Janosch ist tot – Die Sehnsucht nach Panama bleibt

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Janosch ist tot. Am 3. November 2026 starb der Schriftsteller und Zeichner im Alter von 95 Jahren auf Teneriffa. Er hinterlässt Tiger und Bär, die Tigerente und ein Panama, das auf keiner Landkarte zu finden ist. Seine Geschichten gehören längst zum literarischen Gedächtnis mehrerer Generationen. Dabei war die Welt, aus der sie hervorgingen, alles andere als freundlich.

Janosch bei der Poetentaler-Verleihung 2002 Janosch bei der Poetentaler-Verleihung 2002 Dieter Schnöpf-wikipedia

Es ist eine merkwürdige Sache mit dem Glück. Man sucht es, macht sich auf den Weg, nimmt allerhand Mühen auf sich und stellt am Ende fest, dass es möglicherweise die ganze Zeit dort gewesen ist, wo man aufgebrochen war. Janosch hat aus dieser alten menschlichen Erfahrung eine Geschichte gemacht, die Kinder verstehen und Erwachsene mit zunehmendem Alter immer besser begreifen.

1978 schickte er den kleinen Tiger und den kleinen Bären nach Panama. Eine Holzkiste, die nach Bananen roch, hatte ihre Sehnsucht geweckt. Panama musste ein wunderbares Land sein, schöner jedenfalls als alles, was sie kannten. Also brachen sie auf, begegneten anderen Tieren, verloren die Orientierung und fanden schließlich ein Haus, das ihnen so gut gefiel, dass sie beschlossen zu bleiben.

Es war ihr eigenes.

Man könnte darüber lachen, und natürlich soll man das auch. Aber in dieser kleinen Geschichte steckt eine ziemlich große Erkenntnis über den Menschen, der dem Vertrauten erst fremd werden muss, um seinen Wert wieder zu erkennen.

Ein Mann, dem die Kindheit wenig Geborgenheit bot

Janosch wurde am 11. März 1931 als Horst Eckert in Hindenburg, dem heutigen Zabrze in Oberschlesien, geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, erlebte Gewalt in der Familie und einen Vater, dessen Alkoholismus die Kindheit überschattete. Der Krieg und die Nachkriegszeit taten ihr Übriges.

Wer diese Biografie kennt, liest seine Kinderbücher anders. Denn die Wärme, die Janosch seinen Figuren zugestand, war keineswegs die selbstverständliche Fortsetzung eigener Erfahrungen. Sie erscheint vielmehr wie ein Gegenentwurf zu einer Welt, in der Kinder wenig zu bestimmen hatten und Erwachsene ihre Macht nicht immer zum Guten gebrauchten.

Seine Tiere durften schwach sein, Fehler machen, sich fürchten und aufeinander angewiesen bleiben. Der kleine Tiger musste nicht tapfer sein, wenn er krank war. Der kleine Bär musste keine großen Reden halten, um seinem Freund zu helfen. Es genügte, dass er da war.

Janosch traute seinen jungen Lesern zu, solche Zusammenhänge zu begreifen, ohne ihnen die dazugehörige Moral gleich mitzuliefern. Das unterscheidet gute Kinderliteratur von jener pädagogischen Betriebsamkeit, die Kindern unablässig erklären möchte, wie sie zu leben haben.

Hinter der Tigerente stand ein anderer Janosch

Die ungeheure Popularität seiner Kinderbücher hat den Blick auf sein übriges Werk mitunter verstellt. Janosch war auch ein Schriftsteller für Erwachsene, ein genauer Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und ein Künstler, dessen Humor durchaus grausam werden konnte.

In Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm wandte er sich seiner oberschlesischen Herkunft zu. Der Roman erzählt von einer Welt, in der Armut, Gewalt, Religion und gesellschaftliche Abhängigkeiten das Leben bestimmen. Hier gibt es wenig von jener Behaglichkeit, die man gewöhnlich mit dem Namen Janosch verbindet. Dafür begegnet man einem Autor, der den Menschen ziemlich genau kennt und wenig Anlass sieht, ihn zu idealisieren.

Vielleicht gehören diese beiden Seiten seines Werkes enger zusammen, als es zunächst scheint. Wer die menschliche Grausamkeit kennt, weiß schließlich auch, welchen Wert eine kleine Geste der Freundlichkeit haben kann.

Und dann war da noch die Tigerente. Eine einfache Zeichnung, gelb und schwarz gestreift, auf Rädern, von geradezu verblüffender Wiedererkennbarkeit. Sie wurde zu einem der bekanntesten Motive der deutschen Kinderbuchwelt und fand ihren Weg auf unzählige Gebrauchsgegenstände.

Ausgerechnet ein Künstler, der in seinen Geschichten so wenig Wert auf Besitz legte, schuf damit eine Figur, die sich hervorragend vermarkten ließ. Auch das gehört zu Janoschs Geschichte, wenngleich es über seine Literatur wenig aussagt.

Die Kunst, das Einfache nicht zu vereinfachen

Janoschs Bücher leben von einer Sprache, die sich nicht wichtiger macht als das, was sie erzählt. Seine Figuren sprechen miteinander, stellen Fragen, irren sich und kommen zu Einsichten, die nicht unbedingt von Dauer sein müssen. Am nächsten Tag kann die Welt schon wieder ganz anders aussehen.

Darin liegt etwas Tröstliches, ohne dass seine Geschichten deshalb harmlos wären. Freundschaft schützt nicht vor Krankheit, und auch ein schönes Zuhause bewahrt niemanden vor der Sehnsucht nach der Ferne. Janosch wusste, dass sich solche Widersprüche nicht auflösen lassen. Er ließ seine Figuren mit ihnen leben.

Seit den 1980er-Jahren lebte er zurückgezogen auf Teneriffa, weit entfernt von jener Öffentlichkeit, die seine Figuren in Deutschland begleiteten. Seine Bücher blieben unterdessen in den Kinderzimmern, wurden vorgelesen, weitergegeben und irgendwann von Menschen wieder zur Hand genommen, die sie längst zu kennen glaubten.

Am 3. November 2026 ist Janosch gestorben. Seine Geschichten werden bleiben, nicht allein wegen ihrer liebenswerten Figuren, sondern weil sie etwas über den Menschen erzählen, das sich mit dem Erwachsenwerden nicht erledigt.

Die Sehnsucht nach Panama zum Beispiel.

Und die seltsame Angewohnheit, erst die halbe Welt durchqueren zu müssen, bevor man das eigene Zuhause erkennt.

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