Ein Alltagsgerät hat den Vorteil, dass niemand lange über seine Bedeutung nachdenkt. Es steht herum, wird benutzt, irgendwann ersetzt. Vielleicht erinnert man sich später daran. An seine Farbe. An ein Geräusch. An die Handbewegung, die nötig war, um es in Gang zu setzen. Und plötzlich ist aus einem Gegenstand eine Zeit geworden.
Jochen Schmidt erhält den Joseph-Breitbach-Preis 2026 – Die Vermessung des Alltäglichen
Jochen Schmidt interessiert sich für solche Übergänge. Für den Augenblick, in dem das Nebensächliche aufhört, nebensächlich zu sein. Nun erhält der Berliner Schriftsteller den Joseph-Breitbach-Preis 2026 für sein literarisches Gesamtwerk. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Stiftung Joseph Breitbach und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz vergeben. Die Jury nennt Schmidt einen der großen „Alltagserkunder“ der deutschsprachigen Literatur.
Das Wort ist gut gewählt. Vielleicht sogar ein wenig zu harmlos.
Denn Schmidt schreibt nicht einfach über Alltag. Er untersucht, was sich darin abgelagert hat.
Die unablässig verschwindende Gegenwart
Die Jury findet dafür eine bemerkenswerte Formulierung. Schmidt, heißt es in ihrer Begründung, lausche der „unablässig verschwindenden Gegenwart“ ihre Obsessionen, Illusionen und Ängste ab.
Darin steckt fast schon eine Poetik seines Schreibens.
Gegenwart verschwindet gewöhnlich, ohne sich zu verabschieden. Ein Wort kommt aus der Mode. Ein Gerät wird ersetzt. Eine Redewendung klingt plötzlich nach Eltern oder Großeltern. Technologien, die eben noch neu waren, werden zu Dingen, die jüngeren Menschen erklärt werden müssen.
Während all das geschieht, bemerkt man wenig davon.
Schmidt schon.
Seit der von ihm mitbegründeten Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ bildet die gesprochene Sprache nach Einschätzung der Jury ein Hauptreservoir seiner Autorschaft. Schmidt hört den Redewendungen nach, den gegenwärtigen ebenso wie den verblassenden. Er beobachtet Gegenstände und technische Geräte, das Ausrangierte neben dem gerade Neuen.
Die Jury nennt ihn einen „leidenschaftlichen Lexikographen“.
Das ist präzise. Denn ein Lexikograph erfindet die Sprache nicht. Er registriert, was vorhanden ist, ordnet es und hält fest, was verschwinden könnte.
Schmidt tut etwas Ähnliches mit der Gegenwart.
Nur bestehen seine Wörterbücher aus Romanen, Erzählungen, Kolumnen, Blogtexten und Essays.
Wenn ein Detail zu sprechen beginnt
Besonders schön ist ein anderes Bild aus der Jurybegründung. Schmidts „literarische Wünschelrute“ sei auf das „sprechende Detail“ geeicht.
Man muss dieses Bild nicht überstrapazieren. Es erklärt trotzdem einiges.
Bei Schmidt braucht es nicht das außergewöhnliche Ereignis. Das gewöhnliche Ding kann genügen. Gerade darin liegt die historische Tiefenschärfe seines Schreibens.
Denn Gegenstände sind selten unschuldig.
Sie erzählen davon, was eine Gesellschaft herstellen konnte, was Menschen kaufen wollten, was als modern galt und welche Wünsche sich mit Besitz verbanden. Ein technisches Gerät trägt Vorstellungen von Fortschritt in sich. Ein Markenprodukt kann zum Erinnerungsstück einer Kindheit werden. Eine Redewendung bewahrt gesellschaftliche Hierarchien noch dann, wenn niemand mehr über ihre Herkunft nachdenkt.
Das Kleine bleibt klein. Aber es bekommt einen Echoraum.
