Frank Pulina: Insel der Babys – Die dunkle Seite des schönen Lebens

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Zwei Mädchen stehen an einem Flughafen. Zehn Jahre alt, vielleicht etwas älter. Zu große Sandalen, ein paar Kleidungsstücke im Koffer, keine Eltern weit und breit. Um sie herum funktioniert die Welt tadellos. Klimaanlagen kühlen, Uniformen schaffen Ordnung, Computer prüfen Dokumente. Und irgendwo wechselt Geld den Besitzer.

Insel der Babys Insel der Babys Frank Pulina Independently published

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Insel der Babys: Psychothriller

Frank Pulina braucht in seinem Psychothriller Insel der Babys nicht lange, um klarzumachen, wohin die Reise geht. Seine Welt glänzt. Und unter dem Glanz wird gehandelt.

Das ist durchaus programmatisch. Pulina interessiert sich nicht für das Verbrechen im schmutzigen Hinterzimmer. Er schickt es durch Flughäfen, Luxushotels und Büros, setzt es in Privatjets und teure Autos. Menschenhandel trifft auf gesellschaftliche Elite, Korruption auf tadellose Umgangsformen. Das Böse trägt bei Pulina keinen Kapuzenpullover. Es besitzt eine Kreditkarte ohne Limit.

Von Singapur bis in die Welt der Milliardäre

Schon der Beginn in Singapur setzt einen wirkungsvollen Kontrast. Der Flughafen erscheint als Symbol einer perfekt organisierten Moderne: sauber, technisch ausgefeilt, überwacht. Gerade hier werden zwei Kinder mit gefälschten Papieren durch die Kontrollen gebracht. Yvonne organisiert, Michael fährt, Beamte lassen sich beeinflussen. Jeder erledigt nur seinen kleinen Teil.

Das gehört zu den stärkeren Gedanken des Romans. Menschen verschwinden nicht einfach. Sie werden transportiert, registriert, umgebucht und weitergereicht. Das Verbrechen benötigt erstaunlich viel Verwaltung.

Von hier zieht Pulina die Kreise größer. Die Mädchen geraten in ein internationales Geschäft, während der Roman zugleich in die Welt des schwerreichen Aaron wechselt. Er ist Erbe eines gewaltigen Vermögens, Sohn eines brutalen Patriarchen und Bewohner jener gesellschaftlichen Höhenlage, in der ein Privatjet weniger Verkehrsmittel als verlängerte Visitenkarte ist.

Pulina liebt diese Welt sichtbar. Nicht unbedingt ihre Bewohner, aber ihre Requisiten. Uhren, Autos, Schmuck, Hochhäuser, Yachten und Flugzeuge tauchen mit genauer Bezeichnung auf. Marken sind hier keine Nebensache. Sie bilden eine Sprache. Wer sie beherrscht, zeigt, zu welchem Kreis er gehört.

Dass der Autor selbst aus der Fliegerei kommt und als Berufspilot internationale Erfahrung gesammelt hat, verleiht gerade den Reise- und Flugszenen eine gewisse Selbstverständlichkeit. Seine Figuren wechseln Kontinente, als andere Menschen den Bus nehmen. Die Welt ist groß, doch für Geld wird sie erstaunlich klein.

Aaron, der arme reiche Mann

Mit Aaron bekommt Insel der Babys seine schillerndste Figur. Pulina baut ihn nicht als kompliziertes psychologisches Rätsel. Wir sollen recht schnell verstehen, mit wem wir es zu tun haben. Aaron hat gelernt, dass Geld Probleme löst, Menschen verfügbar macht und Konsequenzen auf Abstand hält.

Auch Beziehungen folgen dieser Logik. Aufmerksamkeit lässt sich kaufen, Nähe organisieren, Loyalität bezahlen. Hinter dieser Überzeichnung liegt eine durchaus interessante Beobachtung: Wer sein ganzes Leben erfahren hat, dass alles einen Preis besitzt, kommt irgendwann auf die Idee, dass dies auch für Menschen gelten müsse.

