Am 3. November 2001 starb Thomas Brasch in Berlin. Er war 56 Jahre alt. Als Lyriker ist ihm gelungen, was nur wenigen Dichtern vergönnt ist: Er hat einen Anker in die deutsche Sprache geworfen. Und so ist er immer noch da, in Versen, die sich festgesetzt haben, weil sie etwas vom Menschen erzählen, das mit seinem Tod nicht verschwunden ist.
„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
Es ist ein merkwürdiger Wunsch, den Thomas Brasch da formuliert. Wie soll einer bleiben, wo er noch nie gewesen ist? Die Logik widerspricht, die menschliche Erfahrung kennt diesen Zustand nur zu gut. Man kann sich nach einem Ort sehnen, den man nicht kennt, an einem Leben hängen, das man längst verlassen wollte, und etwas vermissen, das man nie besessen hat. Brasch brauchte dafür keine philosophische Abhandlung. Ihm genügte ein Vers.
Seit fünfundzwanzig Jahren ist er tot. Solche Jahrestage haben die unangenehme Eigenschaft, einem Leben nachträglich eine Ordnung zu geben, die es zu Lebzeiten selten besaß. Man zählt die Jahre, benennt die Werke, erinnert an politische Konflikte und erklärt schließlich, weshalb jemand nicht vergessen werden sollte. Bei Thomas Brasch ist das besonders schwierig, denn seine Biografie lässt sich kaum erzählen, ohne zugleich ein Stück deutscher Geschichte aufzuschlagen. Und doch wäre es ein Fehler, ihn darin einzuschließen.
Seine Gedichte haben die politischen Verhältnisse, aus denen sie entstanden, längst überdauert. Sie sprechen von etwas, das sich weder mit dem Ende der DDR noch mit dem Wechsel eines Jahrhunderts erledigt hat: von der Schwierigkeit, mit sich selbst und der Welt zurechtzukommen, ohne die eigenen Widersprüche zu verleugnen.
Zwischen den Vätern und den Söhnen
Thomas Brasch wurde 1945 im englischen Exil als Sohn jüdischer Emigranten geboren. Nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland machte sein Vater Horst Brasch Karriere in der DDR, deren sozialistisches Gesellschaftsmodell ihm nach der Erfahrung des Nationalsozialismus eine politische Heimat bot. Der Sohn wuchs mit diesen Überzeugungen auf, doch aus der Hoffnung der Väter wurde für ihn zunehmend eine Auseinandersetzung mit deren Wirklichkeit.
1968 protestierte Brasch mit Flugblättern gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Er wurde verhaftet, verurteilt und musste nach seiner Entlassung in einem Berliner Transformatorenwerk arbeiten. 1976 verließ er mit Katharina Thalbach und deren Tochter Anna die DDR und ging nach Westberlin. Ein Jahr später erschien sein Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“.
Schon dieser Titel erzählt von einem Konflikt, der weit über die politische Geschichte der DDR hinausreicht. Die Väter hatten eine Vorstellung davon, wie die Welt beschaffen sein sollte, und die Söhne mussten in der Welt leben, die daraus geworden war. Dass beide Seiten dabei ihre Gründe hatten, machte die Sache nicht einfacher.
Brasch gehörte zu jenen Schriftstellern, denen die deutsche Teilung eine Biografie aufzwang, ohne ihnen deshalb eine eindeutige Zugehörigkeit zu schenken. Im Osten war er unbequem geworden, im Westen wollte er sich nicht als Kronzeuge gegen den Sozialismus vereinnahmen lassen. Er hatte die DDR verlassen, aber damit weder seine Herkunft noch die Menschen hinter sich gelassen, die zu ihr gehörten.
Man kann eine Grenze überschreiten, einen Wohnort wechseln, sich von politischen Überzeugungen lossagen. Die eigene Geschichte reist trotzdem mit. Und gelegentlich sitzt sie einem schon gegenüber, bevor man selbst angekommen ist.
Das Aber gehört zum Menschen
Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Kraft seiner Lyrik. Brasch versuchte nicht, die Widersprüche des Lebens durch schöne Worte erträglicher zu machen. Er ließ sie stehen, betrachtete sie von verschiedenen Seiten und fand eine Sprache, in der sie nebeneinander bestehen konnten.
Der Vers „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ steht am Ende eines Gedichts, das von Wünschen und ihren Gegenkräften lebt. Immer wieder stellt sich dem Verlangen ein Aber entgegen. Was man behalten möchte, verträgt sich nicht unbedingt mit dem, was man verändern muss. Die Liebe kann ebenso ein Grund zum Bleiben sein wie einer zum Fortgehen. Und selbst die Freiheit, nach der man sich sehnt, verlangt ihren Preis.
