Es gibt auf der Nautilus ein Fenster, vor dem man Jules Vernes Roman beinahe vollständig verstehen kann. Kapitän Nemo lässt die Metallplatten zurückgleiten, und plötzlich liegt das Meer vor seinen Gästen. Kein Meer von oben, keine Fläche für Schiffe, Handelsrouten und Flaggen. Sondern eine andere Welt. Fische ziehen durch das Licht. Pflanzen bewegen sich in der Strömung. Hinter dem Glas beginnt ein Raum, den die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts noch nicht vollständig in Besitz genommen hat.
Jules Verne: „20.000 Meilen unter dem Meer“ – Der Mann, der aus der Welt verschwindet
Nemo sitzt davor. Er schaut hinaus und hat doch vor allem eines getan: Er hat sich zurückgezogen.
In „20.000 Meilen unter dem Meer“ erzählt Jules Verne deshalb weit mehr als eine fantastische Reise in einem technisch erstaunlichen Unterseeboot. Der 1870 erschienene Roman handelt von einem Mann, der die bestehende Welt ablehnt und sich eine eigene gebaut hat. Eine Welt aus Stahl, Elektrizität, Wissenschaft und absoluter Autorität.
Die Nautilus ist sein Schiff. Sie ist aber auch sein Staat.
Und Nemo ist dessen einziger Bürger, der nicht gehorchen muss.
Ein Ungeheuer, das keines ist
Der Roman beginnt mit einer Unsicherheit. Auf den Weltmeeren wird ein rätselhaftes Wesen gesichtet. Schiffe berichten von einem gewaltigen, leuchtenden Körper, der sich mit unerhörter Geschwindigkeit bewegt. Die Öffentlichkeit diskutiert. Wissenschaftler spekulieren. Seeleute fürchten sich.
Jules Verne beginnt damit ausgesprochen modern: mit einem Medienereignis.
Etwas geschieht, niemand weiß genau, was es ist, und gerade deshalb weiß bald jeder etwas darüber.
Der französische Naturforscher Pierre Aronnax soll helfen, das Rätsel zu lösen. Gemeinsam mit seinem Diener Conseil und dem kanadischen Harpunier Ned Land gerät er schließlich selbst in die Nähe des vermeintlichen Seeungeheuers. Nach einer Kollision finden die Männer heraus, dass der Schrecken kein Tier ist.
Er ist eine Maschine.
Schon darin steckt eine kleine Verschiebung, die für Verne charakteristisch ist. Das Unbekannte erweist sich nicht als Natur, sondern als Technik. Die Moderne erschrickt vor einem Monster und entdeckt ihr eigenes Spiegelbild.
Die Nautilus ist dem technischen Stand ihrer Zeit weit voraus. Sie bewegt sich unabhängig von Wind, Häfen und weitgehend auch von Versorgungslinien. Elektrizität treibt sie an. Das Meer liefert Nahrung, Rohstoffe und Energie. Nemo braucht die Welt an Land nicht mehr.
Zumindest behauptet er das.
Kapitän Nemo und die Freiheit unter Wasser
„Nemo“ bedeutet niemand.
Schon der Name ist ein politisches Programm.
Dieser Mann will keine Herkunft mehr besitzen, keine Nationalität, keine gesellschaftliche Adresse. Er hat die Welt der Staaten verlassen. Ihre Gesetze gelten für ihn nicht. Ihre Grenzen interessieren ihn nicht. Ihr Geld benötigt er angeblich ebenso wenig.
Das Meer erscheint ihm als letzter freier Raum.
Darin liegt die große Verführung des Romans. Nemo hat einen Traum verwirklicht, der bis heute nicht ganz verschwunden ist: den Traum vom vollständigen Ausstieg aus einem als korrupt empfundenen System.
Nur gibt es bei Verne einen kleinen technischen Defekt in dieser Utopie.
Menschen sind mit an Bord. Und Menschen machen aus Freiheit sehr schnell eine Machtfrage.
Aronnax, Conseil und Ned Land dürfen die Nautilus kennenlernen. Sie dürfen ihre Bibliothek benutzen, ihre Sammlungen bestaunen und die Wunder der Tiefsee betrachten. Nur fortgehen dürfen sie nicht.
Nemos Freiheit beruht auf ihrer Gefangenschaft.
Damit wird das Unterseeboot zu einem der interessantesten politischen Räume in Vernes Werk. Es kennt keinen bürokratischen Apparat, kein Parlament, keine Polizei und keine sichtbare gesellschaftliche Hierarchie. All das ist auch nicht nötig. Denn die gesamte Macht ist bereits in einer Person konzentriert.
Nemo besitzt die Maschine und wer die Maschine besitzt, bestimmt die Bedingungen des Lebens in ihr.
Die Bibliothek auf dem Meeresgrund
Bemerkenswert ist, womit Nemo seine Unabhängigkeit ausgestattet hat.
