Die Hexe

Vorlesen

Marianne überblickte ihr kleines aber feines Heim. Sollte es wirklich wahr werden, dass sie hier alle wegmüssen, Sie sollten alles verlieren und in eine fremde, unbekannte Gegend ziehen und unter ihr fremden Menschen leben. Bis jetzt waren es nur Gerüchte, doch es schien etwas daran zu sein. Michael, der Sohn des Nachbars, hatte sich zum Nachbarort geschlichen um mit seiner Tante zu sprechen. Er war wiedergekommen und hatte erzählt, dass das ganze Dorf leer war und er keine Menschenseele auf der Straße gesehen hatte. Teilweise wären die Fenster und Türen kaputt ge­schlagen gewesen und Hausrat und Wäsche hätten auf der Straße gelegen. Aus Angst eventuell auf Tschechen zu stoßen, ist er umgekehrt. Das Haus der Tante hat er nicht gesehen, da sie in der Mitte des Dorfes wohnt und er sich nicht bis dorthin getraut hat. Sie konnte es ich einfach nicht vorstel­len, dass man sie ohne ihre Habe davon jagen würde. Sie schaute auf ihren Sohn, den sie derzeit so gut wie nicht aus dem Haus ließ, damit er nicht eventuell etwas anstellte, was die Tschechen reizen könnte. Außer, dass sie in die Häuser eingedrungen waren und sich mitgenommen hatten was ihnen gefiel, waren sie relativ friedlich. Aber im Ort hatte ja auch gegen die Tschechen keiner etwas unter­nommen. Dass diese 1938 den Ort verlassen mussten, dies war Anordnung von oben gewesen. Es waren alles Tschechen, die erst nach 1918 zugezogen waren. Vorher hatte es nicht einen einzigen Tschechen im Ort gegeben. Als sie mit Fuhrwerken und teilweise auch mit LKW-Transporten den Ort verließen, da hatte es schon hämische Rufe gegeben. Aber es war zu keinen Übergriffen gekom­men. Nicht einmal beim tschechischen Lehrer, der dafür gesorgt hatte, dass ihre kleine Dorfschule eine tschechische Schule geworden war, aber die deutschen Eltern hatten in vielen Fällen ihre Kin­der lieber in eine Schule in einem Nachbarort geschickt, als in die tschechische Schule im Ort. We­der gutes Zureden noch Drohungen hatten dies ändern können. Nur wenige deutsche Kinder waren in der tschechischen Schule angemeldet worden. So waren in der schönen Schule, die die Gemeinde unter großen Aufwand 1903 gebaut hatte, nur wenige Schüler, während im Nachbarort man nicht wusste, wo man die Kinder hinsetzen sollte. 1938 waren in der heimischen Schule nur 6 Kinder auf­genommen worden, vier tschechische und zwei deutsche, während über zwanzig in den Nachbarort geschickt wurden. Aber schon im Oktober war kein tschechisches Kind mehr im Ort und die Schule wurde wieder von allen Kindern des Ortes genutzt. Die Wiedereröffnung der deutschen Schule wur­de groß gefeiert und das ganze Dorf war auf den Beinen und beging dies freudig, während die Tschechen ins Landesinnere abzogen.

