Manche historischen Ereignisse liegen weit genug zurück, um sie mit der beruhigenden Gewissheit betrachten zu können, dass die Menschheit aus ihnen gelernt habe. Sie stehen in Geschichtsbüchern, werden an Gedenktagen erinnert und gehören zu jenem Wissen, auf das sich eine aufgeklärte Gesellschaft gern beruft. Maxim Biller lässt uns in seinem Roman „Schwarze Samstage“ an dieser Gewissheit zweifeln, indem er die jahrtausendealte Geschichte des Antisemitismus mit den Ereignissen des 7. Oktober 2023 verbindet und dabei eine Frage verfolgt, die sich offenbar durch keine noch so gründliche Beschäftigung mit der Vergangenheit erledigen lässt: Warum werden Juden gehasst?
Maxim Biller: Schwarze Samstage – Die Vergangenheit, die niemals aufgehört hat
Am 7. Oktober 2023 überfallen Terroristen der Hamas israelische Kibbuzim und das Nova-Musikfestival, ermorden Menschen und verschleppen Geiseln. Für Ari, den jüdischen Ich-Erzähler von Maxim Billers Roman, wird dieser Tag zum Ausgangspunkt einer weitreichenden Betrachtung über die Geschichte des jüdischen Volkes und das Verhältnis seiner nichtjüdischen Umwelt zu ihm. Denn während die Nachrichten über das Massaker noch um die Welt gehen, zeigen sich bereits Reaktionen, die Ari ebenso beschäftigen wie die Gewalttaten selbst. Der Antisemitismus, den man längst für eine Erscheinung vergangener Zeiten halten wollte, tritt mit einer Selbstverständlichkeit hervor, die alle Gewissheiten über die vermeintlichen Fortschritte der Gesellschaft infrage stellt.
Biller beginnt seine Erzählung allerdings nicht mit einer historischen Abhandlung. Er lässt Ari den 7. Oktober in Berlin erleben, wo die ersten Nachrichten aus Israel auf einen zunächst gewöhnlichen Alltag treffen. Wenig später wird er in seinem Stammcafé von einem syrischen Mitarbeiter mit den Worten abgewiesen: „Gehen Sie woanders hin. Sie sind falsch hier.“ In dieser beinahe beiläufigen Szene verdichtet sich etwas, das der Roman anschließend über Jahrhunderte hinweg verfolgt. Die große Geschichte ist plötzlich im Alltag angekommen, und es bedarf keiner ausführlichen Erklärung, um zu verstehen, weshalb diese Begegnung weit über ihren unmittelbaren Anlass hinausweist.
Eine Kindheit zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Anfang der siebziger Jahre kommt Ari mit seiner Familie aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach Hamburg. Sein Vater und sein Onkel waren wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrer zionistischen Überzeugungen vom Geheimdienst überwacht worden. Im Grindelviertel, einst ein Zentrum jüdischen Lebens in der Hansestadt, findet die Familie eine neue Heimat, allerdings in einer Gesellschaft, deren Verhältnis zur eigenen Vergangenheit noch immer von bemerkenswerten Widersprüchen geprägt ist.
Aris Schuldirektor war Mitglied der SA und der NSDAP gewesen, während politisch engagierte Lehrer und Schüler der Nach-68er-Generation mit großer Selbstverständlichkeit über Israel urteilen. Die politischen Überzeugungen unterscheiden sich erheblich, doch für Ari bleibt seine jüdische Herkunft immer wieder der Ausgangspunkt für Fragen und Zuschreibungen, denen er sich kaum entziehen kann.
Besonders eindringlich ist die Geschichte einer deutschen Nachbarsfamilie, mit der Aris Eltern über Jahre freundschaftlich verbunden sind. Man besucht sich, schaut gemeinsam fern, isst miteinander, und die Nachbarin verbringt zahlreiche Abende im Wohnzimmer der jüdischen Familie. Das Bild ihres Vaters in Wehrmachtsuniform hängt im Flur, die Geschichte seines Todes am letzten Kriegstag wird immer wieder erzählt. Eines Abends beschimpft ihr Mann Aris Vater mit einer antisemitischen Bemerkung, und die Freundschaft ist beendet.
Biller benötigt für diese Episode keine nachträgliche moralische Erläuterung. Er erzählt sie mit jener Genauigkeit für scheinbar nebensächliche Einzelheiten, die seinen Erinnerungen ihre besondere Anschaulichkeit verleiht. Da sind die Rotweinflasche, die Fernsehabende, der Borschtsch der Mutter und das Foto im Flur. Dinge, die für sich genommen kaum der Erwähnung wert wären und gerade deshalb eine Geschichte entstehen lassen, in der das Alltägliche und das Ungeheuerliche erschreckend selbstverständlich nebeneinanderstehen.
Dreitausend Jahre in einem Gedankenbogen
Von diesen Erinnerungen ausgehend führt Biller seine Leser weit zurück in die Geschichte des jüdischen Volkes. Er erzählt von der Babylonischen Gefangenschaft, der Zerstörung der Tempel, der Diaspora, von Verfolgung und Vertreibung unter wechselnden religiösen und politischen Herrschaften, von der spanischen Inquisition bis zum Holocaust. Dazwischen liegen Familiengeschichten, Reisen nach Israel und Erinnerungen an eine Jugend, in der sich die großen historischen Zusammenhänge häufig erst im Nachhinein erschließen.
