Jenseits des Scheins von Anna Johannsen: Ein Vermisster und die Macht eines guten Bildes

Vorlesen

Menschen verschwinden in Kriminalromanen selten spurlos. Meist bleiben Dinge zurück: ein Auto, ein Telefon, eine letzte Nachricht und vor allem Menschen, die erklären können, wie der Vermisste angeblich gewesen ist. Das Problem beginnt dort, wo diese Erklärungen nicht zusammenpassen.

Jenseits des Scheins von Anna Johannsen Jenseits des Scheins von Anna Johannsen Amazon

Hier bestellen

Jenseits des Scheins (Ein Fall für Hanna Will & Jan de Bruyn, Band 5)

In „Jenseits des Scheins“ macht Anna Johannsen genau daraus den Kern ihres fünften Falls für Hauptkommissarin Hanna Will und den Kriminalpsychologen Jan de Bruyn. Jakob Berger verschwindet während eines Campingausflugs in Goslar. Das allein wäre bereits ein Fall für die Polizei. Berger ist allerdings mit Beate Meyerdirks, einer aufstrebenden Bundestagsabgeordneten, verheiratet. Plötzlich geht es deshalb nicht mehr nur um einen vermissten Ehemann, sondern auch um Öffentlichkeit, politische Interessen und die Frage, welches Bild von einem Menschen eigentlich bestehen bleibt, wenn andere anfangen, über ihn zu sprechen.

Johannsen entwickelt daraus keinen politischen Thriller im engeren Sinn. Politik erhöht den Druck auf die Ermittlungen, während das eigentliche Interesse des Romans persönlicher ist:

Wer war Jakob Berger wirklich – und wer hatte einen Grund, ihn verschwinden zu lassen?

Worum geht es in „Jenseits des Scheins“?

Jakob Berger unternimmt allein mit seinem Wohnmobil einen Kurztrip nach Goslar im Harz und wird dort als vermisst gemeldet. Wegen seiner Ehe mit Beate Meyerdirks besitzt der Fall eine öffentliche Brisanz, weshalb Hanna Will und Jan de Bruyn das lokale Ermittlerteam unterstützen sollen.

Schon die ersten Nachforschungen ergeben kein besonders klares Bild des Vermissten. Berger gilt einerseits als Feingeist und Kunstliebhaber. Andererseits erfahren die Ermittler, dass er es mit der ehelichen Treue offenbar nicht besonders genau genommen hat. Während Hanna und Jan mögliche Beziehungen und Konflikte überprüfen, meldet sich außerdem eine Journalistin. Sie behauptet, brisante Informationen über Beate Meyerdirks zu besitzen – möchte dafür allerdings Informationen über die laufenden Ermittlungen erhalten.

Damit wächst die Zahl möglicher Motive. Hatte Berger eine Affäre, die eskalierte? Liegt der Grund für sein Verschwinden in seiner Ehe? Oder hängt der Fall mit der politischen Karriere seiner Frau zusammen?

Johannsen baut den Krimi genau aus dieser Unsicherheit auf. Der Vermisste ist zunächst vor allem eine Sammlung widersprüchlicher Aussagen. Je mehr Hanna und Jan erfahren, desto weniger eindeutig wird der Mann, nach dem sie suchen.

Ein Opfer, das immer unsympathischer wird

Das ist die interessanteste Konstruktion von „Jenseits des Scheins“. Bei einem Vermisstenfall entsteht zunächst fast automatisch Sympathie für denjenigen, der verschwunden ist. Ein Mensch ist möglicherweise in Gefahr, seine Angehörigen warten auf Nachricht, die Polizei sucht.

Jakob Berger entzieht sich dieser einfachen Rollenverteilung zunehmend.

