In der Wand des Wohnzimmers befindet sich ein Aquarium, in dem Guppys schwimmen und das für den kleinen Bill Rectangle eine jener abgeschlossenen Welten darstellt, die Kinder nicht deshalb faszinieren, weil sie außergewöhnlich wären, sondern weil sie noch die Fähigkeit besitzen, im Begrenzten etwas Unermessliches zu entdecken. Er beobachtet die Fische beim Fressen, Jagen und Vermehren, bis eines Tages seine kleine Gitarre beim Spielen gegen die Scheibe schlägt, das Glas springt und die Fische sterben. Der Vater ersetzt das Aquarium, doch die Erinnerung an diesen Augenblick bleibt.
Von diesem Aquarium aus lässt sich STENHOUSE: Growing Up in Edinburgh and Beyond beinahe vollständig vermessen, denn Bill Rectangle erzählt weniger die Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens als die Entstehung eines Menschen aus gewöhnlichen Dingen. Seine Kindheit braucht keine großen Ereignisse, um groß zu werden, weil ein Wohnzimmer, ein Stück Rasen, eine Schallplatte oder ein Fahrrad genügen, um eine Welt hervorzubringen.
Eine Topografie des Erinnerns
Stenhouse ist ein Stadtteil Edinburghs, bei Rectangle aber zunächst keine geografische Angabe, sondern eine Topografie des Erinnerns, deren Maßstab nicht in Kilometern, sondern in kindlichen Reichweiten besteht. Das Haus bildet den Mittelpunkt, von dort führen Wege zum „Triangle“, zu Freunden, zum Park, zu Geschäften und schließlich weiter in jene Stadt, die geografisch längst dieselbe ist, sich für das Kind jedoch erst allmählich öffnet.
Rectangle beschreibt sehr schön, wie Kinder einen Ort zunächst mit dem Körper kennenlernen, lange bevor sie ihn als Karte verstehen: durch Beine und Lunge, durch Abkürzungen und Gefahrenstellen, durch Häuser, Hunde, Straßen und die Frage, wie weit man sich von zu Hause entfernen darf. Ein unscheinbares dreieckiges Stück Gras kann so zum „Triangle“ werden und damit eine Bedeutung erhalten, die kein Stadtplan verzeichnet. Dort begegnet der kleine Bill der älteren Rosie Bell auf ihren blau-gelben Rollschuhen, dort kreuzen sich später Wege und Freundschaften.
Vielleicht ist das eine der einfachsten und zugleich genauesten Wahrheiten dieses Memoirs: Kindheit bedeutet, in kleinen Räumen eine große Welt zu finden – und später in der großen Welt nach ihr zu suchen.
Die gewöhnlichen Dinge
Rectangles Gedächtnis besitzt deshalb auffällig viele Oberflächen. Metall ist kalt, Erde riecht feucht, Teppich fühlt sich unter den Händen anders an als ein Möbelstück, das Gasfeuer wärmt das Gesicht, während die Ränder des Zimmers kühl bleiben. Rectangle spricht selbst von „memory before story“, einer Erinnerung, die vorhanden ist, bevor aus ihr eine Erzählung geworden ist.
Gerade darin liegt die Stärke von STENHOUSE. Das Gedächtnis erscheint nicht als Archiv sauber datierter Ereignisse, sondern als Ansammlung von Dingen, Geräuschen und Bewegungen, an denen Zeit haften geblieben ist. Aquarium, Plattenspieler, Turnschuhe, Fahrrad, Rollschuhe, Kassetten, VHS und Commodore sind deshalb mehr als Requisiten einer nostalgischen Reise durch die achtziger und frühen neunziger Jahre. Sie markieren, wie sich der Radius eines Kindes erweitert.
Musik spielt dabei eine besondere Rolle. Die Platten der Eltern und der älteren Schwester bringen andere Lebensentwürfe ins Haus; Gary Numan oder David Bowie bedeuten nicht nur Klang, sondern Kleidung, Haltung und die Ahnung, dass jenseits von Stenhouse noch andere Welten existieren. Später zirkulieren Kassetten zwischen Freunden, Radio Forth verbindet Schlafzimmer mit einer entstehenden Dance-Kultur, und aus dem überschaubaren Netz der Straßen entsteht ein anderes Netzwerk, noch bevor das Internet selbstverständlich geworden ist.
