Ein braves Kind wäre für Christine Nöstlinger vermutlich eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Es räumt sein Zimmer auf, widerspricht nicht, bedankt sich für das Mittagessen und liefert der Literatur damit wenig Material, weshalb es ein Glück ist, dass Kinder selten so entgegenkommend sind und Nöstlingers Kinder schon gar nicht.
Sie maulen, beobachten und schwindeln, sie schämen sich, sind eifersüchtig oder ungerecht, wollen Dinge, die sie nicht haben können, und manchmal wollen sie schlicht ihre Ruhe. Vor allem aber verfügen sie über jene unangenehme Begabung, die Erwachsene Kindern gern als vorübergehende Entwicklungsphase auslegen: Sie sehen ziemlich genau hin.
Am 13. Oktober 2026 wäre Christine Nöstlinger 90 Jahre alt geworden. Die 1936 in Wien geborene und 2018 gestorbene Schriftstellerin hat weit über hundert Bücher veröffentlicht und einige der langlebigsten Figuren der deutschsprachigen Kinderliteratur geschaffen. Franz und Mini gehören ebenso dazu wie Gretchen, Rosa Riedl und jener Gurkenkönig, dessen Regierungszeit glücklicherweise überschaubar blieb. 1984 erhielt Nöstlinger die Hans-Christian-Andersen-Medaille, 2003 gehörte sie zu den ersten Ausgezeichneten mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis.
Man könnte diese Preise aufzählen, von Klassikern sprechen und sich daran erinnern, wie viele Generationen mit ihren Büchern aufgewachsen sind. Interessanter wird es jedoch, sobald man ein Kind an einen Küchentisch setzt und ihm erlaubt, die Erwachsenen zu beobachten.
Wenn die Erwachsenen ins Blickfeld geraten
Kinderbücher haben eine lange pädagogische Vergangenheit, und noch immer haftet ihnen gelegentlich die Vorstellung an, ihre jungen Leser müssten am Ende ein wenig besser aus der Geschichte herauskommen, als sie hineingegangen sind. Sie sollen Rücksicht lernen, Freundschaft, Mut, Ordnung oder wenigstens die Einsicht, dass Zähneputzen langfristig vernünftiger ist als dessen Unterlassung. Literatur gerät dabei leicht zur freundlich illustrierten Außenstelle der Erziehungsberechtigten.
Christine Nöstlinger traute dieser Arbeitsteilung nicht recht. Ihre Kinderfiguren sind keine unfertigen Erwachsenen, an denen noch ein wenig Charakter montiert werden muss, bevor man sie ernst nehmen kann. Sie besitzen eine eigene Gegenwart, und ihre Sorgen werden nicht dadurch kleiner, dass Erwachsene sie für klein halten.
Damit verschiebt sich unmerklich die Perspektive. Sobald das Kind nicht mehr ausschließlich Objekt der Erziehung ist, geraten plötzlich diejenigen ins Blickfeld, die erziehen: Eltern, Lehrer, Nachbarn und jene Autoritäten des Alltags, die gewöhnlich davon ausgehen, dass ihre Vernunft bereits mit dem Lebensalter geliefert worden sei.
Unter dem Blick der Kinder zeigt sich, dass diese Annahme nicht immer belastbar ist. Erwachsene sind gekränkt und ängstlich, eitel und überfordert, sie sagen das eine und tun das andere, stellen Regeln auf und können oft erstaunlich schlecht erklären, weshalb gerade diese Regeln gelten sollen. Aus Kinderhöhe betrachtet verliert die Erwachsenenwelt dadurch einen Teil ihrer selbstverständlichen Würde, gewinnt aber möglicherweise etwas Interessanteres: Kontur.