Aaron trägt dabei die Geschichte seines Vaters mit sich. Gewalt und Narzissmus erscheinen als familiäres Erbe, Macht als Erziehungsmodell. Der Roman verbindet privaten Reichtum mit politischem Einfluss, wirtschaftlicher Rücksichtslosigkeit und einer Öffentlichkeit, die sich mit Wohltätigkeit und den richtigen Bildern beruhigen lässt.

Subtil ist das nicht. Soll es vermutlich auch nicht sein.

Pulina schreibt keinen Gesellschaftsroman, der seine Bedeutung vorsichtig zwischen zwei Nebensätzen versteckt. Er schreibt einen Trash-Thriller mit Lust am Exzess. Seine Figuren dürfen größer, böser, reicher und verdorbener sein, als es der literarische Realismus normalerweise gestattet. Wo andere Autoren eine Andeutung setzen, stellt Pulina gelegentlich noch einen Scheinwerfer daneben.

Das kann man ihm vorhalten. Man kann sich aber auch darauf einlassen.

Ein Thriller ohne Angst vor Übertreibung

Denn Insel der Babys gewinnt seinen Reiz gerade aus diesem Übermaß. Privatjets, Milliardäre, Menschenhandel, bestechliche Beamte, gesellschaftliche Fassaden und abgeschottete Zirkel: Pulina dreht seine Welt so lange auf, bis ihre Mechanik sichtbar wird.

Dabei erzählt er schnell und direkt. Die Kapitel wechseln Orte und Milieus, Figuren treten auf, Verbindungen entstehen. Der Thriller lebt weniger von der Frage, wer hinter dem Verbrechen steckt, als davon, wie weit dessen Netzwerk reicht.

Manchmal erklärt Pulina allerdings mehr, als seine Szenen benötigen. Er vertraut nicht immer darauf, dass der Leser einen Narzissten auch erkennt, ohne dass ihm dessen Narzissmus noch einmal erläutert wird. Manche gesellschaftliche Diagnose gerät sehr pauschal, manche Figur steht so eindeutig auf ihrer Seite des Spielfelds, dass psychologische Zwischentöne kaum eine Chance bekommen.

Doch innerhalb dieser Erzählweise besitzt das Konsequenz. Pulina will keine elegante Ungewissheit erzeugen. Er will eine Geschichte erzählen, die vorwärtsgeht. Seine Sprache folgt diesem Prinzip: zugänglich, bildhaft, gelegentlich grob, manchmal überraschend komisch. Der Roman kennt durchaus seinen eigenen Unterhaltungswert.

Die Ökonomie des Wegsehens

Interessanter als die einzelnen Bösewichte ist deshalb das System, das sie miteinander verbindet. Yvonne organisiert. Michael fährt. Andere kontrollieren Pässe oder sehen gerade nicht so genau hin. Wieder andere bezahlen. Ganz oben stehen Menschen, deren Vermögen ihnen nicht nur Luxus, sondern Distanz verschafft.

So entsteht hinter dem Thriller eine einfache, aber wirksame Frage: Wie viele Menschen müssen wegsehen, damit ein Verbrechen reibungslos funktioniert?

Pulina beantwortet sie nicht mit literarischer Feinmechanik. Er baut eine große Bühne, schickt sehr reiche und sehr skrupellose Menschen darauf und lässt die Kulissen ordentlich krachen. Das muss man mögen. Wer psychologische Zurückhaltung sucht, wird hier nicht fündig. Wer sich dagegen auf einen internationalen Psychothriller einlassen kann, der Überzeichnung nicht für eine Todsünde hält, bekommt Tempo, Abgründe und eine Geschichte, die ihre dunklen Karten früh auf den Tisch legt.

Vielleicht passt dazu der Satz, den Pulina seinem Roman voranstellt: „Diese Geschichte ist Fiktion. Doch manche Geschichten kann nur die Wirklichkeit schreiben.“

Das ist ein ziemlich großer Satz. Insel der Babys ist ebenfalls kein kleines, leises Buch. Es will unterhalten, provozieren und hinter die Fassaden einer Welt schauen, in der Geld fast jede Tür öffnet. Nur was sich dahinter befindet, hätte man gelegentlich lieber nicht gesehen.

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