Ein Bahnhof steht noch da, aber kein Zug hält mehr. Häuser wechseln ihre Bewohner. Geschäfte ihre Besitzer. Straßen ihre Namen. Menschen sterben, andere kommen an. Nur der Ort bleibt und tut das, was Orte besonders gut können: nichts sagen.
Heimesbach heißt dieser Ort in Shida Bazyars Roman „Die Lücken“. Er liegt im Hunsrück und ist erfunden. Ein Dorfkern, eine Kirche, ein Friedhof, ein paar Geschäfte, später eine Stadt. Überschaubar genug, um sich zu kennen. Groß genug, um vieles nicht wissen zu wollen.
Bazyar erzählt an Heimesbach die Geschichte fast eines ganzen Jahrhunderts. Von den 1920er-Jahren führt der Roman durch Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bis zu den Fluchtbewegungen der späten 1980er- und 1990er-Jahre und weiter ins 21. Jahrhundert. Fünf Familien stehen im Mittelpunkt, zwei davon stammen aus dem Iran. Ihre Geschichten werden nicht chronologisch abgearbeitet. Sie tauchen auf, verschwinden, kehren Jahrzehnte später wieder. Häuser, Geschäfte, ein Friedhof und selbst Gegenstände stellen Verbindungen her, wo Menschen längst nicht mehr miteinander sprechen können.
Der Roman ist nominiertkannst du alles belegen?
bitte für den Deutschen Buchpreis 2026. Denis Scheck empfiehlt ihn ausdrücklich als Lesetipp. Er hebt die „ungeheure Wucht“ hervor, mit der Bazyar dieses Dorf erschafft, und sieht in den Fragen nach Erinnerung und Verdrängung, nach den Wurzeln des Bösen und den Bedingungen von Versöhnung die besondere Bedeutung des Romans.
Es sind große Fragen.
Bazyar stellt sie in einem kleinen Dorf.
Ein Gespenst weiß mehr
Zusammengehalten wird die chorische Erzählung von einer ungewöhnlichen Ich-Erzählerin. Sie ist tot.
Nach ihrem Tod gelangt sie ausgerechnet nach Heimesbach zurück, jenen Ort, an den sie eigentlich nicht zurückkehren wollte. Sie spricht zu ihrer älteren Schwester Lu und nimmt sie – und damit auch die Leser – mit auf eine Reise durch die verschiedenen Zeitschichten des Dorfes.
Die Erzählerin kennt Heimesbach aus eigener Erfahrung. Als Zehnjährige kam sie mit ihren Eltern und der zwei Jahre älteren Lu auf der Flucht dorthin. Drei Jahre lebten die Schwestern im Hunsrück. Dann musste die Familie wieder gehen. Später gelangte sie in die USA, packte erneut Koffer aus, schlug Nägel in neue Wände und begann wieder von vorn.
Heimesbach war also beides: Zuflucht und ein Zuhause auf Widerruf.
Erst als Tote erkennt die Erzählerin, worin sie damals eigentlich gelebt hat. Sie kann durch die Zeiten reisen und in die Köpfe anderer Menschen blicken. Sie sieht nicht nur, was geschah, sondern auch Menschen, die zu ihrer jeweiligen Zeit davon überzeugt waren, richtig zu handeln.
Darin liegt eine der interessanteren Konstruktionen des Romans. Die Erzählerin ist keine neutrale Instanz über der Geschichte. Sie war selbst Teil dieses Ortes und seines Nichtwissens.
Als Kind spielte sie mit anderen Kindern auf den Straßen und Feldern. Man fuhr Fahrrad und Inlineskates, tauschte Sticker, stritt und versöhnte sich. Die Familien hatten unterschiedliche Herkunftsgeschichten, manche kannten Krieg und Gewalt. Darüber wurde kaum gesprochen. Auch die Kinder erzählten einander nicht von Verwandten, die anderswo ermordet worden waren.
Sie gingen sogar auf den Friedhof, gossen dort vermooste Grabsteine – und wussten nicht, wer dort begraben lag.
Noch weniger wussten sie, wer fehlte.
Johanna, als die Zukunft noch nicht geschehen war
Bazyar führt weit zurück.
