NDR Sachbuchpreis 2026: Drei Bücher auf der Shortlist, die unbequeme Fragen stellen

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Die deutsche Russlandpolitik, emotionale Beziehungen zu künstlicher Intelligenz und die gesellschaftliche Bedeutung des Opferstatus: Die drei Finalisten des NDR Sachbuchpreises 2026 könnten unterschiedlicher kaum sein. Doch alle beschäftigen sich auf ihre Weise mit Vorstellungen, die unser Denken und Handeln bestimmen. Am 5. November wird in Göttingen der diesjährige Preisträger gekürt.

Wie konnte die deutsche Politik so lange an ihrem Russlandbild festhalten? Was suchen Menschen in einer Beziehung zu einer Maschine? Und wann wurde Verletzlichkeit zu einer Eigenschaft, über die sich gesellschaftliche Anerkennung gewinnen lässt?

Es sind Fragen, die zunächst wenig miteinander zu tun haben. Doch gerade ihre Verschiedenheit macht die diesjährige Shortlist des NDR Sachbuchpreises interessant. Aus mehr als 130 eingereichten Titeln hatte die Nominierungskommission zunächst zehn Bücher ausgewählt, aus denen die Jury nun drei Finalisten bestimmt hat. Sie führen in die Außenpolitik, in eine zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägte Lebenswelt und mitten hinein in eine philosophische Debatte über unser Selbstverständnis.

Das Versagen – Die deutsche Russlandpolitik und ihre blinden Flecken

Mit Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik (Ullstein) gehen die Journalisten Katja Gloger und Georg Mascolo der Frage nach, wie Deutschland über Jahrzehnte mit Russland umging und weshalb politische Fehleinschätzungen, wirtschaftliche Interessen und strategische Versäumnisse so lange nebeneinander bestehen konnten.

Dafür haben sie vertrauliche Regierungsdokumente ausgewertet und zahlreiche Zeitzeugen befragt. Ihre Recherche zeichnet Entscheidungen und Entwicklungen nach, deren Folgen spätestens mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unübersehbar geworden sind.

Dabei geht es um mehr als eine rückblickende Bewertung deutscher Außenpolitik. Das Buch berührt eine grundsätzliche Frage politischer Verantwortung: Wie entstehen Überzeugungen innerhalb politischer Institutionen, und weshalb werden sie selbst dann noch verteidigt, wenn die Wirklichkeit längst Anlass zu ihrer Überprüfung gibt?

Die Jury würdigt insbesondere die investigative Leistung der beiden Autoren und ihren Beitrag zur Aufarbeitung politischer Fehlentscheidungen.

Hallo, wie fühlst du dich heute? – Wenn die Maschine zum Vertrauten wird

Während Gloger und Mascolo politische Entscheidungen untersuchen, richtet Christoph Koch den Blick auf eine Entwicklung, die sich weitgehend außerhalb institutioneller Debatten vollzieht. Menschen sprechen mit künstlicher Intelligenz über ihre Ängste, ihre Einsamkeit, ihre Hoffnungen und bisweilen über Dinge, die sie keinem anderen Menschen anvertrauen würden.

In Hallo, wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert (Kein & Aber) erzählt Koch von Menschen, für die KI-Systeme zu emotional bedeutsamen Gegenübern geworden sind. Sie suchen Trost, Freundschaft, manchmal sogar Liebe und erleben dabei eine Form von Nähe, deren Voraussetzungen sich grundlegend von menschlichen Beziehungen unterscheiden.

Interessant ist daran weniger die technische Frage, wie überzeugend eine Maschine menschliche Kommunikation nachbilden kann. Vielmehr stellt sich die Frage, was diese Beziehungen über die Menschen selbst erzählen. Über ihre Erwartungen an andere, über das Bedürfnis, verstanden zu werden, und darüber, welche Rolle Gegenseitigkeit für eine Beziehung eigentlich spielt.

Koch betrachtet die technologische Entwicklung aus der Perspektive jener Menschen, die sie längst in ihren Alltag aufgenommen haben. Die Jury hebt besonders diesen menschlichen Zugang zu einem Thema hervor, das häufig auf technische Möglichkeiten und Risiken reduziert wird.

Opfer – Über die gesellschaftliche Bedeutung von Verletzlichkeit

Einen anderen Zugang zu den Widersprüchen der Gegenwart wählt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter. In Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild (Hanser) untersucht sie einen Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen, der sich auch in der öffentlichen Sprache beobachten lässt.

Lange galt es als erstrebenswert, Stärke zu zeigen, Widerstände zu überwinden und sich nicht über erlittenes Leid zu definieren. Heute erfährt Verletzlichkeit eine andere Form gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Wer von persönlicher oder kollektiver Verletzung spricht, kann damit auch einen Anspruch auf Anerkennung verbinden.

Lotter betrachtet diese Entwicklung vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung psychotherapeutischer Denkweisen und der Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt. Dabei geht es nicht darum, tatsächliches Leid infrage zu stellen, sondern zu untersuchen, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Opfersein, Verantwortung und moralischer Anerkennung verändert haben.

Gerade diese Unterscheidung macht das Thema philosophisch interessant. Denn die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Welche Folgen es jedoch hat, wenn Verletzlichkeit zugleich zu einem wesentlichen Bestandteil individueller und kollektiver Identität wird, ist eine andere Frage.

Die Jury würdigt Lotters differenzierte Auseinandersetzung mit einem Begriff, der längst weit über seine ursprüngliche Bedeutung hinaus in gesellschaftliche und politische Debatten hineinwirkt.

Was diese drei Bücher verbindet

Die Shortlist versammelt weder drei Antworten auf dieselbe Frage noch drei Autoren, die aus einer gemeinsamen Perspektive argumentieren. Und doch lässt sich in ihrer Auswahl ein Zusammenhang erkennen.

Gloger und Mascolo beschäftigen sich mit politischen Überzeugungen, die folgenschwere Entscheidungen ermöglichten. Koch untersucht, wie neue Technologien unsere Vorstellungen von Nähe und Verbundenheit verändern. Lotter fragt danach, welche Bedeutung wir menschlicher Verletzlichkeit geben und wie diese Bedeutung unser moralisches Urteil beeinflusst.

In allen drei Fällen geht es um die Voraussetzungen unseres Denkens: um das, was wir für selbstverständlich halten, weil es politisch gewachsen, gesellschaftlich anerkannt oder im Alltag längst zur Gewohnheit geworden ist.

Ein Sachbuch muss solche Gewissheiten nicht zwangsläufig widerlegen. Es sollte sie allerdings einer Prüfung zugänglich machen. Dass die Jury gerade diese drei Werke ausgewählt hat, lässt sich insofern auch als Plädoyer für eine Literatur verstehen, die sich nicht mit der Bestätigung des ohnehin Gedachten begnügt.

NDR Sachbuchpreis: Entscheidung am 5. November

Der NDR Sachbuchpreis wird seit 2009 vergeben und ist mit 15.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wird ein in deutscher Sprache verfasstes Sachbuch, das gesellschaftlich relevante Fragen fundiert und eigenständig behandelt und neue Perspektiven eröffnet.

Die Preisverleihung findet am Donnerstag, dem 5. November 2026, auf dem Sartorius Campus in Göttingen im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes statt. Am selben Abend wird auch der LifeScienceXplained-Preis für Wissenschaftskommunikation verliehen.

Ab 19 Uhr überträgt NDR Kultur die Veranstaltung live im Radio und im Videostream.

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