Bar Kupershtein: „Ungebrochen – Mein Wille zu leben“ – Woher kommt Hoffnung, wenn es dunkel wird?

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Ein junger Mann liegt gefesselt auf dem Boden, sein Gesicht trägt die Spuren der Schläge, neben ihm befindet sich ein anderer Gefangener, verletzt und ebenso hilflos wie er selbst. Eine Kamera hält fest, was geschieht, und Bar Kupershtein, der in diesem Augenblick allen Grund hätte, nur noch an das eigene Überleben zu denken, ruft seinen Namen und fordert seine Entführer auf, sich um den Mann neben ihm zu kümmern. Seine Mutter Julie wird dieses Video später immer wieder ansehen, sie wird ihren Sohn an seinen Augen erkennen und diesen einen Moment nicht vergessen können.

Ungebrochen - Mein Wille zu leben: 738 Tage als Geisel der Hamas Ungebrochen - Mein Wille zu leben: 738 Tage als Geisel der Hamas von Bar Kupershtein (Autor), Karoline Kuhn (Übersetzer) adeo

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Ungebrochen - Mein Wille zu leben: 738 Tage als Geisel der Hamas

Ungebrochen – Mein Wille zu leben beginnt für mich genau hier: bei einem jungen Mann, der selbst in äußerster Hilflosigkeit noch wahrnimmt, dass neben ihm ein anderer Mensch leidet. Es ist eine kleine Bewegung in einem Buch über sehr große Dinge, und gerade deshalb ist sie so schwer auszuhalten.

Der Helfer, der Hilfe braucht

Bar Kupershteins Geschichte beginnt nicht am 7. Oktober 2023. Das ist für das Verständnis des Buches wesentlich, denn bevor wir dem Entführten begegnen, lernen wir den Sohn kennen, den Bruder, den jungen Mann, der früh erfahren hat, dass Verantwortung nicht immer etwas ist, für das man sich entscheidet.

Sein Vater Tal wird bei einem Einsatz als freiwilliger Sanitäter schwer verletzt und bleibt fortan auf Unterstützung angewiesen. Bar hilft, die Familie zu versorgen, arbeitet schon während der Schulzeit und später neben seinem Militärdienst, übernimmt Aufgaben, für die andere in seinem Alter noch Zeit gehabt hätten, und wird schließlich selbst Sanitäter. Helfen ist in dieser Familie fast eine Sprache, die vom Vater auf den Sohn übergeht, nur dass niemand ahnen kann, wie grausam sich ihre Grammatik eines Tages umkehren wird.

Am Morgen des 7. Oktober arbeitet Kupershtein als stellvertretender Sicherheitsverantwortlicher beim Nova-Musikfestival. Als Raketen fallen und bewaffnete Hamas-Kämpfer das Gelände erreichen, versucht er, Menschen in Sicherheit zu bringen, hilft bei der Evakuierung und versorgt Verwundete, bis er selbst überwältigt und nach Gaza verschleppt wird.

Von diesem Moment an gilt fast nichts mehr von dem, was sein bisheriges Leben bestimmt hat. Der Sanitäter kann niemanden mehr versorgen, der Sicherheitsmann niemanden schützen, und der Sohn, der früh gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen, verliert die Verfügung über die elementarsten Bereiche seines eigenen Lebens. Andere entscheiden, wo er sich befindet, wann er schläft, wann er etwas zu essen bekommt, ob er Licht sieht, ob er sich bewegen kann und welche Nachrichten ihn erreichen.

Der Helfer braucht nun selbst Hilfe, und 738 Tage lang wird diese Umkehr sein Leben bestimmen.

Eine Sprache, die keinen Schutz anbietet

Kupershtein erzählt diese Zeit in einer Sprache, die kaum Abstand zwischen das Erlebte und den Leser legt. Sie ist direkt und häufig mündlich, rekonstruiert Gespräche und Situationen und kehrt zu Empfindungen zurück, ohne das Geschehene nachträglich mit einer literarischen Bedeutungsschicht zu versehen, die es erträglicher machen könnte.

Ein Schlag bleibt ein Schlag, Hunger bleibt Hunger, Angst muss nicht erst zur Metapher werden.

Es wäre deshalb falsch, dieser Sprache mangelnde ästhetische Distanz vorzuhalten, denn gerade ihre Unmittelbarkeit erzeugt jene körperliche Wirkung, der man sich während der Lektüre nur schwer entziehen kann. Dieses Buch macht Bauchschmerzen, nicht weil es das Erlebte sprachlich vergrößert, sondern weil es darauf verzichtet, es kleiner oder schöner zu machen.

