Schönheit hat es in der Gegenwart nicht leicht. Wer sie sucht, gilt schnell als naiv. Wer sie zeigt, muss erklären, warum er nicht lieber die Zumutungen der Welt sichtbar macht. Besonders im Kunstbetrieb scheint das Unangenehme bisweilen schon deshalb bedeutsam, weil es unangenehm ist.
Nach der Sonne schauen von Martina Hefter – Die Kunst, Schönheit auszuhalten
Martina Hefter greift diesen Widerspruch in ihrem Roman „Nach der Sonne schauen“ auf. Ihre Hauptfigur Iona Bartschok ist Installationskünstlerin. Nachdem ein Kollege eines ihrer wichtigsten Werke öffentlich beschädigt hat, zieht sie sich in eine ehemalige Tagebaulandschaft bei Leipzig zurück.
Dort begegnet sie einer künstlich veränderten Natur, einem digitalen Hund und schließlich zwei Lebewesen, die ihre selbstgewählte Einsamkeit durchbrechen.
Hefter erzählt von Kunst und Kränkung, vom Klimawandel und von der Frage, ob Schönheit noch eine ernst zu nehmende Antwort auf eine beschädigte Welt sein kann.
Worum geht es in „Nach der Sonne schauen“?
Die Installationskünstlerin Iona Bartschok hat ein Baumhaus geschaffen, das für sie weit mehr bedeutet als ein Ausstellungsobjekt. Es ist mit Erinnerungen an ihre Kindheit und mit Erfahrungen verbunden, die sie bis heute beschäftigen.
Dann besprüht der Künstlerkollege Herto Straus das Werk mit dem Wort „Bullshit“. Seine öffentliche Attacke richtet sich nicht nur gegen das Baumhaus, sondern gegen Ionas Verständnis von Kunst.
Iona zieht sich für einen Sommer in eine umgebaute Industriehalle im Leipziger Umland zurück. Die Umgebung ist vom früheren Braunkohletagebau geprägt. Geflutete Gruben, künstlich entstandene Seen und heftige Wetterumschwünge bestimmen die Landschaft.
Hier möchte sie an einem Projekt arbeiten, das sich mit der Zukunft dieser Gegend in fünftausend Jahren beschäftigt.
Zunächst begleitet sie nur ein digitaler Hund, der auf einem Bildschirm erscheint. Dann läuft ihr die echte Hündin Bella zu. Wenig später taucht Nova auf, die Nichte ihres Vermieters.
Was als Rückzug beginnt, wird zunehmend zu einer Auseinandersetzung mit anderen Menschen, der Natur und den eigenen Erinnerungen.
Die beschädigte Kunst und das Recht auf Schönheit
Der Angriff auf Ionas Baumhaus bildet den gedanklichen Ausgangspunkt des Romans.
Herto Straus vertritt eine Kunstauffassung, nach der Kunst verstören und verletzen müsse. Ionas Arbeit erscheint ihm zu persönlich, zu freundlich und deshalb bedeutungslos.
Hefter stellt damit eine Frage, die weit über die Kunstszene hinausreicht: Warum gilt Härte so häufig als Beweis für Tiefe?
Iona möchte Schönheit nicht als Verdrängung verstanden wissen. Für sie besitzt das Schöne eine eigene Bedeutung, gerade weil die Welt von Zerstörung geprägt ist.
Das ist eine interessante Gegenposition zu einer Kultur, die Aufmerksamkeit oft durch Zuspitzung gewinnt.
Allerdings macht der Roman seinen Konflikt stellenweise sehr deutlich. Herto Straus verkörpert eine aggressive Vorstellung künstlerischer Radikalität, während Iona für Verletzlichkeit und behutsame Wahrnehmung steht.
Dadurch droht die Auseinandersetzung gelegentlich einfacher zu werden, als sie sein müsste.
