Ein Mensch will einen anderen Menschen. Der andere will nicht. Eigentlich wäre die Geschichte damit beendet.
Tony Tulathimutte: „Fiasko“ – Jeder ist die Hauptfigur seiner Zurückweisung
Bei Tony Tulathimutte beginnt sie genau dort.
„Fiasko. Fiktionen“, im amerikanischen Original Rejection, versammelt sieben miteinander verschaltete Erzählungen über Menschen, denen etwas verweigert wird: Liebe, Sex, Anerkennung, Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit. Doch Zurückweisung ist bei Tulathimutte kein einzelner Augenblick, kein Nein an einer Tür. Sie arbeitet weiter. Sie verlangt nach einer Erklärung. Und weil die Figuren dieses Buches über genügend Sprache verfügen, finden sie immer eine.
Das ist ihr Problem.
Sie analysieren ihre Körper, ihre Beziehungen, ihre politische Haltung, ihre sexuelle Identität, ihre Herkunft, ihre Freunde und schließlich die Gesellschaft. Aus Kränkung wird Theorie. Aus Theorie wird Identität. Aus Identität eine Position, die sich verteidigen lässt.
Am Ende hat niemand bekommen, was er wollte.
Aber alle können erklären, warum.
Darin liegt die Komik dieses bemerkenswerten und mitunter anstrengenden Buches.
Zurückweisung als Produktionsmittel
Tulathimuttes Figuren sind keine schweigsamen Leidenden. Sie produzieren Bedeutung.
In „The Feminist“ versteht sich ein Mann als aufgeklärter Verbündeter der Frauen. Er hat gelernt, welche Männer problematisch sind, welche Verhaltensweisen übergriffig wirken und welche gesellschaftlichen Strukturen Frauen benachteiligen. Nur eine Kleinigkeit funktioniert nicht: Frauen wollen trotzdem nicht mit ihm schlafen.
Die Einsicht, dass politische Sensibilität kein erotisches Bonussystem ist, erweist sich als schwer erträglich.
Also beginnt die Umrechnung.
Aus persönlicher Zurückweisung entsteht allmählich ein Weltbild. Was zunächst wie Verletzung aussieht, organisiert sich als Ressentiment. Das Ich korrigiert nicht seine Erwartungen, sondern die Wirklichkeit.
In „Pics“ verwandelt eine Frau die Zurückweisung durch einen Freund und zeitweiligen Liebhaber in eine immer tiefere Obsession. „Ahegao; or, The Ballad of Sexual Repression“ führt Scham, Begehren und sexuelle Verdrängung in eine Beziehung, deren Beteiligte keineswegs deshalb scheitern, weil sie nicht über sich nachdenken.
Sie denken eher zu viel.
Und vor allem in den falschen Kreisen.
Tulathimuttes Figuren sind intelligent genug, ihre Widersprüche zu erkennen. Leider sind sie auch intelligent genug, für jeden Widerspruch eine Erklärung zu finden.
Intelligenz wird hier zur Verteidigungsanlage.
Das Internet sitzt längst im Kopf
Es wäre leicht, „Fiasko“ einen Roman der Dating-Apps, sozialen Medien und digitalisierten Einsamkeit zu nennen. Nicht einmal falsch wäre das. Nur etwas zu bequem.
Denn Tulathimutte schreibt nicht hauptsächlich darüber, was Menschen im Internet tun.
Er untersucht, was das Internet mit den Formen ihres Denkens gemacht hat.
Seine Figuren beobachten sich, während sie handeln. Sie antizipieren Reaktionen. Sie kategorisieren sich selbst und andere. Sie verfügen über politische, psychologische und sexuelle Vokabulare, mit denen sich nahezu jede Erfahrung augenblicklich einordnen lässt.
Das Private bekommt Untertitel.
Man ist nicht einfach gekränkt. Man erkennt ein Muster.
Man ist nicht eifersüchtig. Man diagnostiziert eine Beziehungsstruktur.
Man wird nicht zurückgewiesen. Man entdeckt ein gesellschaftliches System, das Menschen wie einen selbst zurückweist.
Das kann stimmen.
Gerade darin liegt Tulathimuttes Pointe.
Die gesellschaftliche Erklärung muss nicht falsch sein, um als persönliche Ausrede zu funktionieren.
„Fiasko“ bewegt sich deshalb in einem unangenehmen Zwischenraum. Die Figuren können gleichzeitig Opfer realer Machtverhältnisse und Produzenten ihrer eigenen Misere sein. Identität schützt nicht vor Lächerlichkeit. Verletzlichkeit schützt nicht vor Grausamkeit. Politisches Bewusstsein garantiert keine Selbsterkenntnis.
