Am 29. November 2026 wäre Clive Staples Lewis 128 Jahre alt geworden. Millionen Leser kennen ihn als den Schöpfer von Narnia, jenem geheimnisvollen Land, das vier Geschwister durch einen Kleiderschrank betreten. Doch wer Lewis auf sprechende Tiere, eine böse Hexe und einen mächtigen Löwen reduziert, übersieht einen Schriftsteller, der sich zeitlebens mit den Widersprüchen des Menschen beschäftigte. Seine Geschichten erzählen von Macht und Verführung, von Verrat und Vergebung, von Glauben und Zweifel. Und von einer Freiheit, die manchmal gerade darin besteht, das Richtige zu tun, obwohl es schwerer fällt als das Falsche.
Ein Kleiderschrank und die Frage nach der Wirklichkeit
Es beginnt denkbar unspektakulär. Vier Kinder werden während des Zweiten Weltkriegs aus London auf das Land geschickt, wo sie im Haus eines alten Professors Zuflucht finden. Bei einem Versteckspiel entdeckt die jüngste Schwester Lucy einen Kleiderschrank, dessen Rückwand offenbar nicht dort endet, wo sie enden müsste. Zwischen den Pelzmänteln wird es kalt, unter ihren Füßen knirscht Schnee, und wenig später steht sie unter einer Laterne mitten in einem verschneiten Wald.
So beginnt in Der König von Narnia, dem 1950 erschienenen ersten veröffentlichten Band der Chroniken von Narnia, eine Reise, die längst zum literarischen Gedächtnis mehrerer Generationen gehört.
Lewis braucht für diesen Übergang keine komplizierte Erklärung. Er verlangt lediglich, dass seine Leser für einen Augenblick akzeptieren, was Lucy erlebt. Die Erwachsenenwelt, in der alles seinen festen Platz und seine vernünftige Erklärung besitzt, wird durch eine Erfahrung erschüttert, die sich zunächst nicht beweisen lässt.
Gerade darin liegt eine der großen Stärken seiner Literatur. Lewis interessiert sich weniger dafür, wie eine fantastische Welt technisch funktionieren könnte, als für die Frage, was Menschen tun, wenn ihre bisherigen Gewissheiten nicht mehr ausreichen.
Der Gelehrte, der an Märchen glaubte
Clive Staples Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren. Er studierte in Oxford, lehrte dort über Jahrzehnte englische Literatur und übernahm 1954 eine Professur für mittelalterliche und Renaissance-Literatur in Cambridge. Sein wissenschaftliches Interesse galt einer Welt, in der Mythen, religiöse Vorstellungen und literarische Überlieferungen noch eng miteinander verbunden waren.
Dass ausgerechnet ein solcher Gelehrter Kinderbücher schrieb, erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Lewis betrachtete Fantasie keineswegs als minderwertige Form des Denkens. Für ihn konnten Geschichten Fragen berühren, denen sich eine rein begriffliche Argumentation nur schwer nähert.
Dabei war sein eigener Weg zum christlichen Glauben alles andere als geradlinig. Nach dem frühen Tod seiner Mutter verlor Lewis als Jugendlicher seinen Glauben, bezeichnete sich später als Atheisten und fand erst als Erwachsener zum Christentum zurück. Seine Gespräche mit anderen Schriftstellern, darunter J. R. R. Tolkien, spielten bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle.
Mit Tolkien verband ihn nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Überzeugung, dass Mythen und fantastische Erzählungen etwas über die menschliche Existenz aussagen können, ohne deshalb historische Tatsachenberichte sein zu müssen.
Beide gehörten zum literarischen Kreis der Inklings, der sich in Oxford traf, Manuskripte diskutierte und Geschichten ernst nahm, die andernorts womöglich als bloße Unterhaltung abgetan worden wären.
Narnia ist keine heile Welt
Wer die sieben Bände der Chroniken von Narnia aufmerksam betrachtet, begegnet einer erstaunlich ungemütlichen Welt. Kinder verraten einander, Herrscher missbrauchen ihre Macht, Eitelkeit und Habgier führen ins Verderben. Selbst jene Figuren, die auf der richtigen Seite stehen, sind keineswegs vor Irrtümern geschützt.
Edmund etwa verrät in Der König von Narnia seine Geschwister für die Aussicht auf Macht und die Verlockungen der Weißen Hexe. Seine Entscheidung entspringt keiner großen Bosheit, sondern einer Mischung aus Kränkung, Neid und dem Wunsch, endlich selbst Bedeutung zu besitzen.
Lewis beschreibt damit einen Mechanismus, der keineswegs auf Märchenfiguren beschränkt ist. Menschen lassen sich selten allein durch das Böse verführen. Viel häufiger verspricht es ihnen etwas, das sie ohnehin begehren.
Auch der Löwe Aslan, die zentrale Gestalt Narnias, entzieht sich einer einfachen Einordnung. Er ist Beschützer und Richter, freundlich und furchteinflößend, vertraut und zugleich unberechenbar. Seine Nähe bedeutet keineswegs, dass den Kindern Leid oder schwierige Entscheidungen erspart bleiben.
