Deutscher Buchpreis 2026: Die Longlist und ihre zwanzig Vorstellungen von Gegenwart

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Zwanzig Romane sind übrig. 205 waren es am Anfang. Dazwischen liegt jene eigentümliche Tätigkeit, die bei Literaturpreisen „Auswahl“ heißt und aus sehr verschiedenen Büchern für einige Wochen eine Gemeinschaft macht. Shida Bazyar steht nun neben Heinz Strunk, Tomer Gardi neben Ingo Schulze, Valeria Gordeev neben Lukas Rietzschel. Nicht weil ihre Bücher dasselbe wollten. Sondern weil eine Jury beschlossen hat, dass sie gemeinsam etwas über das literarische Jahr 2026 erzählen.

cms.swbgc Deutscher Buchpreis 2026

Am 11. August hat die Jury des Deutschen Buchpreises 2026 ihre Longlist veröffentlicht. Zwanzig Romane wurden nominiert. Am 8. September werden daraus sechs Titel für die Shortlist. Am 5. Oktober schließlich wird im Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis vergeben. Bis dahin lässt sich die Longlist als das lesen, was solche Listen immer auch sind: eine vorläufige Ordnung der Gegenwart.

Vergangenheit als Material der Gegenwart

Jurysprecherin Cornelia Geißler formuliert einen Gedanken, der sich wie eine Klammer um die Auswahl legt: Das Vergangene werde ergründet, um die Gegenwart zu verstehen. Die Jury spricht von fragmentarischen Formen und großen Erzählungen, von biografischer Mehrsprachigkeit, Verletztheit und Aufbruch. Schließlich steht die Frage im Raum, wie Orientierung in einer Welt möglich sein soll, in der Verunsicherung zunimmt.

Das klingt zunächst nach einer Beschreibung der Literatur unserer Zeit. Es ist zugleich eine Beschreibung dessen, was man von ihr erwartet.

Denn auffällig an dieser Longlist ist weniger ein gemeinsames Thema als eine gemeinsame Bewegung. Herkunft wird nicht als abgeschlossene Vorgeschichte behandelt. Familie ist kein privater Schutzraum. Erinnerung bewahrt nicht einfach, sie verändert. Sprache wiederum erscheint nicht nur als Werkzeug des Erzählens, sondern als Ort, an dem Zugehörigkeit ausgehandelt wird.

Die Vergangenheit liegt in diesen Büchern offenbar nicht ordentlich hinter den Figuren. Sie sitzt mit am Tisch.

Die 20 nominierten Romane des Deutschen Buchpreises 2026

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 stehen:

Shida Bazyar: Die Lücken, Kiepenheuer & Witsch. Bereits der Titel benennt eine Abwesenheit. Lücken können Leerstellen der Erinnerung sein, aber auch jene Stellen, an denen gesellschaftliche Erzählungen plötzlich nicht mehr schließen.

Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben, claassen. Ein Titel, der wie eine einfache Frage beginnt und gerade deshalb keine einfache bleiben dürfte. Leben erscheint hier schon sprachlich nicht als Zustand, sondern als etwas, dessen Fortsetzung unsicher geworden ist.

Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter, Carl Hanser Verlag. Das Wort „unerwünscht“ setzt das Verhältnis von Familie, Geschlecht und Zugehörigkeit bereits vor der ersten Seite unter Spannung. Eine Tochter wird nicht nur geboren. Sie wird erwartet – oder eben nicht.

Muri Darida: King Cobra, dtv. Zwischen Selbstentwurf, Rolle und möglicherweise auch Pose liegt schon im Titel etwas demonstrativ Sichtbares. Die Cobra zeigt sich, bevor sie sich bewegt.

Alisha Gamisch: Parasiti, Voland & Quist. Der Parasit ist eine alte Figur gesellschaftlicher Grenzziehung. Wer gehört dazu, wer lebt angeblich auf Kosten anderer, und wer besitzt eigentlich die Macht, solche Begriffe zu verteilen?

Franziska Gänsler: Orca, Kein & Aber. Ein kurzer Titel, ein großes Tier, ein Resonanzraum aus Körper, Natur und Projektion.

