Früchte des Zorns: John Steinbeck und die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn er alles verliert

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1939 veröffentlicht John Steinbeck mit Früchte des Zorns einen Roman über die Vertreibung amerikanischer Farmer während der Weltwirtschaftskrise, über eine Familie, die ihre Heimat verliert, und über eine Gesellschaft, in der wirtschaftliche Notwendigkeiten offenbar schwerer wiegen als menschliche Existenzen. Doch wer darin lediglich eine Anklage gegen soziale Ungerechtigkeit sieht, greift zu kurz. Steinbeck beschäftigt eine grundsätzlichere Frage: Wie viel Freiheit bleibt einem Menschen, dessen Lebensbedingungen längst von anderen bestimmt werden, und was bedeutet Verantwortung, wenn selbst das eigene Überleben nicht mehr gesichert ist?

Früchte des Zorns Früchte des Zorns von John Steinbeck (Autor), Klaus Lambrecht (Übersetzer) dtv

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Früchte des Zorns: Roman

Es ist eine eigentümliche Vorstellung von wirtschaftlichem Fortschritt, wenn Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, obwohl ihre Arbeit weiterhin gebraucht wird, und wenn ausgerechnet diejenigen, die über Generationen das Land bewirtschaftet haben, schließlich als überflüssig gelten. John Steinbeck beschreibt in Früchte des Zorns eine amerikanische Gesellschaft, in der dieser Widerspruch nicht als Ausnahme erscheint, sondern zum Bestandteil einer wirtschaftlichen Ordnung geworden ist, deren Regeln zwar von Menschen geschaffen wurden, für deren Folgen sich jedoch kaum noch jemand verantwortlich fühlt.

Die Weltwirtschaftskrise, anhaltende Dürren, ausgelaugte Böden und eine zunehmend mechanisierte Landwirtschaft haben in den dreißiger Jahren zahlreiche Farmer in den amerikanischen Great Plains ruiniert. Auch die Familie Joad aus Oklahoma verliert ihr Land und macht sich auf den Weg nach Kalifornien, wo angeblich Arbeit, fruchtbare Felder und die Aussicht auf einen neuen Anfang warten. Was zunächst wie eine Geschichte über Vertreibung und Hoffnung beginnt, entwickelt Steinbeck zu einer Untersuchung gesellschaftlicher Machtverhältnisse, menschlicher Abhängigkeiten und jener moralischen Entscheidungen, die Menschen selbst unter den widrigsten Umständen noch treffen können.

Wenn niemand verantwortlich sein will

Besonders bemerkenswert ist, wie Steinbeck die Vertreibung der Farmer beschreibt, ohne dafür einen einzelnen Bösewicht zu benötigen. Die Banken verlangen die Bedienung ihrer Kredite, Landbesitzer müssen wirtschaftlich arbeiten, Maschinen ersetzen menschliche Arbeitskraft, und selbst der Traktorfahrer, der die bisherigen Bewohner von ihrem Land verdrängt, ist auf seinen Lohn angewiesen.

Jeder Beteiligte verfügt über eine Erklärung für sein Handeln, die innerhalb seiner eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse durchaus nachvollziehbar erscheint. Was sich daraus ergibt, ist dennoch die Zerstörung menschlicher Existenzen.

Steinbeck zeigt damit einen Mechanismus, der keineswegs auf die amerikanische Landwirtschaft der dreißiger Jahre beschränkt ist: Verantwortung verschwindet nicht, weil niemand Entscheidungen trifft, sondern weil jeder Einzelne seine Entscheidung mit Verhältnissen begründet, die er angeblich nicht verändern kann. Die Bank wird zur anonymen Macht, der Landbesitzer zum Vollstrecker wirtschaftlicher Notwendigkeiten und der Arbeiter zum austauschbaren Bestandteil einer Produktion, deren Zweck zwar die Versorgung der Menschen ist, deren Regeln aber ausgerechnet den Produzenten die Lebensgrundlage entziehen.

Natürlich lassen sich die wirtschaftlichen Zusammenhänge der damaligen Zeit nicht auf diese literarische Darstellung reduzieren. Die als Dust Bowl bekannt gewordene Umweltkatastrophe war auch das Ergebnis ungeeigneter landwirtschaftlicher Nutzung, während die Weltwirtschaftskrise und die Verschuldung vieler Betriebe die Folgen zusätzlich verschärften. Steinbeck geht es jedoch nicht um eine vollständige ökonomische Erklärung, sondern um die Frage, weshalb wirtschaftliche Entscheidungen so selbstverständlich als Sachzwänge gelten, während ihre menschlichen Konsequenzen zur Privatsache der Betroffenen erklärt werden.

