Eine berühmte Frau betritt einen Raum. Menschen sehen sie an. Manche erkennen sie sofort, andere brauchen einen Augenblick. Sie selbst scheint längst daran gewöhnt zu sein, dass ein Teil ihres Körpers nicht mehr ihr gehört. Gesicht, Stimme, Gesten, Vergangenheit: öffentliches Material. Rachel Cusks neuer Roman „Das Leben der M“ beginnt dort, wo Berühmtheit ihre glamouröse Oberfläche verliert und zu einer eigentümlichen Form der Enteignung wird.
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Das wäre Stoff genug. Doch über dem Roman liegt seit seinem Erscheinen eine zweite Geschichte. Sie handelt nicht von M, sondern von Natalie Portman.
Die Ähnlichkeiten sind schwer zu übersehen. M ist eine Schauspielerin, seit ihrer Kindheit berühmt. Ihr früher Durchbruch erinnert unverkennbar an Portmans Rolle in „Léon – Der Profi“, später spielt sie eine Balletttänzerin – eine kaum zu übersehende Parallele zu „Black Swan“. Auch weitere Details aus M.s öffentlicher Biografie weisen in Portmans Richtung. Der Guardian hält die Verbindung deshalb nicht für eine besonders schwierige literarische Detektivaufgabe. Schon früh im Roman seien die biografischen Signale deutlich. [1]
Und damit beginnt der eigentliche Spaß dieses ziemlich humorlosen Romans.
Wer ist M?
„Das Leben der M“ ist ein Buch über Projektion, dessen Leser sofort zu projizieren begonnen haben.
Kaum war der Roman erschienen, wurde aus Literatur Spurensicherung. Welche Episode gehört zu Portman? Welcher Film ist gemeint? Was wusste Cusk? Wie gut kannten sich die beiden Frauen? Und vor allem: Darf eine Schriftstellerin das?
Dabei ist keineswegs alles gesichert, was rund um das Buch inzwischen als Geschichte erzählt wird. Der Guardianberichtet zwar über die verbreitete Annahme, Portman sei mit ihrer literarischen Behandlung unzufrieden. Derselbe Bericht macht aber auch deutlich, wie rasch aus Vermutungen Schlagzeilen wurden. [2]
Das ist keine Nebensache. Es ist beinahe schon eine Fortsetzung des Romans mit journalistischen Mitteln.
Denn M ist nicht nur eine Figur. Sie ist eine Projektionsfläche.
Menschen fotografieren sie, interpretieren ihre Gesten, besitzen Erinnerungen an Filme mit ihr und glauben deshalb, etwas von ihr zu kennen. Die Schauspielerin wird von Bildern überlagert, die andere von ihr hergestellt haben.
Das Publikum verwechselt Wiedererkennen mit Kenntnis. Genau dasselbe geschieht nun mit dem Roman.
Man erkennt Natalie Portman – und glaubt deshalb, M verstanden zu haben.
Das verdächtige „Wir“
Interessanter als die Frage nach Portman ist deshalb die Frage, wer hier eigentlich erzählt.
Die Erzählinstanz bleibt merkwürdig unbestimmt. Ein Ich tritt auf, doch dieses Ich verliert immer wieder seine Konturen und verwandelt sich in ein „Wir“. Geschlecht, Biografie und selbst die genaue Geografie bleiben instabil.
Das ist keine formale Spielerei. Dieses „Wir“ ist Cusks gefährlichstes Pronomen.
Denn es kann ein Paar meinen. Es kann eine gesellschaftliche Gruppe bezeichnen. Manchmal scheint darin eine ganze Klasse privilegierter westlicher Großstadtmenschen zu sprechen. Und gelegentlich rutscht auch der Leser hinein.
Clare Clark weist in ihrer Guardian-Rezension gerade auf diese Konstruktion hin. Der namenlose und geschlechtlich nicht festgelegte Erzähler beginnt mit dem Gedanken, M.s Autobiografie zu schreiben; daraus entwickelt sich jedoch keine konventionelle Lebensgeschichte, sondern ein Geflecht aus Episoden, Beobachtungen und Reflexionen über Ruhm, Darstellung und Wirklichkeit. [3]
Der Star existiert nicht allein. Er braucht Augen.
Eine Prosa ohne Heizung
Cusks Sprache hilft wenig, falls man Trost sucht.
Sie ist präzise, kontrolliert und kühl. Räume werden vermessen, Oberflächen registriert, Gegenstände beinahe forensisch betrachtet. Hotels, Restaurants und Wohnungen besitzen Material, Farbe, Textur und gesellschaftliche Bedeutung.
Ein Stuhl ist bei Cusk selten nur ein Stuhl.
Er verrät, wer ihn ausgesucht hat.
Clare Clark beschreibt diese Szenen als außerordentlich detailliert und teilweise beinahe wie Regieanweisungen eines Drehbuchs. Darin liegt eine der Stärken des Romans. Die Welt von M wirkt nicht zufällig arrangiert. Sie erscheint kuratiert. [3]
Gerade das passt zu einer Figur, deren Leben ebenfalls kuratiert worden ist.
