Ein Jugendlicher denkt über den Tod nach, ein Schriftsteller folgt den Spuren einer Schamanin bis nach Kasachstan, und eine längst vergangene Moskauer Wirklichkeit kehrt in die Buchhandlungen zurück. Die SWR-Bestenliste für November 2026 versammelt zehn Bücher, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit der menschlichen Existenz beschäftigen. Angeführt wird sie von Paulus Hochgatterer, gefolgt von Lutz Seiler und Petra Morsbach. Auffällig ist die Vielfalt der literarischen Formen, mit denen die Autorinnen und Autoren von Erinnerung, Vergänglichkeit und gesellschaftlichen Umbrüchen erzählen.
SWR-Bestenliste November 2026: Zwischen Unsterblichkeit, Erinnerung und den Zumutungen der Gegenwart
Ein Sechzehnjähriger und die Frage nach der Unsterblichkeit
Mit 88 Punkten steht Paulus Hochgatterers Roman „Mio und die Unsterblichkeit“ an der Spitze der Novemberliste. Der österreichische Schriftsteller und Kinderpsychiater erzählt von einem sechzehnjährigen Jungen, der sich mit dem Leben und dem Tod auseinandersetzt, während sein Körper zunehmend unbeweglich wird. Eine Katze gehört ebenfalls zu dieser Geschichte, die auf gerade einmal 144 Seiten Fragen verhandelt, für die es keine einfachen Antworten gibt.
Hochgatterer beschäftigt sich seit Langem mit den Verletzlichkeiten des Menschen. In seinem neuen Roman begegnet er der Endlichkeit aus der Perspektive eines Jugendlichen, dessen Gedanken beweglicher bleiben als sein Körper. Dass die Jury gerade die Leichtigkeit hervorhebt, mit der Hochgatterer von schweren Dingen erzählt, macht neugierig auf ein Buch, das sich seinem Gegenstand offenbar ohne sentimentale Überhöhung nähert.
Lutz Seiler und die Rätselhaftigkeit der Welt
Auf dem zweiten Platz folgt mit 84 Punkten Lutz Seilers „Das tickende Herz“. Der Büchnerpreisträger führt darin die Geschichte seines literarischen Alter Ego Carl Bischoff fort. Eine Lesereise nach Kasachstan im Jahr 2001 entwickelt sich zu einer Erfahrung, die Carl immer weiter nach Osten und auf die Spuren einer Schamanin führt.
Seilers Literatur lebt von der Verbindung zwischen konkreter Wirklichkeit und jenen Erscheinungen, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen. Schon in „Kruso“ und „Stern 111“ wurde Geschichte nicht allein durch politische Ereignisse erfahrbar, sondern ebenso durch Erinnerungen, Orte und die eigentümliche Wahrnehmung seiner Figuren. Auch „Das tickende Herz“ scheint sich dieser Erzählweise zu verpflichten. Die Welt muss nicht vollständig entschlüsselt werden, um literarisch begreifbar zu sein.
Petra Morsbach: Ein Leben zwischen Büchern
Den dritten Platz belegt Petra Morsbach mit ihrem Roman „Orion“ und 79 Punkten. Die Schriftstellerin, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert, erzählt eine auf den ersten Blick unspektakuläre Lebensgeschichte, deren Bedeutung sich in den Lektüren ihrer Protagonistin entfaltet.
Darin liegt ein reizvoller literarischer Gedanke: Bücher begleiten nicht nur ein Leben, sie verändern auch den Blick auf das eigene. Was ein Mensch liest, welche Geschichten ihn beschäftigen und zu welchen Texten er zurückkehrt, erzählt mitunter ebenso viel über ihn wie die äußeren Ereignisse seiner Biografie. Morsbach macht diese Beziehung zwischen Literatur und Leben zum Gegenstand ihres Romans.
Ein englischer Winter und die Risse einer Gesellschaft
Andrew Millers „Das Land im Winter“ führt auf Platz vier in das England des Jahres 1962. Es ist die Zeit des sogenannten „Big Freeze“, eines außergewöhnlich harten Winters, der bis heute im britischen Gedächtnis geblieben ist.