Auch diesen Begriff verwendet die Jury. Schmidts Ich-Figuren seien fest in ihrem jeweiligen Hier und Jetzt verankert. Gerade dadurch trete jener größere Raum hervor, in dem sie stehen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Schmidt muss Geschichte nicht vor seine Figuren stellen wie eine Theaterkulisse.
Sie steckt bereits in ihnen.
„Ich hatte nie vor, komisch zu schreiben“
Und dann ist da der Humor. Im Gespräch mit SWR Kultur sagt Schmidt: „Ich hatte nie vor, komisch zu schreiben, aber dann hat sich gezeigt, dass das ganz gut klappt.“
Ein beinahe verdächtig typischer Schmidt-Satz. Sogar die eigene Begabung wird behandelt wie ein Gerät, dessen zusätzliche Funktion man erst nach dem Kauf entdeckt hat.
Die Bemerkung führt zugleich zu einem Kern seines Schreibens. Denn die Komik scheint nicht nachträglich auf den Alltag aufgetragen zu werden. Sie entsteht aus der Beobachtung selbst.
Man sieht lange genug hin. Dann verrutscht etwas.
Ein Mensch sagt einen Satz und verrät darin mehr über sich, als er beabsichtigt hat. Eine gut organisierte Situation kippt ins Absurde. Eine technische Erleichterung produziert neue Arbeit. Der Versuch, souverän zu erscheinen, benötigt plötzlich so viel Aufwand, dass von der Souveränität wenig übrig bleibt.
Schmidts Humor braucht deshalb nicht unbedingt eine Pointe. Oft genügt die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Dort öffnet sich ein schmaler Spalt. Dort wird es komisch.
Von „Triumphgemüse“ bis „Hoplopoiia“
Dass die Jury das Gesamtwerk auszeichnet, ist entscheidend. Dieses Werk reicht inzwischen über ein Vierteljahrhundert. Die offizielle Mitteilung nennt unter anderem Triumphgemüse aus dem Jahr 2000, Müller haut uns raus von 2002, Schmidt liest Proust von 2008 und Dudenbrooks von 2011. Es folgen Schneckenmühle, Zuckersand, Ein Auftrag für Otto Kwant, Ich weiß noch, wie King Kong starb, Phlox und Zu Hause an den Bildschirmen. 2025 erschien Hoplopoiia.
Schon diese Titel zeigen eine beträchtliche Beweglichkeit.
Roman, Erzählung, Kolumne, Blog, literarisches Experiment und essayistische Lektüre stehen nebeneinander. Schmidt hat sich kein einzelnes Format eingerichtet, in dem er seine Beobachtungen zuverlässig abliefert.
Konstant bleibt etwas anderes: die Aufmerksamkeit.
Das Werk scheint Dinge retten zu wollen, bevor überhaupt klar ist, dass sie verloren gehen.
Darin liegt eine eigentümliche Form literarischer Erinnerung. Sie setzt nicht erst ein, wenn Vergangenheit offiziell Vergangenheit geworden ist. Sie beginnt mitten in der Gegenwart.
Eine ostdeutsche Kindheit und der Blick nach draußen
Schmidt wurde 1970 in Berlin geboren, studierte Romanistik und verbrachte nach Angaben der Akademie Auslandsaufenthalte in Brest, Valencia, Rom, New York und Moskau.
Diese biografischen Angaben sollte man nicht vorschnell zu einem Erklärungsschlüssel seiner Literatur machen. Interessanter ist, dass die Jury selbst eine historische Achse in seinem Werk erkennt.
Sie reicht von Nationalsozialismus und Krieg über den „Widerschein der Bundesrepublik und ihrer Warenwelt in der ostdeutschen Kindheit“ bis zur Digitalisierung.
Das Wort „Widerschein“ ist dabei genau.
Die westdeutsche Warenwelt erscheint nicht unmittelbar, sondern aus einer anderen gesellschaftlichen Ordnung heraus. Dinge bekommen dadurch eine doppelte Bedeutung: Sie sind Gegenstände und Projektionen. Gebrauchswert und Versprechen liegen dicht beieinander.