Während Marianne ihren Gedanken nachhing, setzte draußen auf der Straße Lärm und Geschrei ein. Beim Blick aus dem Fenster sah sie einen LKW mit bewaffneten Tschechen, die herunterspran­gen und sich im Dorf verteilten. Ein Offizier leitete die Aktion und der ehemalige tschechische Di­rektor der Schule stand neben ihm und zeigte auf verschiedene Häuser und der Offizier schickte sei­ne Soldaten in Richtung dieser Häuser. Innerhalb kurzer Zeit wurden Männer und Frauen durch die Straßen zur Dorfmitte getrieben. Auf dem Anger wurden diese dann aufgestellt und jetzt wurden auch die restlichen Dorfbewohner zusammengetrieben und mussten einen Kreis um die in der Mitte stehenden bilden. Es waren zwei Frauen und vier Männer, die bei der Übernahme des Dorfes in die deutsche Verwaltung oder bei der Festigung des Deutschtums während der Zeit des tschechoslowa­kischen Staates eine Rolle gespielt hatten. Mit weißer Farbe hatte man diesen auf den Rücken ein Hakenkreuz gemalt. Zitternd standen die sechs Menschen hier auf dem Anger und keiner konnte ih­nen helfen. Der ehemalige Lehrer hatte doch nur den Kindern deutsche Volkslieder beigebracht und war bei den Eltern gewesen, um sie zu überzeugen, dass sie ihre Kinder ins Nachbardorf in die Schule schicken sollten. Die junge Frau hatte nach der Übergabe des Sudetenlandes ans Deutsche Reich eine Sekretärinnenstelle bei der Gemeinde erhalten und musste in dieser Funktion die Aus­weisungsverfügungen an die Tschechen zu schreiben. Die ältere Frau hatte die Poststelle wieder übernommen, die sie bereits in österreichischen Zeiten innegehabt hatte und dann entlassen wurde, da sie nicht genug tschechisch konnte. Die anderen Männer hatten Funktionen in der sudetendeut­schen Partei innegehabt, waren aber keinesfalls besonders tschechenfeindlich aufgetreten. Wie man eigentlich sagen konnte, dass die Masse der Dorfbevölkerung sich für Politik nur insoweit interessierte, wie es ihre mehr als bescheidenen Lebensumstände berührte. Durch die tschechoslowakische Regierung waren die Lebensumstände der Deutschen verschlechtert worden und damit waren viele der Meinung, dass ein Anschluss an das Deutsche Reich ihnen Verbesserungen bringen würde, die dann nicht einmal eintraten. Die Familienangehörigen dieser sechs Opfer litten natürlich besonders unter der Situation. Die Tschechen schlugen mit Peitschen auf ihre Opfer ein und zwangen sie abwechselnd „Wir danken Adolf Hitler“ und „Wir wollen heim ins Reich“ zu rufen. Die armen Menschen mussten sich dann gegenseitig ohrfeigen und wenn dies nach Meinung der Bewacher nicht derb genug war, dann erhielt derjenige Schläge mit dem Knüppel. Besonders die Kinder kämpften mit den Tränen, da sie eigentlich alle diese Leute als nette Menschen kannten. Dann endlich war es vorbei und alle außer den Ausgewählten durften in die Häuser zurückkehren. Deren Angehörige erhielten den Auftrag schnell etwas Wäsche einzupacken und in einer Viertelstunde zurückzukehren. Wenn sie nur eine Minute später kämen, würden sie bestraft werden. Da dies einerseits niemand riskieren wollte andererseits keiner mehr über eine Uhr verfügte, waren alle vorzeitig da und hatten dementsprechend nur ein kleines Bündel zusammengepackt. Dies wurde von den Tschechen inspiziert und noch ein Teil des Inhaltes aussortiert. Unter Bewachung und unter dem Ruf „Endlich heim ins Reich!“ wurden die Unglücklichen davon getrieben. Ihre Rufe waren noch lange zu hören.

