Shida Bazyar wird für ihren Roman Die Lücken mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2026 ausgezeichnet. Die Jury würdigt ein Buch, das deutsche Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit erzählt, sondern als etwas, das in Sprache, Erinnerung und Ausgrenzung weiterarbeitet. Zugleich steht Die Lücken auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.
Ein Dorf heißt Heimesbach. Schon der Name klingt, als hätte jemand die deutsche Sehnsucht nach Zugehörigkeit in ein Ortsschild gegossen. Doch bei Shida Bazyar ist Heimat kein ruhender Besitz. Sie besteht aus Häusern, Geschichten, Verschweigen – und aus jenen Lücken, die entstehen, wenn eine Gesellschaft sehr genau weiß, worüber sie nicht sprechen möchte.
Nun erhält Bazyar für diesen Roman den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2026. Der von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk vergebene Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Bekannt gegeben wurde die Entscheidung am 22. September.
Es ist eine Auszeichnung, die auffällig genau dort ansetzt, wo auch die literarische Konstruktion des Romans ihre größte Spannung entwickelt: beim Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ein Dorf als Speicher
Die Jury liest Die Lücken als Panorama deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. Heimesbach, Bazyars fiktiver Ort im Hunsrück, wird dabei zum Modellraum. Hier lagern individuelle Verstrickungen in die Verbrechen des Holocaust ebenso wie spätere Formen des Verdrängens und Relativierens.
Entscheidend ist, dass die Jury diese Geschichte nicht im Jahr 1945 enden lässt. Sie hebt ausdrücklich die Kontinuität von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung bis in die Gegenwart hervor. Ebenso wichtig erscheint ihr die Frage, wer Erinnerung überhaupt einfordern muss. In ihrer Begründung beschreibt sie eine Erinnerungskultur, die nicht selbstverständlich aus der Mehrheitsgesellschaft erwächst, sondern von den Opfern reklamiert werden muss.
Damit berührt die Jury genau jene Bewegung, die bereits unsere ausführliche Rezension zu Shida Bazyars Die Lücken auf Lesering beschäftigt hat: Das Vergangene ist in diesem Roman nicht vergangen. Es verändert nur seine Form. Was einmal Verfolgung, Besitz und Vertreibung hieß, kehrt später als Familiengeschichte, Dorfgedächtnis und vermeintliche Normalität zurück.
Die Lücken handelt deshalb nicht einfach davon, dass etwas vergessen wurde. Vergessen wäre fast beruhigend. Man könnte sich vorstellen, eine Erinnerung sei versehentlich aus einer Schublade gefallen. Bazyars Roman interessiert sich für kompliziertere Vorgänge: für das Umdeuten, Verschieben und Weitererzählen. Für jene gesellschaftliche Arbeit also, die nötig ist, damit aus belasteter Geschichte irgendwann eine halbwegs bewohnbare Familienerzählung wird.
Die Lücke ist deshalb kein leerer Raum. Sie ist gemacht.
Geschichte verschwindet nicht, sie wechselt die Sprache
Bazyar führt über rund ein Jahrhundert hinweg unterschiedliche Biografien und historische Erfahrungen zusammen. Jüdische Familien gehören ebenso zu dieser Geschichte wie Menschen, die vom Nationalsozialismus profitierten und sich später als harmlose Mitläufer neu erzählen konnten. Jahrzehnte danach kommen Familien nach Deutschland, die aus dem Iran fliehen und in diesem Land Schutz suchen.
Die Jury des Deutschen Buchpreises hebt in ihrer Würdigung besonders hervor, wie sich die Sprache zwischen den Zeitebenen verändert und wie Bazyar mit ihrem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans auslotet.
Das ist mehr als eine Frage der Form.
Denn Heimatromane haben traditionell ein Problem mit der Grenze. Sie benötigen ein Innen und ein Außen, Zugehörige und Ankommende, Vertrautes und Fremdes. Bazyar übernimmt diese Architektur nicht, um sie gemütlicher einzurichten. Sie untersucht ihre Fundamente.