Die christliche Symbolik ist dabei unübersehbar, besonders in Aslans Opfer und seiner Rückkehr ins Leben. Doch die Erzählungen erschöpfen sich nicht in religiösen Gleichnissen. Ihre Figuren müssen handeln, Entscheidungen treffen und deren Folgen tragen. Darin liegt ihre literarische Eigenständigkeit.
Was Kinder verstehen, müssen Erwachsene nicht erst erklären
Bemerkenswert ist, wie ernst Lewis seine jungen Figuren nimmt. Lucy besitzt keine besondere Macht, keinen gesellschaftlichen Rang und schon gar keine wissenschaftliche Autorität. Trotzdem ist sie die Erste, die Narnia entdeckt, und lange Zeit die Einzige, die an ihrer Erfahrung festhält.
Die anderen zweifeln, spotten oder suchen nach vernünftigen Erklärungen. Ausgerechnet das jüngste Kind muss lernen, dem eigenen Urteil zu vertrauen, ohne die Anerkennung der anderen sicher zu haben.
Lewis macht daraus keine einfache Geschichte über kindliche Überlegenheit. Auch Kinder können sich täuschen, grausam sein oder aus Eifersucht handeln. Doch er gesteht ihnen eine Ernsthaftigkeit zu, die Erwachsene in der Literatur seiner Zeit keineswegs immer erhielten.
Vielleicht erklärt gerade das die anhaltende Wirkung seiner Bücher. Kinder finden darin Abenteuer und geheimnisvolle Wesen, während erwachsene Leser entdecken können, wie viel menschliche Unzulänglichkeit sich zwischen den Zeilen verbirgt.
Dass Lewis seine jungen Leser nicht unterschätzte, bedeutet allerdings nicht, dass seine Bücher frei von zeitgebundenen Vorstellungen wären. Einzelne Geschlechterbilder und die Darstellung fremder Kulturen, besonders im Zusammenhang mit dem Reich Kalormen, werden heute kritisch diskutiert. Auch das gehört zur Beschäftigung mit einem Werk, das mehr als sieben Jahrzehnte überdauert hat.
Literarische Bedeutung setzt schließlich keine Unfehlbarkeit ihres Autors voraus.
Zwischen Glauben, Schmerz und Vernunft
Lewis schrieb weit mehr als die sieben Narnia-Bände. In Dienstanweisung für einen Unterteufel lässt er einen erfahrenen Dämon seinem Neffen erklären, wie Menschen möglichst unauffällig vom rechten Weg abzubringen seien. Die Versuchung erscheint hier nicht als spektakulärer Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als alltägliche Angelegenheit, die sich hervorragend mit Eitelkeit, Selbsttäuschung und Gewohnheit betreiben lässt.
In Über den Schmerz beschäftigte er sich mit der Frage, wie sich menschliches Leiden mit der Vorstellung eines guten Gottes vereinbaren lässt. Später, nach dem Tod seiner Frau Joy Davidman im Jahr 1960, schrieb er Über die Trauer, einen Text, in dem seine zuvor formulierten Überzeugungen auf die Wirklichkeit eines persönlichen Verlustes treffen.
Gerade dieser Gegensatz macht Lewis interessant. Der Mann, der über Glauben und Vernunft nachdachte, musste erleben, dass sich Trauer nicht durch eine schlüssige Argumentation beseitigen lässt.
Seine philosophischen und theologischen Schriften verlangen dem Leser nicht ab, jede seiner Schlussfolgerungen zu übernehmen. Sie zeigen vielmehr einen Autor, der sich mit Fragen auseinandersetzte, für die es keine bequemen Antworten gibt.
Warum Narnia noch immer gelesen wird
Mehr als siebzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes ist Narnia längst Teil der internationalen Literaturgeschichte. Die Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft und wiederholt für Bühne, Fernsehen und Kino adaptiert.
Mit der neuen Netflix-Verfilmung, für die Greta Gerwig verantwortlich zeichnet, rückt Lewis erneut ins öffentliche Interesse. Wie diese Neuinterpretation mit den religiösen Motiven, den historischen Eigenheiten und den moralischen Konflikten der Vorlage umgehen wird, bleibt abzuwarten.
Für die Literatur ist diese Rückkehr jedenfalls eine Gelegenheit, die Bücher noch einmal jenseits ihrer berühmten Bilder zu betrachten. Denn hinter dem verschneiten Wald, der Weißen Hexe und dem Löwen Aslan verbirgt sich ein Autor, der die menschliche Neigung zur Selbsttäuschung ebenso gut kannte wie die Sehnsucht nach Gerechtigkeit.
C. S. Lewis starb am 22. November 1963 in Oxford, genau an jenem Tag, an dem in Dallas der amerikanische Präsident John F. Kennedy ermordet wurde und auch Aldous Huxley starb. Sein Tod geriet angesichts der weltpolitischen Ereignisse weitgehend in den Hintergrund.
Seine Geschichten blieben, gerade weil der Kleiderschrank bei Lewis keine Flucht aus der Wirklichkeit ermöglicht. Wer Narnia betritt, findet dort dieselben menschlichen Schwächen wieder, denen er zuvor entkommen wollte. Nur sprechen die Tiere, die Versuchungen tragen andere Namen, und manchmal steht ein Löwe vor der Tür.
Die Entscheidungen aber muss jeder selbst treffen.