Das Bemerkenswerte daran ist die Einfachheit der Worte. Brasch benötigt keine kunstvolle Verschlüsselung, um einen komplizierten Gedanken hervorzubringen. Seine Sprache bleibt nah am Menschen, gerade dort, wo dessen Denken unübersichtlich wird.
Wer liebt, möchte bewahren. Wer unglücklich ist, möchte verändern. Wer geht, verliert etwas, und wer bleibt, verzichtet womöglich auf etwas anderes. Das lässt sich nicht immer vernünftig auflösen, schon gar nicht durch jene Entschiedenheit, die Menschen gern von anderen verlangen und selbst nur selten aufbringen.
Brasch wusste offenbar, dass der Mensch kein widerspruchsfreies Wesen ist. Seine Gedichte versuchen deshalb auch nicht, ihn zu einem solchen zu erziehen. Sie geben dem Zweifel einen Platz, ohne ihn gleich zur Schwäche zu erklären.
Ein Anker in der deutschen Sprache
Es gibt Dichter, deren Verse man bewundert, und solche, deren Worte irgendwann zum eigenen Denken gehören. Thomas Brasch gehört für mich zu den Letzteren.
Seine Lyrik besitzt jene seltene Genauigkeit, die nicht darin besteht, alles zu erklären, sondern etwas so auszusprechen, dass man es nicht mehr vergisst. Ein Gedanke, den man selbst nur undeutlich kannte, bekommt plötzlich eine sprachliche Gestalt. Und von da an ist er verfügbar, manchmal über Jahrzehnte hinweg.
Darin liegt der Anker, den Brasch in die deutsche Sprache geworfen hat. Er hält nicht an einem bestimmten politischen Ort, nicht an Ostberlin und auch nicht an der alten Bundesrepublik. Und doch ist Ostberlin in diesen Versen noch immer gegenwärtig, mit seinen Hoffnungen, seinen Zumutungen, seiner eigentümlichen Nähe von Aufbruch und Enttäuschung.
Die Stadt hat sich verändert, die Mauer ist verschwunden, die politischen Gewissheiten von damals sind längst Gegenstand historischer Betrachtungen. Aber die Fragen, die Brasch beschäftigten, haben sich dadurch nicht erledigt. Was schuldet man seiner Herkunft? Wie viel Vergangenheit trägt ein Mensch mit sich? Und wann wird aus dem Wunsch nach Freiheit eine neue Form der Unbehaustheit?
Dass seine Gedichte solche Fragen aufwerfen, ohne fertige Antworten mitzuliefern, macht sie bis heute lesenswert. Sie vertrauen darauf, dass der Leser selbst denken kann. Eine Höflichkeit, die in der Gegenwart nicht gerade selbstverständlich geworden ist.
Was von Thomas Brasch bleibt
Auf Lesering haben wir uns bereits mit seinem Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und der 2025 erschienenen Prosasammlung „Du mußt gegen den Wind laufen“ beschäftigt. Beide Bücher zeigen einen Autor, der sich weder politisch noch literarisch bequem einrichten wollte.
Wer ihm vor allem als Lyriker begegnen möchte, findet in den von Martina Hanf und Kristin Schulz herausgegebenen gesammelten Gedichten „Die nennen das Schrei“ einen Zugang zu diesem Werk. Es ist eine Lyrik, die sich nicht mit dem Anspruch auf Zeitlosigkeit schmückt und gerade deshalb ihre Zeit überdauert.
Fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod ist Thomas Brasch längst Teil der deutschen Literaturgeschichte. Dort steht er neben anderen Autoren, deren Lebenswege von Krieg, Exil, deutscher Teilung und politischen Enttäuschungen geprägt wurden. Man kann ihn einordnen, wissenschaftlich untersuchen und seine Werke in den Zusammenhang ihrer Entstehung stellen.
Nur ist das nicht der Grund, weshalb man einen Dichter wieder aufschlägt.
Man liest Brasch, weil da noch immer ein Satz steht, an dem man hängen bleibt. Weil sich in wenigen Worten etwas findet, das man selbst längst gedacht, aber nie so sagen konnte. Und weil ein Mensch, der vor fünfundzwanzig Jahren gestorben ist, auf diese Weise noch immer anwesend sein kann.
„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
Thomas Brasch hat diesen unmöglichen Wunsch in die Sprache geschrieben. Dort ist er geblieben.
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