Mit Büchern.
Die Nautilus besitzt eine umfangreiche Bibliothek. Kunstwerke hängen in ihren Räumen, wissenschaftliche Instrumente stehen bereit, Sammlungen dokumentieren die Natur. Nemo ist kein primitiver Menschenfeind. Er nimmt gerade das mit sich, was die menschliche Zivilisation hervorgebracht hat.
Nur die Menschen möchte er nicht mehr. Das ist einer der schönsten Widersprüche der Figur.
Nemo lehnt die Gesellschaft ab, bewahrt aber ihr Gedächtnis. Er verachtet die politische Welt und umgibt sich mit ihren kulturellen Erzeugnissen. Er will niemand sein und sammelt zugleich die Stimmen anderer.
Sein Bruch mit der Zivilisation bleibt deshalb unvollständig.
Vielleicht muss er das.
Denn auch der radikalste Rückzug braucht eine Sprache, in der er sich selbst erklären kann. Und diese Sprache stammt aus jener Welt, die man verlassen wollte.
Verne macht aus diesem Widerspruch keine psychologische Diagnose. Er lässt ihn bestehen. Nemo wird dadurch nicht kleiner, sondern größer. Seine Widersprüche sind keine Fehler der Konstruktion. Sie sind ihre tragenden Teile.
Jules Verne und der Mythos vom Technikpropheten
Kaum ein Autor wird so oft dafür gefeiert, die Zukunft vorausgesehen zu haben, wie Jules Verne.
U-Boote. Mondreisen. Flugmaschinen. Elektrische Technologien.
Fast klingt es manchmal so, als wäre Literaturgeschichte vor allem eine besonders elegante Form des Patentamts.
Doch Jules Verne hatte ein unverschämt gutes Näschen für den Fortschritt. Er erkannte nicht nur einzelne technische Entwicklungen, sondern auch ihre Entwicklungsgeschichte: wie aus einer Idee eine Maschine wird, wie aus einer Maschine eine neue Möglichkeit entsteht und wie diese Möglichkeit die Ordnung der Welt verändert.
Das U-Boot gab es als Idee und in ersten Versuchen schon vor der Nautilus. Verne hat es also nicht aus dem Nichts erfunden. Seine eigentliche Leistung liegt woanders: Er dachte voraus, was geschieht, wenn ein Mensch über eine Maschine verfügt, die ihn von allen anderen unabhängig macht.
Die entscheidende Frage lautet daher: welche politischen und persönlichen Handlungsspielräume eröffnen sie Nemo.
Er kann Staatsgrenzen ignorieren. Er muss sich keiner Regierung unterwerfen. Er kann sich militärischer Kontrolle entziehen. Er besitzt Wissen, Energie und Waffen. Er kann auftauchen, verschwinden und an Orten handeln, an denen ihn niemand erwartet.
Die Nautilus macht ihren Kapitän souverän.
Und genau darin liegt das Unheimliche.
Technik ist bei Jules Verne nicht bloß ein praktisches Werkzeug. Sie verändert, wer Macht besitzt und wer sich ihr entziehen kann. Nemo hat sich eine Welt gebaut, in der er niemandem mehr Rechenschaft schuldet.
Das klingt zunächst nach Freiheit.
Aber sobald ein Einzelner über die Maschine verfügt, die alle anderen abhängig macht, wird aus Freiheit sehr schnell Herrschaft.
Darin ist Verne erstaunlich gegenwärtig.
Wem gehört die Welt?
Die „Außergewöhnlichen Reisen“, zu denen „20.000 Meilen unter dem Meer“ gehört, entstanden in einer Epoche, die von Vermessung besessen war.
Landkarten wurden genauer. Eisenbahnlinien verbanden Räume. Dampfschiffe beschleunigten den Verkehr. Telegraphenkabel ließen Nachrichten schneller reisen als Menschen. Europäische Imperien kartierten Gebiete, klassifizierten Bevölkerungen und verwandelten geografisches Wissen in politische Verfügung.
Auch Vernes Romane vermessen.
Sie zählen Kilometer, bestimmen Positionen, benennen Arten, erklären Gestein und beschreiben Landschaften. Wissen besitzt bei Verne eine beinahe körperliche Lust. Seine Bücher wollen wissen, was hinter dem Horizont liegt.
Doch Wissen und Besitz bewegen sich im 19. Jahrhundert häufig auf denselben Karten.
Auch deshalb ist Nemo so interessant. Er entzieht sich den europäischen Imperien, aber er übernimmt eine ihrer zentralen Gesten: die Verfügung über Raum.
Er erklärt das Meer für frei.
Und bewegt sich darin wie ein Herrscher.
Die koloniale Ordnung wird nicht einfach überwunden. Einige ihrer Strukturen tauchen mit ihm ab.
