Shida Bazyar gewinnt den Deutschen Buchpreis 2026 mit „Die Lücken“

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Shida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis 2026. Die Jury zeichnet damit ein Buch aus, das 90 Jahre deutscher Geschichte in einem fiktiven Hunsrückdorf verdichtet und danach fragt, was in einer Gemeinschaft bleibt, wenn Menschen verschwinden, andere hinzukommen und Erinnerung allmählich ihre Konturen verliert. Lesering hat den Roman bereits Anfang September ausführlich besprochen.

Shida Bazyar Shida Bazyar Von Amrei-Marie - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Als wir Anfang September über Shida Bazyars Die Lücken schrieben, blieb vor allem ein Gedanke zurück: „Und irgendwann sieht eine Lücke aus wie Normalität.“ Gut einen Monat später hat die Jury des Deutschen Buchpreises den Roman ausgezeichnet, und ihre Begründung führt erstaunlich nah an jene Frage heran, die auch unsere Lektüre bestimmt hatte: Wie entsteht aus dem, was Menschen sehen, wissen, verschweigen oder vergessen, irgendwann eine Geschichte, in der das Fehlende kaum noch auffällt?

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gab die Entscheidung am Montagabend im voll besetzten Kaisersaal des Frankfurter Römers bekannt. Moderiert wurde die Preisverleihung von Jo Schück. Bazyars Roman, der am 3. September bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, setzte sich gegen fünf weitere Titel der Shortlist durch.

Die Geschichte liegt in der Nachbarschaft

Die Lücken führt in den fiktiven Hunsrückort Heimesbach und durch 90 Jahre deutscher Geschichte. Jüdische Familien gehören zu diesem Ort, ebenso Menschen, die vom Nationalsozialismus profitierten, während Jahrzehnte später die aus dem Iran geflüchteten Familien Sharifi und Karimpour in Heimesbach eine neue Heimat suchen. Häuser bleiben stehen, während ihre Bewohner wechseln, Erinnerungen weitergegeben, verändert oder verschwiegen werden und sich mit den Jahrzehnten auch die Vorstellungen davon verschieben, wer zu diesem Ort gehört.

Die Jury setzt in ihrer Begründung genau an dieser Stelle an und formuliert einen der entscheidenden Gedanken des Romans ungewöhnlich konkret: „Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden.“ Heute seien es wiederum Nachbarn, die Entscheidungen darüber träfen, ob sich Menschen mit Migrationsgeschichte zu Hause fühlen können.

Damit rückt die Jury etwas in den Mittelpunkt, das Bazyars Roman von einer historischen Erzählung im engeren Sinne unterscheidet. Geschichte ereignet sich in Die Lücken nicht irgendwo oberhalb der Figuren und bricht auch nicht als abstraktes politisches Ereignis über das Dorf herein, sondern vollzieht sich zwischen Menschen, die nebeneinander wohnen, einander kennen und voneinander wissen. Gerade diese Nähe macht das Verschwinden und spätere Vergessen so verstörend, weil die Lücke nicht an einem fernen Ort entsteht, sondern dort, wo zuvor Nachbarschaft gewesen ist.

Schon in unserer Besprechung hatten wir deshalb die Lücke nicht als bloße Leerstelle verstanden, sondern als etwas, das entstehen kann, wenn Erinnerung abbricht, Geschichten nicht weitererzählt werden und das Verschwundene schließlich seinen Platz im Bewusstsein einer Gemeinschaft verliert. Bazyar interessiert sich weniger für die große historische Rekonstruktion als für die Spuren, die Geschichte in einem Ort und seinen Bewohnern hinterlässt.

Eine tote Erzählerin und fast hundert Jahre deutsches Leben

Für diese Bewegung zwischen den Zeiten wählt Bazyar eine Konstruktion, die auch die Jury ausdrücklich hervorhebt. Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur ermöglichen es, zwischen verschiedenen Zeiten und Perspektiven zu wechseln, während dokumentarische und fiktionale Elemente eng miteinander verbunden werden und erfundene neben historischen Figuren stehen.

Auf diese Weise entsteht keine lineare Dorfchronik, sondern ein Geflecht aus Erinnerungen, Überlieferungen und Brüchen, in dem Vergangenheit und Gegenwart nicht sauber voneinander getrennt bleiben. Die Jury spricht deshalb von einem Roman, der anhand einzelner Figurenschicksale „fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens“ reflektiere, und bezeichnet Die Lücken schließlich als einen „Roman gegen Gleichgültigkeit“.