Der Gurkenkönig und die kleine Mechanik der Macht
Als 1972 Wir pfeifen auf den Gurkenkönig erschien, setzte Nöstlinger diese Verschiebung der Perspektive in eine Geschichte, deren Ausgangslage so absurd ist, dass man ihre Ernsthaftigkeit beinahe übersehen könnte. Im Keller der Familie Hogelmann taucht Kumi-Ori auf, der König eines Gurkenvolkes, von seinen Untertanen vertrieben und nun auf der Suche nach Unterstützung.
Ein Gurkenkönig ist zunächst einmal eine komische Figur, und Nöstlinger wäre nicht Nöstlinger, wenn sie ihm die Komik zugunsten einer Botschaft austreiben würde. Doch sie stellt das Absurde mitten in eine gewöhnliche Familie, wo es plötzlich sichtbar macht, was dort ohnehin vorhanden ist: Vorstellungen von Herrschaft, Gehorsam und Autorität. Besonders der Vater fühlt sich von dem kleinen Monarchen angezogen, während die Kinder erheblich weniger Bereitschaft zeigen, dessen Ansprüche ernst zu nehmen.
So wird aus einer grotesken Familiengeschichte beinahe nebenbei ein kleines Versuchslabor der Macht. Wer darf bestimmen, weshalb wird jemandem gehorcht, und warum genügt manchmal schon die Behauptung von Autorität, damit andere sie anerkennen? Nöstlinger muss diese Fragen nicht ausformulieren, denn ein vertriebener Gurkenkönig erledigt die Arbeit wesentlich eleganter.
Die Würde der Unartigkeit
Vielleicht liegt genau hier ein Zentrum ihres Schreibens. Das unartige Kind ist bei Nöstlinger keineswegs automatisch das bessere Kind und besitzt auch keinen moralischen Sonderstatus. Es darf nerven, irren, ungerecht sein und gelegentlich jene Geduld strapazieren, von der Erwachsene gern behaupten, sie besäßen sie.
Aber dieses Kind widerspricht, und mit dem Widerspruch öffnet sich zwischen einer Anweisung und ihrer Ausführung ein kleiner Raum, in dem eine Frage Platz findet: Warum?
Kinder beherrschen diese Frage mit einer Ausdauer, die Erwachsene zuweilen als Angriff auf die Zivilisation empfinden. Warum muss ich das tun, warum darf der andere etwas, was mir verboten ist, warum darfst du das und ich nicht, warum ist etwas so, nur weil es angeblich immer so gewesen ist? Irgendwann landet der erschöpfte Erwachsene bei jener letzten Verteidigungslinie jeder Autorität: weil es eben so ist.
Nöstlingers Literatur interessiert sich für den Augenblick kurz davor, denn dort werden die Regeln sichtbar, die gewöhnlich unsichtbar bleiben. Es sind Familienregeln und Geschlechterrollen, soziale Unterschiede und Erwartungen daran, wie ein Junge zu sein hat, wie ein Mädchen, wie eine Mutter oder ein Vater. Die Unartigkeit wird auf diese Weise nicht zur Tugend erhoben; sie wird vielmehr zu einer Form der Erkenntnis, weil der Widerspruch sichtbar macht, was der Gehorsam verdeckt.
Franz und die Zumutungen des Normalen
Besonders fein lässt sich das in den Geschichten vom Franz beobachten. Franz ist klein, sieht jünger aus, als er ist, und bekommt in aufregenden Situationen eine hohe Stimme, was seiner Umwelt bereits genügt, um allerlei Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie er eigentlich sein sollte.
Normalität tritt in diesen Geschichten nicht als großer philosophischer Begriff auf. Sie erscheint viel beiläufiger und deshalb glaubwürdiger: als Blick, als Lachen, als Bemerkung oder Erwartung. So funktioniert soziale Macht häufig, denn sie braucht nicht immer Verbote und Sanktionen; manchmal genügt ein Satz, der einem Kind erklärt, dass es anders besser wäre.
Sei nicht so, sprich nicht so, heul nicht, stell dich nicht an. Ein Kind lernt ziemlich schnell, welche Version seiner selbst weniger Schwierigkeiten verursacht.
