Es beginnt mit einer Grenze, die niemand sehen kann.
Ein Flugzeug trifft auf etwas, das eben noch nicht da war. Tiere werden durchschnitten, Autos prallen gegen eine unsichtbare Wand, Menschen stehen plötzlich wenige Meter voneinander entfernt und befinden sich doch in verschiedenen Welten. Chester’s Mill, eine Kleinstadt in Maine, ist von einem Augenblick auf den anderen abgeschlossen.
Stephen King braucht für diesen Vorgang keine lange Vorbereitung. Die Kuppel fällt. Danach beginnt das Experiment.
„Die Arena“, im amerikanischen Original „Under the Dome“, erschien 2009. Die deutsche Übersetzung stammt von Wulf Bergner. Je nach Ausgabe bringt der Roman rund 1.280 Seiten auf die Waage. Eine beträchtliche Strecke für eine Geschichte, deren Grundidee in einen einzigen Satz passt: Eine Kleinstadt wird von der Außenwelt abgeschnitten.
Aber King interessiert weniger, warum die Kuppel da ist, als was geschieht, wenn sie bleibt.
Die Kuppel ist nicht das Monster
Das ist der erste kluge Zug dieses Romans.
Die unsichtbare Barriere ist spektakulär, aber sie handelt nicht. Sie hält nur fest. Das genügt.
King verwandelt Chester’s Mill in ein geschlossenes System. Ressourcen werden knapp. Die Luft verschlechtert sich. Informationen zirkulieren, Gerüchte ebenso. Alte Hierarchien verlieren ihre äußere Kontrolle, während neue erstaunlich schnell entstehen. Was außerhalb der Kuppel Staat, Öffentlichkeit und Recht heißt, existiert innerhalb bald nur noch als Erinnerung.
Die eigentliche Katastrophe ist deshalb nicht physikalischer, sondern gesellschaftlicher Natur.
Mit James „Big Jim“ Rennie setzt King eine Figur ins Zentrum, die sehr genau versteht, was eine Krise politisch bedeutet: Gelegenheit. Rennie braucht keine funktionierende Demokratie. Er braucht Angst, Abhängigkeit und Menschen, die ihm glauben, dass Ordnung wichtiger sei als Wahrheit.
King zeichnet ihn nicht besonders fein. Big Jim ist kein Rätsel. Seine Machttechnik dagegen ist präzise beobachtet.
Er kontrolliert Informationen, schafft Loyalitäten, definiert Gegner und präsentiert die Folgen seiner eigenen Politik anschließend als Gründe dafür, noch mehr Macht zu benötigen. Herrschaft erscheint bei King nicht als plötzlicher Staatsstreich. Sie kommt in kleinen organisatorischen Entscheidungen daher.
Der Horror trägt hier keinen Umhang. Er führt Sitzungen.
Eine Stadt wird zum Versuchslabor
King war immer besonders stark, wenn er Kleinstädte nicht als Kulisse, sondern als soziale Organismen behandelt.
Chester’s Mill besitzt deshalb keinen eigentlichen Hauptdarsteller. Der Roman bewegt sich zwischen Dutzenden Figuren, Interessen, Ängsten und Abhängigkeiten. Dale „Barbie“ Barbara und die Journalistin Julia Shumway bilden wichtige Gegenkräfte zu Rennie, doch selbst sie gehören letztlich nur zu einem größeren Geflecht.
Genau darin liegt die Stärke des Romans.
King erzählt Gesellschaft nicht abstrakt. Er zerlegt sie in Menschen.
Da sind Polizisten, Geschäftsleute, Jugendliche, Lokalpolitiker, Geistliche, Ärzte, Nachbarn. Menschen, die helfen. Menschen, die wegsehen. Menschen, die erstaunlich schnell entdecken, dass eine Uniform manchmal genügt, um aus einer Meinung einen Befehl zu machen.
Die Kuppel verändert diese Menschen weniger, als man zunächst glauben könnte.
Sie entfernt nur die Ausreden.
King und die Kunst, sehr lange nicht fertig zu werden
Natürlich ist „Die Arena“ auch ein typischer King-Roman. Und „typisch“ ist hier weder Lob noch Tadel, sondern zunächst eine Maßeinheit.
