Ein weites Feld – Günter Grass

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Zwei Männer gehen durch Berlin. Nicht ziellos, aber ohne Ziel, das trägt. Theo Wuttke, genannt Fonty, spricht. Hoftaller geht neben ihm, hört zu, merkt sich alles. Zwischen ihnen läuft ein Gespräch, das sich nicht entscheiden will, ob es Gegenwart beschreibt oder Vergangenheit wiederholt.

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Ein weites Feld: Roman

Die Mauer ist gefallen. Aber der Text glaubt dieser Bewegung nicht.

Fonty trägt Fontane durch die Gegenwart

Fonty lebt nicht nur in der Gegenwart. Er spricht durch Fontane. Zitate, Anspielungen, ganze Denkbewegungen schieben sich in seine Sätze. Wenn er etwas sieht, sieht er es doppelt: einmal als Gegenwart, einmal als literarische Erinnerung.

Das ist kein Spiel. Es ist Methode.

Denn dadurch entsteht ein Bruch: Die Gegenwart wirkt plötzlich weniger neu. Sie bekommt Vorläufer, Muster, Wiederholungen. Preußen, Reichsgründung, bürgerliche Ordnung – all das liegt unter der Oberfläche der Wiedervereinigung.

Fonty geht also nicht nur durch Berlin. Er geht durch Schichten.

Hoftaller protokolliert das Dazwischen

Hoftaller bleibt unklar. Er wirkt wie ein Rest der DDR, vielleicht Stasi, vielleicht einfach Funktion. Er begleitet Fonty, ohne sich festzulegen.

Er hört zu. Und dieses Zuhören ist nicht harmlos.

Denn Hoftaller sammelt. Er speichert. Er ist das Gedächtnis eines Systems, das offiziell beendet ist, aber in solchen Figuren weiterlebt.

Während Fonty spricht und zitiert, bleibt Hoftaller bei den Fakten. Zusammen bilden sie ein unruhiges Paar: Erinnerung und Kontrolle.

Die Treuhand, die Akten, das Verschwinden

Der Roman geht konkret in die Prozesse der Wiedervereinigung hinein. Treuhand, Eigentumsfragen, Archive, Personalwechsel. Wer bleibt, wer geht, wer wird ersetzt.

Grass zeigt diese Bewegung nicht als Erfolgsgeschichte. Eher als Übernahme.

Betriebe verschwinden. Biografien auch. Wissen wird entwertet. Neue Ordnungen setzen sich durch, aber sie tun das schnell, fast geräuschlos.

Fonty kommentiert das nicht frontal. Er legt es neben frühere Umbrüche. Und plötzlich erscheinen diese Vorgänge weniger einzigartig.

Geschichte arbeitet unter der Oberfläche weiter

Ein zentrales Moment des Romans ist die Gleichzeitigkeit von Zeiten. Fonty denkt in Fontane, lebt aber in der Bundesrepublik nach 1989. Hoftaller trägt die DDR in sich, bewegt sich aber im neuen System.

Niemand beginnt bei Null.

Das zeigt sich in kleinen Dingen: in Sprache, in Hierarchien, in Selbstverständlichkeiten. Wer spricht wie? Wer hat das Recht zu deuten? Wer wird gehört?

Die Wiedervereinigung wird so zu einem Erzählproblem. Wer erzählt sie – und wie?

Dorothea, Liebe und Verlust

Zwischen diesen Bewegungen steht auch eine Liebesgeschichte. Fontys Beziehung zu Dorothea bleibt fragmentarisch, nie ganz eingelöst.

Sie ist kein Gegenpol zur Politik. Eher ein weiterer Ort, an dem sich Verschiebung zeigt. Nähe entsteht, bricht ab, wird erinnert, überlagert.

Grass lässt diese Ebene bewusst unruhig. Keine große Emotion, sondern ein tastendes Verhältnis.

Sprache gegen die glatte Oberfläche

Der Roman arbeitet stark mit Dialogen. Gespräche, die sich ziehen, kreisen, wiederholen. Manchmal scheint nichts voranzugehen.

Aber genau darin liegt die Bewegung.

Die Sprache verweigert die schnelle Pointe, die klare Aussage. Sie bildet eine Wirklichkeit ab, die selbst unsicher ist. Eine Gegenwart, die sich zu schnell festlegt – und dadurch etwas übersieht.

Was dieser Roman bewirkt

Ein weites Feld stellt sich gegen die einfache Erzählung der Einheit. Nicht laut, nicht polemisch, sondern durch Überlagerung.

Fontane gegen Gegenwart. DDR gegen Bundesrepublik. Erinnerung gegen Erzählung.

Grass zeigt, dass Geschichte nicht endet, wenn man sie für beendet erklärt.

Und was bleibt nun?

Zwei Männer gehen weiter. Einer spricht in Zitaten, der andere hört zu und vergisst nichts.

Berlin verändert sich. Aber nicht vollständig.

Und irgendwo zwischen einem alten preußischen Satz und einem neuen politischen Begriff entsteht ein Raum, in dem die Gegenwart unsicher wird – weil sie plötzlich merkt, dass sie nicht allein ist.



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