Denn auch verstörende Kunst kann Schönheit besitzen. Und nicht jedes schöne Werk entzieht sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Die stärksten Passagen des Romans entstehen dort, wo Hefter diese Gegensätze nicht erklärt, sondern in konkreten Beobachtungen sichtbar macht.
Eine Landschaft, die nicht mehr natürlich ist
Die ehemalige Tagebauregion südlich von Leipzig ist ein ungewöhnlich passender Schauplatz.
Hier wurde Landschaft industriell zerstört und anschließend neu gestaltet. Seen liegen dort, wo früher Kohle gefördert wurde. Was heute als Natur erscheint, ist zugleich das Ergebnis menschlicher Eingriffe.
Damit spiegelt die Umgebung Ionas künstlerische Fragen.
Auch Kunst schafft künstliche Wirklichkeiten. Sie verändert Material, ordnet Dinge neu und versucht, etwas sichtbar zu machen, das vorher nicht vorhanden war.
Die Tagebaulandschaft zeigt jedoch, dass Gestaltung nicht automatisch Kontrolle bedeutet.
Wind, Regen und andere Wetterereignisse bestimmen zunehmend den Alltag. Die Natur lässt sich verändern, aber nicht vollständig beherrschen.
Hefter verbindet diese Beobachtungen mit dem Klimawandel, ohne daraus einen klassischen Katastrophenroman zu machen.
Die ökologische Krise erscheint weniger als zukünftiges Ereignis denn als Zustand, in dem die Figuren bereits leben.
Gerade diese beiläufige Gegenwärtigkeit macht die Landschaft zu einem der interessantesten Elemente des Buches.
Ein digitaler Hund und die Frage nach wirklicher Nähe
Zu Beginn ihrer Zeit in der Industriehalle lebt Iona mit einem Bildschirmhund zusammen. Das digitale Tier ist eine technische Konstruktion, die auf ihre Aufmerksamkeit reagiert.
Dann erscheint Bella, eine echte Hündin.
Die Gegenüberstellung könnte leicht zu einer einfachen Botschaft werden: Das Natürliche ist gut, das Künstliche bleibt unzureichend.
Hefter erzählt jedoch von einer komplizierteren Beziehung.
Auch dem digitalen Hund bringt Iona Aufmerksamkeit entgegen. Die echte Hündin wiederum verlangt Fürsorge, verändert Abläufe und lässt sich nicht nach Belieben ausschalten.
Damit verschiebt sich die Frage von der Echtheit zur Verantwortung.
Was bedeutet Nähe, wenn sie Verpflichtungen mit sich bringt? Und warum können selbst künstliche Gegenüber Gefühle auslösen?
Die Begegnungen mit Bella gehören zu den Momenten, in denen der Roman seine Themen besonders anschaulich entwickelt.
Die Hündin ist keine bloße Metapher. Sie bringt eine Unmittelbarkeit in Ionas Leben, die sich nicht vollständig in künstlerische Konzepte übersetzen lässt.
Nova und die Zumutung anderer Menschen
Mit Nova tritt eine weitere Figur in Ionas Rückzugsraum.
Die junge Frau ist kämpferisch, eigensinnig und wenig bereit, die selbstgewählte Abgeschiedenheit der Künstlerin einfach zu respektieren.
Ihre Anwesenheit verändert die Dynamik des Romans.
Iona kann sich nicht länger ausschließlich mit ihrem Projekt und ihren Erinnerungen beschäftigen. Sie muss auf jemanden reagieren, dessen Bedürfnisse und Vorstellungen nicht mit ihren eigenen übereinstimmen.
Hefter interessiert sich dabei für die Schwierigkeit menschlicher Nähe.
Gemeinschaft entsteht nicht allein aus Übereinstimmung. Häufig beginnt sie damit, dass jemand die sorgfältig eingerichtete Ordnung eines anderen durcheinanderbringt.