Wer durfte bleiben? Wer musste gehen? Wem gehörte ein Haus, bevor es jemand anderem gehörte? Welche Geschichte wird an einem Ort erzählt, wenn jene, deren Geschichte es ebenfalls war, nicht mehr dort sind?
Heimesbach wird dadurch zu einem Gedächtnisraum, dessen Ordnung ständig infrage steht.
Vielleicht liegt gerade darin die Brisanz, die die Raabe-Jury dem Roman zuschreibt. Sie bezeichnet Die Lücken als einen der „brisantesten Romane unserer Zeit“.
Das große Wort fällt hier nicht zufällig. Denn Bazyars Roman verbindet historische Erinnerung mit gegenwärtigen Formen gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Die Vergangenheit steht nicht hinter den Figuren. Sie befindet sich zwischen ihnen.
Heimatroman und Erinnerungspolitik
Auch die Jury des Deutschen Buchpreises, die Die Lücken auf die Shortlist 2026 gesetzt hat, richtet den Blick auf Bazyars Umgang mit Geschichte. Sie liest den Roman besonders als literarische Öffnung des Heimatbegriffs und betont den transnationalen Blick, durch den der traditionelle Heimatroman neu vermessen wird.
Die Raabe-Jury setzt einen anderen Akzent. Bei ihr treten Holocaust-Verstrickung, Antisemitismus, Entrechtung, Ausgrenzung und die Mechanismen gesellschaftlicher Erinnerung deutlicher in den Vordergrund.
Es sind keine gegensätzlichen Lesarten. Eher zwei Schnitte durch denselben Text.
Der eine zeigt die literarische Form des Erinnerns. Der andere fragt danach, was erinnert wird – und wer die Macht besitzt, eine Geschichte als abgeschlossen zu erklären.
Genau hier wird Die Lücken unbequem.
Nicht weil der Roman eine einfache historische Anklage formulierte. Sondern weil er die beruhigende Vorstellung beschädigt, Vergangenheit lasse sich sauber von Gegenwart trennen. Geschichte erscheint bei Bazyar nicht als Keller, in den man gelegentlich hinabsteigt, um alte Kisten zu öffnen. Sie steckt längst in den oberen Stockwerken.
Was der Raabe-Preis für „Die Lücken“ verändert
Mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhält Die Lücken eine bedeutende Auszeichnung noch vor der Entscheidung über den Deutschen Buchpreis. Daraus folgt keine Prognose für Frankfurt. Es verändert aber den Resonanzraum, in dem über Bazyars Roman gesprochen wird.
Der Roman steht auf einer der prominentesten literarischen Shortlists des Jahres und ist nun zugleich ein ausgezeichnetes Werk, dem die Raabe-Jury besondere Gegenwartsrelevanz zugesprochen hat.
Der Preis verstärkt damit etwas, das sich bereits in der Aufnahme des Romans beobachten ließ: Bazyars Buch wird nicht allein als Familien- oder Erinnerungsroman gelesen. Es berührt die Frage, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit sprachlich organisiert – und was geschieht, wenn die Erzählung von gelungener Erinnerung auf jene trifft, die ihre Lücken sehen.
Vielleicht ist das die passendere Form der Aufmerksamkeit für Die Lücken. Nicht die Frage, welchen Preis das Buch als Nächstes gewinnen könnte, sondern weshalb es gegenwärtig in so verschiedenen literarischen Zusammenhängen gelesen wird.
Bazyar schreibt über ein Dorf und öffnet darin ein Jahrhundert. Häuser wechseln ihre Bewohner, Geschichten ihre Besitzer, Erinnerungen ihre Sprache. Nur die Lücken bleiben erstaunlich ortsfest.
Heimesbach ist erfunden. Seine Lücken sind es nicht.
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