Geschichte zeigt sich so nicht nur in politischen Ereignissen.
Sie steckt in dem, was erreichbar war.
Und in dem, was es nicht war.
Die sanfte Rebellion gegen die Selbstoptimierung
Am anderen Ende dieser historischen Linie steht die digitale Gegenwart. Die Jury spricht von ihrer „alltagsprägenden Dynamik“ und von den „Imperativen der Selbstoptimierung“, gegen die Schmidt und seine Figuren „sanft, aber beharrlich rebellieren“.
Dieser Satz öffnet eine gesellschaftliche Dimension seines Humors.
Denn Selbstoptimierung ist eine merkwürdige Form des Befehls. Sie kommt bevorzugt als Möglichkeit daher.
Man könnte produktiver sein. Gesünder. Informierter. Effizienter. Aufmerksamer. Ausgeglichener.
Das Subjekt soll sich verbessern und dabei möglichst den Eindruck behalten, es sei selbst auf die Idee gekommen.
Schmidts Literatur begegnet solchen Anforderungen nicht mit Manifesten. Ihre Rebellion ist, wie die Jury treffend schreibt, sanft.
Das bedeutet nicht wirkungslos.
Vielleicht besteht sie gerade darin, die Unvollkommenheit nicht sofort als Fehler zu behandeln.
Proust, Oblomow und die Zeit des Lesens
Die Jury erinnert außerdem an eine Seite Schmidts, die hinter dem Begriff des Alltagserkunders leicht verschwinden könnte: den Leser von Weltliteratur.
Seine essayistischen Kommentare führen zu Iwan Gontscharows „Oblomow“ und zu jenem Experiment täglicher Proust-Lektüre, aus dem Schmidt liest Proust hervorging.
Das ist mehr als literarisches Nebenwerk.
Denn auch hier wird Lesen zu einer Form der Alltagsbeobachtung.
Ein Klassiker existiert nicht außerhalb der Zeit. Er wird morgens oder abends gelesen, zwischen Terminen, Müdigkeit und anderen Anforderungen. Weltliteratur trifft auf Lebenszeit.
Gerade Proust eignet sich für eine solche Versuchsanordnung fast zu gut. Ein Schriftsteller, dessen Werk Erinnerung und verlorene Zeit vermisst, begegnet einem Leser, der die Lektüre in die messbare Einheit des Tages überführt.
Auch Oblomow liegt nicht fern.
Gontscharows berühmter Held unterhält schließlich ein kompliziertes Verhältnis zu jener Betriebsamkeit, die andere für selbstverständlich halten. In einer Kultur der Selbstoptimierung bekommt seine Weigerung, sich angemessen in Bewegung zu setzen, eine neue Lesbarkeit.
Schmidt holt solche Bücher nicht vom Sockel, um sie kleiner zu machen.
Er prüft, was geschieht, wenn sie wieder ins Leben geraten.
Schmidt liest Luhmann
Vor diesem Hintergrund erscheint auch das nächste angekündigte Projekt folgerichtig. Im Gespräch mit SWR Kultur berichtet Schmidt, dass er an einem Buch über Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ arbeitet. Es soll unter dem Titel „Schmidt liest Luhmann“ erscheinen.
Die Verbindung ist reizvoll.
Luhmann untersucht in Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität den historischen Wandel jener Semantiken, durch die Liebe und intime Beziehungen gesellschaftlich kommunizierbar werden.
Auch hier geht es also um etwas scheinbar höchst Privates, das bei genauerem Hinsehen voller gesellschaftlicher Voraussetzungen steckt.
Menschen lieben nicht im sprachlosen Raum.
Sie verfügen über Wörter, Gesten und Erwartungen. Sie haben Vorstellungen davon, was Nähe bedeutet, was Treue verlangt, wie Begehren ausgesprochen werden darf und welche Geschichte eine Beziehung über sich selbst erzählt.