Seine Untreue verändert das Bild des kultivierten Kunstliebhabers. Weitere Ermittlungen öffnen zusätzliche Fragen über sein Privatleben. Johannsen nutzt diese Verschiebung, ohne daraus die billige Gleichung zu machen, ein unangenehmer Mensch müsse deshalb selbst für sein Schicksal verantwortlich sein. Der Krimi interessiert sich vielmehr für die Differenz zwischen Außenwirkung und Verhalten.

Damit erklärt sich auch der Titel. „Jenseits des Scheins“ meint nicht nur das klassische kriminalistische Prinzip, dass nichts so ist, wie es zunächst aussieht. Der Roman beschäftigt sich mit Bildern, die Menschen von sich herstellen und die andere bereitwillig übernehmen.

Gerade Berger ist dafür eine geeignete Figur. Kunstinteresse und kultiviertes Auftreten sagen zunächst wenig darüber aus, wie sich jemand in privaten Beziehungen verhält. Bildung ist schließlich keine charakterliche Sicherheitsprüfung.

Wenn aus einem Vermisstenfall eine öffentliche Angelegenheit wird

Durch Beate Meyerdirks bekommt die Geschichte eine zweite Ebene. Als Bundestagsabgeordnete kann sie das Verschwinden ihres Mannes kaum ausschließlich als private Krise behandeln. Medieninteresse und politische Konsequenzen stehen zwangsläufig mit im Raum.

Johannsen nutzt diese Konstellation vor allem, um den Ermittlungsdruck zu erhöhen. Hanna und Jan müssen einen Fall lösen, bei dem Informationen schneller politische oder mediale Bedeutung bekommen können als bei einem gewöhnlichen Vermisstenfall.

Besonders deutlich wird das an der Journalistin, die Informationen nicht einfach weitergibt, sondern als Tauschware behandelt. Sie weiß etwas über Meyerdirks und möchte dafür Details aus den Ermittlungen.

Damit treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Die Polizei möchte Informationen gewinnen, ohne ihre Ermittlungen zu gefährden. Die Journalistin möchte Informationen veröffentlichen. Die Politikerin hat ein Interesse daran, dass Privates nicht automatisch öffentlich wird.

Der Roman macht daraus keine grundsätzliche Abrechnung mit Politik oder Medien. Das wäre auch unnötig. Interessanter ist die konkrete Situation:

Eine Information kann gleichzeitig wahr, relevant und für denjenigen nützlich sein, der sie besitzt.

Wahrheit wird dadurch nicht falsch. Aber sie bekommt einen Preis.

Hanna und Jan ermitteln nicht im luftleeren Raum

Ein wesentlicher Reiz der Reihe liegt inzwischen im Ermittlerduo selbst. Hanna Will und Jan de Bruyn sind nicht nur Kollegen, sondern auch privat ein Paar. Der fünfte Band führt diese persönliche Entwicklung weiter. Zeitgenössische Besprechungen des Romans verweisen darauf, dass Fragen nach Beziehung, Familie und beruflicher Zukunft erneut Raum bekommen.

Das funktioniert deshalb, weil Johannsen das Privatleben nicht vollständig vom Fall trennt. Hanna und Jan arbeiten gemeinsam, beobachten Menschen und deren Beziehungen und müssen gleichzeitig Entscheidungen über ihre eigene Zukunft treffen.

Dabei bleibt das Verhältnis zwischen Kriminalhandlung und Privatem relativ ausgewogen. „Jenseits des Scheins“ verwandelt sich nicht plötzlich in einen Beziehungsroman, nur weil seine Ermittler inzwischen auch nach Feierabend miteinander sprechen müssen.

Für langjährige Leser ist diese Entwicklung dennoch wichtig. Die einzelnen Kriminalfälle sind weitgehend abgeschlossen, die persönliche Geschichte des Duos läuft dagegen über die Bände hinweg.

Gerade deshalb funktioniert der fünfte Teil zwar grundsätzlich für Neueinsteiger, gewinnt aber, wenn man Hanna und Jan bereits kennt.

