Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley

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Das berühmteste Monster der Welt trägt den falschen Namen. Bis heute nennen wir das Geschöpf »Frankenstein«, obwohl Frankenstein der Wissenschaftler ist, der es erschafft – und im entscheidenden Moment verlässt. Dieser Irrtum hat die Zeiten überdauert. Er erzählt mehr über uns als über den Roman. Wir erinnern uns an das Monster. Der Schöpfer verschwindet oft aus dem Blick.

Mary Shelley Mary Shelley Das Monster trägt den falschen Namen lesering/ KI

Am 30. August 1797 wird Mary Wollstonecraft Shelley in London geboren. Als sie gut zwanzig Jahre später Frankenstein oder Der moderne Prometheus veröffentlicht, entsteht kein Schauerroman im herkömmlichen Sinn. Mary Shelley schreibt über Verantwortung. Über die Einsamkeit des Ausgestoßenen. Und über die Frage, was geschieht, wenn der Mensch die Grenzen seines Könnens erweitert, ohne die Folgen seines Handelns mitzudenken.

Ein Roman, der den Blick verändert

Die Populärkultur hat Frankenstein zu einer Geschichte über ein Monster gemacht. Mary Shelley erzählt eine andere Geschichte.

Ihr Geschöpf ist nicht böse. Es lernt sprechen, liest Bücher, beobachtet Menschen und sehnt sich nach Nähe. Es sucht keinen Kampf. Es sucht Anerkennung. Erst als jede Tür verschlossen bleibt, schlägt Zuneigung in Verzweiflung um.

Genau hier gewinnt der Roman seine bis heute ungebrochene Aktualität.

Mary Shelley interessiert sich nicht für das Ungeheuer. Sie interessiert sich für den Blick auf das Ungeheuer. Das Fremde entsteht nicht im Labor. Es entsteht dort, wo Menschen einem anderen Menschen das Recht verweigern, dazuzugehören.

Damit verschiebt sie den Schrecken. Nicht die Schöpfung ist das eigentliche Ereignis, sondern ihre Folgen. Victor Frankenstein erschafft Leben. Sein größtes Versagen beginnt in dem Augenblick, in dem er sich von seiner eigenen Schöpfung abwendet.

Mary Shelley – Aufgewachsen zwischen Ideen und Verlust

Mary Shelley kommt in eine Familie, deren Denken ihre Zeit prägt. Ihr Vater William Godwin zählt zu den bedeutenden politischen Philosophen Englands. Ihre Mutter Mary Wollstonecraft veröffentlicht mit A Vindication of the Rights of Woman einen Text, der bis heute zu den Grundlagen der Frauenrechtsbewegung gehört.

Die Mutter stirbt wenige Tage nach Marys Geburt.

Diese Leerstelle begleitet ihr gesamtes Leben. Verlust erscheint in ihren Romanen nicht als dramatisches Ereignis. Er wirkt leiser. Er verändert Beziehungen, Entscheidungen und Biografien. Nähe wird kostbar, weil sie jederzeit verloren gehen kann.

Die Bibliothek ihres Vaters ersetzt keine Mutter. Sie eröffnet ihr jedoch einen Denkraum. Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichte und Literatur stehen dort selbstverständlich nebeneinander. Mary Shelley wächst mit der Überzeugung auf, dass Erkenntnis verschiedene Sprachen kennt. Diese Offenheit prägt ihr Schreiben bis heute.

Die Nacht am Genfersee

Der Sommer 1816 geht als »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora verdunkeln Aschewolken den Himmel über Europa. Regen und Kälte halten Mary Shelley, Percy Bysshe Shelley, Lord Byron und John Polidori tagelang in der Villa Diodati am Genfersee fest.

Byron schlägt einen Wettbewerb vor. Jeder soll eine Geistergeschichte schreiben.

Mary Shelley schreibt keine Geistergeschichte.

Sie schreibt einen Roman über Verantwortung.

Diese Entscheidung macht den Unterschied. Victor Frankenstein überschreitet die Grenze zwischen Leben und Tod. Seine wissenschaftliche Leistung steht am Anfang des Romans. Sein moralisches Scheitern bildet dessen Zentrum.