Tomer Gardi: Liefern, Tropen. Kaum ein Verb klingt gegenwärtiger. Geliefert werden Waren, Leistungen, Daten, Ergebnisse. Und manchmal Menschen an Systeme, deren Abläufe längst schneller sind als ihre Erklärungen.

Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, S. Fischer. Der längste Titel der Liste beschreibt eine Verwandlung. Etwas verlässt seine Hülle. Was danach übrig bleibt, ist möglicherweise ebenso wichtig wie das, was daraus hervorgeht.

Elias Hirschl: Schleifen, Paul Zsolnay. Schleifen wiederholen sich, führen zurück und können zugleich etwas verzieren. Eine passende geometrische Figur für eine Gegenwart, die Fortschritt behauptet und erstaunlich häufig an bekannten Stellen vorbeikommt.

Svenja Leiber: Nelka, Suhrkamp. Ein Name genügt. Wo andere Titel bereits gesellschaftliche Räume öffnen, stellt dieser zunächst eine Figur in den Mittelpunkt.

Leh-Wei Liao: Glaszeit, Luchterhand. Glas trennt und lässt zugleich hindurchsehen. Es schützt, spiegelt und zerbricht. Für Zeit ist das ein interessantes Material.

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens, Galiani Berlin. Schon die Verbindung ist bemerkenswert: „Selbstregulierung“ gehört eher in die Sprache von Systemen, Organisationen oder Psychologie. Das Herz dagegen besitzt literarisch seit Jahrhunderten eine gewisse Abneigung gegen Verwaltung.

Giuliano Musio: Aus anderem Holz, Luftschacht. Die Redewendung verspricht Differenz, Herkunft und Charakter. Interessant wird, wer bestimmt, welches Holz als das andere gilt.

Yade Yasemin Önder: Anti Müller, park x ullstein. Der Titel setzt Widerstand gegen einen der gewöhnlichsten deutschen Namen. Das Präfix „Anti“ genügt, und aus Alltäglichkeit wird eine Position.

Lukas Rietzschel: Sanditz, dtv. Ein Ortsname kann Landschaft sein, Herkunft und gesellschaftliches Archiv. Gerade Rietzschels Schreiben hat wiederholt gezeigt, wie viel politische Geschichte sich in scheinbar abgelegenen Räumen speichern lässt.

Ingo Schulze: Das Wasser im August, S. Fischer. Wasser und Sommer: zwei vertraute Größen, die nebeneinander plötzlich etwas Flüchtiges bekommen. Der August ist ohnehin ein Monat des Übergangs. Noch Sommer, schon Erinnerung.

Heinz Strunk: Memories of Heidelberg, Rowohlt. Der englische Titel legt eine dünne Schicht Fremdheit über einen deutschen Ort, der selbst mit beträchtlichen Mengen kultureller Erinnerung ausgestattet ist. Bei Strunk darf man vermuten, dass Erinnerung nicht unbeschädigt aus dieser Begegnung hervorgeht.

Karosh Taha: Gulistan, DuMont. Schon der Titel öffnet einen kulturellen und sprachlichen Raum, in dem Herkunft nicht mit einer einzigen geografischen Koordinate erledigt sein dürfte.

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen, Aufbau. Das Bild ist groß, die Geste beinahe unmöglich. Vielleicht liegt gerade darin ihre Spannung: Was muss ein Mensch tragen, wenn selbst der Himmel Unterstützung benötigt?

Dana Vowinckel: Anton und Alma, Suhrkamp. Zwei Namen, verbunden durch ein „und“. Eine denkbar kleine grammatische Konstruktion für jene großen Fragen nach Herkunft, Familie, jüdischer Gegenwart und gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die Vowinckels Schreiben begleiten.