Aronnax oder die Verführung des Wissens
Pierre Aronnax müsste eigentlich fliehen wollen.
Er ist Gefangener.
Doch Verne gibt ihm eine Schwäche, die stärker sein kann als der Wunsch nach Freiheit: Neugier.
Die Nautilus ermöglicht ihm Beobachtungen, die kein Wissenschaftler seiner Zeit machen könnte. Er sieht Landschaften unter Wasser, unbekannte Tiere, Korallenwälder, versunkene Schiffe. Die Gefangenschaft besitzt ausgezeichnete Forschungsmöglichkeiten.
Ned Land beurteilt die Lage einfacher.
Eine Tür, die man nicht öffnen darf, bleibt eine verschlossene Tür, selbst wenn dahinter eine hervorragende Bibliothek steht.
Zwischen beiden Männern entsteht damit ein Konflikt, der den Roman leise durchzieht. Aronnax betrachtet die Welt als Forscher. Ned Land betrachtet seine Situation als Gefangener.
Der eine fragt: Was kann ich hier erkennen?
Der andere: Wie komme ich hier heraus?
Verne entscheidet diesen Gegensatz nicht vorschnell. Gerade Aronnax macht sichtbar, wie leicht Erkenntnis mit Macht Frieden schließen kann, wenn sie ausreichend interessante Gegenstände zur Verfügung stellt.
Die Nautilus ist auch deshalb ein Labor.
Nicht nur für Meeresbiologie.
Wenn die Maschine politisch wird
Später verändert sich das Bild Nemos.
Sein Rückzug ist nicht bloß persönliche Exzentrik. Hinter ihm steht eine Geschichte von Gewalt und Verlust. Er unterstützt Unterdrückte. Er greift in politische Konflikte ein. Sein Hass auf bestimmte Mächte hat Gründe.
Aber Gründe beseitigen die Gewalt nicht.
Das macht Nemo schwer einzuordnen und bewahrt ihn vor jener moralischen Eindeutigkeit, die viele spätere Abenteuergeschichten ihren Helden gönnen.
Er kann großzügig sein und erbarmungslos.
Er kann Leben retten und vernichten.
Er besitzt eine tiefe Empfindlichkeit für Unterdrückung und eine ebenso tiefe Bereitschaft, selbst über andere zu verfügen.
Die Nautilus verstärkt diesen Widerspruch. Sie gibt einem verletzten Menschen nahezu unbegrenzte technische Handlungsmacht.
Vielleicht liegt hier Vernes schärfste Beobachtung.
Technik korrigiert den Menschen nicht.
Sie vergrößert seinen Radius.
Ein Meer ohne Grenzen
Heute lesen sich manche wissenschaftlichen Passagen von „20.000 Meilen unter dem Meer“ wie Nachrichten aus einem anderen Wissenszeitalter. Die Taxonomien sind lang, die Erklärungen ausführlich, und gelegentlich scheint Aronnax jeden Fisch persönlich vorstellen zu wollen.
Doch gerade diese Langsamkeit gehört zum Roman.
Verne schreibt aus einer Epoche, in der die Welt gleichzeitig größer und kleiner wurde. Größer, weil Wissenschaft immer neue Räume erschloss. Kleiner, weil Verkehr und Kommunikation sie zunehmend erreichbar machten.
Wir kennen die Fortsetzung.
Satelliten beobachten die Erde. Unterseekabel transportieren Datenströme. Konzerne besitzen Infrastrukturen, die Staatsgrenzen mühelos überschreiten. Privatunternehmen planen Raumfahrt. Milliardäre entwerfen schwimmende Städte oder Siedlungen auf anderen Planeten. Technologie verspricht erneut den Ausstieg aus bestehenden Ordnungen.
Die Frage ist geblieben.
Wer herrscht in den Räumen, die angeblich niemandem gehören?
Nemo antwortet darauf mit einer Maschine.
Jules Verne unter Wasser lesen
Am Ende ist die Nautilus deshalb weniger bemerkenswert, weil sie ein U-Boot ist.
Bemerkenswert ist, dass Jules Verne sie zugleich als Verkehrsmittel, Wohnung, Labor, Museum, Waffe und politische Ordnung entwirft.
Alles befindet sich in einem einzigen geschlossenen Körper.
Nemo wollte die Gesellschaft verlassen. Doch unter Wasser baut er eine neue: kleiner, effizienter, technisch überlegen und autoritärer als jene, der er entkommen ist.
Vielleicht sitzt er deshalb so oft vor seinem Fenster.
Draußen liegt das Meer. Grenzenlos, dunkel, scheinbar frei.
Drinnen befindet sich eine Welt, in der jede Tür einen Besitzer hat.
Und irgendwo zwischen Glas und Wasser beginnt die Frage, ob man einer Ordnung wirklich entkommen kann – oder ob man sie nur mitnimmt, wenn man abtaucht.
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