Gotthold Ephraim Lessing: „Miß Sara Sampson“ – Tränen hinter dünnen Wänden

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Ein Gasthof besitzt keine wirkliche Privatheit. Schritte ziehen über den Flur, Türen schließen nicht ganz, Bedienstete wissen mehr, als sie sagen dürfen, und jedes Zimmer scheint das Geräusch des Nachbarzimmers mitzuvermieten. In eine solche vorläufige Welt setzt Lessing sein 1755 erschienenes Trauerspiel „Miß Sara Sampson“. Die Katastrophe ereignet sich nicht im Thronsaal, sondern zwischen Reisegepäck, Briefen und schlecht bewachten Türen.

Miß Sara Sampson: Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen Miß Sara Sampson: Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing (Autor), Axel Schmitt (Kommentator) Suhrkamp Verlag

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Miß Sara Sampson: Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen (Suhrkamp BasisBibliothek)

Sara ist mit ihrem Geliebten Mellefont geflohen und wartet auf die Heirat, die er immer wieder verzögert. Ihr Vater Sir William Sampson reist ihr nach, nicht um sie zu bestrafen, sondern um Versöhnung anzubieten. Zugleich erscheint Marwood, Mellefonts ehemalige Geliebte und Mutter seiner Tochter Arabella. Aus dieser Konstellation entwickelt Lessing ein Drama, das für das deutsche bürgerliche Trauerspiel wegweisend wurde. Universität Bielefeld

Die Familie betritt die Tragödie

„Miß Sara Sampson“ verlegt das Tragische aus der politischen Öffentlichkeit in die intime Sphäre. Nicht Staaten gehen unter, sondern Bindungen. Die entscheidenden Mächte heißen Scham, Vergebung, Begehren und väterliche Liebe. Dabei meint „bürgerlich“ weniger eine genaue soziale Klassenbezeichnung als eine neue Art des Fühlens: Das Private erhält öffentliche Bühnenwürde.

Lessing setzt auf Mitleid als moralische Erfahrung. Die Zuschauenden sollen nicht ehrfürchtig zu heroischen Figuren aufblicken, sondern sich in verwundbaren Menschen wiedererkennen. Das Verfahren kann für heutige Ohren ausgiebig sein. In diesem Gasthof wird kein Schmerz abgereist, bevor er sich noch einmal ausführlich erklärt hat. Doch die Empfindsamkeit ist nicht bloß Dekoration; sie bildet den Konfliktstoff selbst.

Mellefonts Aufschub

Mellefont ist kein dämonischer Verführer. Gerade seine Schwäche macht ihn gefährlich. Er liebt Sara, ohne die Konsequenzen seiner Liebe tragen zu können, und behandelt Entscheidungen wie unangenehme Rechnungen, die durch Liegenlassen vielleicht an Verbindlichkeit verlieren. Sein Zögern schafft den Raum, in dem Marwood handeln kann.

Sara wiederum ist nicht allein das tugendhafte Opfer, als das die Dramaturgie sie zunächst anbietet. Ihre Schuldgefühle, ihre Sehnsucht nach dem Vater und ihre Bereitschaft zur Vergebung verleihen ihr eine innere Aktivität, die über bloßes Erleiden hinausgeht. Sie versucht, eine moralische Ordnung wiederherzustellen, während die äußere bereits zusammenbricht.

Marwoods kalte Klarheit

Die stärkste Figur ist Marwood. Lessing zeichnet sie als rachsüchtige Gegenspielerin, gibt ihr aber eine Schärfe, die den tugendhaften Figuren fehlt. Sie kennt Mellefonts Unbeständigkeit, durchschaut die ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Nachsicht und weigert sich, lautlos aus der Geschichte entfernt zu werden. Dass sie Sara vergiftet, macht sie zur Täterin; dass ihre Wut Gründe besitzt, macht sie unbequem.

Nach Saras Tod ersticht sich Mellefont. Sir William nimmt Arabella an Kindes statt an. Vergebung erscheint damit nicht als glückliche Lösung, sondern als letzter Versuch, dem angerichteten Schaden eine menschliche Form zu geben.

Das Geräusch der Empfindsamkeit

Das Stück verlangt Geduld mit seiner Tränensprache und seinen moralischen Erörterungen. Wer sie aufbringt, entdeckt jedoch kein rührseliges Museumsstück, sondern ein präzises Drama über männlichen Aufschub, weibliche Abhängigkeit und die Kosten verspäteter Verantwortung.

Am Ende ist der Gasthof wieder nur ein Ort für Durchreisende. Doch hinter einer seiner dünnen Türen hat die deutsche Tragödie gelernt, wie laut das Private werden kann.

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