Ermittlungsarbeit statt Daueraction

Johannsen setzt stärker auf klassische Ermittlungsarbeit als auf permanente Bedrohungsszenarien. Hanna und Jan befragen Menschen aus Bergers Umfeld, überprüfen Aussagen und versuchen, aus widersprüchlichen Informationen ein belastbares Bild zusammenzusetzen.

Das passt besonders gut zu Jan de Bruyns Rolle als Kriminalpsychologe. In einem Fall, in dem Motive, Beziehungen und Selbstdarstellungen entscheidend sind, reicht es nicht, nur nach materiellen Spuren zu suchen.

Erzählt wird in kurzen Kapiteln mit wechselndem Fokus auf Hanna und Jan. Diese Struktur sorgt für Tempo, ohne dass Johannsen ständig künstliche Cliffhanger produzieren muss.

Gerade darin unterscheidet sich „Jenseits des Scheins“ von härteren Thrillern. Spannung entsteht weniger aus der Frage, ob der Ermittler in den nächsten drei Seiten selbst in Lebensgefahr gerät, sondern aus der schrittweisen Korrektur dessen, was man über Berger zu wissen glaubt.

Das ist unspektakulärer. Für diesen Fall ist es aber die passendere Methode.

Goslar und der Harz bleiben eher Tatort als Hauptfigur

Wer bei einem Kriminalroman im Harz vor allem starkes Lokalkolorit erwartet, sollte die Erwartungen etwas dämpfen. Goslar und die Umgebung geben dem Fall seinen geografischen Rahmen, stehen aber nicht so dominant im Vordergrund wie die nordfriesische Landschaft in Johannsens Reihe um die Inselkommissarin.

Auch Besprechungen des Romans weisen darauf hin, dass das Lokalkolorit eher zurückhaltend eingesetzt wird.

Das ist weder zwingend Stärke noch Schwäche. „Jenseits des Scheins“ will offenbar kein Harzroman mit angeschlossenem Verbrechen sein. Der Schauplatz dient dem Fall; er übernimmt ihn nicht.

Der Schwerpunkt bleibt auf den Personen, ihren Beziehungen und möglichen Motiven.

Was der fünfte Fall besonders gut kann – und wo er konventionell bleibt

Eine Stärke von „Jenseits des Scheins“ ist die schrittweise Demontage des ersten Eindrucks. Jakob Berger wird nicht über einen einzigen überraschenden Fund neu definiert. Vielmehr entsteht aus Gesprächen und Ermittlungen nach und nach ein widersprüchlicheres Bild. Das passt hervorragend zum Titel und hält mehrere Motive plausibel im Spiel.

Auch die Verbindung aus Vermisstenfall, prominenter Ehefrau und Medieninteresse erweitert die klassische Ermittlungsstruktur sinnvoll. Die politische Position Beate Meyerdirks schafft zusätzliche Aufmerksamkeit, ohne dass Johannsen daraus einen überladenen Verschwörungsthriller machen muss.

Konventioneller ist dagegen die grundsätzliche Dramaturgie. Verschiedene Personen geraten in Verdacht, Aussagen verändern die Perspektive und neue Informationen öffnen weitere Möglichkeiten. Erfahrene Krimileser werden die Mechanik dahinter erkennen. Johannsen erfindet den Polizeikrimi nicht neu, sondern arbeitet innerhalb seiner bekannten Regeln.

Das Privatleben von Hanna und Jan ist ebenfalls Geschmackssache. Wer die Reihe verfolgt, bekommt eine notwendige Weiterentwicklung der beiden. Wer ausschließlich am aktuellen Kriminalfall interessiert ist, könnte diese Passagen weniger wichtig finden.

Gerade als fünfter Band darf eine Reihe ihren Ermittlern allerdings zugestehen, außerhalb des Vernehmungsraums zu existieren.