Kupershtein erzählt seine Gefangenschaft über Dinge, die in einem gewöhnlichen Leben kaum eine Geschichte besitzen würden: Wasser, eine Pita, eine Decke, eine Matratze, eine Augenbinde, eine Dusche, das Piepen einer Uhr. Unter den Bedingungen der Gefangenschaft verändern sie ihren Wert, bis ein wenig Wasser nicht mehr einfach Wasser und ein Stück Brot nicht mehr einfach Nahrung ist.

Auch der Humor verändert sich. Die Gefangenen können über ihre Bewacher lachen, über sich selbst und über die Absurdität mancher Situationen, doch beim Essen endet der Witz. Als einer von ihnen scherzhaft so tut, als wolle er eine Portion ungerecht verteilen, wird aus dem Spiel sofort Ernst.

Hunger setzt sogar dem Humor eine Grenze.

Während des Lesens versteht man deshalb nicht nur, dass diese Menschen hungern, sondern ertappt sich dabei, auf ihre nächste Mahlzeit zu warten. Darin liegt eine der Zumutungen des Buches: Es erlaubt uns nicht, Gefangenschaft ausschließlich als politischen oder historischen Begriff zu betrachten, weil es sie immer wieder auf den Körper zurückführt, auf Durst, Müdigkeit, Schmerz und die Frage, wann es wieder etwas zu essen gibt.

Aus dieser Körperlichkeit wächst eine Frage, die die gesamte Lektüre begleitet: Was kann ein Mensch alles ertragen?Daneben steht eine zweite, die am Ende schwerer wiegt: Woher nimmt ein Mensch Hoffnung, wenn es dunkel wird?

Hoffnung und die Kunst des nächsten Tages

Eine einfache Antwort gibt das Buch nicht. Hoffnung erscheint bei Kupershtein nicht als unerschöpfliche innere Kraft, sondern als etwas Fragiles, das zeitweise kaum greifbar ist und dennoch immer wieder neu entsteht. Der Gedanke an die Familie kann tragen, ebenso die Gemeinschaft der anderen Gefangenen, ein Gebet, eine Nachricht im Radio oder ein Ritual, das in einer Welt ohne Verlässlichkeit plötzlich Halt gibt.

Kupershteins jüdischer Glaube nimmt dabei einen wichtigen Raum ein. Er betet, spricht das Schma Jisrael und versucht, den Schabbat auch dort zu bewahren, wo es weder einen gedeckten Tisch noch Wein für den Kiddusch gibt. Der Glaube nimmt ihm die Angst nicht und verhindert auch nicht die Verzweiflung, doch er gibt der Zeit eine Ordnung zurück, über die seine Bewacher nicht vollständig verfügen können.

Freitag bleibt Freitag, und darin liegt eine der stillsten Formen von Widerstand in diesem Buch: Ein Mensch, dem andere beinahe jede Entscheidung genommen haben, hält daran fest, einen bestimmten Abend weiterhin Schabbat nennen zu können.

Dass Kupershtein zugleich von Erschöpfung, Zweifel und Verzweiflung erzählt, bewahrt Ungebrochen vor einer einfachen Erzählung von Stärke. Ein Mensch kann glauben und zweifeln, hoffen und verzweifeln, kämpfen und erschöpft sein, ohne dass sich diese Zustände gegenseitig ausschließen.

Damit verändert sich auch der Titel während der Lektüre. Ungebrochen zu sein heißt nicht, unverwundbar geblieben zu sein oder 738 Tage lang keine Angst und keinen Schmerz gekannt zu haben. Es bedeutet, dass es denjenigen, die über seinen Körper verfügen, nicht vollständig gelingt, auch über sein inneres Selbst zu bestimmen.

Glaube, Erinnerung, Humor und Gemeinschaft werden so zu unterschiedlichen Möglichkeiten, dieses Selbst festzuhalten, zu kleinen Behauptungen des eigenen Menschseins unter Bedingungen, die genau dieses Menschsein angreifen.

Manchmal muss dafür der nächste Tag genügen.

Auch das Warten hat Mauern

Eine der stärksten Entscheidungen des Buches liegt im Wechsel der Perspektiven, denn Kupershteins Bericht wird von den Stimmen seiner Mutter Julie und seines Vaters Tal unterbrochen. So erzählt Ungebrochen nicht nur von einem Gefangenen, sondern auch von einer Familie, die draußen weiterleben muss, ohne zu wissen, ob der Mensch, auf dessen Rückkehr sie wartet, noch lebt.

