Eine Süßkartoffel von 43,2 Kilogramm muss man erst einmal ernten. Gezüchtet hat sie der Schweizer Beni Meier, und weil gewöhnliche Küchenwaagen bei solchen Dimensionen vermutlich kapitulieren, landete das Gemüse dort, wo außergewöhnlich Großes, Kleines, Schnelles und Schweres seit Jahrzehnten landet: im Guinness World Records.
Die Ausgabe 2027 erscheint am 17. September 2026 und bringt auf 239 Seiten mehr als 3.000 Rekorde zusammen. Über 80 Prozent davon sind neu oder aktualisiert. Das Cover ist diesmal grün, und Grün ist zugleich eines der Themen des Jahrbuchs. Tiere, Pflanzen und Naturphänomene bekommen entsprechend viel Platz. Daneben stehen Sport, Geschichte, Kunst und Medien, menschliche Höchstleistungen sowie Wissenschaft und Technik.
Das bewährte Prinzip bleibt unverändert: Guinness sucht die äußersten Ränder einer Kategorie. Manchmal geht es um Hundertstelsekunden. Manchmal um Körperkraft. Und manchmal besitzt jemand eben 13.201 Gegenstände mit Froschbezug.
Zwischen Weltrekord und gepflegtem Unsinn
Die besondere Qualität von Guinness World Records 2027 liegt weiterhin in der Mischung. Das Buch kennt kaum Berührungsängste zwischen wissenschaftlicher Großleistung und ziemlich spezialisiertem Privatvergnügen.
So besitzt Miranda Worby aus Großbritannien 4.550 My-Little-Pony-Fanartikel. Susan Burgos aus den USA kommt auf besagte 13.201 Froschobjekte. Ruth Amos baute den größten funktionsfähigen Föhn der Welt: 1,7556 Meter lang und 1,6 Meter hoch.
Wozu? Der riesige Föhn muss keinen praktischen Zweck erfüllen. Es genügt, dass er funktioniert und offenbar niemand einen größeren gebaut hat. Genau diese Mischung aus Ehrgeiz, Spieltrieb und leichtem Größenwahn gehört zum Vergnügen des Jahrbuchs.
Andrea Marazzi aus Italien ging einen anderen Weg. Er nahm einen ausrangierten Fiat Panda und baute daraus das schmalste fahrbare Auto der Welt. 50,2 Zentimeter misst das Gefährt in der Breite. Alltagstauglichkeit war erkennbar nicht das Entwicklungsziel. Das Auto wird bei Messen und Veranstaltungen eingesetzt.
Auch das ist typisch Guinness: Eine ziemlich vernünftige technische Fähigkeit wird auf ein ziemlich unvernünftiges Ziel angesetzt. Das Ergebnis ist ein Weltrekord.
Wissenschaft darf diesmal größer werden
Die Ausgabe 2027 setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das Kapitel trägt den etwas weniger schulbuchhaften Titel „Wissenschaft & Technik“.
Das tut dem Jahrbuch gut.
Zu sehen gibt es unter anderem die größte Digitalkamera der Welt am Vera-C.-Rubin-Observatorium in Chile und den Fusionsreaktor JT-60SA in Japan. Auch die Bridgestone World Solar Challenge wird vorgestellt. Bei diesem Wettbewerb fahren Solarfahrzeuge rund 3.000 Kilometer durch Australien und beziehen ihre Energie aus Sonnenlicht.
Die Internationale Raumstation gehört ebenfalls in diesen Bereich. Die ISS ist inzwischen seit 25 Jahren durchgehend bewohnt. Neben solchen Großprojekten stehen persönliche Leistungen. Noah Williams aus Melbourne wurde mit acht Jahren als jüngster Programmierer der Welt ausgezeichnet.
Gerade für jüngere Leserinnen und Leser kann dieser Teil mehr leisten als die bloße Lieferung einer Rekordzahl. Ein Superlativ schafft Aufmerksamkeit, anschließend kann man etwas über Astronomie, Raumfahrt, Energie oder Informatik erfahren.
Guinness bleibt dabei Guinness. Niemand muss das Kapitel von vorne bis hinten durcharbeiten. Man bleibt an einem Bild hängen, liest eine Zahl, entdeckt daneben etwas anderes und ist fünf Minuten später möglicherweise bei einem völlig anderen Thema.
Deutschland kann rückwärts
Auch der deutschsprachige Raum ist in Guinness World Records 2027 gut vertreten.
Achim Aretz lief bereits 2009 einen Halbmarathon rückwärts. Für die 21,0975 Kilometer benötigte er 1 Stunde, 40 Minuten und 29 Sekunden. Wer schon beim normalen Halbmarathon über die Sinnhaftigkeit seiner Freizeitgestaltung nachdenkt, erhält hier immerhin eine neue Vergleichsgröße.
Aktueller ist der Rekord von Christian Schäfer. Das Gedächtnisgenie prägte sich 2026 in einem Londoner Pool unter Wasser eine 87-stellige Zahl ein. Damit hält er den Rekord für die meisten unter Wasser gemerkten Dezimalstellen.
Das ist eine jener Guinness-Leistungen, bei denen zwei Fähigkeiten miteinander verbunden werden, deren Bekanntschaft nicht zwingend vorhersehbar war: Luftanhalten und Zahlen merken.