Die Beziehung zwischen Iona und Nova öffnet den Roman über die Kunstdebatte hinaus.
Es geht nun auch darum, wie Menschen miteinander leben können, ohne einander vollständig zu verstehen.
Sprache und Erzählweise: Präzision mit Hang zur Erklärung
Martina Hefter schreibt eine ruhige, beobachtende Prosa.
Der Roman entwickelt sich weniger über dramatische Ereignisse als über Erinnerungen, Wahrnehmungen und Veränderungen im Verhältnis der Figuren zu ihrer Umgebung.
Die Sprache kann genau und überraschend sein. Besonders Naturbeobachtungen und die Begegnungen mit Tieren erhalten eine eigene Intensität.
Auch leiser Humor durchzieht den Text. Hefter nimmt die Empfindlichkeiten des Kunstbetriebs ernst, ohne jede seiner Selbstinszenierungen ernst nehmen zu müssen.
Allerdings zeigt sich eine Schwäche, die auch die Besprechung von SR kultur hervorhebt: Der Roman erklärt seine Motive gelegentlich ausführlicher, als es notwendig wäre.
Die Verbindungen zwischen Natur, Kunst, Verletzung und Fürsorge sind sorgfältig angelegt. Doch nicht jede Verbindung müsste ausgesprochen werden.
Gerade ein Roman, der die Kraft stiller Schönheit verteidigt, könnte seinen Bildern häufiger vertrauen.
Das mindert nicht die Qualität einzelner Szenen. Es nimmt ihnen aber mitunter jene Offenheit, aus der literarische Mehrdeutigkeit entsteht.
Stärken und Schwächen des Romans
Die größte Stärke von „Nach der Sonne schauen“ liegt in der Verbindung von Kunstdebatte und ökologischer Gegenwart.
Hefter findet mit der ehemaligen Tagebaulandschaft einen Schauplatz, an dem sich Fragen nach Natürlichkeit, Gestaltung und Zerstörung unmittelbar begegnen.
Auch das Verhältnis zwischen digitalem Hund, echter Hündin und menschlicher Nähe ist gedanklich reizvoll.
Weniger überzeugend ist die gelegentliche Neigung, Zusammenhänge zu erklären, die bereits durch die Handlung verständlich geworden sind.
Hinzu kommt ein bewusst langsames Erzähltempo. Wer einen starken äußeren Spannungsbogen erwartet, wird mit diesem Roman möglicherweise wenig anfangen können.
Hefters Buch überzeugt vor allem dort, wo es beobachtet. Weniger dort, wo es seine Beobachtungen deutet.
Für wen eignet sich „Nach der Sonne schauen“?
Der Roman richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für anspruchsvolle Gegenwartsliteratur, Kunst und gesellschaftliche Fragen interessieren.
Besonders angesprochen dürften Menschen sein, die literarische Auseinandersetzungen mit dem Klimawandel suchen, ohne einen klassischen Zukunfts- oder Katastrophenroman lesen zu wollen.
Auch wer Hefters preisgekrönten Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ kennt, wird ihre Verbindung von Alltag, ungewöhnlichen Konstellationen und philosophischen Fragen wiedererkennen.
Weniger geeignet ist das Buch für Leser, die vor allem eine ereignisreiche Handlung oder eindeutig aufgelöste Konflikte erwarten.
Über die Autorin Martina Hefter
Martina Hefter wurde 1965 in Pfronten im Allgäu geboren. Sie absolvierte zunächst eine Ausbildung im Bereich Tanz und Tanzpädagogik und studierte später am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Seit 1997 lebt sie in Leipzig und arbeitet als Schriftstellerin und Performancekünstlerin.
Diese doppelte künstlerische Herkunft prägt ihr Werk. Hefter interessiert sich nicht allein für Sprache als Mittel der Erzählung, sondern auch für Körper, Bewegung und räumliche Erfahrungen.
