Das Leben der Hansens hat inzwischen eine gewisse geografische Unruhe entwickelt. Hamburg, Wien, Berlin, Amerika – die Familie ist längst über Länder und Städte verteilt, und trotzdem genügt eine Nachricht, damit plötzlich wieder alle Fäden zusammenlaufen. Familie bedeutet in Ellin Carstas Romanen eben nicht unbedingt Nähe. Manchmal reicht das Wissen, dass man kommen würde, wenn es darauf ankommt.
Tanz ins Leben von Ellin Carsta: Eine Familie zwischen Aufbruch und Abschied
In „Tanz ins Leben“, dem dritten Band der Reihe „Die Kinder der Hansens“, wird genau dieses Prinzip besonders sichtbar. Die Handlung spielt 1925. Amala Hansen steht kurz vor den Dreharbeiten zu ihrem ersten Film und reist vorher nach Wien, um endlich ihre dortige Verwandtschaft kennenzulernen. Auguste muss währenddessen entscheiden, wie sie Schwangerschaft und ihren Beruf als Bauingenieurin miteinander vereinbaren will. Und dann erreicht die Familie eine Nachricht aus Hamburg: Richard Hansens Gesundheitszustand ist kritisch.
Carsta erzählt damit erneut von einer Generation, die mehr Möglichkeiten besitzt als ihre Eltern – aber keineswegs weniger Probleme. Der Fortschritt hat schließlich die unangenehme Eigenschaft, neue Türen zu öffnen, ohne die alten Erwartungen gleich mit abzubauen.
Worum geht es in „Tanz ins Leben“?
Hamburg im Jahr 1925. Für Amala scheint sich ihr großer beruflicher Wunsch zu erfüllen: Die Dreharbeiten zu ihrem ersten Film stehen bevor. Zuvor möchte sie jedoch die Verwandten in Wien kennenlernen. Gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern macht sie sich auf die Reise.
Für Georg Hansen bekommt dieser Besuch eine eigene Bedeutung. Das Wiedersehen mit Therese ist von einer besonderen Vertrautheit geprägt. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht. Aus Hamburg kommt die Nachricht, dass es Richard gesundheitlich sehr schlecht geht. Die Familie muss zurückkehren, und plötzlich wird aus dem Besuch in Wien eine Konfrontation mit Abschied und Vergänglichkeit.
Parallel wird Augustes Situation immer schwieriger zu verbergen. Sie ist schwanger, ein Vater für das Kind ist nicht in Sicht. Gleichzeitig möchte sie keineswegs ihre beruflichen Pläne aufgeben: Auguste will weiterhin als Bauingenieurin arbeiten. Für eine Frau im Jahr 1925 ist bereits dieser Beruf ungewöhnlich genug; die Aussicht, ihn als unverheiratete Mutter fortzuführen, macht aus einer persönlichen Entscheidung schnell eine gesellschaftliche Angelegenheit.
Auch Amalas Zukunft entwickelt sich anders als erwartet. Ein einschneidendes Ereignis bringt ihre beruflichen Pläne durcheinander. Carstas offizielle Inhaltsbeschreibung hält sich bei den Einzelheiten bewusst zurück – und dabei sollte es auch bleiben.
Auguste hat ein Problem, das plötzlich alle etwas angeht
Augstes Geschichte gehört zu den interessantesten Teilen dieses dritten Bandes. Ihre Schwangerschaft ist zunächst etwas zutiefst Privates. In der Gesellschaft, in der sie lebt, bleibt sie das allerdings nicht lange.
Eine unverheiratete schwangere Frau muss 1925 nicht nur überlegen, wie ihr eigenes Leben weitergeht. Sie wird mit Vorstellungen darüber konfrontiert, wie dieses Leben überhaupt aussehen darf. Auguste verschärft den Konflikt noch dadurch, dass sie ihren Beruf nicht aufgeben möchte.
Gerade die Verbindung von Mutterschaft und beruflicher Selbstständigkeit macht diesen Handlungsstrang stärker als eine bloße Familienkomplikation. Auguste möchte Bauingenieurin bleiben. Damit verteidigt sie nicht irgendeine Beschäftigung, sondern einen Lebensentwurf, der schon ohne Kind außerhalb der damals üblichen Erwartungen an Frauen liegt.
Carsta zeigt daran einen Widerspruch, der für die Zwanzigerjahre entscheidend ist. Die Moderne ist bereits sichtbar. Frauen erobern neue berufliche und gesellschaftliche Räume. Aber die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, wie eine „anständige“ Frau zu leben hat, verschwinden nicht im selben Tempo.
