Jules Verne: „Reise um die Erde in 80 Tagen“ – Die Welt wird zur Uhr

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Phileas Fogg besitzt eine Uhr. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wäre sie nicht so etwas wie sein zweites Nervensystem. Fogg steht zur selben Zeit auf, frühstückt zur selben Zeit, verlässt sein Haus zur selben Zeit und betritt den Reform Club mit einer Pünktlichkeit, neben der selbst ein Fahrplan etwas Ungefähres bekommt.

In 80 Tagen um die Welt In 80 Tagen um die Welt Jules Vernes Ueberreuter Verlag, Kinder- und Jugendbuch

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In 80 Tagen um die Welt (Klassiker der Weltliteratur in gekürzter Fassung, Bd.): Jugendgerecht gekürzte Ausgabe

Als sein Diener ihm Wasser zum Rasieren bringt, das geringfügig von der gewünschten Temperatur abweicht, ist das Arbeitsverhältnis beendet.

Man kann das Pedanterie nennen. Oder: Dieser Mann hat sein Leben so eingerichtet, dass möglichst wenig Leben darin vorkommt.

Dann wettet er, die Erde in achtzig Tagen umrunden zu können.

Jules Vernes „Reise um die Erde in 80 Tagen“, 1872 zunächst als Fortsetzungsroman erschienen, beginnt damit nicht eigentlich als Reisegeschichte. Es beginnt als Versuchsanordnung. Ein Mann, der jede Abweichung aus seinem Alltag entfernt hat, setzt sich der größten denkbaren Abweichung aus: der Welt.

Er reist von London über Suez, Bombay, Kalkutta, Hongkong, Yokohama und New York zurück nach London. Mit Eisenbahnen und Dampfschiffen, später auch mit einem Elefanten. Er verpasst Anschlüsse, wird verfolgt, gerät in politische und geografische Verwicklungen und erreicht schließlich wieder jenen Ort, an dem alles begonnen hat.

Das klingt nach Abenteuer.

Nur ist Fogg kein Abenteurer.

Die Welt interessiert ihn zunächst erstaunlich wenig.

Sein eigentliches Reiseziel ist die Zeit.

Ein Mann ohne Herkunft

Verne führt Phileas Fogg als Rätsel ein.

Über seine Vergangenheit erfahren wir fast nichts. Er ist wohlhabend, doch sein Vermögen besitzt keine sichtbare Geschichte. Er arbeitet nicht. Eine Familie scheint es nicht zu geben. Politische Überzeugungen bleiben ebenso unsichtbar wie Leidenschaften. Sein gesellschaftliches Leben besteht im Wesentlichen aus dem Reform Club.

Fogg ist vorhanden, ohne viel von sich preiszugeben.

Das macht ihn weniger zu einem psychologisch ausgeleuchteten Charakter als zu einer Struktur.

Und genau darin liegt seine Modernität.

Denn Fogg ähnelt jener technischen Welt, durch die er bald reisen wird. Eisenbahnen fahren nach Fahrplan. Dampfschiffe folgen Routen. Telegraphen übermitteln Nachrichten. Anschlüsse müssen erreicht, Entfernungen berechnet, Verzögerungen kompensiert werden.

Auch Fogg funktioniert.

Er ist gewissermaßen bereits eine Maschine, bevor er die erste Eisenbahn besteigt.

Sein Gegenstück heißt Passepartout.

Der neue französische Diener hat ein bewegtes Leben hinter sich und sucht ausgerechnet bei Fogg Ruhe. Die Wahl scheint vernünftig. Ein Arbeitgeber, dessen Tagesablauf genauer geregelt ist als manches Uhrwerk, verspricht wenig Überraschung.

Noch am Tag seiner Einstellung beginnt die Weltreise.

Verne hat für solche Arrangements eine erfreulich trockene Hand.

Eine Wette über die Welt

Ausgangspunkt ist ein Gespräch im Reform Club.

Eine Meldung über die Eisenbahnverbindung durch Indien führt zu der Behauptung, die Erde könne inzwischen in achtzig Tagen umrundet werden. Fogg hält das nicht nur theoretisch für möglich. Er ist bereit, es zu beweisen.

Seine Clubfreunde widersprechen. Also wird gewettet: 20.000 Pfund stehen auf dem Spiel.

Damit beginnt eine Reise, die gern als Feier von Entdeckerlust, Mut und technischem Fortschritt gelesen wird. Doch Verne legt darunter eine zweite Bewegung.

Fogg reist nicht, weil er die Welt sehen möchte.

Er reist, weil eine Rechnung stimmen soll.