King nimmt sich Zeit. Viel Zeit.
Er führt Figuren ein, verfolgt Nebenwege, wechselt Perspektiven und lässt Gespräche länger dauern, als es die reine Plotökonomie verlangen würde. Bereits zeitgenössische Kritiken bemerkten diesen Gegensatz zwischen gewaltigem Umfang und Kings erklärtem Wunsch, das erzählerische Gaspedal dennoch durchgedrückt zu halten.
Das klingt widersprüchlich. Bei King ist es das nicht unbedingt.
Seine Romane leben häufig davon, dass Handlung und Abschweifung nebeneinander existieren dürfen. Das Ereignis rückt näher, während jemand noch schnell eine Erinnerung, eine Ehe, einen Hund oder die Einrichtung eines Diners bekommt. Manchmal möchte man King dabei freundlich auf die Schulter tippen. Meist liest man trotzdem weiter.
Gerade in „Die Arena“ besitzt diese bekannte erzählerische Ausführlichkeit sogar eine Funktion. Chester’s Mill muss bevölkert werden, bevor es zerfallen kann.
King schreibt deshalb keinen Bericht über eine Katastrophe. Er schafft zunächst genügend Alltag, damit die Katastrophe etwas vorfindet, das sie zerstören kann.
Wulf Bergners Übersetzung trägt diesen Modus zuverlässig ins Deutsche. Sie versucht nicht, King eleganter zu machen, als er sein möchte. Dialog, Milieuwechsel und die abrupten Schnitte bleiben beweglich. Bei einem Roman dieser Größenordnung ist das keine geringe Leistung. Eine zu schwere Übersetzung hätte aus Chester’s Mill schnell einen sehr langen Aufenthalt gemacht.
Dann kommt Steven Spielberg
Wer „Die Arena“ heute liest, begegnet fast zwangsläufig noch einer zweiten Version von Chester’s Mill.
„Under the Dome“ startete 2013 beim amerikanischen Sender CBS. Entwickelt wurde die Adaption von Brian K. Vaughan. Zu den Executive Producers gehörten Stephen King und Steven Spielberg beziehungsweise dessen Produktionsfirma Amblin Television.
Der Name Spielberg ist dabei verführerisch.
Er weckt Erwartungen an jenes amerikanische Unterhaltungskino, das große fantastische Ideen mit sehr menschlichen Blickwinkeln verbinden kann. Man denkt an gewöhnliche Straßen, Familien, Kinder, Autos, Küchen – und an etwas Ungeheures, das plötzlich in diese Normalität eindringt.
„Under the Dome“ besitzt durchaus etwas von dieser Architektur.
Nur sollte man Spielbergs Beteiligung nicht mit einer Autorenschaft verwechseln. Er führte nicht Regie und war nicht der Showrunner. Sein Name bezeichnet hier vor allem eine Ebene der Produktion. Die eigentliche Serienmaschine wurde von anderen gesteuert.
Und diese Maschine läuft schnell.
Eine Serie auf der Flucht vor der nächsten Episode
Hier liegt der entscheidende Unterschied zum Roman. King erzählt aus. Die Serie erzählt häufig nach.
Das klingt zunächst fast identisch. Tatsächlich beschreibt es zwei vollkommen verschiedene Formen des Erzählens.
King kann eine Figur über Seiten beobachten, bevor ihre Entscheidung wichtig wird. Er kann einen Konflikt liegen lassen, Nebenfiguren einschieben und später zurückkehren. Seine berüchtigte Länge erzeugt dadurch etwas, das für „Die Arena“ entscheidend ist: sozialen Druck.
Man kennt diese Menschen irgendwann. Oder glaubt zumindest, sie zu kennen.
Die Fernsehserie hat dafür weniger Geduld. Sie muss Konflikte sichtbar machen, Wendungen setzen, Episodenenden vorbereiten und gleichzeitig das zentrale Rätsel in Bewegung halten.
Dadurch entsteht stellenweise ein merkwürdiger Eindruck von Beschleunigung ohne wirkliche Geschwindigkeit. Es passiert viel. Aber nicht alles bekommt Gewicht.