Auguste befindet sich genau zwischen diesen beiden Zeiten. Sie kann sich ein anderes Leben vorstellen. Das bedeutet noch lange nicht, dass ihre Umwelt dieses Leben selbstverständlich findet.
Amala steht kurz vor dem Ziel – und das Leben interessiert sich nicht dafür
Bei Amala setzt Carsta eine Entwicklung fort, die bereits „Schritt ins Licht“ und „Glück des Augenblicks“ geprägt hat. Die junge Frau kam mit dem Wunsch nach Deutschland, Schauspielerin zu werden. Inzwischen steht sie tatsächlich vor ihrem ersten Film.
Das ist innerhalb der Reihe eine bemerkenswerte Entwicklung. Aus einem Wunsch ist eine konkrete Karriere geworden. Amala hat sich ihren Platz erarbeitet und beginnt, in einer Branche Fuß zu fassen, in der Sichtbarkeit alles bedeutet.
Doch „Tanz ins Leben“ interessiert sich weniger für den Erfolg selbst als für dessen Unsicherheit. Carsta konfrontiert Amala mit einem Ereignis, das ihre beruflichen Pläne erheblich verändert.
Darin liegt eine durchaus passende Fortsetzung ihrer Geschichte. Amala musste bislang vor allem gegen äußere Widerstände kämpfen. Jetzt erlebt sie, dass ein Lebensentwurf auch dann zerbrechen kann, wenn man selbst alles richtig gemacht hat.
Das ist vielleicht die ernüchterndste Form von Kontrollverlust. Gegen Vorurteile kann man kämpfen, für eine Rolle vorsprechen, an sich arbeiten. Das Leben selbst lässt sich deutlich schlechter beeindrucken.
Ein Besuch in Wien, der mehr verändert als geplant
Die Reise nach Wien führt verschiedene Zweige der Familie wieder enger zusammen. Amala lernt Verwandte kennen, die bislang vor allem Teil ihrer Familiengeschichte waren. Gleichzeitig rückt das Verhältnis zwischen Georg und Therese stärker in den Mittelpunkt.
Carsta arbeitet hier mit einem Motiv, das für lange Familiensagas besonders geeignet ist: Beziehungen verändern sich nicht nur bei der jungen Generation. Auch ältere Figuren bleiben Menschen mit Bedürfnissen, Hoffnungen und Möglichkeiten.
Das klingt selbstverständlich, wird in Generationenromanen aber erstaunlich leicht vergessen. Sobald die Kinder erwachsen sind, werden Eltern literarisch gern zu Ratgebern mit grauen Haaren degradiert. Bei den Hansens dürfen auch sie weiterhin ein eigenes Leben besitzen.
Das Wiedersehen von Georg und Therese erhält jedoch sofort einen Gegenpol. Richards kritischer Gesundheitszustand zwingt die Familie zur Rückkehr nach Hamburg.
Aufbruch und Abschied stehen dadurch ungewöhnlich dicht nebeneinander. Während einige Figuren darüber nachdenken, was noch beginnen könnte, müssen andere akzeptieren, dass etwas endet.
Die Familie ist das eigentliche Zuhause dieser Reihe
„Tanz ins Leben“ verteilt seine Handlung erneut auf zahlreiche Figuren. Neben Hamburg und Wien führen weitere Familienzweige unter anderem nach Berlin und in die USA. Auch Eduards problematische Geschäfte bleiben Teil der größeren Familiengeschichte.
Diese geografische Breite macht inzwischen deutlich, worin der eigentliche Zusammenhalt der Reihe besteht. Es ist kein bestimmter Ort. Selbst die Hamburger Villa kann diese Funktion nur teilweise erfüllen.
Das Zentrum sind die Beziehungen.
Menschen ziehen weg, verfolgen Karrieren, gründen eigene Familien oder geraten auf problematische Wege. Trotzdem bleibt die Zugehörigkeit bestehen. Gerade in Krisensituationen wird sichtbar, wie stark dieses Netz noch ist.
Carsta zeichnet die Familie dabei tendenziell als stabilisierende Kraft. Das kann tröstlich wirken, gelegentlich aber auch etwas harmonisch. Kritische Besprechungen haben darauf hingewiesen, dass Konflikte innerhalb der Familie teilweise recht schnell und verständnisvoll gelöst werden.