Die Erde wird zur Rechenaufgabe.

London – Suez.

Suez – Bombay.

Bombay – Kalkutta.

Kalkutta – Hongkong.

Die Namen bezeichnen Länder, Städte, Kulturen. Im Reiseplan bezeichnen sie vor allem Zeitintervalle.

Die Welt verliert dabei nichts von ihrer Größe.

Aber sie bekommt eine Taktung.

Das ist komisch. Und es beschreibt ziemlich genau, was im 19. Jahrhundert geschieht.

Als Entfernung eine Zahl bekam

Dampfschiffe werden schneller und zuverlässiger. Eisenbahnnetze wachsen. Der 1869 eröffnete Suezkanal verkürzt die Verkehrswege zwischen Europa und Asien. Telegraphenkabel lösen die Nachricht von der Geschwindigkeit des menschlichen Körpers.

Raum und Zeit geraten in ein neues Verhältnis.

Entfernung verschwindet nicht.

Sie wird kalkulierbar.

Man kann nun mit einer Genauigkeit, die wenige Jahrzehnte zuvor noch absurd gewirkt hätte, sagen, wie lange die Welt dauert.

Aus dieser Veränderung baut Verne seinen Roman.

Die eigentliche technische Sensation von „Reise um die Erde in 80 Tagen“ ist deshalb keine einzelne Maschine. Es gibt hier keine Nautilus, kein großes Wunderwerk, in dem sich die Zukunft konzentriert.

Das Wunder ist das Netz.

Eisenbahnen, Dampfschiffe, Häfen, Kanäle, Fahrpläne und Telegraphen greifen ineinander. Erst ihre Verbindung ermöglicht Foggs Reise.

Die moderne Welt besteht zunehmend aus Anschlüssen.

Und jeder Anschluss trägt bereits die Möglichkeit in sich, ihn zu verpassen.

Wir haben dieses System inzwischen perfektioniert.

Wir nennen es Mobilität und schauen dabei häufig auf die Verspätungsanzeige.

Die Welt als britischer Fahrplan

Nur ist dieses Verkehrsnetz nicht neutral.

Fogg reist durch eine Welt, die zu großen Teilen von der politischen und wirtschaftlichen Infrastruktur des britischen Empire geordnet wird.

London ist Ausgangspunkt und Ziel. Indien steht unter britischer Herrschaft. Hongkong ist britische Kronkolonie. Dampfschiffrouten, Eisenbahnen und Telegraphen bewegen nicht nur Reisende und Waren. Sie bewegen Verwaltung, Kapital und militärische Macht.

Verne schreibt darüber keinen politischen Traktat.

Interessanter ist ohnehin die Selbstverständlichkeit, mit der diese Ordnung im Roman vorhanden ist.

Fogg kann die Erde in achtzig Tagen umrunden, weil andere sie zuvor vermessen, erschlossen, kolonisiert und infrastrukturell verbunden haben.

Seine Bewegungsfreiheit wirkt individuell.

Ihre Voraussetzungen sind es nicht.

Fogg reist als wohlhabender englischer Gentleman. Geld, Herkunft und imperiale Infrastruktur öffnen ihm Räume, die nicht jedem offenstehen. Die Freiheit des Reisenden ist damit auch eine Frage seiner Position innerhalb jener Welt, die er scheinbar nur durchquert.

Der moderne Mensch erscheint unabhängig.

Unter seinen Füßen liegt ein Schienennetz, das jemand gebaut hat.

Und hinter dem Schienennetz eine Ordnung, über die der Fahrplan wenig sagt.

Aouda und der Blick auf Indien

In Indien wird diese Ordnung sichtbar.

Fogg und seine Begleiter retten Aouda, eine junge Frau, die gegen ihren Willen einer Witwenverbrennung geopfert werden soll.

Die Episode trägt deutlich die Signatur des europäischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts: ein fremdes Land, ein als archaisch dargestelltes Ritual, eine bedrohte Frau und westliche Männer, die eingreifen.

Indien wird damit nicht nur geografischer Raum. Es wird zur Kontrastfläche.

Dort erscheint Tradition, hier Moderne. Dort Ritual, hier Vernunft. Dort Stillstand, hier Bewegung.

Die Wirklichkeit war komplizierter.

Der Roman ist es an dieser Stelle weniger.

Gerade deshalb lohnt sich die heutige Lektüre. Denn Verne besitzt eine fast unersättliche Neugier auf die Welt und bleibt zugleich an die Ordnung seines europäischen Blicks gebunden. Seine Bücher öffnen geografische Räume und sortieren sie im selben Moment.

