„Die Pflege trägt viele Kasacks“: Wenn die Angst vor dem Altwerden aus dem Pflegealltag kommt

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Es ist ein schmales Buch, doch Hilja Frey hat auf seinen sechzig Seiten Erfahrungen zusammengetragen, die weit über das hinausgehen, was sich zwischen zwei Buchdeckeln leicht verarbeiten lässt. Die Altenpflegerin erzählt von Vernachlässigung, Machtmissbrauch, Medikamentendiebstahl und einem Berufsalltag, in dem Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, ihre Würde zu verlieren drohen. „Die Pflege trägt viele Kasacks“ ist ein eindringlicher Erfahrungsbericht über die Verletzlichkeit des Menschen und die Verantwortung derjenigen, denen er anvertraut ist.

Die Pflege trägt viele Kasacks Die Pflege trägt viele Kasacks Hilja Frey Independently published

Eine alte Frau liegt im Bett, als die Pflegehelferin das Zimmer betritt, die Rollläden hochzieht und das Fenster öffnet. Sie beginnt mit der morgendlichen Versorgung, ohne der demenzkranken Bewohnerin ausreichend Zeit zu lassen, sich zu orientieren. Hilja Frey ist neu in der Einrichtung und beobachtet, wie selbstverständlich über den Körper eines anderen Menschen verfügt wird, während dessen eigene Bedürfnisse kaum Beachtung finden. Die Kollegin nennt diese Art der Versorgung ihre „Waschstraße“.

Es ist eine jener Szenen, die keine große Zuspitzung benötigen, weil bereits der beiläufige Umgang mit einem hilflosen Menschen genügend über das Verhältnis zwischen Pflegenden und Gepflegten erzählt. Frey macht daraus den Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit einem Beruf, den sie erlernt hat, um Menschen zu helfen, und dessen Alltag ihr zunehmend Angst macht.

Wenn Fürsorge zur Frage der Macht wird

Auf sechzig Seiten versammelt Frey Erlebnisse aus ihrer Ausbildung und verschiedenen beruflichen Stationen. Sie berichtet von Pflegebedürftigen, die nachts nicht ausreichend versorgt worden sein sollen, von Mobbing unter Kollegen, vom mutmaßlichen Diebstahl verschreibungspflichtiger Medikamente und von Entscheidungen auf Leitungsebene, bei denen wirtschaftliche Interessen schwerer gewogen haben sollen als die Bedürfnisse der Betroffenen.

Besonders bedrückend ist die Geschichte eines schwer pflegebedürftigen Mannes, dessen Versorgung nach Freys Schilderung durch ungeklärte Zahlungen gefährdet wurde. Eine Vorgesetzte soll darauf hingewirkt haben, ihn nach einem Sturz ins Krankenhaus bringen zu lassen, damit er nicht in die Einrichtung zurückkehren müsse. Der Mann kam später tatsächlich ins Krankenhaus, baute dort nach Darstellung der Autorin gesundheitlich ab und erhielt erst nach längerer Zeit einen neuen Pflegeplatz.

An dieser Episode wird deutlich, worauf Frey immer wieder zurückkommt: Pflege findet in einem wirtschaftlich organisierten System statt, dessen Entscheidungen Menschen treffen, die selbst nicht diejenigen sind, die deren Folgen unmittelbar ertragen müssen. Die Frage nach der Verantwortung endet deshalb nicht an der Tür des Krankenzimmers, sondern reicht bis in die Büros derjenigen, die über Personal, Zeit und finanzielle Mittel entscheiden.

Viel Empörung auf engem Raum

Frey schreibt nicht mit der Distanz einer Beobachterin, sondern aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, die jede Seite durchzieht. Ihre Erfahrungen haben sich zu einer grundsätzlichen Enttäuschung verdichtet, und die Frage, ob sie eines Tages selbst auf die Hilfe solcher Menschen angewiesen sein könnte, steht über nahezu allen Episoden.

Die einzelnen Kapitel folgen keiner konsequenten zeitlichen Ordnung, sondern einer inneren Dringlichkeit. Beobachtungen gehen in Bewertungen über, persönliche Erinnerungen werden zu grundsätzlichen Fragen nach Verantwortung und Menschlichkeit. Nicht immer gelingt es der Autorin, ihre Empörung sprachlich zu zügeln. Manche Gedanken wiederholen sich, einzelne Szenen hätten durch eine knappere Darstellung sogar an Wirkung gewonnen.

