Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“ – Der Augenblick und sein Nachleben

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Im Museum wird es gegen Abend still. Das Licht streift über einen marmornen Arm, bleibt in einer Falte hängen und lässt ein Gesicht für einen Augenblick lebendiger erscheinen, als einem Stein eigentlich gestattet sein sollte. Vor der Laokoon-Gruppe, jenem berühmten antiken Geflecht aus Körpern, Schlangen und Schmerz, beginnt Gotthold Ephraim Lessing seine Untersuchung. Doch lange bleibt er nicht ehrfürchtig stehen. Lessing betrachtet Kunstwerke ungern mit gefalteten Händen; er möchte wissen, was sie können, was sie nicht können und weshalb beides kein Unglück ist.

Laokoon / Briefe, antiquarischen Inhalts: Text und Kommentar Laokoon / Briefe, antiquarischen Inhalts: Text und Kommentar von Wilfried Barner (Herausgeber), Gotthold Ephraim Lessing (Autor) Deutscher Klassiker Verlag

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Laokoon / Briefe, antiquarischen Inhalts: Text und Kommentar (DKV Taschenbuch)

1766 erschien der erste Teil des „Laokoon“, dessen vollständiger Titel bereits das Programm nennt: Es geht um die Grenzen von Malerei und Poesie. Die Schrift wurde zu einem Grundtext moderner Ästhetik und Medientheorie. Lessing unterscheidet räumlich nebeneinander angeordnete Zeichen der bildenden Kunst von den zeitlich aufeinanderfolgenden Zeichen der Dichtung. Körper seien daher der bevorzugte Gegenstand der Malerei, Handlungen derjenige der Poesie. Diese bekannte Unterscheidung ist freilich beweglicher, als ihre schulbuchhafte Kurzfassung vermuten lässt. Deutsche Biographie

Der Mund im Marmor

Ausgangspunkt ist die Frage, weshalb der leidende Laokoon in der antiken Skulptur nicht mit weit geöffnetem Mund schreit. Lessing widerspricht der Vorstellung, dies beweise vor allem die seelische Größe der Griechen. Der Bildhauer müsse vielmehr bedenken, dass ein zum Schrei verzerrter Mund im dauerhaft festgehaltenen Augenblick leicht hässlich oder lächerlich wirke. Was in einer zeitlich fortschreitenden Dichtung erschüttern kann, steht im Marmor sehr lange herum.

Damit verschiebt Lessing die Debatte von der Moral zum Medium. Kunst ist für ihn keine bloße Übersetzung desselben Inhalts in verschiedene Materialien. Jede Gattung erzeugt ihre eigenen Möglichkeiten, ihre eigenen Zumutungen und ihre eigene Schönheit. Die bildende Kunst muss den fruchtbaren Augenblick wählen, in dem Vergangenheit und Zukunft mitgedacht werden können; die Dichtung darf eine Handlung entfalten, statt Inventarlisten zu liefern.

Ein Kritiker in Bewegung

Der „Laokoon“ ist keine makellos aufgeräumte Systemschrift. Lessing prüft Beispiele aus Homer, Vergil, Sophokles und der Kunstgeschichte, verfolgt Einwände, nimmt Umwege und kehrt mit neuer Schärfe zurück. Gerade darin liegt der Reiz. Man sieht einem Denken bei der Arbeit zu, das nicht so tut, als habe es seine Ergebnisse bereits vor Beginn der Untersuchung ordentlich abgeheftet.

Sein Ton ist kämpferisch, doch selten schwerfällig. Lessing kann einen Irrtum behandeln, als müsse lediglich ein schlecht sitzender Stuhl zurechtgerückt werden. Hinter der Eleganz steht allerdings ein entschiedener Anspruch: Kunst soll nicht danach beurteilt werden, wie gut sie eine andere Kunst nachahmt.

Grenzen, die Räume öffnen

Heute lassen sich Lessings Trennlinien nicht unverändert übernehmen. Film, Comic, Hörspiel oder digitale Bildwelten verbinden Raum und Zeit auf Arten, die sein Modell überschreiten. Gerade deshalb bleibt die Schrift anregend. Sie erinnert daran, dass jedes Medium Bedeutung nicht nur transportiert, sondern formt.

Wer den „Laokoon“ liest, erhält keine endgültige Landkarte der Künste. Man bekommt etwas Nützlicheres: einen geschärften Blick für ihre unterschiedlichen Bewegungen. Wenn im Museum am Abend das Licht vom Marmor weicht, ist der dargestellte Augenblick längst nicht vorüber. Er setzt sich im Denken fort.

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