Dass diese Frage bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat, macht den Roman nicht zu einer zeitlosen wirtschaftspolitischen Analyse, wohl aber zu einer bemerkenswert genauen Beobachtung gesellschaftlicher Mechanismen.

Die Familie Joad und der Verlust einer vertrauten Ordnung

Tom Joad kehrt nach einer Haftstrafe wegen Totschlags nach Hause zurück und findet eine Welt vor, in der für ihn und seine Familie kaum noch etwas von dem Bestand hat, was ihr bisheriges Leben bestimmt hat. Das Land ist verloren, das Haus verlassen, und die Zukunft hängt von einem Versprechen ab, dessen Wahrheitsgehalt niemand überprüfen kann.

Die Reise nach Kalifornien wird zu einer fortgesetzten Erfahrung des Verlustes. Das Geld reicht kaum für Benzin und Lebensmittel, das Fahrzeug ist den Strapazen nur bedingt gewachsen, Familienmitglieder sterben oder gehen eigene Wege, und mit jeder neuen Schwierigkeit wird deutlicher, dass der Zusammenhalt dieser Menschen nicht allein von ihrer gegenseitigen Zuneigung abhängt, sondern ebenso von ihrer Fähigkeit, unter zunehmendem Druck miteinander auszukommen.

Steinbeck idealisiert seine Figuren dabei keineswegs. Tom ist kein unbescholtener Held, sondern ein Mann, der bereits getötet hat und dessen Bereitschaft zur Gewalt auch später nicht verschwindet. Andere Familienmitglieder reagieren mit Angst, Trotz, Rückzug oder dem Wunsch, sich der gemeinsamen Verantwortung zu entziehen. Gerade diese Widersprüche machen die Joads glaubwürdig, denn wirtschaftliche Not veredelt den Menschen nicht automatisch, und wer unter schwierigen Bedingungen lebt, trifft deshalb noch lange nicht die moralisch richtigen Entscheidungen.

Eine besondere Stellung nimmt Ma Joad ein, deren Fähigkeit, die Familie zusammenzuhalten, umso wichtiger wird, je stärker die bisherige Autorität der Männer an Bedeutung verliert. Sie organisiert das tägliche Überleben, schlichtet Konflikte und trifft Entscheidungen, während die anderen noch versuchen, an Vorstellungen festzuhalten, für die ihre veränderten Lebensumstände längst keinen Raum mehr lassen.

Allerdings sollte man ihre Stärke nicht vorschnell als Ausdruck weiblicher Überlegenheit verklären. Ma Joad kann sich Schwäche kaum erlauben, weil die anderen auf sie angewiesen sind, und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, bedeutet zugleich, dass für ihre eigenen Bedürfnisse immer weniger Platz bleibt. Steinbeck zeigt hier eine Form menschlicher Belastbarkeit, die durchaus Bewunderung verdient, deren gesellschaftliche Selbstverständlichkeit man aber ebenso hinterfragen muss.

Kalifornien: Ein Versprechen, von dem andere profitieren

In Kalifornien angekommen, müssen die Joads feststellen, dass die versprochenen Arbeitsmöglichkeiten zwar existieren, die Zahl der Arbeitssuchenden jedoch erheblich größer ist als der tatsächliche Bedarf. Für die Besitzer der Plantagen bedeutet dieses Überangebot billige Arbeitskräfte, für die Wanderarbeiter dagegen einen Wettbewerb, in dem selbst die Bereitschaft, für kaum ausreichende Löhne zu arbeiten, keine verlässliche Existenz mehr sichert.

Hier wird Steinbecks Darstellung besonders unangenehm, weil sie einen Widerspruch offenlegt, der sich mit dem Hinweis auf persönliche Leistungsbereitschaft nicht auflösen lässt. Wer arbeiten will, aber keinen angemessenen Lohn erzielen kann, ist nicht zwangsläufig weniger tüchtig als derjenige, dessen wirtschaftliche Stellung ihm erlaubt, über die Bedingungen dieser Arbeit zu bestimmen.