Gerade Augustes Situation zeigt dieses Problem. Die gesellschaftlichen Widerstände, denen eine unverheiratete Mutter mit beruflichen Ambitionen begegnen musste, sind erheblich. Innerhalb der Hansen-Familie findet sie dagegen vergleichsweise viel Unterstützung. Das entspricht der grundsätzlichen Wärme der Saga, nimmt manchen Konflikten aber auch etwas von ihrer Schärfe.
Die Hansens sind eben nicht nur eine Familie. Sie sind manchmal auch ein erstaunlich funktionierendes soziales Sicherheitsnetz.
1925 ist modern – jedenfalls auf dem Papier
Historisch befindet sich „Tanz ins Leben“ mitten in einer Übergangszeit. Der Erste Weltkrieg liegt einige Jahre zurück, die gesellschaftlichen Veränderungen der Weimarer Republik sind deutlich spürbar, und besonders für Frauen entstehen neue Möglichkeiten.
Carsta bindet diesen Wandel vor allem über die Lebensentscheidungen ihrer Figuren ein. Amala arbeitet als Schauspielerin und steht vor einer Filmkarriere. Auguste möchte als Bauingenieurin tätig bleiben. Andere Familienmitglieder bewegen sich zwischen traditionellen Erwartungen und neuen Lebensmodellen.
Der historische Hintergrund wird dabei nicht zum eigentlichen Hauptthema. „Tanz ins Leben“ bleibt ein Unterhaltungsroman und eine Familiensaga. Gesellschaftliche Veränderungen werden vor allem dort sichtbar, wo sie konkrete Folgen für die Figuren haben.
Das ist zugleich Stärke und Begrenzung des Romans. Carsta vermittelt historische Entwicklungen leicht zugänglich, ohne ihre Handlung mit langen Erklärungen zu belasten. Wer allerdings eine tiefgehende literarische Auseinandersetzung mit der Weimarer Gesellschaft erwartet, sucht in einer anderen Art von historischem Roman.
Hier kommt Geschichte durch die Haustür. Meistens trägt sie einen Familiennamen.
Viele Figuren verlangen ein gutes Gedächtnis
Mit dem dritten Band ist „Die Kinder der Hansens“ endgültig eine umfangreiche Ensemblegeschichte. Carsta wechselt zwischen verschiedenen Figuren und Schauplätzen; einzelne Kapitel rücken jeweils andere Mitglieder der Familie in den Mittelpunkt.
Für Leser der ersten beiden Teile ist das ein wesentlicher Reiz. Man verfolgt nicht nur Amala oder Auguste, sondern sieht gleichzeitig, wie sich unterschiedliche Lebenswege entwickeln.
Für Neueinsteiger wird es dagegen schwierig. Schon Rezensionen zum Erscheinungszeitpunkt wiesen darauf hin, dass die zahlreichen Namen und Familienverhältnisse ohne Kenntnis der Vorgänger schwerer einzuordnen sind.
„Tanz ins Leben“ ist deshalb kein guter Einstiegspunkt. Die Handlung lässt sich zwar grundsätzlich verstehen, ihre emotionale Wirkung hängt aber stark davon ab, dass man die Figuren bereits kennt. Richards Krankheit bedeutet beispielsweise wesentlich mehr, wenn Richard nicht erst seit zwanzig Seiten ein Name im Stammbaum ist.
Familiensagas leben von Erinnerung. Wer erst beim dritten Familientreffen auftaucht, darf sich über die vielen Cousins nicht beschweren.
Stärken und Schwächen von „Tanz ins Leben“
Eine Stärke des Romans liegt in der Verbindung verschiedener Formen von Veränderung. Auguste kämpft um einen Lebensentwurf, der Mutterschaft und Beruf verbindet. Amala steht an einer entscheidenden Stelle ihrer Karriere. Georg und Therese erleben eine neue Nähe, während die Familie gleichzeitig mit Richards Zustand konfrontiert wird.
Dadurch bekommt der Titel eine interessante Bedeutung. „Tanz ins Leben“ klingt zunächst nach Aufbruch und Leichtigkeit. Tatsächlich bewegen sich die Figuren aber ständig zwischen Hoffnung und Verlust. Der Tanz ist weniger elegant, als der Titel vermuten lässt.
Auch Carstas leicht zugängliche Erzählweise passt zur Saga. Die Perspektivwechsel halten das Tempo hoch und ermöglichen es, eine große Familie gleichzeitig weiterzuführen.