Das ist kein Widerspruch, den man nachträglich glätten müsste.

Er gehört zum Text.

Die Karte wird immer größer.

Der Standort desjenigen, der sie betrachtet, bewegt sich weniger.

Ein Verdacht reist schneller

Während Fogg die Welt umrundet, reist etwas anderes mit.

Ein Verdacht.

Detective Fix hält ihn für den Täter eines Bankraubs. Die Indizien sind überschaubar. Fogg ist reich, reist plötzlich ab und entspricht ungefähr einer Personenbeschreibung.

Für einen Verdacht genügt das.

Fix folgt ihm über Kontinente.

Damit bekommt Vernes Verkehrsnetz eine zweite Funktion. Dieselben Systeme, die Mobilität ermöglichen, schaffen neue Möglichkeiten der Kontrolle.

Besonders der Telegraph verändert die Macht über Entfernung.

Eine Nachricht kann Fogg vorausreisen.

Der Mensch ist noch unterwegs.

Seine Akte wartet bereits.

Verne macht daraus keine Theorie der Überwachung. Er braucht Fix zunächst für die Dramaturgie. Doch Literatur weiß gelegentlich mehr über ihre Strukturen, als ihre Figuren aussprechen.

Wer sich durch ein Netzwerk bewegt, wird innerhalb dieses Netzwerks sichtbar.

Bei Verne bestehen die Spuren aus Telegrammen, Pässen, Fahrkarten und behördlichen Meldungen.

Unsere Spuren sind kleiner geworden.

Nicht weniger.

Passepartout schaut aus dem Fenster

Fogg reist.

Passepartout erlebt.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Während sein Herr Fahrpläne betrachtet, schaut der Diener auf die Welt. Er staunt, verirrt sich, missversteht Regeln, gerät in Schwierigkeiten und lässt sich ablenken.

Wo Fogg Strecke sieht, sieht Passepartout Ereignisse.

Verne verteilt damit zwei Arten des Reisens auf zwei Figuren.

Die eine ist abstrakt.

Die andere körperlich.

Fogg berechnet.

Passepartout wird berührt.

Der Roman braucht beides. Ohne Fogg gäbe es seine strenge Konstruktion. Ohne Passepartout wäre die Welt, die umrundet wird, kaum mehr als eine Folge von Stationsnamen.

Vielleicht steckt darin die leiseste Ironie des Titels.

Ein Mann reist um die Erde und versucht über weite Strecken, sich von ihr möglichst wenig verändern zu lassen.

Die Welt muss deshalb durch andere Figuren in seine Reise eindringen.

Sie tut es trotzdem.

Zeit ist Geld

Foggs Wette verbindet Zeit und Kapital mit bemerkenswerter Konsequenz.

Jeder verlorene Tag bedroht sein Vermögen.

Jede Beschleunigung darf Geld kosten.

Wenn ein Verkehrsmittel fehlt, wird ein anderes beschafft. Wenn eine Passage möglich gemacht werden muss, wird bezahlt. Hindernisse werden durch Entschlossenheit überwunden, gewiss. Aber erstaunlich oft hilft ein gut gefülltes Portemonnaie der Entschlossenheit bei ihrer Arbeit.

Zeit lässt sich kaufen.

Zumindest für Menschen, die genügend davon besitzen, was Zeit angeblich ist.

Geld.

Verne macht aus diesem Zusammenhang keine große Geste. Er lässt Fogg zahlen.

Gerade dadurch wird sichtbar, dass Geschwindigkeit nie nur eine technische Kategorie ist. Sie ist auch eine soziale.

Wer über Ressourcen verfügt, kann Wartezeit verkürzen, Umwege organisieren, Zugänge öffnen.

Die moderne Ökonomie hat diese Verbindung weiter verfeinert. Expresslieferung, Priority Boarding, Hochgeschwindigkeitsverkehr, Echtzeithandel, Same-Day-Delivery.

Geschwindigkeit wird verkauft.

Langsamkeit bekommt dagegen leicht den Geruch eines Mangels.

Phileas Fogg hätte die Geschäftsmodelle verstanden.

Der Elefant im System

Dann endet in Indien die Eisenbahnstrecke.

Ein Teil der Verbindung, auf die Foggs Kalkulation baut, ist noch gar nicht fertiggestellt.

Das System behauptet Vollständigkeit.

Die Landschaft widerspricht.

Fogg braucht eine Alternative.

Er kauft einen Elefanten.

Es ist einer jener Momente, in denen Verne mit einem einzigen Gegenstand mehr über die Moderne erzählt als mit mehreren Seiten technischer Erklärung.

