Eine verschlossene Tür in einer mittelalterlichen Burg verspricht selten einen Vorratsraum. Hinter ihr warten gewöhnlich ein Familiengeheimnis, ein politisches Komplott oder ein Gericht, dessen Mitglieder ihre Tätigkeit aus Gründen betreiben, die sie selbst vermutlich für ausgezeichnet halten. Benedikte Nauberts 1788 anonym erschienener Roman Herrmann von Unna. Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte besitzt solche Türen in erfreulicher Zahl. Das zweibändige Werk verbindet die Liebesgeschichte Herrmanns und Idas mit höfischen Konflikten, historischen Persönlichkeiten und den unheimlichen Verfahren geheimer Gerichtsbarkeit. Die Erstausgabe von 1788 ist bibliografisch in zwei Teilen nachgewiesen.
Zwischen Kaiserhof und Feme
Der Roman setzt im Umfeld Kaiser Wenzels und Sophies von Bayern ein. Historische Figuren treten neben erfundene, private Schicksale kreuzen Reichspolitik und Standesordnung. Herrmanns Liebe zu Ida wird durch Herkunftsfragen, Intrigen und wechselnde Gefahren erschwert. Dabei bleibt die Vergangenheit nicht bloße Kulisse. Institutionen, Herrschaftsformen und soziale Schranken treiben die Handlung an.
Naubert erzählt Geschichte von den Rändern her. Nicht nur Fürsten entscheiden über den Gang der Ereignisse. Frauen, Vertraute, Bürgerliche und scheinbar unbedeutende Nebenfiguren bewahren Wissen, vermitteln Botschaften und verändern Lebenswege. Große Politik wird in Korridoren, Klöstern und Familiengesprächen konkret.
Die Quelle, die keine ist
Besonders reizvoll ist die Haltung des Erzählens. Der Roman beruft sich spielerisch auf eine alte Überlieferung und führt die Lesenden mit gelehrter Miene durch ein erfundenes Archiv. Der Erzähler kommentiert, springt voraus, hält Informationen zurück und erlaubt sich trockene Bemerkungen über damalige wie gegenwärtige Torheiten. Historische Beglaubigung und offenkundige Fiktion arbeiten zusammen.
Darin liegt Nauberts Bedeutung für die Entwicklung des historischen Romans. Sie verbindet recherchierte Vergangenheit nicht lediglich mit Abenteuer, sondern lässt verschiedene Zeitebenen einander beleuchten. Das Mittelalter erscheint fremd, wird aber aus Fragen des 18. Jahrhunderts heraus erzählt: Wer verfügt über Recht? Was bedeutet legitime Herrschaft? Wie weit reicht persönliche Freiheit in einer Ordnung, die Herkunft zum Schicksal erklärt?
Ein weitläufiges altes Haus
Der Roman ist umfangreich, episodisch und reich an Enthüllungen. Manche Verwicklung wird so gründlich vorbereitet, dass man zwischendurch beinahe Zeit hätte, selbst einer Geheimgesellschaft beizutreten. Doch die Fülle besitzt Sog. Naubert kann Spannung halten, Schauplätze wechseln und historische Information in Handlung verwandeln.
Heute lohnt der Roman auch als Korrektur eines verkürzten Kanons. Der deutschsprachige historische Roman begann nicht erst mit später berühmten Männern. Hinter der verschlossenen Tür steht Benedikte Naubert bereits im Archiv und hat die Geschichte sorgfältig in Bewegung gesetzt.
Hier bestellen
Topnews
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie – Licht hinter den Kulissen
Christian Fürchtegott Gellert: Leben der schwedischen Gräfin von G*** – Vernunft mit Herzklopfen
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen – Haltung ohne Serviettenkunde
Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua – Freiheit hinter Masken
Johann Wolfgang Goethe: Römische Elegien – Marmor bei Nacht
Albrecht von Haller: Die Alpen – Vermessene Erhabenheit
Katharina die Große: Im Winterpalast lernt die Macht das Lächeln
Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten – Der Schatten des Gemeinsinns
Johann Gottfried Schnabel: Insel Felsenburg – Ordnung hinter dem Horizont
Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“ – Der Augenblick und sein Nachleben
Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache – Das erste Merkwort
Die Rättin – Günter Grass
Ein weites Feld – Günter Grass
Der Butt – Günter Grass
Warum man diesen Sommer Günter Grass lesen sollte – und warum seine Bücher bleiben
Aktuelles
Benedikte Naubert: Herrmann von Unna – Geschichte durch die Geheimtür
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen – Haltung ohne Serviettenkunde
Postkarten drucken lassen: Formate, Papier und Auflagen für Lesungen und Buchpremieren
Red von Louise Kennedy: Manche Menschen kann man lieben, ohne sie retten zu können
Keeping 13 von Chloe Walsh: Liebe ist leicht versprochen – Sicherheit nicht
Das Paradies braucht keine Menschen
Johann Wolfgang Goethe: Römische Elegien – Marmor bei Nacht
Laura Freudenthaler erhält den Christine-Lavant-Preis 2026
Theo in Golden von Allen Levi: Was geschieht, wenn jemand wirklich zuhört?