Das Buch verteilt keine Unschuldszertifikate.
Jeder ist die Hauptfigur
Vielleicht ist das der eigentliche Gegenstand dieser sieben Fiktionen: nicht Zurückweisung, sondern die Schwierigkeit, sich selbst als Nebenfigur im Leben anderer Menschen zu begreifen.
Tulathimuttes Figuren sind Hauptfiguren.
Nicht nur literarisch.
Sie denken so.
Das Begehren eines anderen Menschen erscheint ihnen als Urteil über den eigenen Wert. Aufmerksamkeit wird zur Bestätigung der Existenz. Wer nicht gewählt wird, erlebt nicht bloß eine enttäuschte Hoffnung, sondern eine Störung seiner Selbsterzählung.
Darum muss die Zurückweisung erklärt werden.
Die Möglichkeit, dass ein anderer Mensch schlicht etwas anderes will, wäre zu klein. Sie besitzt keine Theorie. Sie lässt sich schlecht posten.
Tulathimutte zeigt mit großer Präzision, wie aus diesem Bedürfnis nach Erklärung ein geschlossenes System entstehen kann. Wer lange genug nach Gründen sucht, findet irgendwann eine Weltanschauung, in der die eigene Verletzung zwangsläufig war.
Das Internet ist dafür nicht Ursache.
Es ist Infrastruktur.
Es stellt Kategorien, Gemeinschaften, Gegenöffentlichkeiten, Bilder und Sprachen bereit. Für nahezu jede Kränkung existiert bereits ein Milieu, das erklären kann, weshalb sie kein Zufall gewesen sein kann.
Die Maschine muss den Menschen nicht radikalisieren.
Es genügt, wenn sie ihm zuhört.
Die Form beginnt zu zerfallen
Entscheidend ist allerdings, dass Tulathimutte diese Gegenwart nicht nur beschreibt. Er baut ihre Struktur in sein Buch ein.
Die sieben Texte werden zunehmend formbewusst und experimentell. Was zunächst noch wie eine Folge psychologisch konzentrierter Erzählungen erscheint, öffnet sich nach und nach für andere Formen: digitale Kommunikation, Onlineposts, Dokumente, wechselnde Perspektiven, Rückbezüge. Figuren tauchen in anderen Geschichten erneut auf. Nebenfiguren rücken ins Zentrum. Informationen aus einem späteren Text verändern rückwirkend das Verständnis eines früheren.
„Fiasko“ organisiert sich deshalb weniger wie eine Sammlung abgeschlossener Erzählungen als wie ein Netzwerk.
Man klickt gewissermaßen von Mensch zu Mensch.
Mit jedem Klick verändert sich die Hierarchie.
Wer eben noch Hauptfigur war, wird zur Randerscheinung in der Geschichte eines anderen. Wer zuvor als Objekt eines Begehrens erschien, erhält plötzlich eine eigene Perspektive. Die Selbstbeschreibung einer Figur trifft auf Fremdbeschreibungen, die weniger schmeichelhaft ausfallen.
Das ist formal klug, weil es Tulathimuttes psychologische Grundidee sichtbar macht.
Jeder hält sich für die Hauptfigur.
Das Buch widerspricht.
Die Grausamkeit des Erzählers
Hier beginnt allerdings auch das Problem.
Tulathimutte kennt seine Figuren sehr gut.
Manchmal zu gut.
Er weiß, wo ihre Selbsttäuschungen liegen. Er erkennt ihre Widersprüche, bevor sie selbst sie erkennen. Er kennt die politischen Begriffe, hinter denen sich ihre Wünsche verstecken, die psychologischen Erklärungen, mit denen sie ihre Eitelkeit schützen, und die sexuellen Fantasien, in denen sich ihre Machtverhältnisse fortsetzen.
Der Leser darf zusehen.
Das ist häufig entsetzlich komisch.
Es ist gelegentlich auch entsetzlich bequem.
Denn ein Autor, der seinen Figuren jede Illusion entreißt, besitzt eine enorme Macht. Tulathimutte stellt Menschen in ein literarisches Terrarium und beobachtet, wie sie gegen die Scheiben laufen. Ihre Neurosen werden ausgeleuchtet, bis kaum noch Schatten übrig bleibt.
Die Figuren können ihm nicht entkommen.
Wir ebenfalls kaum.
Die Prosa ist schnell, analytisch, nervös, häufig sehr komisch und nahezu zwanghaft aufmerksam. Sie registriert kleinste soziale Verschiebungen. Wer besitzt gerade Macht? Wer will etwas? Wer wartet auf eine Nachricht? Wer interpretiert ein Schweigen? Wer weiß, dass der andere weiß, dass man selbst etwas will?
