Bevor der Vorhang aufgeht, riecht ein Theater nach Holz, Staub, Schminke und Erwartung. Hinter den Kulissen wird gehämmert, im Zuschauerraum geredet, auf der Bühne soll wenig später alles natürlich erscheinen. Lessing kannte die Arbeit, die zu dieser Natürlichkeit nötig ist. Seine Hamburgische Dramaturgie entstand im Umfeld des Hamburger Nationaltheaters und erschien von 1767 bis 1769 in einzelnen Stücken und anschließend in zwei Bänden. Was als begleitende Theaterkritik begann, wurde zu einem Grundtext moderner Dramentheorie.
Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie – Licht hinter den Kulissen
Kritik mit Werkzeugkasten
Lessing bespricht Stücke, Inszenierungen, Schauspielkunst und Übersetzungen. Doch bald reicht ihm die einzelne Aufführung nicht mehr. Aus Rezensionen werden Untersuchungen: Was macht eine Handlung wahrscheinlich? Warum rührt uns ein Unglück? Welche Regeln dienen dem Drama, und welche dienen nur jenen, die gern Regeln verwalten?
Sein Ton wechselt zwischen philologischer Genauigkeit, kämpferischer Polemik und der geduldigen Zerlegung eines Arguments. Lessing denkt vor den Augen der Leser. Das macht die Schrift beweglicher als ein geschlossenes Lehrbuch, aber auch sprunghafter. Man folgt keinem fertigen System, sondern einer Werkstatt, in der noch Späne auf dem Boden liegen.
Aristoteles im Parkett
Im Zentrum steht Lessings Neudeutung der Tragödie. Mitleid und Furcht sollen die Leidenschaften nicht lediglich erregen, sondern in eine menschliche Haltung überführen. Furcht versteht er als auf uns selbst bezogenes Mitleid: Was der Figur widerfährt, könnte auch uns treffen. Darum müssen Bühnenmenschen nicht durch Rang, sondern durch menschliche Nähe bedeutend werden. Könige interessieren, soweit sie Menschen sind, nicht weil ihre Krone besonders tragisch glänzt. Die Universität Kiel erläutert Lessings wirkungsästhetische Neufassung von Mitleid, Furcht und Katharsis.
Damit wendet sich Lessing gegen die mechanische Nachahmung des französischen Klassizismus. Die Einheit der Handlung ist für ihn wichtiger als sklavisch eingehaltene Einheiten von Ort und Zeit. Shakespeare erscheint lebendiger als ein korrektes Drama, dessen Figuren sich benehmen, als hätten sie vor jedem Satz die Hausordnung gelesen.
Das gescheiterte Theater, das blieb
Das Hamburger Unternehmen selbst war wirtschaftlich kein dauerhafter Erfolg. Die Dramaturgie überlebte gerade deshalb als Denkmal eines produktiven Scheiterns. Lessing zeigt, dass eine nationale Bühne nicht durch patriotische Etiketten entsteht, sondern durch Texte, Übersetzungen, Schauspielkunst und ein Publikum, das urteilen lernt.
Heute fordern die zahlreichen Werkbezüge und gelehrten Auseinandersetzungen Konzentration. Doch die Grundfrage bleibt frisch: Wie erzeugt Kunst Wirkung, ohne uns zu manipulieren? Wenn am Ende der Vorhang fällt, ist der Staub hinter den Kulissen sichtbar geworden. Das Theater hat dadurch nichts von seinem Zauber verloren, nur etwas von seiner Selbstgefälligkeit.
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