Schon frühe Kritiken registrierten dieses Problem. Der Guardian sah trotz des großen Event-Charakters Schwächen in Dialog und Plot; eine weitere Besprechung fragte bereits nach wenigen Episoden, ob die Serie nicht länger als tief sei. In der zweiten Staffel wurde die Kritik erheblich schärfer und richtete sich gegen immer neue, zunehmend unwahrscheinliche Plotwendungen.
Das Problem ist dabei weniger, dass die Serie vom Roman abweicht. Adaptionen müssen abweichen. Interessanter ist, wie sie erzählt.
Manche Szenen wirken, als würden sie weniger aus einer Figur entstehen als aus der Notwendigkeit, den nächsten Handlungspunkt zu erreichen. Figuren erklären Situationen. Konflikte werden markiert. Beziehungen wechseln ihre Temperatur mit einer Geschwindigkeit, die dem Zuschauer wenig Gelegenheit gibt, die Veränderung selbst zu beobachten.
Das Fernsehen zeigt uns dann, was geschehen ist. King lässt uns länger darin sitzen.
Vielleicht lässt sich der Unterschied so fassen: Der Roman baut Chester’s Mill Stein für Stein auf, obwohl längst klar ist, dass er es zerstören möchte. Die Serie kennt die Sehenswürdigkeiten und fährt mit dem Bus daran vorbei.
Aus der Kuppel wird eine Hauptdarstellerin
Hinzu kommt eine zweite Verschiebung. Bei King ist die Kuppel vor allem eine Bedingung. In der Serie wird sie zunehmend zur Figur.
Sie sendet Zeichen. Sie produziert Rätsel. Visionen, Geheimnisse und mythologische Ebenen gewinnen an Bedeutung. Die Serie muss schließlich nicht nur erklären, was Menschen unter einer Kuppel tun. Sie muss Gründe liefern, weshalb man nächste Woche wieder einschaltet.
Das verändert die Statik der Geschichte. King fragt im Kern: Was machen Menschen, wenn sie nicht mehr wegkönnen? Die Serie fragt immer häufiger: Was will die Kuppel?
Damit bewegt sich „Under the Dome“ vom gesellschaftlichen Versuchsanordnungsroman in Richtung Mystery-Serie. Das kann unterhaltsam sein. Es besitzt Tempo, Cliffhanger und einige wirkungsvolle Bilder. Gerade die erste Staffel profitiert noch stark von der Einfachheit der Ausgangslage.
Doch mit jeder zusätzlichen Erklärung wächst paradoxerweise die Beliebigkeit des Geheimnisses.
Ein unerklärtes Hindernis kann ungeheuer präzise sein. Ein Mythos muss ständig gefüttert werden.
Dean Norris weiß, was Big Jim braucht
Dass die Serie trotzdem einen beträchtlichen Sog entwickeln kann, liegt auch an ihrer Besetzung.
Vor allem Dean Norris als Big Jim Rennie versteht eine Qualität der Figur, die im Fernsehen sogar unmittelbarer funktioniert als im Roman: Macht muss nicht ständig drohen.
Manchmal genügt Freundlichkeit.
Norris gibt Big Jim jene joviale Bürgerlichkeit, hinter der Besitzdenken und Kontrollbedürfnis fast beiläufig hervortreten. Dieser Mann muss nicht aussehen wie ein Diktator. Es reicht vollkommen, dass er aussieht wie jemand, der weiß, wo der Schlüssel zum Lagerraum liegt.
Auch Mike Vogel als Barbie und Rachelle Lefevre als Julia Shumway geben der Serie erkennbare Zentren. Doch sie müssen gegen eine Dramaturgie anspielen, die ihre Figuren immer wieder zur nächsten Krise schickt.
Hier zeigt sich erneut die seltsame Qualität dieser Adaption.
Sie ist keineswegs billig gemacht. Ihre Grundidee besitzt visuelle Kraft. Die Besetzung funktioniert über weite Strecken. Die erste Staffel versteht durchaus, welche Energie in Kings Versuchsanordnung steckt.
Und trotzdem wirkt die Serie häufig weniger dicht als der Roman.
