schwächen von „Die Känguru-Rebellion“

Stärken

  • Die Dialoge funktionieren weiterhin hervorragend: Kling beherrscht Rhythmus, Wortspiel und argumentative Falltüren.
  • Aktuelle Themen: KI, Desinformation und digitale Öffentlichkeit machen den Band ungewöhnlich gegenwärtig.
  • Mehr Zusammenhang: Die Rebellion gibt den Episoden einen stärkeren roten Faden.
  • Politische Satire mit Substanz: Hinter vielen Pointen steckt eine konkrete Beobachtung über Macht, Medien und Gesellschaft.
  • Das Känguru bleibt unverwechselbar: Ideologisch selbstbewusst, praktisch fragwürdig und zuverlässig überzeugt von der eigenen Genialität.

Schwächen

  • Weniger Leichtigkeit: Die politische Botschaft steht gelegentlich stärker im Vordergrund als die Komik.
  • Manche Pointen tragen sichtbar ein Argument: Dadurch wirken einzelne Passagen didaktischer als frühere Känguru-Geschichten.
  • Nicht jede aktuelle Anspielung wird gleich gut altern: Gegenwartssatire bezahlt ihre Aktualität häufig mit begrenzter Haltbarkeit.
  • Neueinsteiger verpassen einiges: Obwohl Band fünf verständlich bleibt, lebt das Figurenensemble von seiner Vorgeschichte.

Die größte Stärke und Schwäche ist damit dieselbe: Kling meint es diesmal ernster.

Für wen eignet sich „Die Känguru-Rebellion“?

Wer die bisherigen Känguru-Bücher mochte, dürfte kaum um den fünften Band herumkommen. Besonders interessant ist er für Leser, die politische Satire, Sprachwitz und Gesellschaftskritik mögen und kein Problem damit haben, wenn Humor gelegentlich eine ziemlich eindeutige Haltung besitzt.

Wer dagegen ausschließlich den lockeren Alltagsnonsens der frühen Geschichten sucht, könnte die stärkere politische Gewichtung als anstrengender empfinden.

Und dann gibt es noch die Hörbuchfrage. Wer die Reihe bisher vor allem mit Klings Stimme verbindet, sollte ernsthaft zur von ihm selbst gelesenen Fassung greifen. Bei kaum einer anderen deutschen Buchreihe sind Text, Stimme und Timing so eng miteinander verbunden.

Über Marc-Uwe Kling

Marc-Uwe Kling begann mit seinen Känguru-Geschichten im Radio und auf Berliner Lesebühnen. Aus dem kommunistischen Mitbewohner entwickelte sich eines der bekanntesten deutschen Satireformate. Die Känguru-Geschichten wurden unter anderem mit dem Deutschen Radiopreis und dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet und später zweimal fürs Kino adaptiert.

Daneben schrieb Kling die dystopischen Romane „QualityLand“ und „QualityLand 2.0“, den Thriller „VIEWS“ sowie Kinderbücher wie „Das NEINhorn“.

Dass er nach acht Jahren zum Känguru zurückkehrt, wirkt deshalb weniger wie die Wiederbelebung einer alten Erfolgsmarke als wie eine Reaktion auf eine Gegenwart, die dem Duo neues Material geliefert hat.

Leider sehr großzügig.

Von den Zuständen kriegt man Zustände

„Die Känguru-Rebellion“ ist politischer, ernster und wütender als die vorherigen Känguru-Bücher. Marc-Uwe Kling beschäftigt sich mit einer Öffentlichkeit, in der Desinformation, Algorithmen und Empörung um Aufmerksamkeit konkurrieren und politische Erschöpfung beinahe zum Normalzustand geworden ist.

Dabei verliert er den bekannten Wortwitz nicht. Aber die Pointen stehen häufiger im Dienst einer Haltung. Wer nur möglichst viele Känguru-Gags pro Seite erwartet, wird den Unterschied bemerken. Wer die Reihe immer auch wegen ihrer Gesellschaftskritik gelesen hat, findet dagegen einen bemerkenswert konsequenten fünften Band.

Vielleicht ist gerade die stärkere Ernsthaftigkeit notwendig. Das Känguru war immer lustig, weil es die Welt etwas zu genau genommen hat. Inzwischen scheint die Welt beschlossen zu haben, selbst den absurderen Part zu übernehmen.

Kling hält dagegen, ohne in Resignation zu geraten.

Und so bleibt am Ende eine erstaunlich vernünftige Idee für ein Buch über ein kommunistisches Känguru: Gesellschaft verändert sich nicht dadurch, dass alle auf bessere Zustände warten.

Die Revolution beginnt möglicherweise nicht auf der Straße. Vielleicht beginnt sie damit, dass zwei Leute beschließen, nicht länger nur über die Zustände zu reden.

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