„Wenn sich die Mehrheit faschisiert, musst du Minderheit sein“Antilopen Gang: Outlaws
Schon so mancher Edelfan hat sich mit seinem Lieblingsfußballclub, seiner Lieblingsband oder seinem Lieblingsschauspieler überidentifiziert, was mitunter fatale Folgen haben kann. Diese Zeilen handeln davon, wohin blinde Fanliebe führen kann.
Seit einigen Jahren bin ich begeisterter Anhänger der Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang, die aus Danger Dan, Panik Panzer und Koljah besteht. Ihre frechen, grotesken, politischen Songtexte sprachen mich direkt beim ersten Hören an. Es war quasi Liebe auf den ersten Klick. Ich war Verliebt. Unmittelbar angefixt, besorgte ich mir so ziemlich alles, was Die neue Antilopen Gang in ihrem Merchandise-Shop online anbietet: Vom T-Shirt mit der ikonischen grazilen Antilope über Kaffeetasse und Jutetasche mit Antilopen-Aufdruck bis hin zum Klaviermann-Siebdruckposter oder sogar dem Antilöpchen-Kindershirt in blau (obwohl ich keine Kinder habe und kleine Kinder in der Regel auch nicht ausstehen kann, aber das nur am Rande).
Diese Form von Fantum war noch harmlos und belastete nur mein Portemonnaie. Fatal wurde es, als ich begann, die Songtexte der Lopis wortwörtlich und bierernst zu nehmen und sie in mein eigenes Leben zu integrieren. Der Opener von Danger Dans Liedermacher-Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ fordert: Lauf davon. Also kündigte ich meinen zugegebenermaßen auch ziemlich stumpfsinnigen und schlecht dotierten Job. Grenzwertig wurde es, als ich dem Aufruf Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok folgte und Danger Dan eben dies nachmachte – ich verpasste den ekelhaften Sextouristen Eine aufs Maul.
So richtig in die Bredouille kam ich aber erst, als ich den Text von Chamäleon 1 zu ernst nahm mit den Zeilen: „Gib keinen Fick auf Vernunft / Mach lieber Unsinn, überfall mal ne Bank / Alle sind krank, tu ihnen keinen Gefallen, verdammt“. Meine eigene Mittellosigkeit (dank Danger Dan habe ich ja keinen Job mehr) und eben diese Zeilen brachten mich dazu, tatsächlich einen Banküberfall zu begehen, der natürlich krachend scheiterte.
Aktuell sitze ich in U-Haft, Piss in den Käfig, nein, natürlich in meine Zelle, und verfasse diese Zeilen als eindringliche Warnung an all jene, die ihrem Lieblingsfußballclub, ihrer Lieblingsband oder ihrem Lieblingsschauspieler unbedingte, blinde Gefolgschaft geschworen haben. Wenn ich dem Haftrichter vorgeführt werde, werde ich versuchen, ihn mit Pizza zu bestechen. Sollte ich hoffentlich bald wieder in Freiheit kommen, versuche ich es mit dem Enkeltrick.
Einstweilen ist meine Situation aber so richtig verfahren, ein einziges Fiasko. Mein blinder Gehorsam gegenüber der Antilopen Gang ist einer tiefen Aversion gewichen: „Herzlichen Dank dafür, liebe Lopis, dass ihr mein Leben ruiniert habt!“. Grummele ich in meiner Gefängniszelle vor mich hin und ziehe mir Beate Zschäpe hört U2 rein.