Nicht trotz ihres Tempos. Sondern wegen dieses Tempos.
Steven Spielberg und das Versprechen des Event-Fernsehens
Gerade deshalb ist Spielbergs Name im Abspann interessant.
„Under the Dome“ entstand zu einer Zeit, in der amerikanische Networks nach Formen suchten, dem prestigeträchtigen Serienfernsehen von Kabelsendern und Streamingdiensten etwas entgegenzusetzen. Die Serie wurde zunächst als sommerliches Fernsehereignis mit 13 Episoden wahrgenommen; der Guardian beschrieb sie damals sogar als möglichen Testfall für die Rückkehr der amerikanischen Miniserie beziehungsweise „Event Series“.
Dann wurde sie erfolgreich. Und das Experiment bekam Verlängerung.
Aus der begrenzten Versuchsanordnung wurden schließlich drei Staffeln und 39 Episoden.
Darin liegt beinahe eine kleine Ironie der Fernsehgeschichte.
Ein Roman über Menschen, die nicht aus einer abgeschlossenen Welt herauskommen, wurde zu einer Serie, die selbst nicht rechtzeitig aus ihrer eigenen Kuppel herauskam.
Zwei verschiedene Arten von Länge
Damit stehen Roman und Serie heute merkwürdig spiegelbildlich nebeneinander.
Stephen Kings „Die Arena“ ist sehr lang. Manchmal zu lang. King schreibt in seinem bekannten Modus, großzügig bis zur Verschwendung, detailverliebt, gelegentlich redundant. Aber diese Länge erzeugt einen Raum.
Die Serie ist ebenfalls lang. Doch ihre Länge erzeugt zunehmend Handlung. Das ist nicht dasselbe.
Beim Roman verdichtet sich Chester’s Mill durch Wiederholung, Beobachtung und die Vielzahl seiner Bewohner. In der Serie muss das eingeschlossene System immer neue Ereignisse hervorbringen, damit die nächste Episode einen Grund besitzt zu existieren.
Der Roman dehnt Zeit. Die Serie verbraucht Plot.
Gerade deshalb lohnt es sich, beide Fassungen nebeneinander zu betrachten. Nicht um zu entscheiden, welche „besser“ ist. Sondern weil man an ihnen zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon beobachten kann, wie Spannung entsteht.
Bei King wächst sie aus Menschen. Im Fernsehen wächst sie zunehmend aus Ereignissen.
Heute wieder unter der Kuppel
Dass Paramount+ die drei Staffeln derzeit wieder verfügbar macht, gibt „Under the Dome“ eine interessante zweite Gegenwart.
Denn Streaming verändert auch diese Serie.
Was früher eine Woche Abstand zwischen zwei Episoden hatte, steht heute unmittelbar hintereinander. Cliffhanger verlieren ihre Wartezeit. Wiederholungen werden sichtbarer. Dramaturgische Beschleunigung fällt stärker auf, wenn der nächste Konflikt nicht sieben Tage, sondern sieben Sekunden entfernt ist.
Das kann der Serie schaden. Es kann sie aber auch eigentümlich unterhaltsam machen.
Denn „Under the Dome“ besitzt weiterhin jene robuste amerikanische Erzählenergie, die einen noch eine Episode ansehen lässt, obwohl man längst bemerkt hat, wie die Maschine arbeitet. Vielleicht ist das die größte Differenz zu Kings Roman.
Bei King sieht man ebenfalls die Maschine. Man kennt seine Typen, seine Kleinstädte, seine Kinder, seine Fanatiker, seine Gewalt und seine Vorliebe dafür, einen Satz mehr zu schreiben, wenn auch drei gereicht hätten.
Aber die Maschine verschwindet immer wieder hinter den Menschen. In der Serie geschieht mit zunehmender Laufzeit das Gegenteil. Man sieht die Zahnräder. Man hört sie gelegentlich sogar klicken.
Und während King seine Kuppel über Chester’s Mill senkt, um zu beobachten, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn es keinen Ausgang mehr gibt, muss das Fernsehen etwas ganz anderes leisten:
Es muss dafür sorgen, dass wir freiwillig wieder hineingehen.