Nöstlinger macht aus Franz dennoch keinen kleinen Helden, der nach einigen Prüfungen seine Andersartigkeit triumphierend zur besonderen Stärke erklärt. Auch das wäre letztlich nur eine andere Form der pädagogischen Verwertung. Franz darf Franz bleiben, und gerade in dieser unspektakulären Erlaubnis liegt etwas, das viele ihrer Bücher miteinander verbindet.
Mini und der Blick der anderen
Ähnlich verhält es sich mit Mini, die eigentlich Hermine heißt und ihren Spitznamen gerade deshalb trägt, weil sie ungewöhnlich groß und dünn ist. Schon in diesem Namen steckt eine kleine gesellschaftliche Operation: Ein Körper wird gesehen, bewertet und sprachlich sortiert.
Kinder kennen solche Sortierungen früh. Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu langsam, zu laut oder zu still – die Liste dessen, was ein Körper oder ein Verhalten angeblich zu sehr oder zu wenig ist, lässt sich mühelos verlängern. Nöstlinger behandelt diese Erfahrungen nicht als niedliche Vorstufe zum wirklichen Leben, denn für das Kind sind sie bereits das wirkliche Leben.
Vielleicht erklärt das, warum ihre Bücher so wenig gealtert sind, obwohl manche ihrer Alltagswelten inzwischen historisch wirken. Telefone verändern sich, Wohnungen sehen anders aus, Schulen wechseln Methoden, Lehrpläne und gelegentlich sogar ihre Möbel, doch der Blick der anderen besitzt eine bemerkenswerte Haltbarkeit.
Als der Krieg im Garten lag
Mit Maikäfer flieg verändert sich der Ton, nicht aber die Genauigkeit der Perspektive. Der autobiografisch geprägte Roman führt in das Wien des Jahres 1945, das Nöstlinger selbst als Kind erlebt hatte. Krieg und Zusammenbruch erscheinen hier nicht aus der geordneten Sicht der späteren Geschichtsschreibung, sondern in Wahrnehmungen, die noch nicht wissen, welche Kapitelüberschrift man ihnen eines Tages geben wird.
Das Kind erlebt keine „historische Situation“. Es erlebt Erwachsene, die Angst haben, beschädigte Häuser, fehlendes Essen, Soldaten, Gerüchte und Verbote. Die Geschichte kommt nicht mit erklärender Fußnote, sondern steht plötzlich vor der Tür oder liegt draußen im Garten.
Gerade darin besitzt Maikäfer flieg seine eigentümliche Kraft. Das Kind versteht die politischen Zusammenhänge nur teilweise, registriert aber sehr genau, wie Menschen sich verhalten. Wer hat Angst, wer befiehlt, wer teilt, wer lügt, und wer vertritt plötzlich Ansichten, die gestern noch ganz anders klangen?
Das kindliche Nichtwissen erweist sich deshalb keineswegs als Schwäche der Erzählung. Es verhindert vielmehr die bequeme Ordnung des Rückblicks, in der Geschichte bereits sortiert und ihre Rollen verteilt sind. Die Erwachsenen kennen mehr Begriffe als das Kind, doch Nöstlinger lässt einigen Zweifel daran, ob sie deshalb auch mehr verstehen.
Wie man spricht, ist niemals ganz nebensächlich
Nöstlinger schrieb nicht nur über soziale Unterschiede, sie ließ sie sprechen. Das Wienerische, die Umgangssprache, Dialekt und unterschiedliche Tonlagen tragen in ihren Texten Herkunft und Milieu mit sich, ohne dass daraus folkloristischer Zierrat würde.
Damit berührt ihr Werk eine Frage, die weit über Kinderliteratur hinausführt: Welche Sprache gilt als richtig, wer darf festlegen, was gutes Deutsch ist, und was geschieht mit Menschen, deren Sprache als grob, falsch oder ungebildet markiert wird?