So entsteht eine Literatur permanenter Rückkopplung.
Aber irgendwann stellt sich eine unangenehme Frage:
Kann ein Buch die Überinterpretation seiner Figuren kritisieren, wenn es selbst nahezu nichts uninterpretiert lassen kann?
Wenn Analyse zum Symptom wird
Das ist die produktivste Schwäche von „Fiasko“.
Tulathimutte diagnostiziert eine Kultur, in der Menschen jede Erfahrung in Diskurs verwandeln. Gleichzeitig verwandelt auch er beinahe jede Erfahrung seiner Figuren in Diskurs.
Nichts darf einfach peinlich sein.
Die Peinlichkeit besitzt eine Genealogie.
Nichts darf einfach sexuell sein.
Das Begehren hat eine politische Struktur.
Nichts darf einfach scheitern.
Das Scheitern verweist auf Geschlecht, Identität, Technologie, Klasse, Rasse, Körper, Aufmerksamkeit oder die Ökonomie des Begehrtwerdens.
Vieles davon trägt.
Manches trägt fast zu gut.
Tulathimuttes Intelligenz schläft selten, und nach einigen hundert Seiten kann gerade diese Wachheit ermüden. Nicht jede Volte benötigt eine weitere Volte. Nicht jede Selbsttäuschung ihre vollständige Autopsie.
Gelegentlich möchte man einer Figur einen Augenblick wünschen, in dem sie weder Symptom noch Argument noch Pointe sein muss.
Doch vielleicht gehört selbst diese Ermüdung zum Verfahren. „Fiasko“ reproduziert jene Überfülle an Deutung, die es beschreibt. Die Figuren kommen aus ihren Erklärungssystemen nicht heraus. Das Buch möglicherweise auch nicht.
Der Unterschied ist nur: Das Buch weiß es.
Wer begehrt, verliert
Unter den digitalen Oberflächen liegt dabei ein älteres Thema.
Macht.
Nicht die große institutionelle Macht, sondern jene unscheinbare Asymmetrie, die entsteht, sobald ein Mensch etwas von einem anderen will.
Wer begehrt, macht sich abhängig.
Wer begehrt wird, kann entscheiden.
Wer schreibt, wartet auf Antwort.
Wer zurückgewiesen wird, bleibt mit einer Frage zurück, die der andere nicht beantworten muss.
Tulathimutte zeigt, wie schnell diese private Asymmetrie gesellschaftliche Formen annimmt. Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische Zuschreibungen, Attraktivität, politisches Selbstverständnis und soziale Zugehörigkeit bestimmen mit, wer wen ansehen darf, wer begehrt wird und wer sich für übersehen hält.
Aber „Fiasko“ verweigert die einfache Rechnung.
Es gibt hier keine stabile Verteilung von Tätern und Opfern.
Menschen können verletzt werden und andere verletzen.
Sie können reale Diskriminierung erfahren und zugleich ihre eigene Kränkung kultivieren.
Sie können die richtige Analyse der Gesellschaft besitzen und trotzdem unerträglich sein.
Das ist eine der stärksten Entscheidungen des Buches.
Tulathimutte verwechselt politische Lesbarkeit nicht mit moralischer Eindeutigkeit.
Die Zurückweisung kehrt zurück
Am Ende zieht sich die Form endgültig zusammen.
„Re: Rejection“, der siebte Text, ist als Ablehnung des Buches selbst konstruiert. Ein fiktiver Verlag wendet sich an Tony Tulathimutte. Nun steht plötzlich der Autor dort, wo seine Figuren die ganze Zeit standen.
Er will etwas.
Veröffentlichung.
Anerkennung.
Aufmerksamkeit.
Literarische Bedeutung.
Vielleicht Liebe, nur mit ISBN.
Damit verwandelt Tulathimutte Zurückweisung vom Gegenstand in ein Formprinzip.
Der Autor, der Menschen beschreibt, die verzweifelt nach Bestätigung suchen, hat selbst ein Objekt produziert, das bestätigt werden soll. Der Leser, der über narzisstische Verrenkungen und missglückte Selbstbilder gelacht hat, befindet sich zugleich in einem Literaturbetrieb, der nach ähnlichen Mechanismen funktioniert.
Man reicht etwas ein.
Jemand entscheidet.
Man wartet.
Sterne statt Herzen.
Ganz andere Sache.
Natürlich.
Gerade diese metafiktionale Wendung verhindert, dass „Fiasko“ am Ende über seinen Figuren stehen bleibt. Der Blick kehrt zurück. Die Instanz, die alle anderen untersucht hat, wird selbst Gegenstand der Untersuchung.
Das ist mehr als ein postmoderner Trick.