Die Gesellschaft sitzt selbst dort mit am Tisch, wo zwei Menschen glauben, allein zu sein.
Luhmann interessiert sich für die Codes.
Schmidt vermutlich auch.
Aber man darf erwarten, dass er außerdem bemerkt, was auf dem Tisch steht.
Geschichte im Warenlager
Der Joseph-Breitbach-Preis würdigt mit Jochen Schmidt damit einen Autor, dessen Literatur aus dem Alltag kein Idyll macht. Sie behandelt ihn auch nicht bloß als Rohstoff für Komik.
Sie liest ihn als Speicher.
Die Jury spricht vom „Sortenlager“ der Objekte und Alltagsgeräte zwischen Ausrangiertem und neuester Technologie. Das Wort passt zu einer Literatur, in der Dinge nicht bloß Requisiten sind.
In ihnen steckt Zeitgeschichte.
Die Warenwelt der Bundesrepublik erhält aus einer ostdeutschen Kindheit einen anderen Glanz und eine andere Fremdheit. Digitalisierung verändert nicht nur Geräte, sondern Gesten, Kommunikation und Erinnerung. Selbstoptimierung bleibt nicht abstrakter Begriff, sobald sie in den Tagesablauf eindringt.
Geschichte kommt hier nicht mit Jahreszahlen.
Sie steht im Wohnzimmer.
Sie liegt in einer Schublade.
Sie steckt in einem Satz, den plötzlich niemand mehr sagt.
Der Echoraum des Jetzt
Seit 2003 wird der Joseph-Breitbach-Preis in Koblenz, der Geburtsstadt Joseph Breitbachs, verliehen. Zu den früheren Ausgezeichneten gehören unter anderem Frank Witzel, Anne Weber, Nora Bossong, Arno Geiger, Navid Kermani, Jenny Erpenbeck und Ursula Krechel.
Mit Jochen Schmidt rückt nun ein Werk in diese Reihe, das eine eigentümliche Bewegung vollzieht: Es bleibt nahe am Augenblick und gewinnt gerade dadurch historische Tiefe.
Wer zu schnell Bedeutung sucht, übersieht das Detail. Wer nur Details sammelt, bekommt ein Archiv.
Schmidt interessiert offenbar der Moment dazwischen.
Jener Punkt, an dem ein Gegenstand, eine Erinnerung oder eine Redewendung plötzlich etwas von der Zeit erkennen lässt, die sie hervorgebracht hat.
Vielleicht kommt daher auch die Komik.
Humor und Erinnerung benötigen beide einen kleinen Abstand zur Wirklichkeit. Erst dann sieht man, wie merkwürdig das eben noch Selbstverständliche eigentlich war.
Jochen Schmidt hat nach eigener Aussage nie vorgehabt, komisch zu schreiben.
Vielleicht musste er das auch nicht.
Es genügte, der Gegenwart lange genug zuzuhören, bevor sie wieder behauptet, sie sei nie dagewesen.
Quellen
-
Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz / Stiftung Joseph Breitbach: „Joseph-Breitbach-Preis 2026 geht an Jochen Schmidt“, Pressemitteilung vom 20. Mai 2026. Enthält Jurybegründung, biografische Angaben, Werkliste, Angaben zu Preis und Dotierung sowie zur Preisverleihung am 18. September 2026 in Koblenz.
Stiftung Joseph Breitbach -
SWR Kultur: „Jochen Schmidt erhält Josef-Breitbach-Preis: ‚Ich hatte nie vor, komisch zu schreiben‘“, 18. September 2026. Quelle für Schmidts Aussagen über seinen Humor, die Figur Richard Sparker, Alltag, Lebenskrisen und Überforderung sowie das angekündigte Projekt Schmidt liest Luhmann.
SWR Kultur -
Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Suhrkamp. Grundlage für die Einordnung von Luhmanns Untersuchung der Liebessemantik und der Codierung von Intimität.
Suhrkamp – Liebe als Passion
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