Mitte der 1920er-Jahre begegnen wir Johanna. Die Weimarer Republik existiert, die Folgen des Ersten Weltkriegs sind gegenwärtig, doch Johannas dringlichstes Problem ist ein anderes.
Sie hat sich verliebt.
Johanna wächst mit vier Geschwistern, Tieren, Arbeit und den Regeln des Dorflebens auf. Sie ist temperamentvoll. Wenn ihre Wut zu groß wird, rennt sie in den Wald, dorthin, wo keine Nachbarn hinter Fenstern sitzen und beobachten können.
Ihre engste Freundin ist Lore. Seit der Schulzeit sind die beiden miteinander verbunden. Sie lernen, lachen und lästern gemeinsam. Lores jüngere Schwester Anni gehört ebenfalls zu diesem Geflecht. Nach schwerer Krankheit ist Anni ein ängstliches Kind. Während Lore zunehmend ungeduldig auf die Schwäche ihrer Schwester reagiert, hilft Johanna ihr beim Einmaleins.
Bazyar setzt solche kleinen Geschichten neben die große Geschichte.
Das ist entscheidend. Denn Johanna weiß nicht, dass sie in einem historischen Roman lebt.
Sie weiß nur, dass sie verliebt ist.
Der junge Mann ist Jude.
Noch stehen in Heimesbach Kirche und Synagoge nebeneinander. Johanna denkt nicht an kommende Geschichtsbücher, sondern an seine Augen. Bei einem ausgelassenen Abend im Posthof überlegt sie, ob sie Lore endlich von ihrer Liebe erzählen soll. Sie verschiebt es.
Es ist ja Zeit.
Der Leser weiß, wie wenig davon vorhanden ist.
42 Menschen
1933 leben in Heimesbach 42 jüdische Menschen.
Dann verändert sich der Ort.
Schon 1927 findet im Gasthaus von der Lahr das erste öffentliche NSDAP-Treffen statt. Weitere Kapitel führen in die Jahre 1932, 1933, 1934, 1935 und 1936. Ein NS-Staatsjugendheim gehört zur Geschichte Heimesbachs. 1938 erreichen die Novemberpogrome den Ort.
Aus dem Dorf, in dem jüdische und christliche Bewohner nebeneinander gelebt haben, wird schließlich eines, das stolz darauf ist, „judenfrei“ zu sein. Die jüdischen Bewohner werden entrechtet und beraubt, vertrieben und ermordet.
Heimesbach dagegen bleibt.
Das ist vielleicht die verstörend einfache Versuchsanordnung dieses Romans. Menschen können aus einem Ort verschwinden, während der Ort selbst weiterfunktioniert.
Jemand wohnt anschließend in einem Haus.
Jemand führt ein Geschäft.
Kinder gehen zur Schule.
Man feiert.
Man arbeitet.
Irgendwann wissen die Enkel nicht mehr genau, was die Großeltern getan haben.
Und irgendwann sieht eine Lücke aus wie Normalität.
Die zweite Geschichte der Lücken
Der Titel des Romans meint deshalb mehr als verschwundene Menschen.
Bazyar hat darauf hingewiesen, dass wir uns selten vorstellen, wie viele Menschen und Familien heute Teil unserer Gesellschaft wären, wären sie nicht vertrieben und ermordet worden. Die Lücke reicht in die Gegenwart. Sie besteht nicht nur aus den Ermordeten, sondern auch aus den Leben, die nach ihnen nicht mehr stattfinden konnten.
Daneben existiert eine zweite Leerstelle: diejenige im Sprechen.
Nach 1945 geht das Leben weiter. Die Vergangenheit verschwindet jedoch zunehmend aus den Familiengeschichten. Menschen erzählen manches später, anderes gar nicht. Manches wird verändert. Aus Wissen wird Schweigen, aus Schweigen irgendwann Nichtwissen.
Die öffentliche Erinnerung und das private Familiengedächtnis sind nicht zwangsläufig dasselbe.