Noch bemerkenswerter ist, wie schnell sich mit dem Verlust wirtschaftlicher Sicherheit auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Betroffenen verändert. Aus selbstständigen Farmern werden unerwünschte Fremde, deren Armut ihnen als persönlicher Makel angelastet wird, obwohl gerade die Umstände ihrer Vertreibung zeigen, wie wenig ihre Lage mit mangelnder Arbeitsbereitschaft zu tun hat.

Die als „Okies“ bezeichneten Migranten werden ausgegrenzt, verdächtigt und vielerorts wie Menschen behandelt, deren bloße Anwesenheit bereits ein Problem darstellt. Dass sie dieselbe Sprache sprechen, demselben Land angehören und nichts anderes suchen als eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, schützt sie nicht vor dieser Abwertung.

Steinbeck beschreibt damit nicht nur materielle Armut, sondern auch den Verlust gesellschaftlicher Anerkennung. Wer nichts mehr besitzt, muss offenbar zunehmend begründen, weshalb er überhaupt noch einen Anspruch auf Zugehörigkeit haben sollte.

Ein Roman zwischen Literatur und gesellschaftlicher Anklage

Früchte des Zorns unterscheidet sich in seiner Erzählweise deutlich von Steinbecks früherem Werk Von Mäusen und Menschen, dessen Handlung auf wenige Figuren und einen überschaubaren Zeitraum konzentriert ist. Hier wechselt der Autor zwischen der Geschichte der Familie Joad und eingeschobenen Kapiteln, in denen er Landschaften, wirtschaftliche Entwicklungen, gesellschaftliche Konflikte und die Erfahrungen zahlloser anderer Wanderarbeiter beschreibt.

Diese Konstruktion erweitert die Perspektive, ohne die Familie aus dem Mittelpunkt zu verdrängen. Was den Joads widerfährt, erscheint nicht länger als außergewöhnliches Einzelschicksal, sondern als Teil einer Entwicklung, von der unzählige Menschen betroffen sind.

Allerdings hat diese Erzählweise auch ihre problematischen Seiten. Steinbeck ist keineswegs immer der zurückhaltende Beobachter, der seine Figuren für sich sprechen lässt. Seine Empörung über die gesellschaftlichen Verhältnisse ist deutlich spürbar, gelegentlich werden wirtschaftliche Zusammenhänge stark zugespitzt, und manche Figuren scheinen weniger als eigenständige Persönlichkeiten denn als Vertreter bestimmter gesellschaftlicher Positionen angelegt zu sein.

Man muss diese Einseitigkeiten nicht übersehen, um die literarische Bedeutung des Romans anzuerkennen. Im Gegenteil: Gerade weil Steinbeck erkennbar Stellung bezieht, lohnt es sich, zwischen seiner gesellschaftlichen Anklage und jenen Beobachtungen zu unterscheiden, die über seine politische Haltung hinausreichen.

Seine eigentliche Stärke liegt dort, wo er nicht erklärt, was der Leser denken soll, sondern Situationen entwickelt, in denen die üblichen moralischen Gewissheiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Tom Joad und die Frage nach der eigenen Verantwortung

Tom Joad beginnt seine Reise als Mann, dessen Vorstellungen von Freiheit zunächst vor allem das eigene Leben betreffen. Er will nach seiner Haftstrafe keinen weiteren Ärger, seine Familie unterstützen und möglichst unbehelligt bleiben, doch die Erfahrungen auf dem Weg nach Kalifornien lassen ihn zunehmend erkennen, dass sich die Probleme der Wanderarbeiter nicht allein durch persönliche Anpassung oder größere Anstrengung lösen lassen.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei Jim Casy, ein ehemaliger Prediger, der seinen religiösen Glauben nicht einfach gegen Unglauben eingetauscht hat, sondern nach einer anderen Grundlage menschlicher Verantwortung sucht. Für ihn lässt sich das Leben des Einzelnen immer weniger von dem der anderen Menschen trennen, und aus dieser Überzeugung entwickelt sich schließlich auch seine Bereitschaft, für bessere Arbeitsbedingungen einzutreten.

Tom übernimmt Casys Gedanken nicht als fertige Lehre. Er begreift sie allmählich durch eigene Erfahrungen, durch die Gewalt, der die Wanderarbeiter ausgesetzt sind, und durch die Erkenntnis, dass sein persönliches Überleben wenig bedeutet, wenn die Verhältnisse unverändert bleiben, unter denen andere Menschen dasselbe Schicksal erleiden.