Im Mittelpunkt stehen zwei junge Ehepaare, die sich für ein Leben auf dem Land entschieden haben. Doch während draußen die Kälte das Land beherrscht, geraten auch die persönlichen Verhältnisse in Bewegung. Miller erzählt von einer Gesellschaft, die fünfzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer unter dessen Nachwirkungen steht. Der Winter wird dabei zur Atmosphäre einer Geschichte, in der gesellschaftliche Veränderungen und private Lebensentwürfe aufeinandertreffen.
Der Roman erhält 61 Punkte.
Heimat, Herkunft und die Leerstellen der Erinnerung
Mit jeweils 52 Punkten teilen sich Shida Bazyar und Kerstin Preiwuß den fünften Platz.
In „Die Lücken“ führt Shida Bazyar in das fiktive Hunsrückdorf Heimesbach, dessen Geschichte sie von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart verfolgt. Die Erzählstimme gehört einem Geist, der sich frei durch Zeit und Raum bewegt. Zwei iranische Einwandererfamilien eröffnen neue Perspektiven auf einen literarischen Stoff, der an Edgar Reitz und dessen Auseinandersetzung mit deutscher Heimatgeschichte erinnert.
Bazyar erweitert damit die Frage, wem eine Heimatgeschichte eigentlich gehört und wessen Erinnerungen in ihr vorkommen. Denn die Geschichte eines Ortes besteht nicht nur aus den Erzählungen jener, die schon immer dort gelebt haben, sondern ebenso aus den Erfahrungen der Menschen, die später hinzukamen.
Kerstin Preiwuß beschäftigt sich in „Wir alle“ mit einer anderen Form menschlicher Zugehörigkeit. Vier Menschen finden zusammen und bilden eine Gemeinschaft, während die Gegenwart von Krieg, Klimawandel, digitaler Überforderung und wirtschaftlichen Widersprüchen geprägt ist.
Im Mittelpunkt steht die Sehnsucht nach Verbindung in einer Welt, die immer mehr Möglichkeiten der Kommunikation bietet und dennoch Einsamkeit hervorbringt. Preiwuß nähert sich diesem Widerspruch mit einer Sprache, deren Zurückhaltung von der Jury ausdrücklich hervorgehoben wird.
Moskau 1937: Ein Roman kehrt zurück
Auf Platz sieben steht mit 47 Punkten Jiří Weils „Moskau – die Grenze“. Der 1937 erschienene Roman gehört zu den eindringlichen literarischen Zeugnissen über den Alltag unter Stalin. Weil, selbst einst überzeugter Kommunist, hatte von 1933 bis 1935 in der Sowjetunion gelebt und erfahren, wie schnell aus einer politischen Überzeugung eine existenzielle Bedrohung werden konnte. Sein Roman wurde verboten, der Autor aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. 1992 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, liegt das Werk nun in einer neuen Übersetzung von Reinhard Fischer im Wagenbach Verlag vor.
Dass Jiří Weil heute wieder stärker ins literarische Bewusstsein rückt, ist auch Maxim Biller zu verdanken. Mit seiner 2025 erschienenen Novelle „Der unsterbliche Weil“ holte er den lange vergessenen tschechisch-jüdischen Schriftsteller zurück in die Gegenwart. Biller erzählt darin von einem Nachmittag im Prag des Jahres 1956, von einem Mann, der den Nationalsozialismus überlebt hatte und anschließend erneut erfahren musste, wie politische Macht über das Leben und Schreiben eines Menschen bestimmte. Dabei interessiert Biller weniger der historische Held als der Schriftsteller, der trotz aller Demütigungen an seiner Literatur festhält.
Es ist eine bemerkenswerte literarische Begegnung über die Jahrzehnte hinweg. Maxim Biller erinnert an einen Autor, dessen Werk seinerseits vom Vergessen bedroht war, und nun steht mit „Moskau – die Grenze“ wieder ein Roman Weils auf einer Bestenliste. Manchmal braucht es einen Schriftsteller, um einen anderen aus der literarischen Versenkung zurückzuholen.
Ein Leben, das sich in Sprache verwandelt
Mit „My Life. Mein Leben“ folgt auf Platz acht das Hauptwerk der 2024 verstorbenen amerikanischen Dichterin Lyn Hejinian. Die erstmals vorliegende deutsche Übersetzung erscheint zweisprachig im Verlag Das Wunderhorn und erreicht 35 Punkte.
Hejinian bewegt sich zwischen autobiografischem Schreiben, Essay und Langgedicht. Ihre Texte folgen keiner gewöhnlichen chronologischen Lebensbeschreibung, sondern erkunden die Möglichkeiten, Erfahrung durch Sprache immer wieder neu zusammenzusetzen.