M lebt in Räumen, die kaum noch Zufälle zulassen. Hotels, Mode, Kunst, Restaurants und Wohnungen bilden eine Welt kontrollierter Oberflächen. Selbst Natürlichkeit muss dort hergestellt werden.
Wer permanent beobachtet wird, kann irgendwann auch dann nicht mehr aufhören zu spielen, wenn niemand Regie führt.
So entsteht eines der hübscheren Paradoxe dieses Romans: Ausgerechnet die Schauspielerin erscheint gelegentlich als die Figur, die am genauesten weiß, dass alle spielen.
Wenn die Person verschwindet
Becca Rothfeld setzt in ihrer ausführlichen Kritik im New Yorker an einem anderen Punkt an. Sie liest „Life of M“ nicht primär als Natalie-Portman-Schlüsselroman, sondern als Fortsetzung eines Projekts, das sich durch Cusks Werk zieht: die Demontage der traditionellen Romanfigur. [4]
Das ist entscheidend.
Denn Cusk interessiert sich weniger für die klassische Frage „Wer ist dieser Mensch?“ als für die Bedingungen, unter denen überhaupt etwas wie eine Person entsteht.
Rothfeld verbindet „Life of M“ deshalb mit früheren Büchern Cusks, insbesondere der „Outline“-Trilogie. Schon dort verschwindet die zentrale Figur teilweise hinter den Erzählungen anderer. In „Das Leben der M“ wird dieses Verfahren radikaler. Ich, M und Wir verlieren ihre sicheren Grenzen. Individualität wird porös. [4]
Das Verfahren hat seinen Preis.
Menschen können bei Cusk wie Träger von Gedanken wirken. Gespräche bekommen etwas Versuchsanordnungsartiges. Wo ein realistischer Roman eine Biografie entfalten würde, stellt Cusk einen Spiegel auf und wartet darauf, dass jemand hineinsieht.
Rothfeld erkennt darin einen Widerspruch: Cusk versucht, traditionelle Vorstellungen von Figur und Person zu zerlegen, bleibt aber zwangsläufig an jene Form gebunden, die sie zerlegt – den Roman. [4]
Genau darin liegt jedoch auch die Spannung dieses Buches.
M soll verschwinden. Aber jemand muss ihr Verschwinden beschreiben.
Die Erfindung eines Menschen
Cusk beschäftigt seit Jahren eine eigentümliche Frage: Wie viel von einem Menschen bleibt übrig, wenn man die Geschichten entfernt, mit denen er sich selbst erklärt?
Bei einem Filmstar wird diese Frage besonders scharf.
Denn ein Star besteht in der Öffentlichkeit fast ausschließlich aus Geschichten anderer Menschen.
Das Publikum besitzt eine M aus Filmen. Die Werbung besitzt eine andere. Journalisten produzieren weitere Versionen. Freunde haben ihre private M. Liebhaber vermutlich ebenfalls.
Schließlich kommt eine Schriftstellerin und will eine Autobiografie schreiben. Schon das Wort enthält einen kleinen Fehler.
Eine andere Person schreibt das eigene Leben. Damit kollabiert die scheinbar saubere Grenze zwischen Biografie und Fiktion. Wahrheit ist hier nicht einfach das Gegenteil von Erfindung. Beide arbeiten am selben Objekt.
Der Roman fragt deshalb weniger, wer M „wirklich“ ist, als ob hinter all diesen Erzählungen überhaupt noch jene letzte, unverstellte Person wartet, die Biografien gewöhnlich versprechen.
Vielleicht erklärt das Cusks Kälte. Psychologische Wärme würde sofort wieder behaupten, den Menschen hinter der Oberfläche gefunden zu haben.
Cusk verweigert diesen Fund.
Literatur als „Biogossip“
Die vielleicht aufschlussreichste Reaktion auf den Portman-Komplex stammt ebenfalls aus dem Guardian. Greta Rainbow ordnet „Life of M“ in eine Tradition ein, für die sie den Begriff „Biogossip“ verwendet: Romane, deren Reiz teilweise daraus entsteht, dass Leser hinter erfundenen Figuren reale Menschen suchen. [1]
Die Tradition ist älter als Instagram.
Rainbow erinnert unter anderem an Virginia Woolfs „Orlando“ und die Beziehung zu Vita Sackville-West sowie an Lauren Weisbergers „The Devil Wears Prada“, bei dem die Suche nach Anna Wintour hinter Miranda Priestly praktisch Teil der Rezeptionsgeschichte geworden ist. [1]
Bei Cusk bekommt dieses Spiel allerdings eine zusätzliche Drehung.
Denn der Roman untersucht genau jene parasoziale Nähe, die seine Rezeption nun produziert.
M kann nicht einfach in ein Restaurant gehen. Ihre Anwesenheit verändert den Raum. Menschen kennen sie, obwohl sie sie nicht kennen. Sie verfügen über Bilder und Geschichten und verwechseln dieses Archiv mit einer Beziehung.