Doch gerade diese Unruhe verrät auch etwas über den Ursprung des Buches. Hier schreibt keine Autorin, die sich ein gesellschaftliches Thema gesucht hat, sondern eine Frau, die offenbar Erfahrungen mit sich herumträgt, für die sie einen Ausdruck finden muss. Ihr Text bewegt sich deshalb zwischen Erinnerung, Anklage und dem Versuch, andere Menschen für das zu sensibilisieren, was sich hinter den Türen von Pflegeeinrichtungen abspielen kann.

Was bleibt, wenn niemand mehr Zeit hat?

Besonders eindringlich wird das Buch dort, wo Frey bei einem einzelnen Menschen bleibt. Etwa bei der Schilderung einer Auszubildenden, die auf einer Station mit zahlreichen Bewohnern weitgehend allein Verantwortung trägt und einen medizinischen Notfall erlebt, an dessen Ende eine Frau stirbt. Dass anschließend niemand das Gespräch mit ihr sucht, beschäftigt die Erzählerin ebenso sehr wie das Ereignis selbst.

Oder von einer sterbenden Frau, bei der ein Pflegehelfer bleiben möchte, während nach Freys Darstellung die Leitung auf fehlende abrechenbare Leistungen und die angespannte Personalsituation verweist. Ein Kollege setzt sich dennoch an ihr Bett und begleitet sie bis zu ihrem letzten Atemzug.

In solchen Momenten wird erkennbar, dass Frey nicht nur über Fehlverhalten schreiben möchte. Sie beschreibt auch, wie leicht die menschliche Seite eines Berufs verloren gehen kann, wenn dessen Ausübung ausschließlich nach Zuständigkeiten, Arbeitsabläufen und wirtschaftlichen Vorgaben beurteilt wird. Gleichzeitig erzählt sie von Menschen, die sich dieser Entwicklung widersetzen und gerade deshalb zeigen, dass gute Pflege nicht allein eine Frage vorhandener Ressourcen ist.

Dass die Autorin ihren Blick vor allem auf die dunklen Seiten richtet, ist eine bewusste Entscheidung. Sie möchte nicht den Pflegeberuf in seiner ganzen Vielfalt abbilden, sondern von jenen Erfahrungen erzählen, die ihre Vorstellung vom eigenen Altwerden verändert haben. Darin liegt die persönliche Konsequenz ihres Buches.

Die Angst, selbst einmal ausgeliefert zu sein

„Die Pflege trägt viele Kasacks“ ist kein literarisch ausgefeilter Text. Seine Sprache ist stellenweise rau, die Gedankenführung nicht immer geordnet, und manche Wiederholung hätte eine sorgfältige redaktionelle Bearbeitung vermeiden können. Doch Frey besitzt etwas, das sich durch sprachliche Glättung allein nicht herstellen ließe: eine unverkennbare innere Beteiligung an dem, was sie erzählt.

Ihr Buch führt vor Augen, wie abhängig ein Mensch werden kann, wenn er die Kontrolle über seinen Körper und seinen Alltag verliert. Wer heute selbstständig Entscheidungen trifft, kann morgen darauf angewiesen sein, dass ein anderer Mensch seine Bedürfnisse erkennt, seine Grenzen respektiert und ihm auch dann mit Würde begegnet, wenn er sich nicht mehr verständlich äußern kann.

Dass ausgerechnet eine Altenpflegerin Angst davor entwickelt hat, eines Tages selbst gepflegt zu werden, ist der verstörendste Gedanke. Frey kennt die fachlichen Anforderungen ihres Berufs, aber sie kennt auch die Abgründe, die entstehen können, wenn Gleichgültigkeit, Überforderung oder wirtschaftliche Interessen die Fürsorge verdrängen.

Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob das Buch alle Facetten der Pflege zeigt, sondern eine sehr viel persönlichere: Wie möchten wir behandelt werden, wenn wir eines Tages nicht mehr selbst darüber entscheiden können?

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