Gerade darin liegt die Besonderheit dieses Werks: Erinnerung erscheint nicht als abgeschlossener Bestand, der lediglich niedergeschrieben werden muss, sondern als etwas, das sich im Erzählen verändert.
Zwischen Oligarchen, Pilzen und einem Krieg
Valeria Gordeevs Debütroman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ erreicht mit 31 Punkten den neunten Platz. Auf 640 Seiten führt die Autorin einen Oligarchen, der unsterblich werden möchte, einen Krieg, einen ausgeprägten Putzfimmel und zahlreiche Pilze zusammen.
Diese ungewöhnliche Verbindung deutet auf einen Roman hin, der die Wirklichkeit nicht durch eine möglichst geradlinige Handlung erklären will. Die Jury hebt neben dem literarischen Eigensinn insbesondere den leisen Humor hervor, der sich trotz der ernsten Gegenstände behauptet.
Évariste Galois und die letzte Nacht
Den zehnten Platz belegt Ulrich Peltzers „Der verlorene Schlaf“ mit 25 Punkten. Der Roman verbindet zwei Nächte miteinander: die letzte Nacht des französischen Mathematikers Évariste Galois, der 1832 im Alter von nur zwanzig Jahren an den Folgen eines Duells starb, und die Nacht eines Autors, der dessen Leben verfilmen möchte.
Galois hinterließ mathematische Arbeiten, deren Bedeutung weit über sein kurzes Leben hinausreicht. Peltzer greift diese außergewöhnliche Biografie auf und verbindet sie mit Fragen nach Kunst, Revolution und dem Verhältnis zwischen Leben und Werk.
Wie erzählt man von einem Menschen, dessen Denken seiner Zeit voraus war, während ihm selbst kaum Zeit blieb? Die Verbindung von mathematischer Erkenntnis und künstlerischer Darstellung eröffnet einen literarischen Zugang zu einer Biografie, in der intellektuelle Größe und menschliche Vergänglichkeit unmittelbar aufeinandertreffen.
Eine persönliche Empfehlung der Jury
Neben den zehn platzierten Titeln empfiehlt Literaturkritiker Eberhard Falcke Helmut Kraussers Roman „Wer hat uns je geliebt?“.
Der in Berlin angesiedelte Roman verbindet eine rätselhafte kriminalistische Ermittlung mit Fragen nach Liebe, Tod und menschlicher Leidenschaft. Eine Kommissarin versucht, einen Fall aufzuklären, dessen Hintergründe sich nicht allein mit den Mitteln polizeilicher Ermittlungsarbeit erfassen lassen.
Falcke beschreibt Kraussers Romane als literarisches Wagnis, weil sie unterschiedliche Motive, Zeitebenen und Atmosphären miteinander verbinden. Auch das neue Buch scheint sich einer eindeutigen Genrezuordnung zu entziehen.
Was die Novemberliste verbindet
So unterschiedlich die zehn Bücher in Umfang, Herkunft und literarischer Form sind, beschäftigt sie doch eine gemeinsame Frage: Wie lässt sich menschliche Erfahrung erzählen, wenn Erinnerung unzuverlässig, Geschichte widersprüchlich und das eigene Leben endlich ist?
Hochgatterer nähert sich dieser Frage über einen Jugendlichen, Seiler über die Rätselhaftigkeit der Wahrnehmung, Bazyar über die Geschichte eines Dorfes und Peltzer über einen Mathematiker, dessen Lebenszeit in einem eigentümlichen Missverhältnis zur Wirkung seines Denkens stand.
Die Novemberliste bietet damit keine einheitliche literarische Richtung. Sie zeigt vielmehr, wie verschieden Literatur auf dieselben menschlichen Grundfragen antworten kann, ohne dass eine dieser Antworten die letzte sein müsste.
Die SWR-Bestenliste
Die SWR-Bestenliste erscheint monatlich und wird von einer Jury renommierter Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker zusammengestellt. Jedes Jurymitglied benennt vier Neuerscheinungen in freier Auswahl und vergibt dafür 15, 10, 6 und 3 Punkte. Aus der Gesamtwertung entsteht die Rangfolge. Anders als Verkaufscharts bildet die Liste damit literaturkritische Empfehlungen ab.
Quelle: SWR-Bestenliste, November 2026.