Soziale Hierarchien funktionieren schließlich auch akustisch. Man hört, wo jemand herkommt, und glaubt manchmal bereits zu wissen, wohin dieser Mensch gehört. Literatur kann solche Zuordnungen bestätigen oder sie sichtbar machen, indem sie Stimmen zulässt, die im sogenannten guten Ton gewöhnlich geglättet werden.
Nöstlinger entschied sich zuverlässig gegen die Glättung.
Kinderliteratur ist keine kleine Literatur
Vielleicht liegt gerade darin eines der hartnäckigsten Missverständnisse über Kinderbücher. Noch immer behandeln wir sie gelegentlich wie das Vorzimmer der eigentlichen Literatur: Zuerst kommen Bilderbücher, danach Kinder- und Jugendbücher, und irgendwann ist der Mensch hinreichend gereift, um endlich Thomas Mann lesen zu dürfen.
Diese hübsche Aufstiegsgeschichte unterschätzt nicht nur die Kinder, sondern auch die Literatur.
Kinderliteratur arbeitet an denselben Gegenständen wie jede andere Literatur: an Liebe und Angst, Zugehörigkeit und Einsamkeit, Macht und Ohnmacht, Herkunft, Sprache und Tod. Sie muss lediglich mit einer zusätzlichen Schwierigkeit umgehen, denn junge Leser bemerken erstaunlich schnell, wenn Erwachsene ihnen eine Geschichte erzählen, deren eigentliches Ziel ihre Verbesserung ist.
Christine Nöstlinger nahm ihr Publikum ernst genug, um ihm nicht nach jedem Kapitel erklären zu müssen, was daraus zu lernen sei. Vielleicht ist das eine der unauffälligsten Formen von Respekt, die Literatur ihren Lesern entgegenbringen kann.
Neunzig Jahre – und eine alte Frage
Am 13. Oktober 2026 wäre Christine Nöstlinger neunzig Jahre alt geworden. Man könnte diesen Geburtstag nostalgisch begehen und sich an Franz oder Mini, Gretchen, Rosa Riedl und den Gurkenkönig erinnern, vielleicht auch an ein zerlesenes Exemplar aus einer Schulbibliothek, dessen Schutzfolie irgendwann ihren Kampf gegen die Zeit verloren hatte.
Doch Nostalgie wäre ein merkwürdiges Geschenk für eine Autorin, die ihre eigene Gegenwart so genau betrachtete. Interessanter ist deshalb die Frage, was aus dem unartigen Kind geworden ist.
Wir sprechen heute viel über Förderung, Kompetenzen, Entwicklung, Chancen und Resilienz. Kinder werden begleitet und beobachtet, unterstützt, geschützt und vermessen, und für beinahe jeden Abschnitt ihres Heranwachsens steht inzwischen ein pädagogisches Vokabular bereit. Vieles davon ist sinnvoll, manches notwendig, einiges vermutlich nur sehr gut gemeint.
Zwischen all diesen guten Absichten könnte eine alte Nöstlinger-Frage dennoch nützlich geblieben sein: Darf ein Kind auch widersprechen, ohne dass sein Widerspruch sofort pädagogisch ausgewertet werden muss?
Nicht, weil Kinder immer recht hätten oder weil Widerstand automatisch mutig und klug wäre, sondern weil ein Mensch, der widersprechen darf, für einen Augenblick nicht bloß Gegenstand fremder Vorstellungen ist.
Vielleicht beginnt dort jene eigentümliche Würde, die Christine Nöstlinger ihren Figuren zugestand. Sie mussten weder vorbildlich noch besonders liebenswert sein, um ernst genommen zu werden, und sie durften klein sein, ohne dass ihre Perspektive deshalb kleiner wurde.
Die Erwachsenen konnten ihnen weiterhin erklären, wie die Welt funktioniert.
Nöstlingers Kinder hörten durchaus zu, nur sahen sie vorsichtshalber noch einmal selbst nach.
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