Wenn eine schottische Kindheit eine deutsche Melodie findet
Beim Lesen kann dabei etwas Merkwürdiges geschehen: Eine sehr konkrete fremde Kindheit beginnt, die eigene Erinnerung anzustoßen. Mir kam während der Lektüre unvermittelt die alte DDR-Rockband Karussell in den Sinn, eine musikalische Erinnerung aus einer vollkommen anderen geografischen und gesellschaftlichen Welt.
Das ist kein Vergleich, den STENHOUSE selbst nahelegt, und gerade deshalb ist diese unerwartete Resonanz interessant. Stenhouse ist nicht die DDR, Edinburgh nicht Ostdeutschland und Rectangles Kindheit nicht die des Lesers. Dennoch kann die Beschreibung eines fremden Kinderzimmers plötzlich eine eigene Melodie hörbar machen.
Vielleicht liegt darin etwas Universelles, ohne dass man Kindheiten deshalb gleichmachen müsste. Kindheit als universelles Gut bedeutet nicht, dass alle dieselben Erfahrungen besitzen, sondern dass fast jeder jene kleinen Räume kennt, die einmal unverhältnismäßig groß waren. Jeder hat sein eigenes Aquarium, seinen Park, seine Platte oder irgendeinen scheinbar wertlosen Gegenstand, der Jahre später nicht mehr zu ersetzen ist.
Der Erwachsene mischt sich ein
Rectangle besitzt starke Bilder, doch leider vertraut er ihnen nicht immer.
Gerade die Aquarium-Szene zeigt das. Das zerbrechende Glas, die sterbenden Fische und das körperliche Gefühl des erschrockenen Kindes würden vollkommen ausreichen, um von Schuld und Konsequenz zu erzählen. Rectangle erläutert anschließend jedoch, welche Lektion darin liegt und was das Erlebnis über seinen Charakter aussagt. Ähnliches geschieht bei seiner Erinnerung an ein Plattencover, auf dem er als Kind eine futuristische Katze zu erkennen glaubte: Ein wunderbares kleines Bild für die produktive Fehlwahrnehmung der Kindheit wird anschließend noch mit seiner Bedeutung versehen.
Das ist die eigentümliche Schwäche dieses sympathischen Memoirs: Der erwachsene Erzähler steht manchmal neben seinen Erinnerungen wie ein Museumsführer, der fürchtet, die Besucher könnten an einem wichtigen Exponat vorbeigehen.
Vielleicht ist dieses Übererklären jedoch selbst Teil seines Projekts, denn wer etwas vor dem Verschwinden bewahren möchte, neigt dazu, jedes Stück sorgfältig zu beschriften. Rectangle verklärt seine Kindheit weniger, als dass er sie sichern möchte. Aus einem Stück Rasen wird ein Erinnerungsort, aus einer Schallplatte eine Zeitmarke und aus einem Aquarium ein Behälter für Schuld, Verlust und Zuneigung.
Eine kleine Welt, die einmal groß war
Schade ist, dass STENHOUSE bislang nicht auf Deutsch vorliegt, wobei sich das englische Original auch mit soliden Englischkenntnissen gut lesen lässt. Rectangle schreibt überwiegend zugänglich und geradlinig; die eigentliche Fremdheit liegt weniger in der Sprache als in den schottischen Orten und kulturellen Koordinaten, die das Buch glücklicherweise nicht für ein internationales Publikum glattbügelt.
Am Ende bleibt deshalb das Aquarium in der Wand. Vielleicht besteht Kindheit tatsächlich darin, in kleinen Räumen eine große Welt zu finden, während Erwachsensein bedeutet, in der immer größer gewordenen Welt nach diesen Räumen zu suchen. Bill Rectangle sucht in STENHOUSE nach ihnen in Straßen, Platten, Fahrrädern, Kassetten und Familiengeschichten, und manchmal erklärt er etwas zu ausführlich, was seine besten Bilder längst wissen.
Eine Kindheit verschwindet schließlich nicht, weil ihre Welt klein gewesen wäre.
Sondern weil sie einmal die ganze Welt war.
Über den Autor
Bill Rectangle ist ein unabhängiger schottischer Autor und Verleger, der in Stenhouse, Edinburgh, aufwuchs. Seine Kindheit in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren zwischen Familie, Freundschaften, Schule, Sport, Musik, Mode und früher Heimcomputertechnik bildet das Material seines Debüts STENHOUSE: Growing Up in Edinburgh and Beyond. Das Buch wurde unabhängig geschrieben und veröffentlicht und ist als Kindle-eBook, Paperback sowie als rund achtstündiges, von Rectangle selbst gesprochenes Hörbuch erhältlich.
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