Die größte Schwäche entsteht aus derselben Konstruktion. Bei so vielen Figuren bleibt für einzelne Konflikte nur begrenzt Raum. Manche Entwicklungen werden schneller abgehandelt, als ihr gesellschaftliches oder psychologisches Gewicht eigentlich verlangen würde. Hinzu kommen Rückblicke auf frühere Ereignisse, die beim Wiedereinstieg helfen, für kontinuierliche Leser aber stellenweise Wiederholungen darstellen.
Die Kinder der Hansens: Band 3 der Reihe
„Tanz ins Leben“ ist der dritte Band von „Die Kinder der Hansens“. Die Reihe sollte möglichst chronologisch gelesen werden, da Beziehungen und Entwicklungen unmittelbar aufeinander aufbauen. Die offizielle Autorinnenseite führt die Serie in folgender Reihenfolge:
- Schritt ins Licht
- Glück des Augenblicks
- Tanz ins Leben
- Zauber des Neuen
- Kraft der Veränderung
- Moment des Aufbruchs
- Zeit des Neubeginns
- Geschenk des Loslassens
- Entdeckung der Wahrheit
- Ende einer Ära
Die Reihe „Die Kinder der Hansens“ ist ihrerseits eine Fortsetzung der früheren Hansen-Saga. Für „Tanz ins Leben“ sind vor allem die beiden unmittelbar vorausgehenden Bände wichtig; Kenntnisse der ursprünglichen Saga vertiefen zusätzlich das Verständnis der älteren Familienmitglieder.
Für wen eignet sich „Tanz ins Leben“?
Der dritte Band richtet sich vor allem an Leser, die historische Familien- und Generationensagas mögen und Figuren gern über mehrere Bücher begleiten. Wer „Schritt ins Licht“ und „Glück des Augenblicks“ gelesen hat, bekommt hier die konsequente Fortsetzung der begonnenen Lebenswege.
Besonders Augustes Geschichte dürfte Leser ansprechen, die sich für die gesellschaftliche Stellung berufstätiger Frauen in historischen Romanen interessieren. Amalas Weg wiederum führt das Thema weiblicher Selbstbestimmung über eine ganz andere Lebenswelt fort.
Wer dagegen eine einzelne Hauptfigur oder eine stark konzentrierte Handlung bevorzugt, dürfte mit der Vielzahl an Familienmitgliedern und Schauplätzen weniger anfangen können. „Tanz ins Leben“ möchte Panorama sein, nicht Porträt.
Über Ellin Carsta
Ellin Carsta ist das Pseudonym der deutschen Schriftstellerin Petra Mattfeldt. Unter diesem Namen schreibt sie vor allem historische Romane und Familiensagas. Neben der ursprünglichen Hansen-Saga und „Die Kinder der Hansens“ gehört unter anderem die Gut-Falkenbach-Reihe zu ihrem umfangreichen Werk.
Mit „Die Kinder der Hansens“ hat Carsta die Geschichte ihrer früheren Saga bewusst an die nächste Generation übergeben. „Tanz ins Leben“ zeigt besonders deutlich, warum dieses Konzept genügend Stoff für eine eigene Reihe bietet: Die Kinder übernehmen zwar die Familiengeschichte, aber nicht automatisch die Lebensentwürfe ihrer Eltern.
Fazit: Das Leben wartet nicht, bis alle bereit sind
„Tanz ins Leben“ ist ein Roman über Menschen, die gleichzeitig anfangen und Abschied nehmen müssen. Amala steht vor einer neuen Phase ihrer Karriere, Auguste versucht, Mutterschaft und Beruf nach eigenen Vorstellungen miteinander zu verbinden, und Georg entdeckt in der Nähe zu Therese eine Möglichkeit, mit der er vielleicht selbst nicht mehr gerechnet hatte. Gleichzeitig erinnert Richards Zustand die Familie daran, dass jede Generation irgendwann Platz für die nächste macht.
Carsta erzählt das zugänglich und mit dem vertrauten Wechsel zwischen den verschiedenen Zweigen der Hansen-Familie. Nicht jeder Konflikt bekommt dabei die Tiefe, die möglich wäre, und gelegentlich federt der familiäre Zusammenhalt gesellschaftliche Härten auffällig schnell ab. Als dritter Teil einer großen Saga funktioniert gerade dieses Netz aber als emotionales Zentrum.
Der Titel verspricht Bewegung und bekommt damit recht. Nur tanzt hier niemand unbeschwert in eine Zukunft, die bereits fertig bereitsteht. Jeder Schritt verändert etwas, manche Schritte werden erzwungen, andere kosten Mut.
Ins Leben tanzt man vielleicht nur in Romanen. Die Hansens müssen meistens hineinstolpern – und trotzdem weitergehen.
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