Und nun tun Leser etwas Ähnliches.
Sie durchforsten M.s Leben nach Natalie Portman.
Rainbow beschreibt sogar ihre eigene Suche nach realen Vorbildern einzelner Szenen und erkennt darin schließlich jene voyeuristische Bewegung wieder, die Cusk selbst untersucht. [1]
Das ist vermutlich die schönste Falle des Romans. Der Leser glaubt, er entschlüssele das Buch. Dabei entschlüsselt das Buch gerade den Leser.
Und Natalie Portman?
Damit lässt sich die Klatschgeschichte nicht einfach für bedeutungslos erklären.
Im Gegenteil.
Die biografischen Übereinstimmungen sind so deutlich, dass es naiv wäre, sie als Zufall abzutun. Der Guardian berichtet, M sei in wesentlichen Stationen ihrer Karriere erkennbar an Portman angelehnt. Zugleich bleibt bei Berichten über Portmans persönliche Reaktion Vorsicht angebracht. Dass sie über die Darstellung verärgert sein soll, wird berichtet; was genau zwischen Portman und Cusk geschehen ist, lässt sich daraus nicht zuverlässig rekonstruieren. [1][2]
Das ist für die literarische Betrachtung sogar produktiver als Gewissheit.
Denn plötzlich stellt sich eine alte Frage neu: Wem gehört eine Erfahrung? Dem Menschen, der sie erlebt? Demjenigen, der sie beobachtet? Oder dem Schriftsteller, sobald er daraus Literatur macht?
Autofiktion hat diese Frage lange auf das eigene Leben bezogen. Cusk verschiebt sie auf das Leben eines anderen Menschen.
Das macht „Das Leben der M“ unbequemer.
Das schwarze Meer
„Das Leben der M“ ist deshalb kein misslungener Prominentenroman. Eigentlich ist es überhaupt kein Prominentenroman.
Es ist ein Roman über Entfernung. Zwischen einem Gesicht und seinem Bild. Zwischen Erfahrung und Erzählung. Zwischen einem Menschen und dem, was andere über ihn wissen wollen.
Nicht alles daran funktioniert. Das „Wir“ kann künstlich wirken. Manche philosophische Sentenz trägt ihre Bedeutung etwas zu sichtbar vor sich her. Die Handlung ist so stark reduziert, dass gelegentlich nur noch der Gedanke durch einen elegant eingerichteten Raum läuft.
Gerade die Kritik von Becca Rothfeld trifft hier einen empfindlichen Punkt: Wenn Cusk Individualität immer weiter auflöst, droht irgendwann auch jene Reibung zu verschwinden, aus der Figuren überhaupt erst entstehen. [4]
Doch vielleicht ist dieses Verschwinden nicht nur Schwäche, sondern Gegenstand.
Wir bekommen Natalie Portman nicht. Wir bekommen nicht einmal M. Wir bekommen Menschen, die M betrachten.
Und irgendwann bemerken wir, dass wir zwischen ihnen stehen.
Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob Rachel Cusk eine Freundin literarisch verraten hat. Dafür ist die öffentlich zugängliche Faktenlage zu unsicher. Interessanter ist, weshalb die Möglichkeit eines solchen Verrats sofort attraktiver wurde als die Konstruktion des Romans selbst.
Quellen
[1] Greta Rainbow: „The rise of ‘biogossip’: Rachel Cusk’s Natalie Portman novel is the latest in a delicious literary lineage“, The Guardian, 26. August 2026.
https://www.theguardian.com/books/2026/aug/26/rachel-cusk-natalie-portman-novel-biogossip-literature
[2] The Guardian: „Is Natalie Portman really the subject of Rachel Cusk’s new novel? Nine things you need to know about the literary hoo-haa“, The Guardian, 26. August 2026. Der Beitrag unterscheidet zwischen den offensichtlichen biografischen Parallelen und den lediglich berichteten Angaben über Portmans Reaktion.
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2026/aug/26/rachel-cusk-natalie-portman-life-of-m
[3] Clare Clark: „Life of M by Rachel Cusk review – is this story of a film star based on Natalie Portman?“, The Guardian, 21. August 2026. Clark untersucht insbesondere die unbestimmte Erzählinstanz, Cusks präzise Szenenführung sowie das Verhältnis von Ruhm, Authentizität und Darstellung.
https://www.theguardian.com/books/2026/aug/21/life-of-m-by-rachel-cusk-review-is-this-story-of-a-film-star-based-on-natalie-portman
[4] Becca Rothfeld: „Rachel Cusk’s Protest Against Personhood“, The New Yorker, 16. August 2026; erschienen in der Ausgabe vom 24./31. August 2026. Rothfeld liest „Life of M“ im Zusammenhang mit Cusks längerem literarischen Versuch, traditionelle Vorstellungen von Figur, Individualität und Person aufzulösen.
https://www.newyorker.com/magazine/2026/08/24/life-of-m-rachel-cusk-book-review