Es entstehen zwei voneinander getrennte Räume. Dort ist Bar, hier sind seine Eltern und Geschwister, dazwischen liegen Gaza, Krieg, Nachrichten, Gerüchte und Schweigen.

Bar weiß nicht, was seine Familie weiß, während seine Familie nicht weiß, was Bar erlebt. Er kann nicht nach Hause, sie können nicht zu ihm, und beide Seiten leben mit einer Ungewissheit, die keine verlässliche Zeitrechnung mehr kennt.

Auch das ist eine Form der Gefangenschaft, nur ohne sichtbare Mauern.

Julie schwankt zwischen Gebet, öffentlichem Engagement, Zusammenbruch und jener fast körperlichen Weigerung, die Hoffnung auf ihren Sohn aufzugeben. Als andere Geiseln tot aufgefunden werden, klammert sie sich an den Gedanken, die Nachricht könne falsch sein. Später zieht die Familie in eine neue Wohnung, in ein Zuhause, das Bar noch nie gesehen hat und vor dem Schilder auf seine Rückkehr warten.

Ein Zuhause wartet auf jemanden, von dem niemand weiß, ob er es jemals betreten wird. Über die Psychologie des Wartens ließe sich viel schreiben, doch dieses Bild erzählt genug.

530 Tage und die Stimme seiner Mutter

An Bars zweitem Geburtstag in Gefangenschaft sind 530 Tage vergangen. Seine Freunde schlafen bereits, doch er bleibt beim Radio, weil er hofft, irgendwo werde sein Geburtstag erwähnt. Tatsächlich hört er seinen Namen und erfährt damit etwas, das unter den Bedingungen seiner Gefangenschaft lebenswichtig geworden ist: Draußen weiß man noch, dass es ihn gibt.

Er hört weiter und plötzlich die Stimme seiner Mutter.

Bar weckt die anderen, sie versammeln sich um das Radio, und Julie spricht in einem Studio über ihren Sohn, über Hoffnung, Gebet und die Veranstaltung, die an diesem Tag für ihn stattfinden soll, während Bar tief unter der Erde ihrer Stimme zuhört.

Sie weiß nicht, dass er sie hören kann, und er kann ihr nicht antworten. Für einige Minuten befinden sich Mutter und Sohn dennoch in einem gemeinsamen Raum, geschaffen allein durch eine Stimme, die eine Entfernung überwindet, die keiner von beiden überwinden kann.

Hoffnung bekommt hier eine Stimme, und der Sohn erfährt, ohne seiner Mutter antworten zu können, dass er nicht vergessen ist.

Was eine Familie aushalten kann

Je länger man Ungebrochen liest, desto weniger lässt sich Bars Geschichte von der seiner Familie trennen, denn während er lernen muss, einen weiteren Tag in Gefangenschaft zu überstehen, müssen seine Eltern und Geschwister einen weiteren Tag ohne Gewissheit leben.

Lebt er noch? Kommt er zurück? Gibt es morgen eine Nachricht?

Unter solchen Bedingungen ist Hoffnung kein schöner Gedanke, sondern Arbeit, die jeden Morgen von Neuem begonnen werden muss.

Julie beschreibt Begegnungen und Reisen mit Angehörigen anderer Geiseln, mit Familien von Menschen, die noch in Gefangenschaft vermutet werden, und mit solchen, deren Angehörige bereits getötet wurden. Sie beten miteinander, stützen einander und teilen eine Erfahrung, für die Außenstehende nur schwer eine Sprache finden können.

Das Buch spielt Verzweiflung und Hoffnung nicht gegeneinander aus. Beides kann gleichzeitig existieren: die Angst und das Weitergehen, die Erschöpfung und das Festhalten, die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und die Weigerung, sich ihr vollständig zu überlassen.

Ein Zeitdokument, das ins Gespräch gehört

Ungebrochen lässt sich als autobiografischer Bericht lesen, als Zeugnis eines Überlebenden und als Buch über Gefangenschaft, jüdischen Glauben, Familie und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn andere nahezu alles über ihn bestimmen.

Zugleich ist es ein Zeitdokument.

Gerade deshalb gehört es meines Erachtens in die Diskussion darüber, welche Bücher jungen Menschen heute in Schulen begegnen sollten, nicht als politische Gebrauchsanweisung und schon gar nicht als vollständige Erklärung des israelisch-palästinensischen Konflikts, sondern als Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung, die dort beginnt, wo politische Begriffe häufig enden: beim einzelnen Menschen.

