Auf alten Seekarten beginnt das Unbekannte dort, wo die Küstenlinien ausfransen. Ein paar Wellen, ein Seeungeheuer, viel freies Papier: Mehr brauchte es nicht, um die Ferne zugleich bedrohlich und verlockend erscheinen zu lassen. Johann Gottfried Schnabel füllte diese weiße Fläche mit einer ganzen Gesellschaft. Seine später unter dem Titel Insel Felsenburgkanonisierten Wunderlichen Fata einiger See-Fahrer erschienen zwischen 1731 und 1743 in vier Teilen. Schon der Originaltitel verspricht Schiffbruch, Reichtum, Fruchtbarkeit und ein erstaunlich langes Leben, also ungefähr alles, was ein Roman des frühen 18. Jahrhunderts unterzubringen vermochte.
Johann Gottfried Schnabel: Insel Felsenburg – Ordnung hinter dem Horizont
Eine Insel voller Geschichten
Der junge Eberhard Julius fährt nicht einfach nach Felsenburg. Er reist in ein Archiv menschlicher Schicksale. Begegnungen lösen Lebensberichte aus, Berichte enthalten weitere Berichte, und hinter jeder erzählerischen Tür wartet bereits die nächste. Im Mittelpunkt steht Albert Julius, der nach dem Schiffbruch mit wenigen Gefährten eine neue Gemeinschaft begründet hat. Aus dem Überleben wird Sesshaftigkeit, aus der Familie eine Kolonie, aus der Kolonie ein Gegenentwurf zur europäischen Welt. Schnabels Roman wächst dabei weniger wie ein geradliniger Weg als wie ein Haus, an das jede Generation noch einen Flügel baut.
Das Paradies führt Bücher
Felsenburg ist fruchtbar, friedlich und geordnet. Die Bewohner arbeiten, glauben, heiraten und vermehren sich mit einer Zielstrebigkeit, die heutigen Ferieninseln vermutlich einigen Schrecken einjagen würde. Hinter der Idylle steht eine protestantisch-patriarchale Utopie: Eigentum soll dem Gemeinwohl dienen, Tugend wird praktisch bewiesen, und die Familie bildet zugleich Regierung, Kirche und Personalabteilung. Europa erscheint dagegen als Raum von Krieg, Betrug, Standesdünkel und sexueller Gewalt. Die Lebensgeschichten der Ankommenden liefern dafür reichlich Anschauungsmaterial.
Doch Schnabels bessere Welt besitzt ihre Schatten. Frauen werden hochgeschätzt, sofern sie sich in die vorgesehene Ordnung fügen; kulturelle Verschiedenheit wird an der europäischen Norm gemessen; koloniale Aneignung erscheint selbstverständlich. Die Insel überwindet viele Übel ihrer Zeit, aber nicht deren Blick auf Macht. Gerade diese Spannung macht den Roman historisch aufschlussreich. Utopien verraten bekanntlich nicht nur, wovon eine Epoche träumt, sondern auch, was sie sich im Traum noch immer nicht anders vorstellen kann.
Geduld auf hoher See
Für heutige Leserinnen und Leser verlangt das Werk Ausdauer. Die verschachtelten Berichte, moralischen Erörterungen und barocken Zufälle bremsen jedes Bedürfnis nach rascher Handlung. Dafür entsteht eine eigentümliche Weite. Schnabel verbindet Robinsonade, Familienchronik, Abenteuerroman und Gesellschaftsentwurf zu einem frühen deutschen Großroman, dessen erzählerischer Überfluss selbst dort beeindruckt, wo er wuchert.
Am Ende ist Felsenburg weniger ein Ort auf der Karte als eine Versuchsanordnung: Europa wird auf Abstand gebracht, damit seine Fehler deutlicher hervortreten. Die Küstenlinie schließt sich, doch das freie Papier hinter dem Horizont ist längst mit Fragen beschrieben.
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