Bazyars Roman verfolgt diese Kontinuität über Generationen. Deshalb braucht er so viele Figuren. Die Geschichte endet nicht mit einem historischen Datum. Sie sitzt mit am Küchentisch, wird vererbt oder eben nicht vererbt und steckt in Häusern, deren neue Bewohner ihre früheren Eigentümer nicht mehr kennen.
Das Vergessen erscheint hier weniger als Gedächtnisschwäche denn als soziale Praxis.
Parvaneh kommt an
Jahrzehnte später kommen andere Menschen nach Heimesbach.
Ende der 1980er-Jahre erreicht die junge Mutter Parvaneh mit ihrer Familie den Ort. Sie stammt aus dem Iran und hat drei Töchter. Andere geflüchtete Familien folgen beziehungsweise leben ebenfalls dort.
Für sie bedeutet Heimesbach zunächst Sicherheit.
Mehr verlangen sie kaum. Viele hoffen ohnehin, irgendwann zurückkehren zu können. Wer aus einer Metropole wie Teheran in einem Hunsrückdorf landet, muss sich allerdings an eine andere Welt gewöhnen. Die dörfliche Überschaubarkeit kann Geborgenheit bedeuten. Sie kann auch Enge sein.
Doch Bazyar erzählt diese Ankunft nicht ausschließlich als Geschichte der Fremdheit. Menschen helfen einander. Begegnungen entstehen. Freundschaften wachsen. Für einige wird aus dem vorläufigen Schutz tatsächlich ein neues Zuhause.
Und genau hier berühren sich zwei Geschichten, die Bazyar nicht gleichsetzt.
Ein Ort, der seine jüdischen Bewohner vertrieben und ihre Ermordung geduldet hat, wird Jahrzehnte später zu einem Ort, an dem Menschen auf der Flucht Schutz finden.
Dazwischen wurde kaum darüber gesprochen.
Dieser Widerspruch lässt sich nicht bequem auflösen. Gerade deshalb trägt er den Roman.
Ein Dorf in fünf Familien
„Die Lücken“ ist als chorische Erzählung gebaut. Fünf Familien bilden ihr personelles Geflecht, darunter zwei iranische Familien. Die Kapitel wechseln Zeiten und Perspektiven. Manche Figuren begegnen uns wieder, nachdem Jahrzehnte vergangen sind. Andere Geschichten werden über Orte oder Gegenstände fortgeführt.
Das Inhaltsverzeichnis liest sich beinahe wie ein ungeordnetes Gemeindearchiv.
Da steht ein Kindergeburtstag aus dem Jahr 1990 neben dem ersten öffentlichen NSDAP-Treffen von 1927. Ein Adventssingen im Altenheim neben dem Novemberpogrom. Es gibt Klassenarbeiten, eine Entrümpelung, einen St.-Martins-Umzug, Fernsehabende, Kneipenabende und eine Trauerfeier. 1936 wird ein Stahlrohr gefunden, das knapp achtzig Jahre später wieder auftaucht. Ella beschäftigt sich 2011 mit einer Plakette. Stefan legt 1993 ein Feuer.
Große und kleine Geschichte werden dabei nicht in getrennten Räumen untergebracht.
Das Politische erscheint mitten im Alltag.
Und der Alltag läuft weiter.
Die Frage nach Gut und Böse
Denis Scheck sieht im Roman auch die Frage nach Gut und Böse, nach den Wurzeln des Bösen und nach den Möglichkeiten von Versöhnung.
Bazyars Konstruktion macht daraus keine einfache Sortieraufgabe.
Ihre tote Erzählerin kann in die Köpfe der Menschen sehen. Was sie dort findet, sind nicht ausschließlich Menschen, die sich selbst für böse halten. Im Gegenteil. Sie begegnet Personen, die überzeugt sind, richtig zu handeln.
Das verschiebt die Frage.
Nicht: Wer ist böse?
Sondern: Wie entsteht eine Ordnung, in der Menschen ihr eigenes Handeln für selbstverständlich halten können?
Heimesbach eignet sich dafür gerade wegen seiner Überschaubarkeit. Das Dorf ist kein abstrakter Schauplatz der deutschen Geschichte. Die Menschen kennen sich. Sie kaufen in denselben Geschäften ein, besuchen dieselben Feste, gehen dieselben Straßen entlang.