Ihr erster Roman „Junge Hunde“ erschien 2001. Es folgten „Zurück auf Los“ und „Die Küsten der Berge“.
Daneben veröffentlichte sie mehrere Gedichtbände, darunter „Nach den Diskotheken“, „Es könnte auch schön werden“ und „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“.
Ihre literarische Arbeit wurde unter anderem mit dem Lyrikpreis Meran, dem Münchner Lyrikpreis und dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet.
Einem breiteren Publikum wurde Hefter 2024 durch ihren Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ bekannt. Für das Buch erhielt sie den Deutschen Buchpreis.
Darin erzählt sie von einer Leipziger Performancekünstlerin, die ihren kranken Partner versorgt und nachts mit einem mutmaßlichen Liebesbetrüger im Internet kommuniziert.
Bereits dieser Roman beschäftigte sich mit dem Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Inszenierung, Einsamkeit und Nähe.
Mit „Nach der Sonne schauen“, erschienen am 17. Oktober 2026 bei Klett-Cotta, setzt Hefter diese Auseinandersetzung unter anderen Vorzeichen fort.
Statt digitaler Täuschung und alltäglicher Fürsorge rücken nun Kunst, Landschaft und ökologische Verletzlichkeit stärker in den Mittelpunkt.
Fazit: Schönheit ist keine Flucht vor der Wirklichkeit
„Nach der Sonne schauen“ von Martina Hefter ist ein nachdenklicher Roman über Kunst, Verletzlichkeit und die Möglichkeit, einer beschädigten Welt dennoch Aufmerksamkeit entgegenzubringen.
Die ehemalige Tagebaulandschaft, die Begegnungen mit Bella und Nova sowie die Auseinandersetzung um Ionas Baumhaus bilden ein dichtes Geflecht aus persönlichen und gesellschaftlichen Fragen.
Hefter findet dafür eindrückliche Bilder und eine zurückhaltende Sprache. Nicht immer widersteht sie allerdings dem Bedürfnis, ihre eigenen Motive zu erläutern.
Gerade deshalb bleibt der Roman interessant: Er verteidigt eine Kunst, die nicht ständig ihre Bedeutung beweisen muss, und zeigt zugleich, wie schwer es ist, diesem Anspruch selbst gerecht zu werden.
Vielleicht besteht die Kunst nicht darin, immer neue Wahrheiten ans Licht zu bringen. Sondern manchmal darin, das Vorhandene lange genug anzusehen.
Häufige Fragen
Die Installationskünstlerin Iona Bartschok zieht sich nach der Beschädigung eines ihrer Kunstwerke in eine ehemalige Tagebaulandschaft bei Leipzig zurück. Dort verändern Begegnungen mit einer Hündin und einer jungen Frau ihren Blick auf Kunst, Natur und Nähe.
Der Roman beschäftigt sich mit der Bedeutung von Kunst und Schönheit, den Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur, Einsamkeit und Fürsorge. Die ehemalige Tagebaulandschaft verbindet persönliche Erfahrungen mit ökologischen Fragen.
Der Titel lässt sich als Bild für die Suche nach Orientierung und Schönheit verstehen. Die Sonne steht dabei nicht für eine einfache Lösung, sondern für den Versuch, in einer beschädigten Welt etwas Lebenswertes wahrzunehmen. Das ist eine Interpretation, keine ausdrücklich bestätigte Erklärung der Autorin.
Nein. Beide Romane von Martina Hefter erzählen eigenständige Geschichten. Sie verbindet jedoch das Interesse an Kunst, persönlichen Beziehungen und der Frage, wie Menschen mit gesellschaftlichen Veränderungen umgehen.
Der Roman eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die ruhige, nachdenkliche Gegenwartsliteratur schätzen. Seine Stärken liegen in der Verbindung von Kunst und Natur. Wer eine spannungsreiche Handlung erwartet, könnte das langsame Erzähltempo dagegen als Schwäche empfinden.
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