Der kurze Blick zum SWR

Wie offen die Auswahl war, zeigt ein Vergleich mit den zuvor veröffentlichten Empfehlungen von SWR Kultur, auf die Lesering bereits eingegangen ist. Die Redaktion hatte Yael Inokais Die Auster, Norbert Scheuers Holunderholz, Maxim Billers Schwarze Samstage. Roman eines Jahres, Dana Vowinckels Anton und Alma, Norbert Gstreins Im ersten Licht, Nadine Schneiders Das gute Leben, Lukas Bärfuss’ Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter und Dana von Suffrins Toxibaby für die Longlist empfohlen. Von diesen acht Romanen findet sich allein Dana Vowinckels Anton und Alma in der tatsächlichen Auswahl wieder. Das ist weniger ein Wettbewerb darum, wer die besseren Bücher erkannt hat, als eine kleine Demonstration literaturkritischer Perspektive: Wo die SWR-Auswahl unter anderem auf etablierte und bereits stark sichtbare Stimmen wie Gstrein, Bärfuss oder Biller setzte, zieht die Jury andere Linien durch dasselbe Literaturjahr. Eine Longlist bildet Gegenwart eben nicht einfach ab. Sie stellt aus ihr eine Gegenwart her.

Eine Liste ist noch kein Kanon

Literaturpreise erzeugen zwangsläufig eine starke Wirkung. Sobald zwanzig Titel unter der Überschrift „Deutscher Buchpreis“ versammelt sind, entsteht für einen Moment der Eindruck, hier liege eine Art Bestandsaufnahme des literarischen Jahres vor.

Das ist eine Illusion.

„Lesen hilft“

Am Ende ihrer Begründung macht die Jury einen ungewöhnlich einfachen Satz: „Lesen hilft.“

Man könnte ihn als freundliche Werbung für den Gegenstand verstehen. Eine Literaturpreisjury, die vom Lesen abrät, hätte vermutlich ein Vermittlungsproblem.

Doch der Satz verrät mehr.

Wenn zuvor von Verunsicherung, Verletztheit, Vergangenheit und Aufbruch die Rede ist, bekommt das Lesen eine Funktion. Literatur soll nicht nur ästhetische Erfahrung sein. Sie wird als Möglichkeit der Orientierung verstanden.

Hier lohnt eine kleine Vorsicht.

Romane sind keine Navigationsgeräte. Sie korrigieren keine gesellschaftlichen Verhältnisse und liefern selten die kürzeste Route aus einer Krise. Ihre besondere Fähigkeit liegt vielleicht darin, Orientierung vorübergehend auszusetzen. Sie können Widersprüche sichtbar machen, ohne sie aufzulösen. Sie lassen verschiedene Zeiten gleichzeitig sprechen. Sie geben Figuren recht und nehmen ihnen wenige Seiten später die Gewissheit wieder.

Lesen hilft dann nicht unbedingt dabei, die Welt übersichtlicher zu machen.

Es kann zeigen, warum sie es nicht ist.

Sechs bleiben übrig

Am 8. September 2026 wird die Jury aus den zwanzig nominierten Romanen sechs Titel für die Shortlist auswählen. Für vierzehn Bücher endet damit der eigentliche Wettbewerb, obwohl die Aufmerksamkeit der Longlist ihnen bleiben dürfte. Am 5. Oktober 2026, zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, wird schließlich im Kaisersaal des Frankfurter Römers bekanntgegeben, welcher Roman den Deutschen Buchpreis erhält. Die Gewinnerin oder der Gewinner bekommt 25.000 Euro, die übrigen fünf Finalistinnen und Finalisten jeweils 2.500 Euro.

Bis dahin stehen die zwanzig Bücher nebeneinander.

Die Lücken. Wer möchte nicht im Leben bleiben. Unerwünschte Töchter. King Cobra. Parasiti. Orca. Liefern. Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle. Schleifen. Nelka. Glaszeit. Selbstregulierung des Herzens. Aus anderem Holz. Anti Müller. Sanditz. Das Wasser im August. Memories of Heidelberg. Gulistan. Mit beiden Händen den Himmel stützen. Anton und Alma.

Noch besitzt keines dieser Bücher innerhalb des Preises mehr Gewicht als das andere. Das wird nicht lange so bleiben.

Für wenige Wochen existiert noch keine Siegererzählung. Es gibt nur zwanzig Bücher, sieben Jurymitglieder und eine Gegenwart, die sich offenbar nicht darauf einigen kann, in welcher Form sie erzählt werden möchte.

Und möglicherweise ist genau das schon eine ziemlich genaue Beschreibung dieser Gegenwart.

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