Marianne hatte die Hoffnung, dass die restliche Dorfbevölkerung bleiben dürfte. Vorsichtshalber packte sie trotzdem einen Wanderrucksack mit ein paar Sachen für sich und einen kleinen Rucksack nähte sie für den Jungen. Der konnte ja nicht viel tragen. Eines morgens kamen zusätzlich Tsche­chen ins Dorf und gingen von Haus zu Haus. Natürlich betraten sie die Wohnungen ohne anzuklop­fen. Entsprechend einer Verfügung durften die Türen nicht abgeschlossen werden, was natürlich die Plünderer förmlich angelockt hatte. Wer sich gegen die Eindringlinge wehrte, wurde verprügelt. Auch zu Marianne kamen zwei tschechische Soldaten und forderten sie auf innerhalb von einer Stunde auf dem Dorfanger zu erscheinen. Sie dürfe pro Person 30 kg Gepäck mitnehmen. Neue Sa­chen dürften nicht dabei sein und natürlich keine Wertsachen außer dem Ehering. Zum Glück stan­den ja ihre gepackten Sachen bereit. Dem Jungen und sich zog sie einige Sachen übereinander. Dies war bei den sommerlichen Temperaturen zwar beschwerlich, aber sie hoffte, dass sie nur bis zum nächstliegenden Bahnhof laufen müssten. Wie sich herausstellte, war dies ein fataler Irrtum: Der Marsch ging Richtung sächsische Grenze ins Gebirge. Die Tschechen trieben sie unbarmherzig trotz der Hitze vorwärts. Alte und Kinder hatten zunehmend Schwierigkeiten dem Tempo zu folgen. Egal, wer es war, wer nicht mitkam, wurde mit Schlägen weiter getrieben. Am Wegesrand blieb ein Großteil des ohnehin spärlichen Gepäcks zurück. Viele waren einfach nicht mehr in der Lage ihre wenigen Habseligkeiten zu tragen. Es stellte sich als ein Glücksfall heraus, dass ihnen eine tschechi­sche Militärstreife in einem Geländewagen entgegenkam. Diese hielt an und ein Offizier stieg aus und ließ die Kolonne anhalten. Den Leiter ihres Marsches befahl er zu sich und die Zwei stritten mit einander. Bei Marianne keimte die Hoffnung, dass sie vielleicht wieder zurück dürften. Aber es stellte sich heraus, dass dies ein Irrtum war. Der Militärstreife gefiel lediglich die Art und Weise nicht, wie der Marsch durchgeführt wurde. Ein in der Nähe stehender Deutscher, der tschechisch konnte, hatte ein paar Brocken des Gespräches aufgeschnappt. Von „humaner Aussiedlung“ und „wir führen keinen Krieg gegen Frauen und Kinder“ war die Rede. Außerdem wies der Offizier auf ein Bauerngehöft, welches am Straßenrand stand und dass dort die Menschen Wasser trinken und etwas ausruhen könnten. Unter Bewachung durften dann alle an einem Brunnen im Hof der Bauern­wirtschaft etwas Wasser holen. Mit dem Ausruhen wurde es aber nichts. Sobald die Militärstreife außer Sicht war, wurden sie gnadenlos weiter getrieben und wie es Marianne schien, noch mehr ge­schlagen. Am Abend war man endlich an der Grenze angekommen. Für die tschechischen Bewacher gab es eine böse Überraschung: Die Russen weigerten sich weitere Ausgesiedelte aufzunehmen. In der Hoffnung sie am kommenden Tag über die Grenze jagen zu können, ließ man sie in der Nähe der Grenze lagern. Der Versuch im Schutze der Dunkelheit die Aktion durchzuführen, scheiterte, da die Russen nicht nur auf die Deutschen schossen, sondern auch auf ihre tschechischen Begleiter, ohne Rücksicht darauf, dass diese sich auf der anderen Seite der Grenze befanden. Da die Russen auch am nächsten Morgen keinen über die Grenze ließen, mussten wir alle wieder Richtung Landesinnere marschieren.

Am späten Abend kamen wir in ein Lager in welches die Tschechen internierte Deutsche ein­sperrten. Dieses Lager befand sich in einer alten Fabrik. Zu diesem Zeitpunkt war mein Sohn zehn Jahre alt. Ich wurde zu Arbeiten in der Landwirtschaft eingesetzt. Einen Tag nach unserer Ankunft bekam mein Sohn hohes Fieber. Marianne versuchte einen Arzt zu bekommen, aber der Lagerleiter lachte nur über ihren Wunsch und zuckte mit den Schultern. Nicht einmal von der Arbeit wurde sie freigestellt. Die erwachsenen Deutschen, die nicht zur Arbeit gingen, waren kaum in der Lage ihren Sohn zu pflegen. Sie hatten mit sich selbst zu tun. Wer irgendwie arbeitstauglich war, wurde zu Ar­beit getrieben. Das Gelände der Fabrik war sehr groß und in einem kleinen Häuschen, welches in­nerhalb des Stacheldrahtes sich befand, wohnte eine alte Tschechin, welche von dem Wachpersonal nur carodejnice (Hexe) genannt wurde. Aus irgendeinem Grund fürchteten sie sich vor ihr und ver­suchten ihr so wenig wie möglich in die Quere zu kommen. Für Erwachsene hatte sie