Ein vergifteter Kunstgutachter, ein wertvolles Gemälde und eine Adelsfamilie, die offenbar mehr Geheimnisse hütet, als ihr lieb sein kann: Mit seinem Kriminalroman „Die Gräfin, das Gemälde und ein Tropfen Gift“ hat Simon Geraedts den Kindle Storyteller Award 2026 gewonnen. Die Auszeichnung wurde am 4. November in München verliehen. Erstmals vergab die Jury außerdem einen Sonderpreis für ein literarisches Debüt.
Ein guter Kriminalroman braucht nicht zwingend einen düsteren Schauplatz. Manchmal genügt eine Insel, auf der die Verhältnisse überschaubar erscheinen und die Menschen einander besser zu kennen glauben, als es ihnen guttut. Simon Geraedts hat seinen Mordfall auf Rügen angesiedelt und verbindet in „Die Gräfin, das Gemälde und ein Tropfen Gift“ die vertrauten Zutaten eines klassischen Rätselkrimis mit Humor und einer gehörigen Portion adeliger Verwicklungen.
Kurz vor der Versteigerung eines wertvollen Gemäldes wird ein Kunstgutachter tot aufgefunden. Bald steht fest, dass er vergiftet wurde. Die Ermittlungen führen in eine Adelsfamilie, deren Vergangenheit offenbar einige unangenehme Wahrheiten bereithält. Wer den Gutachter aus dem Weg räumen wollte und welche Rolle das Gemälde dabei spielt, wird zum Gegenstand eines Kriminalfalls, der seine Spannung aus den Beziehungen der Verdächtigen bezieht.
Für die Jury war es vor allem die erzählerische Gestaltung, die den Ausschlag gab. Jurymitglied und Autorin Saskia Louis würdigte die Liebe zum Detail, die Figurenzeichnung und die dichte Atmosphäre des Romans. Sie bezeichnete das Buch als „Ein Cosy Crime zum Miträtseln und Mitlachen“.
17.500 Euro für den Gewinner
Der Kindle Storyteller Award wurde in diesem Jahr zum zwölften Mal vergeben. Tausende selbstveröffentlichte Bücher waren über Amazons Plattform Kindle Direct Publishing (KDP) eingereicht worden. Die Preisverleihung fand am 4. November im Münchner Künstlerhaus statt, moderiert von Literaturexperte Günter Keil.
Für Simon Geraedts ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von 17.500 Euro verbunden. Der Autor zeigte sich nach der Verleihung bewegt und verwies darauf, dass ihm die Veröffentlichung über KDP ermöglicht habe, seine Geschichte mit einem internationalen Publikum zu teilen.
Auch die übrigen Finalistinnen dürfen sich über eine konkrete Perspektive freuen: Alle drei Finalteilnehmer erhalten ein Angebot zur Veröffentlichung ihres Buches bei Amazon Publishing.
Ein Sonderpreis für Avel und „TEUFE“
Eine Premiere gab es bei der diesjährigen Preisverleihung ebenfalls. Zum ersten Mal zeichnete Amazon mit einem zusätzlichen Sonderpreis ein literarisches Debüt aus. Die mit 2.500 Euro dotierte Auszeichnung ging an Avel für ihr Buch „TEUFE: Der Berg vergisst nicht“.
Mit dem neuen Preis sollen insbesondere Autorinnen und Autoren berücksichtigt werden, die am Anfang ihrer schriftstellerischen Laufbahn stehen. Amazon plant, die Auszeichnung künftig als eigenständigen Preis zu etablieren.
Drei Romane, drei unterschiedliche Erzählwelten
Bereits die Shortlist des Kindle Storyteller Awards 2026 zeigte, wie unterschiedlich die Geschichten ausfallen können, die abseits traditioneller Verlagsstrukturen entstehen.
Mit „Sonnig mit Aussicht auf Gegenwind“ schickte Franziska Erhard eine romantische Sommerkomödie ins Rennen. Ihre Protagonistin Ina landet nach einer missglückten Urlaubsbuchung allein in Südfrankreich und erlebt dort eine Reise, die anders verläuft als geplant.
Ella Wünsche widmet sich in „Die Widmung des Buchhändlers“ einer Familiengeschichte, in der ein altes Foto zum Ausgangspunkt einer Spurensuche wird. Eine Großmutter und ihre Enkelin folgen den Spuren einer verbotenen Liebe und einer lange verschwiegenen Herkunft bis nach Südfrankreich.
Der spätere Gewinner Simon Geraedts setzte dagegen auf einen Kriminalroman, der die klassische Frage nach dem Täter mit einer Familiengeschichte und dem Schauplatz Rügen verbindet.
Die Entscheidung traf eine vierköpfige Jury aus Jobst-Ulrich Brand, Ressortleiter Kultur und Leben beim Focus, der Autorin Saskia Louis, dem Buch-Influencer Thomas Becker und Christine Harrasser, die bei Kindle Direct Publishing in Deutschland für Autoren- und Agenturbeziehungen verantwortlich ist. Neben literarischen Kriterien wie Originalität, Stil und Figurenentwicklung flossen auch Bestseller-Rankings und die Resonanz der Leserschaft in die Auswahl ein.
Selfpublishing zwischen literarischer Freiheit und Markterfolg
Der Kindle Storyteller Award ist zugleich ein Beispiel dafür, wie sich die Wege zur Veröffentlichung verändert haben. Wer heute einen Roman schreibt, muss nicht mehr zwingend einen Verlag finden, um Leser zu erreichen. Plattformen wie Kindle Direct Publishing ermöglichen die eigenständige Veröffentlichung, überlassen den Schreibenden allerdings auch einen erheblichen Teil jener Aufgaben, die traditionell ein Verlag übernimmt.
Dass bei der Preisvergabe neben literarischen Kriterien auch Verkaufszahlen und Leserreaktionen berücksichtigt werden, gehört zu diesem Modell. Literarische Qualität und kommerzieller Erfolg werden damit gemeinsam bewertet, obwohl sie keineswegs dasselbe sind.
Für die drei Finalisten eröffnet der Wettbewerb nun ausgerechnet den Weg zu einem Verlag, wenn auch zu einem, der selbst zum Amazon-Konzern gehört. Die Grenzen zwischen unabhängiger Veröffentlichung und klassischem Verlagsgeschäft sind längst durchlässig geworden.
Für Simon Geraedts hat sich dieser Weg jedenfalls ausgezahlt. Sein Kriminalroman über einen Mord auf Rügen hat ihm nicht nur den diesjährigen Literaturpreis eingebracht, sondern auch eine größere Öffentlichkeit. Und damit etwas, das sich für Bücher bekanntlich nicht erzwingen lässt: Aufmerksamkeit.
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