Die richtige Reihenfolge von Hanna Will & Jan de Bruyn

„Jenseits des Scheins“ ist Band 5 der Krimireihe „Ein Fall für Hanna Will & Jan de Bruyn“. Die einzelnen Fälle sind jeweils eigenständig angelegt, die persönliche Entwicklung der beiden Ermittler setzt sich jedoch über die Bücher hinweg fort.

Die bisherige Reihenfolge lautet:

  1. Hinter der Dunkelheit (2022)
  2. Nach der Zeit (2023)
  3. Vor der Stille (2024)
  4. Nach dem Leben (2025)
  5. Jenseits des Scheins (2026)

Für den eigentlichen Kriminalfall kann man mit „Jenseits des Scheins“ einsteigen. Wer auch die Entwicklung zwischen Hanna und Jan nachvollziehen möchte, sollte mit „Hinter der Dunkelheit“ beginnen.

Für wen eignet sich „Jenseits des Scheins“?

Der Roman passt besonders zu Lesern, die klassische Ermittlerkrimis mit psychologischem Einschlag mögen. Johannsen interessiert sich stärker für Motive, Beziehungen und widersprüchliche Aussagen als für drastische Gewaltdarstellung oder Action.

Auch Leser, die bei Krimireihen ein dauerhaftes Ermittlerduo schätzen, bekommen mit Hanna und Jan inzwischen eine zweite Ebene neben dem jeweiligen Fall. Wer dagegen vor allem einen atmosphärischen Harzkrimi sucht, könnte den regionalen Anteil als vergleichsweise gering empfinden.

Mit knapp 300 Seiten bleibt die Geschichte zudem kompakt. Die Taschenbuchausgabe erschien am 18. August 2026 bei Edition M und wird mit 287 Seiten geführt.

Über Anna Johannsen

Anna Johannsen lebt seit ihrer Kindheit in Nordfriesland. Die Region prägt einen wesentlichen Teil ihres schriftstellerischen Werks. Besonders bekannt ist sie für ihre Krimireihe um die Inselkommissarin; daneben schreibt sie unter anderem die Reihen um Enna Andersen sowie Hanna Will und Jan de Bruyn.

Mit der Will-de-Bruyn-Reihe hat Johannsen ein Konzept gewählt, das ihr größere geografische Beweglichkeit ermöglicht: Die beiden werden als Spezialisten bei komplizierten Fällen in Norddeutschland hinzugezogen. Bereits ihr erster gemeinsamer Fall „Hinter der Dunkelheit“ etablierte diese besondere LKA-Konstellation.

Fazit: Ein Mensch besteht aus mehr als seinem Ruf

„Jenseits des Scheins“ funktioniert am besten als Kriminalroman über die Unsicherheit des ersten Eindrucks. Jakob Berger verschwindet, doch während die Ermittler nach ihm suchen, verschwindet gleichzeitig das zunächst klare Bild seiner Person. Der kultivierte Kunstliebhaber bekommt Risse, Beziehungen werden verdächtig und selbst Informationen besitzen plötzlich unterschiedliche Interessenlagen.

Anna Johannsen braucht dafür keine spektakuläre Konstruktion. Sie lässt Hanna und Jan arbeiten: zuhören, überprüfen, widersprechen, neu zusammensetzen. Gerade die Verbindung von privater Fassade und öffentlicher Aufmerksamkeit gibt diesem fünften Fall sein eigenes Profil.

Der Titel beschreibt deshalb nicht nur die Ermittlungen. Er beschreibt eine alltägliche Schwierigkeit, die Kriminalromane lediglich etwas drastischer vorführen: Wir kennen von anderen Menschen meistens die Version, die uns zugänglich ist.

Der Schein kann täuschen. Unbequemer ist nur die Erkenntnis, dass er manchmal ziemlich sorgfältig hergestellt wurde.

Hier bestellen

Jenseits des Scheins (Ein Fall für Hanna Will & Jan de Bruyn, Band 5)

Gefällt mir
0
 

Topnews

Mehr zum Thema

Aktuelles

Rezensionen