Mary Shelley erklärt diese Einsicht nicht. Sie entwickelt sie Szene für Szene. Das Geschöpf lernt Mitgefühl, lange bevor es Hass erfährt. Es hilft Menschen, sammelt Holz für eine arme Familie und beobachtet voller Hoffnung eine Welt, zu der es gehören möchte. Seine Gewalt ist keine Eigenschaft. Sie ist eine Folge.

Große Literatur besitzt die Kraft, unsere Sprache zu verändern und damit unseren Blick auf die Welt. Frankenstein hat genau das getan. Seit mehr als zweihundert Jahren sprechen wir über künstliches Leben, wissenschaftliche Verantwortung und die Grenzen des Fortschritts mit Begriffen, die Mary Shelley geprägt hat.

Der moderne Prometheus

Der Untertitel ihres Romans verweist auf Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt und dafür bestraft wird. Lange galt diese Figur als Sinnbild des Fortschritts. Mary Shelley liest den Mythos anders.

Nicht das Feuer ist gefährlich.

Gefährlich wird der Mensch, wenn er glaubt, mit der Erschaffung ende seine Verantwortung.

Deshalb wirkt Frankenstein heute erstaunlich gegenwärtig. Künstliche Intelligenz, Gentechnik oder Robotik verändern unsere Welt in rasantem Tempo. Die technischen Möglichkeiten sind neu. Die ethischen Fragen sind es nicht.

Wer Verantwortung übernimmt, wenn Neues entsteht, beschäftigt Gesellschaften seit Jahrhunderten. Mary Shelley gibt darauf keine einfachen Antworten. Sie vertraut ihren Figuren mehr als jeder These. Gerade deshalb hält ihr Roman jeder neuen Zeit stand.

Mehr als die Autorin von Frankenstein

Der Welterfolg ihres ersten Romans hat den Blick auf ihr übriges Werk lange verstellt.

Mit The Last Man veröffentlicht Mary Shelley 1826 einen Roman über eine Pandemie, die die Menschheit fast vollständig auslöscht. Heute wird dieses Werk häufig im Schatten von Frankenstein wiederentdeckt. Zu Recht. Es erzählt nicht nur vom Ende einer Zivilisation, sondern von der Frage, was Menschen miteinander verbindet, wenn vertraute Ordnungen zerbrechen.

Auch Valperga, Lodore und Falkner zeigen eine Autorin, die historische Stoffe nutzt, um über Freiheit, Macht und gesellschaftliche Rollen nachzudenken. Nach dem Tod ihres Mannes Percy Bysshe Shelley widmet sie sich außerdem der Herausgabe seiner Werke. Ohne ihre editorische Arbeit wäre ein wesentlicher Teil seines dichterischen Nachlasses kaum in dieser Form erhalten geblieben.

Mary Shelley war weit mehr als die Autorin eines einzigen Romans. Sie gehörte zu den klügsten literarischen Stimmen ihrer Epoche.

Ein Geburtstag, der in unsere Gegenwart reicht

Jede Generation liest Frankenstein anders, weil jede Generation andere Fragen an die Welt stellt.

Im 19. Jahrhundert war der Roman eine düstere Vision wissenschaftlicher Grenzüberschreitung. Im 20. Jahrhundert wurde er zum Mythos des Horrorfilms. Heute lesen wir ihn als Erzählung über Verantwortung, Ausgrenzung und die Folgen technischen Fortschritts.

Nur wenige Bücher verändern ihre Gestalt, ohne ihren Kern zu verlieren.

Mary Shelley hat keinen Roman über ein Monster geschrieben. Sie hat einen Roman darüber geschrieben, was geschieht, wenn Macht sich von Verantwortung trennt. Darin liegt seine ungebrochene Aktualität.

Dass wir bis heute den falschen Namen erinnern, bleibt eine der stillen Ironien der Literaturgeschichte. Der Irrtum entlastet den Schöpfer und belastet das Geschöpf. Mary Shelley hat diese Umkehr bereits 1818 beschrieben. Seitdem holt die Wirklichkeit ihren Roman immer wieder ein.

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