Da sitzt der Mann der Uhrzeit auf einem Tier und versucht, seinen industriellen Fahrplan zu retten.

Die Abstraktion trifft auf den Körper.

Der Plan auf das Gelände.

Die Geschwindigkeit auf eine Kreatur mit eigenem Schritt.

Vernes Fortschrittsdenken ist gerade deshalb interessanter, als sein Ruf als Technikprophet vermuten lässt. Er bewundert Systeme. Aber er kennt ihre Störungen.

Die Moderne zeichnet eine gerade Linie.

Die Wirklichkeit stellt gelegentlich einen Elefanten darauf.

Der Tag, den niemand bemerkt

Am Ende scheint Fogg verloren zu haben.

Er erreicht London vermeintlich zu spät. Sein Vermögen ist weitgehend aufgebraucht. Die große Rechnung ist nicht aufgegangen.

Dann entdeckt Passepartout den Irrtum.

Weil Fogg ostwärts um die Erde gereist ist, hat er beim Überschreiten der Längengrade einen Kalendertag gewonnen.

Er ist nicht zu spät.

Er hat noch Zeit.

Diese berühmte Pointe ist mehr als ein erzählerischer Trick.

Der gesamte Roman hat Zeit vermessen. Stunden wurden gezählt, Anschlüsse kalkuliert, Verzögerungen registriert. Fogg behandelt Zeit wie eine Größe, die sich vollständig beherrschen lässt.

Und am Ende weiß ausgerechnet dieser Mann nicht, welcher Tag ist.

Die Welt lässt sich vermessen.

Doch die Vermessung besitzt einen blinden Fleck.

Manchmal steht er direkt neben der Uhr.

Was Phileas Fogg gewinnt

Natürlich gewinnt Fogg seine Wette.

Finanziell ist der Sieg allerdings erstaunlich bescheiden. Ein großer Teil des Geldes ist während der Reise verschwunden. Ökonomisch betrachtet war die Weltumrundung ein ziemlich aufwendiger Weg, um ungefähr dort anzukommen, wo man begonnen hat.

Aber Fogg bringt etwas mit.

Aouda.

Genauer: eine Beziehung zu einem anderen Menschen.

Der Mann, der sein Leben so eingerichtet hatte, dass nichts Unvorhergesehenes darin vorkommt, verliebt sich.

Das ist vielleicht Vernes schönste Verschiebung.

Nicht die Wette verändert den Sinn der Reise.

Nicht die Geschwindigkeit.

Nicht einmal der gewonnene Tag.

Entscheidend ist etwas, das in Foggs ursprünglicher Berechnung überhaupt keine Spalte hatte.

Nähe.

Damit wird der Roman nicht plötzlich sentimental. Fogg bleibt Fogg. Gerade das macht die Bewegung glaubwürdig. Er verwandelt sich nicht in einen anderen Menschen. Aber seine Ordnung bekommt eine Öffnung.

Ein Mensch tritt hinein.

Jules Verne und die beschleunigte Gegenwart

Heute dauert eine Reise um die Erde keine achtzig Tage mehr.

Nachrichten benötigen keine Minuten. Geld bewegt sich in Millisekunden. Waren werden über globale Logistiksysteme verfolgt, Menschen über digitale Schnittstellen geleitet, Arbeit wird in Echtzeit gemessen. Die Uhr ist längst nicht mehr nur an der Wand.

Sie steckt im System.

Verne konnte diese Welt nicht kennen.

Aber er kannte ihre Grammatik.

Beschleunigung erzeugt neue Freiheit und neue Abhängigkeit. Infrastruktur verbindet Räume und ordnet sie zugleich. Mobilität erweitert Möglichkeiten, aber sie verteilt diese Möglichkeiten nicht gleichmäßig. Jede Zeitersparnis wirft schließlich die Frage auf, wofür die gewonnene Zeit verwendet wird.

Vielleicht liegt darin die erstaunliche Gegenwart dieses Romans.

Nicht darin, dass Jules Verne technische Entwicklungen vorausgesagt hätte.

Sondern darin, dass er verstand, wie schnell Technik vom Werkzeug zur Ordnung werden kann.

Phileas Fogg beginnt seine Reise, weil eine Rechnung stimmen soll.

Er kehrt zurück und stellt fest, dass sie tatsächlich stimmt.

Nur das Ergebnis ist ein anderes.

Am Ende steht wieder eine Uhr.

Sie zeigt die richtige Zeit.

Aber für Phileas Fogg ist Zeit inzwischen etwas geworden, das sich nicht mehr vollständig zählen lässt.

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