Die Frage, weshalb Juden über Jahrtausende an ihrer religiösen und kulturellen Identität festgehalten haben, obwohl ihnen daraus immer wieder Verfolgung erwuchs, beschäftigt den Erzähler ebenso wie die Frage nach den Ursachen des Antisemitismus. Biller sucht Antworten in der religiösen Überlieferung, in der Geschichte des Christentums und des Islam, in philosophischen und psychologischen Überlegungen. Dabei entwickelt er unter anderem den Gedanken, dass die moralischen Gebote des Judentums für andere Gesellschaften eine Zumutung dargestellt haben könnten, weil sie den Menschen Grenzen setzten, an deren Einhaltung sie durch die fortdauernde Existenz der Juden erinnert wurden.
Das ist eine weitreichende Deutung, die Biller mit der ihm eigenen Entschiedenheit vorträgt. Sein Roman ist jedoch keine wissenschaftliche Untersuchung des Antisemitismus, sondern eine literarische Annäherung, in der persönliche Erinnerung, historische Betrachtung und philosophische Spekulation ineinandergreifen.
Auch formal folgt das Buch keiner durchgehenden Chronologie. Biller bewegt sich zwischen den Jahrhunderten, wechselt von familiären Erinnerungen zu historischen Katastrophen und von theologischen Überlegungen zu politischen Beobachtungen der Gegenwart. Diese gedanklichen Sprünge verlangen Aufmerksamkeit, verleihen dem Text aber zugleich eine Beweglichkeit, die eine streng chronologische Darstellung kaum erreichen könnte.
Die Boshaftigkeit als literarische Kunst
Bissig, polemisch und mit jener unverwechselbaren Mischung aus Sarkasmus und intellektueller Schärfe, die wir von Maxim Biller kennen, führt er durch ein Buch, dessen sprachliche Brillanz beinahe im Widerspruch zur Schwere seines Gegenstands steht. Er spottet über Gott, über die Deutschen, über politische Gewissheiten und nicht zuletzt über die Absurditäten menschlicher Selbstgerechtigkeit. Historische Katastrophen stehen neben beiläufigen Alltagsbeobachtungen, theologische Fragen neben Bemerkungen von geradezu boshafter Komik.
Nicht jede Zuspitzung muss man teilen, nicht jeder seiner historischen oder philosophischen Schlussfolgerungen folgen, um die literarische Qualität dieser Prosa zu erkennen. Biller besitzt die seltene Fähigkeit, komplizierte Gedanken mit einer sprachlichen Leichtigkeit zu verbinden, die den Leser über weite Strecken beinahe vergessen lässt, wie schwer der Gegenstand ist, mit dem er sich beschäftigt.
Sprachlich und intellektuell ist es ein Genuss, ihm zu folgen, auch wenn das, worüber er schreibt, schwer zu ertragen und noch schwerer zu begreifen ist. Die gelegentliche Erleichterung, die seine Ironie verschafft, hält selten lange an, denn Biller lässt seinen Lesern kaum Gelegenheit, sich in einer einmal gefundenen Erklärung einzurichten.
Besonders deutlich wird das in seinen Auseinandersetzungen mit einer intellektuellen Öffentlichkeit, deren moralische Gewissheiten er immer wieder infrage stellt. Philosophen, Schriftsteller und Journalisten geraten ins Visier seiner Polemik, wobei er gelegentlich mit einer Schärfe urteilt, die dem sprachlichen Effekt mehr Raum gibt als der argumentativen Differenzierung. Auch das gehört zu diesem Buch, dessen literarische Wirkung gerade nicht aus dem Bemühen entsteht, jede denkbare Perspektive gleichermaßen zu berücksichtigen.
Wenn Geschichte wieder Gegenwart wird
Die Ereignisse des 7. Oktober und die Reaktionen darauf bilden den Ausgangspunkt und zugleich den gegenwärtigen Bezugspunkt der Erzählung. Biller betrachtet den Antisemitismus nicht als eine abgeschlossene historische Erscheinung, sondern verfolgt seine unterschiedlichen Ausdrucksformen durch die Jahrhunderte, wobei er immer wieder auf die Erfahrungen seines Erzählers zurückkommt.
Mit „Schwarze Samstage“ gelingt Maxim Biller ein bemerkenswerter literarischer Bogen. Er holt die Geschichte der Judenverfolgung aus jener vermeintlich sicheren historischen Entfernung zurück, in der wir sie längst aufgehoben glaubten, und verbindet sie mit einer Gegenwart, die sich ihrer eigenen historischen Voraussetzungen offenbar weniger sicher sein kann, als sie angenommen hatte.
Was wir mit dem beruhigenden Gedanken betrachten konnten, es sei vor langer Zeit geschehen, steht plötzlich wieder vor uns, nicht als Erinnerung, sondern als Wirklichkeit.
Und während man noch über Billers Boshaftigkeiten schmunzelt, über seine sprachliche Virtuosität staunt oder sich an einer seiner Zuspitzungen reibt, bleibt eine Frage zurück, die sich durch keine historische Einordnung endgültig erledigen lässt: Wie viel haben wir eigentlich aus der Geschichte gelernt, wenn wir uns ihrer Wiederholung noch immer nicht sicher entgegenstellen können?
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