Später erinnern sie sich unterschiedlich daran.
Ein Dorf besitzt schließlich viele Gedächtnisse. Manche davon sind erstaunlich praktisch.
Ein Text wie ein fortlaufendes Gedächtnis
Auch formal hält Bazyar diese vielen Geschichten eng zusammen. Der Roman steht über längere Passagen in großen Textblöcken auf der Seite. Absätze sind vergleichsweise selten. Die Sprache selbst bleibt einfach und zugänglich und bewegt sich in einem kontinuierlichen Erzählfluss.
Das passt zur Konstruktion des Romans.
Die Jahrzehnte werden zwar durch Kapitel und Jahreszahlen unterschieden, doch die Geschichten bleiben miteinander verbunden. Beobachtungen führen zu Erinnerungen, Menschen zu anderen Menschen, Gegenstände in andere Jahrzehnte. Vergangenheit und Gegenwart erscheinen weniger wie zwei Räume als wie Schichten desselben Ortes.
Heimesbach verändert sich und bleibt dabei Heimesbach.
Einmal besitzt es einen Bahnhof und pulsiert. Dann wird es „Gaumusterdorf“. Bomben treffen den Ort. Später verschwindet der Titel, aus dem Dorf wird eine Stadt. Irgendwann fährt kein Zug mehr am Bahnhof.
Die Infrastruktur verändert sich.
Das Gedächtnis ebenfalls.
Wer die Lücken sehen kann
„Die Lücken“ handelt von Nationalsozialismus und jüdischer Verfolgung, von Nachkriegsgesellschaft und Verdrängung, von Flucht aus dem Iran, Migration und Zugehörigkeit. Doch vielleicht führt die Aufzählung bereits ein wenig in die Irre. Denn Bazyar legt diese Themen nicht ordentlich nebeneinander.
Sie lässt sie denselben Ort bewohnen.
Genau darin liegt die Stärke der Anlage. Heimesbach ist Täterort und Zufluchtsort. Heimat und Zwischenstation. Für Johanna ist es die Welt ihrer Jugend. Für die geflüchteten Kinder der 1990er-Jahre ist es ein Ort, an dem sie für einige Sommer sicher spielen können. Für die tote Erzählerin wird es schließlich zu einem Archiv, das sich erst öffnet, als sie selbst nicht mehr zu den Lebenden gehört.
Denis Schecks Begeisterung für die Dimension dieses Unternehmens ist nachvollziehbar. Bazyar erschafft nicht nur Figuren und verfolgt ihre Lebenswege. Sie versucht, einen ganzen sozialen Raum über Generationen hinweg sichtbar zu machen. Dass „Die Lücken“ auf der Liste des Deutschen Buchpreises 2026 steht, passt zu diesem literarischen Anspruch.
Am stärksten ist dabei vielleicht eine vergleichsweise kleine Beobachtung.
Als Kinder gehen die Erzählerin und Lu auf den Friedhof. Sie gießen Wasser über vermooste Grabsteine. Niemand hat ihnen erklärt, wer dort liegt. Niemand hat ihnen erklärt, wer fehlt.
Sie sind glücklich, sicher und sie wissen fast nichts.
Später wird die Erzählerin durch die Zeiten reisen können und all das sehen, was damals unsichtbar war. Die Lebenden besitzen diesen Vorteil nicht. Sie müssen fragen.
Vorausgesetzt, ihnen fällt auf, dass etwas fehlt.
Über die Autorin Shida Bazyar
Shida Bazyar wurde 1988 in Hermeskeil geboren und studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Anschließend zog sie nach Berlin, wo sie ihre Arbeit als Autorin mit einer Tätigkeit als Bildungsreferentin für junge Menschen im Freiwilligen Ökologischen Jahr in Brandenburg verband.
Neben Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien erhielt Bazyar 2012 ein Stipendium des Klagenfurter Literaturkurses und war Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Für ihren Debütroman wurde sie unter anderem mit dem Kulturförderpreis der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, dem Bloggerpreis für Literatur und dem Ulla-Hahn-Autorenpreis ausgezeichnet.
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