Darin liegt eine interessante Verschiebung seines Freiheitsbegriffs. Während George und Lennie in Von Mäusen und Menschen von einem Stück Land träumen, das ihnen die Unabhängigkeit von anderen ermöglichen soll, erkennt Tom, dass individuelle Freiheit unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen gerade nicht durch Rückzug zu erreichen ist.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Steinbeck die Verantwortung des Einzelnen zugunsten einer anonymen Gemeinschaft auflöst. Tom muss weiterhin selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt, und er kann sich dabei weder auf gesellschaftliche Zwänge noch auf die Überzeugungen anderer berufen, ohne zugleich die Folgen seines Handelns tragen zu müssen.

Was vom Menschen bleibt

Der Titel Früchte des Zorns verweist auf die amerikanische Battle Hymn of the Republic, deren biblische Bildsprache den Gedanken eines sich über lange Zeit ansammelnden Zorns mit der Erwartung göttlicher Gerechtigkeit verbindet. Steinbeck greift dieses Motiv auf und überträgt es auf eine Gesellschaft, in der wirtschaftliche Not, Erniedrigung und Ausgrenzung nicht nur Verzweiflung hervorrufen, sondern zunehmend auch Widerstand.

Doch ausgerechnet am Ende des Romans verzichtet er darauf, diesen Widerstand in einen politischen Triumph oder wenigstens in eine versöhnliche Aussicht auf bessere Zeiten münden zu lassen.

Rose of Sharon hat ihr Kind tot zur Welt gebracht, die Familie ist weiterhin ohne gesicherte Unterkunft, und in einer Scheune begegnet sie einem Mann, der dem Hungertod nahe ist. Die junge Frau entscheidet sich schließlich, ihn mit der Muttermilch zu ernähren, die für ihr eigenes Kind bestimmt gewesen wäre.

Es ist eine verstörende Szene, die Steinbeck bewusst jeder gewöhnlichen Vorstellung von Wohltätigkeit entzieht. Hier handelt kein Mensch aus einem Zustand des Überflusses heraus, und niemand kann sich die Hilfe für einen anderen leisten, ohne selbst bereits an den Grenzen seiner Möglichkeiten zu stehen.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, diese Handlung lediglich als Symbol christlicher Nächstenliebe zu verstehen. Rose of Sharon hat ihr Kind verloren, ihre eigene Zukunft ist ungewiss, und nichts deutet darauf hin, dass ihre Entscheidung an den Verhältnissen, die all dieses Leid hervorgebracht haben, irgendetwas ändern wird.

Sie hilft trotzdem.

Vielleicht lässt sich an dieser Stelle am deutlichsten erkennen, was Steinbeck an seinen Figuren interessiert. Er beschreibt Menschen, deren Handlungsmöglichkeiten durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse bis auf ein Minimum eingeschränkt werden, ohne daraus den Schluss zu ziehen, dass sie damit auch jede moralische Entscheidungsfreiheit verloren hätten.

In Jenseits von Eden wird Steinbeck diesen Gedanken später mit seiner Interpretation des hebräischen „Timshel“ auf eine philosophische Formel bringen: „Du kannst.“ Der Mensch ist nicht zwangsläufig dazu verurteilt, seinen Neigungen, seiner Vergangenheit oder den Erwartungen anderer zu folgen, sondern besitzt die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden.

Früchte des Zorns zeigt allerdings, dass diese Freiheit keineswegs unter gleichen Voraussetzungen ausgeübt wird. Wer über Besitz, Sicherheit und gesellschaftlichen Einfluss verfügt, kann zwischen Möglichkeiten wählen, die anderen Menschen von vornherein verschlossen bleiben. Wer dagegen um das eigene Überleben kämpfen muss, steht häufig vor Entscheidungen, deren Alternativen kaum weniger grausam sind als die Umstände, die sie notwendig gemacht haben.

Steinbeck löst diesen Widerspruch nicht auf, und vielleicht liegt gerade darin die anhaltende Bedeutung seines Romans. Denn menschliche Würde entsteht bei ihm weder allein aus wirtschaftlicher Unabhängigkeit noch aus moralischer Unschuld, sondern zeigt sich mitunter dort, wo ein Mensch trotz eigener Not bereit ist, die Not eines anderen nicht als dessen ausschließliches Problem zu betrachten.

Das macht die Welt nicht gerechter. Aber es verhindert, dass ihre Ungerechtigkeit darüber entscheidet, was aus jedem Einzelnen werden muss.

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Früchte des Zorns: Roman

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