nichts übrig. Aber Kinder, besonders Jungs, mochten sie sehr. Marianne war natürlich verzweifelt. Sie konnte ja kaum etwas tun. So entschloss sie sich, es noch einmal beim Lagerleiter zu versuchen. Als sie zur Arbeit geführt wurden stand er am Lagertor. Sie bettelte, aber er kannte kein Erbarmen. Sie musste zur Arbeit. Völlig unbeobachtet werkelte die Hexe in der Nähe. Sie hatte wohl verstanden worum es ging. Während Mutter das Lagertor passierte, suchte die Hexe in den Räumen nach dem kranken Kind. Als sie es gefunden hatte, nahm sie das Kind auf den Arm und trug es davon. Der Lagerleiter stand noch am Tor und sah wie sie ein Bündel zu ihrem Haus schleppte. Das es ein Kind war, konn­te er nicht erkennen. Er rief ihr etwas zu, aber sie reagierte überhaupt nicht. Sie keuchte, da es für schwachen Arme doch ganz schön schwer war. Auch als er sie anschrie reagierte sie nicht. Nur ein ´nemocný´ wiederholte sie immer wieder. Dies bedeutete „krank“. Als er sich ihr in den Weg stellte, schob sie ihn einfach beiseite. Das Verwunderliche war: Er unternahm nichts weiter. Murmelte et­was vor sich hin und ging weg. Im Haus legte sie das Kind in ein Bett, es war wohl ihres und zog es aus. Geschwächt von Fieber ließ der Junge alles geschehen. Am Abend kam Marianne ganz aufge­regt in das Häuschen. Sie glaubte die Hexe wollte ihr Kind rauben. Wer weiß, was unter den Er­wachsenen alles über diese Frau umlief. Der Eindruck, den die Wohnräume auf sie machten, trugen auch nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Sie hatte von ihrer kärglichen Ration etwas aufgehoben um es dem Kind zu bringen. Die Hexe aber zeigte ihr, dass sie es selbst essen sollte. Sie gab ihr so­gar noch einen Schluck der Suppe, die die alte Frau für ihren Sohn gekocht hatte. Tagelang lag er bei dieser alten Frau. Mit Tee hatte sie das Fieber bekämpft und ihn dann wieder auf gefüttert. Nur einmal noch zeigte sich der Lagerleiter bei ihr. Aber da brach die alte Frau nur in ein wildes Gekrei­sche und Geschimpfe aus und er hat sich sofort wieder verzogen. Als mein Sohn soweit wieder her­gestellt war, musste er wieder ins Lager. Die Hexe beachtete ihn danach kaum noch und nur selten bekam er von ihr noch zusätzlich etwas zu essen. Marianne und ihr Sohn waren dem Lagerleiter nun etwas suspekt und er hätte sich gern an den Beiden gerächt. Da er aber nicht wusste, wie die Hexe reagierte, ließ er es lieber. Ständig gingen Transporte vom Lager aus nach Deutschland und so wurden auch Marianne und ihr Sohn eines Tages dort eingereiht. Da Marianne eigentlich arbeitsfä­hig war, wären sie noch nicht dran gewesen. Aber man wollte sie wohl los sein. Jeder bekam ein Päckchen mit irgendwelchen Sachen, die keinem passten. Diesmal wurden sie in Eisenbahnzüge Richtung Westen gebracht. An der Grenze erfuhr Marianne dann, dass eine Mindestmenge an Ge­päck Vorschrift war: Die Amerikaner fertigten sonst die Transporte wohl nicht ab. Alle Deutschen freuten sich, dass sie endlich weg konnten. Marianne hat ihre Heimat nie wieder betreten. Zu tief saß der Schmerz über das Verlorene. Erst Anfang der Siebziger war ihr Sohn einmal dort. Auch das Lager habe ich von außen gesehen. Es war wieder eine Fabrikanlage und ich durfte natürlich nicht hinein. Vorsichtig habe ich mich nach der alten Frau erkundigt. Sie war inzwischen in ihrer Hütte gestorben und die Tschechen schrieben ihr magische Fähigkeiten zu. Angeblich sollte sie schwere Unglücke voraussagen können. Ihre Lebensgeschichte war sehr traurig. Der Mann ist bei einem Bergwerksunglück ums Leben gekommen und ihr Sohn ist an einer Krankheit gestorben. Diesen Umstand hatte ich wohl meine Rettung zu verdanken. Sie war trotz ih­rer Schrulligkeit zuerst Mutter und dann Tschechin. Noch heute erinnern sich die Beiden gern an diese Frau. In einer Welt der Unmenschlichkeit etwas Menschliches zu erfahren war unglaublich schön.

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