Michaela Benthaus steht für eine ganz andere Art von Rekord. Die Ingenieurin der European Space Agency überquerte am 20. Dezember 2025 an Bord von New Shepard die Kármán-Linie und wurde damit zur ersten Rollstuhlfahrerin im All.
Hinzu kommen der Dortmunder Rolf Buchholz mit 516 dokumentierten Body-Modifications und Nathalie Pohl, die gemeinsam mit dem Briten Andy Donaldson als erstes Duo eine Schwimmstaffel rund um Ibiza absolvierte. 104 Kilometer legten die beiden in 30 Stunden, 57 Minuten und 49 Sekunden zurück.
Österreich ist unter anderem mit dem Parkour-Athleten Lorenz Wetscher und Freitaucher Herbert Nitsch vertreten. Aus der Schweiz kommen neben der bemerkenswert schweren Süßkartoffel auch Schwimmer Noè Ponti und dessen Weltrekord über 50 Meter Schmetterling.
Die Auswahl zeigt zugleich, wie weit Guinness den Begriff Rekord fasst. Sportliche Bestzeiten stehen neben Sammlungen, körperlichen Veränderungen, technischen Leistungen und Dingen, für die es außerhalb dieses Buches vermutlich nur selten eine Rangliste gibt.
Die Kids Zone und die Sache mit dem Ehrgeiz
Eine eigene Kids Zone stellt Rekordhalterinnen und Rekordhalter unter 16 Jahren vor.
Dazu gehört Orell Herzog aus Deutschland. Im Alter von elf Jahren kickte er innerhalb einer Minute 31 Dosen vom geschützten Kopf eines Assistenten. Damit stellte er einen Rekord für Unter-16-Jährige auf.
Die französische Surferin Kelia Mehani Gallina wiederum wurde mit zwölf Jahren und 363 Tagen zur jüngsten Teilnehmerin der World Surf League Championship Tour. Anvi Vishesh Agrawal aus Indien veröffentlichte ihr erstes zweisprachiges Buch im Alter von vier Jahren und 254 Tagen und wurde später auch jüngste TEDx-Sprecherin.
Kinder und Jugendliche interessieren sich traditionell stark für Guinness World Records, und es liegt nahe, ihnen auch Gleichaltrige zu zeigen. Trotzdem lohnt bei solchen Altersrekorden ein genauer Blick. Eine sportliche Leistung lässt sich messen. Bei Kategorien wie „jüngste“ oder „jüngster“ wird dagegen das Alter selbst zum entscheidenden Teil des Rekords.
Pumuckl trifft Hugo
Entspannter wird es bei Pumuckl.
Der Hengst aus Breckerfeld hält den Guinness-Weltrekord als kleinstes lebendes Pferd. Im Jahrbuch trifft er auf Hugo, ein 199 Zentimeter großes Shire Horse und damit das größte lebende Pferd.
Kleinstes Pferd, größtes Pferd: Für Guinness ist das natürlich eine ideale Paarung.
Dazu kommt ein Pazifischer Riesenkrake mit vier Metern Armspannweite. Weitere Rekorde führen zu hohen Bäumen, außergewöhnlichen Pflanzen und anderen Besonderheiten aus Flora und Fauna.
Der grüne Schwerpunkt passt zum Cover, ist aber mehr als ein Farbspiel. Naturrekorde gehören zu den zugänglichsten Teilen eines solchen Buches. Man benötigt keine Kenntnis einer Sportart und muss keine komplizierte technische Kategorie verstehen. Der Größenunterschied zwischen zwei Pferden erledigt einen beträchtlichen Teil der Vermittlungsarbeit selbst.
Überhaupt dürfte die visuelle Gegenüberstellung wieder zu den Stärken des Jahrbuchs gehören. Guinness World Records war nie dafür gedacht, still von Seite eins bis Seite 239 durchgelesen zu werden. Das Buch will durchblättert, herumgereicht und zwischendurch aufgeschlagen werden.
Menschen, die nicht aufhören
Interessant sind auch jene Rekordhalter, für die ein Eintrag offenbar nicht genügt.
Leah Shutkever aus Großbritannien hält 25 Guinness-Weltrekorde. Einer davon betrifft das schnelle Essen eines Burritos. 32,35 Sekunden benötigte sie dafür.
Der Kanadier Kyle Landi hält zwei Kraftsportrekorde. Fred Blijden aus den Niederlanden schaffte 22 rückwärts ausgeführte Saltos aus dem Stand in 30 Sekunden. Emma Phillips aus Neuseeland brachte es auf 77 Tischdrehungen mit den Füßen im selben Zeitraum.
Und dann ist da Remy Schofield. Seit 2005 ließ der Kanadier mindestens 90 Prozent seines Körpers tätowieren. An einigen Stellen liegen zahlreiche Farbschichten übereinander, einzelne Bereiche wurden immer wieder überarbeitet.
Hinter vielen Rekorden stecken jahrelanges Training, Beharrlichkeit oder eine sehr spezielle Leidenschaft. Man muss eine Beschäftigung nicht selbst nachvollziehen können, um die Konsequenz dahinter interessant zu finden.
Gelegentlich reicht allerdings auch die schiere Zahl. 4.550 My Little Ponys sind schließlich 4.550 My Little Ponys.