Denn ein Begriff hat keinen Hunger, eine Statistik hört nachts nicht die Stimme ihrer Mutter, und im Tunnel sitzt keine politische Chiffre, sondern ein junger Mann, der friert, betet, zweifelt, sich erinnert, mit anderen lacht und darauf wartet, irgendwann wieder selbst über sein Leben entscheiden zu dürfen.

Bildung beginnt dort, wo ein Begriff wieder zu einem Menschen wird.

Das besitzt gerade in Deutschland eine besondere Dringlichkeit, denn Antisemitismus ist keine historische Kategorie, die im sicheren Abstand vergangener Jahrzehnte betrachtet werden kann. Wenn jüdisches Leben unter Rechtfertigungsdruck gerät und die Grenze zwischen notwendiger Kritik an politischen Entscheidungen des Staates Israel und der Abwertung jüdischer Menschen verwischt wird, braucht es Räume, in denen genauer gelesen, unterschieden und gesprochen werden kann.

Ungebrochen kann ein solcher Raum sein, gerade weil das Buch keine umfassende politische Erklärung anbietet. Es erzählt Bars Geschichte, und diese Begrenzung ist seine Stärke.

Meron Mendel setzt dafür im Vorwort der deutschen Ausgabe einen wichtigen Rahmen, indem er Bars Leid weder als Rechtfertigung der israelischen Kriegsführung verstanden wissen will noch die Verbrechen der Hamas durch den Hinweis auf das Leid palästinensischer Zivilisten relativiert sehen möchte. Die Wahrnehmung des einen Menschen verlangt nicht die Blindheit gegenüber dem anderen.

Genau diese Fähigkeit gehört in ein Klassenzimmer: das Leid eines Menschen anzuerkennen, ohne daraus eine Hierarchie des Leidens zu bauen, und unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander auszuhalten, ohne die eine auszulöschen, damit die andere bestehen kann. Es geht nicht darum, jungen Menschen vorzugeben, was sie zu denken haben, sondern ihnen zuzutrauen, genau hinzusehen.

Was bleibt

Nach 738 Tagen kommt Bar Kupershtein zurück.

An dieser Stelle ließe sich nach einem großen Bild suchen, nach einem Satz, der alles zusammenbindet, nach jener Bedeutung, die wir Geschichten gern geben, sobald wir wissen, dass der Mensch, von dem sie erzählen, überlebt hat. Doch Ungebrochen braucht diese Geste nicht, denn 738 Tage lassen sich nicht in eine Botschaft verwandeln, ohne ihnen etwas von ihrer Wahrheit zu nehmen.

Vier Ziffern sind schnell gelesen. Das Buch versucht spürbar zu machen, was es bedeutet, sie zu leben, und deshalb bleiben nach der letzten Seite nicht zuerst die politischen Begriffe im Gedächtnis, sondern die kleinen Dinge: ein Stück Brot, ein Gebet, ein gemeinsamer Witz, Menschen, die miteinander teilen, obwohl kaum etwas da ist, eine Mutter, die in ein Radiomikrofon spricht und nicht wissen kann, dass ihr Sohn sie hört, und ein junger Mann tief unter der Erde, der ihre Stimme erkennt.

Kupershtein wurde mit dem, was ihm widerfuhr, an die Grenzen dessen getrieben, was wir uns vorstellen können, während seine Eltern und Geschwister das Unsagbare aushalten mussten, ohne zu wissen, wie seine Geschichte enden würde.

Hoffnung ist in diesem Buch kein Licht, das plötzlich die Dunkelheit vertreibt; dafür ist diese Geschichte zu ehrlich. Sie ist kleiner und eigensinniger, liegt in der Weigerung, die nächste Stunde schon verloren zu geben, in der Erinnerung daran, wer man war, bevor andere begannen, über den eigenen Körper zu verfügen, im Gebet, im gemeinsamen Lachen und in einem Stück Brot, das geteilt wird.

Und sie kommt als Stimme aus einem Radio, die einen jungen Mann tief unter der Erde erreicht und ihm sagt, ohne es selbst zu wissen: Wir haben dich nicht vergessen.

Man legt Ungebrochen aus der Hand und weiß noch immer nicht, wie viel ein Mensch ertragen kann. Auf diese Frage gibt das Buch keine Antwort, und nach 738 Tagen Gefangenschaft wäre jede einfache Antwort ohnehin eine Anmaßung.

Die andere Frage bleibt:

Woher nehmen wir Hoffnung, wenn es dunkel wird?


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