Es ist die logische Konsequenz des Buches.
Wer Zurückweisung untersucht, muss irgendwann fragen, wer eigentlich urteilt.
Sprache als Selbstverteidigung
Für die deutsche Übersetzung von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr liegt hier eine besondere Schwierigkeit. Tulathimuttes Figuren sprechen nicht einfach zeitgenössisch. Ihre Sprache markiert Milieu, politische Zugehörigkeit, sexuelle Codes, Unsicherheit und soziale Macht.
Internetjargon besitzt jedoch kurze Halbwertszeiten.
Wer ihn zu neutral übersetzt, verliert seine soziale Temperatur. Wer ihn demonstrativ aktualisiert, riskiert eine andere Form des Alterns. Der Erwachsene, der beim Abendessen plötzlich „cringe“ sagt, ist schließlich ebenfalls eine literarische Figur.
Entscheidend ist deshalb weniger die Rettung einzelner Modewörter als die Frage, ob ihre Funktion erhalten bleibt.
Denn Sprache ist in „Fiasko“ niemals nur Kommunikationsmittel.
Sie ist Tarnung.
Waffe.
Diagnoseinstrument.
Und gelegentlich der Ort, an dem ein Mensch so lange über sich spricht, bis er sich nicht mehr hören muss.
Kein Buch über schlechte Menschen
Man könnte „Fiasko“ leicht als Sammlung über Narzissten, Incels, Online-Neurotiker und emotional beschädigte Millennials lesen.
Das wäre die beruhigende Interpretation.
Sie erlaubt Distanz.
Diese Menschen sind schrecklich.
Wir natürlich nicht.
Tulathimuttes eigentliche Stärke liegt darin, dass diese Entfernung nicht stabil bleibt. Hinter den grotesken Auswüchsen seiner Figuren stehen Wünsche, die kaum exotisch sind: gesehen werden, begehrt werden, dazugehören, recht behalten, verstanden werden.
Das Problem beginnt nicht mit dem Wunsch.
Es beginnt mit der Geschichte, die wir erzählen, wenn er nicht erfüllt wird.
„Fiasko“ ist deshalb weder bloß Satire auf eine Generation noch Abrechnung mit einer digitalisierten Kultur. Es ist ein Buch über Selbstbeschreibung unter Bedingungen permanenter Beobachtung. Über Menschen, die gelernt haben, ihre Identität so genau zu formulieren, dass sie irgendwann selbst darin verschwinden.
Das ist brillant konstruiert.
Mitunter überkonstruiert.
Es ist sehr komisch.
Und seine Komik besitzt jene unangenehme Verzögerung, nach der man erst lacht und anschließend prüft, weshalb eigentlich.
Vielleicht liegt darin Tulathimuttes stärkster Effekt.
Wir leben in einer Kultur, die für fast jede Erfahrung eine Sprache bereithält. Für Begehren. Für Verletzung. Für Macht. Für Identität. Für Trauma. Für Zurückweisung.
Wir können genauer denn je erklären, weshalb wir sind, wer wir sind.
Nur der andere Mensch bleibt davon seltsam unbeeindruckt.
Er kann immer noch Nein sagen.
Über den Autor Tony Tulathimutte
Tony Tulathimutte, 1983 in Kentucky geboren, gehört zu jener Generation amerikanischer Autoren, die über die Millennials nicht erst im Rückblick schreiben mussten. Sie waren schon da.
Sein Debütroman Private Citizens erschien 2016 und wurde vom New York Magazine als „the first great millennial novel“ bezeichnet – ein Etikett, das ebenso nach Auszeichnung wie nach vorzeitiger Archivierung klingt. Schon dort interessierten Tulathimutte jene Milieus, in denen Bildung, politisches Bewusstsein, soziale Ambition und private Orientierungslosigkeit auffällig gut miteinander auskommen.
Tulathimutte studierte an der Stanford University und absolvierte anschließend den Iowa Writers’ Workshop. Seine Essays und literarischen Arbeiten erschienen unter anderem in The New York Times, The New Yorker, The Atlantic, The Paris Review, n+1, The New Republic, The Believer und VICE. 2017 erhielt er einen Whiting Award; hinzu kommt ein O. Henry Award.
Dass ausgerechnet der Autor von Fiasko auch bei Late Night with Seth Meyers zu Gast war, ist dabei eine kleine biografische Pointe. Tulathimutte schreibt schließlich über eine Kultur, in der Aufmerksamkeit zugleich Währung, Bedürfnis und Verdachtsmoment geworden ist. Öffentlichkeit gehört bei ihm deshalb nicht nur zur Schriftstellerbiografie. Sie ist längst Teil des literarischen Materials.
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