Wie konnte Deutschland über Jahrzehnte an einer Russlandpolitik festhalten, obwohl die Warnsignale immer deutlicher wurden? Katja Gloger und Georg Mascolo gehen dieser Frage in ihrem Buch „Das Versagen“ nach. Für ihre investigative Recherche über politische Fehleinschätzungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten und strategische Versäumnisse wurden sie am 5. November mit dem NDR Sachbuchpreis 2026 ausgezeichnet.
Es ist eine unbequeme Frage, die Katja Gloger und Georg Mascolo stellen: Wie viel muss eine Regierung wissen, bevor sie bereit ist, ihre politischen Überzeugungen zu korrigieren? Und wann wird aus einer Fehleinschätzung ein Versagen, weil Warnungen zwar vorliegen, aber keine Konsequenzen nach sich ziehen?
In ihrem Buch „Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“, erschienen im Ullstein Verlag, rekonstruieren die beiden Journalisten die deutsche Russlandpolitik über mehrere Jahrzehnte. Sie untersuchen, weshalb Deutschland trotz zunehmender Hinweise auf die politischen Absichten Russlands an einer Politik der Annäherung festhielt und welche Rolle wirtschaftliche Interessen und gewachsene Abhängigkeiten dabei spielten.
Für diese Recherche erhielten Gloger und Mascolo am Donnerstagabend den mit 15.000 Euro dotierten NDR Sachbuchpreis 2026. Überreicht wurde die Auszeichnung von NDR-Programmdirektorin und Jury-Vorsitzender Ilka Steinhausen im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes auf dem Sartorius Campus.
Wenn Warnungen nicht zu Entscheidungen führen
Die Jury würdigte insbesondere die journalistische Präzision, mit der die Autoren politische Entscheidungen und Verantwortlichkeiten rekonstruieren.
„Das Buch Das Versagen von Katja Gloger und Georg Mascolo liest sich teilweise wie ein Polit-Krimi“, erklärte Ilka Steinhausen. Die Autoren zeichneten akribisch nach, an welchen Stellen der deutschen Außenpolitik folgenschwere Fehler im Umgang mit Russland gemacht worden seien.
Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass das Buch journalistische Exzellenz mit gesellschaftlicher Relevanz verbinde. Seine Bedeutung liege nicht allein in der Aufarbeitung vergangener Entscheidungen, sondern ebenso in den Fragen, die sich daraus für die europäische Sicherheit ergeben.
Denn politische Irrtümer lassen sich im Rückblick leicht benennen. Schwieriger ist die Frage, weshalb sie über Jahre bestehen bleiben konnten, obwohl die Voraussetzungen, auf denen sie beruhten, längst infrage standen.
„Das Versagen“ untersucht damit nicht nur ein Kapitel deutscher Außenpolitik, sondern auch die Grenzen politischer Urteilskraft. Die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen wird zur Geschichte einer politischen Gewissheit, die sich zunehmend von der Wirklichkeit entfernte.
Drei Bücher auf der Shortlist
Neben Gloger und Mascolo hatten es zwei weitere Werke auf die Shortlist des NDR Sachbuchpreises 2026 geschafft: Christoph Koch mit „Hallo. Wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert“ sowie Maria-Sibylla Lotter mit „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“.
Die drei Bücher beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit gesellschaftlichen Gewissheiten, menschlichen Beziehungen und politischer Verantwortung.
Mit der Auszeichnung von „Das Versagen“ entschied sich die Jury für eine investigative Arbeit, deren Gegenstand weit über die Vergangenheit hinausreicht. Denn die Folgen jener politischen Entscheidungen, die Gloger und Mascolo untersuchen, bestimmen weiterhin die europäische Gegenwart.
Und damit bleibt eine Frage, die sich nicht allein an die damaligen Entscheidungsträger richtet: Was ist politisches Wissen wert, wenn es das Handeln nicht verändert?
Die vollständige Preisverleihung ist unter ndr.de/ndrsachbuchpreis abrufbar.
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