Gerade diese Formulierung trifft einen wesentlichen Punkt des Buches, denn Gleichgültigkeit erscheint hier nicht notwendig als offene Ablehnung oder bewusste Feindseligkeit, sondern kann sich ebenso im Wegsehen, im Nichtfragen und schließlich im Vergessen zeigen, bis die entstandene Leerstelle so selbstverständlich geworden ist, dass sie kaum noch als solche wahrgenommen wird.

Darin liegt auch die besondere Konstruktion dieses Heimatromans. Heimesbach ist keine Heimat, die einfach vorhanden wäre und von allen Figuren gleichermaßen geteilt würde, sondern ein Ort, an dem Zugehörigkeit immer wieder hergestellt, bestritten und neu ausgehandelt wird. Dass die Jury ihre Begründung mit der Frage „Heimisch in Heimesbach – kann man das sein?“ beginnt, führt deshalb unmittelbar in das Zentrum des Romans.

Ein Buch, über das wir schon vor dem Preis gesprochen haben

Dass Die Lücken nun den Deutschen Buchpreis erhält, verändert unsere Lektüre des Romans nicht, setzt sie aber in einen größeren Zusammenhang. Als das Buch Anfang September erschien, interessierte uns gerade jene Verbindung zwischen individueller Erinnerung und gesellschaftlichem Vergessen, die nun auch in der Jurybegründung eine zentrale Rolle spielt.

Bazyar erzählt dabei keine einfache Geschichte von Vergangenheit und Gegenwart, sondern richtet den Blick darauf, wie sich Zugehörigkeit über Generationen verändert und wie unterschiedlich Menschen denselben Ort erfahren können. Heimesbach wird damit zu einer Heimat, deren Geschichte nicht abgeschlossen ist, weil sich ihre älteren Schichten immer wieder in die Gegenwart schieben.

Der transnationale Blick, den die Jury hervorhebt, erweitert diesen Heimatbegriff zusätzlich, denn Herkunft, Flucht, Erinnerung und Zugehörigkeit lassen sich in diesem Dorf nicht voneinander trennen. Gerade darin liegt die Spannung des Romans: Heimat erscheint nicht als unveränderlicher Besitz, sondern als etwas, das von Geschichten, Beziehungen und dem Wissen darüber abhängt, wer vor einem da war.

Bazyar selbst hielt ihre Reaktion auf die Auszeichnung knapp und verwies in ihrer Dankesrede auf die Schwierigkeit, sich uneingeschränkt über einen Preis für einen Roman zu freuen, der von Menschen handelt, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden.

Deutschen Buchpreis für Shida Bazyar

Shida Bazyar erhält mit dem Deutschen Buchpreis ein Preisgeld von 25.000 Euro, während die weiteren fünf Autorinnen und Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro bekommen. Nominiert waren außerdem Franziska Gänsler mit Orca, Valeria Gordeev mitDie Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, Elias Hirschl mit Schleifen, Peggy Mädler mit Selbstregulierung des Herzens und Dana Vowinckel mit Anton und Alma.

Die siebenköpfige Jury unter Sprecherin Cornelia Geißler hatte seit Beginn der Ausschreibung insgesamt 205 Romane gesichtet, die zwischen Oktober 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind. Daraus entstand zunächst eine Longlist mit 20 Titeln, aus der anschließend die sechs Romane der Shortlist ausgewählt wurden.

Für Bazyar kommt die Auszeichnung in einem bemerkenswerten literarischen Jahr. Ihr bereits 2016 erschienener Debütroman Nachts ist es leise in Teheran stand in der englischen Übersetzung von Ruth Martin auf der Shortlist des International Booker Prize 2026. Für Die Lücken wurde Bazyar außerdem der mit 30.000 Euro dotierte Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2026 zugesprochen, der ihr am 7. November in Braunschweig überreicht wird.

Für einen Roman, der sich damit beschäftigt, was aus Erzählungen und Erinnerungen verschwindet, bedeutet ein Literaturpreis zunächst, dass ein Buch gelesen und über es gesprochen wird. Bei Die Lücken hat dieses Gespräch glücklicherweise schon vor der Entscheidung im Frankfurter Römer begonnen.

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