Ein Friedhof stürzt ins Meer. Särge brechen auf, Tote treiben zwischen Holz, Marmor und Blumengestecken. Mit diesem Bild beginnt Giuliano Musios Roman „Aus anderem Holz“. Es ist ein spektakulärer Auftakt, aber kein bloßer Effekt. In ihm liegt bereits die Ordnung des Romans: Was begraben werden sollte, kehrt zurück. Was festgefügt schien, gerät ins Rutschen. Und zwischen Holz und Fleisch lässt sich plötzlich nicht mehr eindeutig unterscheiden.
Der fünfundzwanzigjährige Pinò lebt Ende der Achtzigerjahre in der toskanischen Kleinstadt Porto San Prospero. Sein Vater Giuseppe, den alle Geppetto nennen, wird beim Einsturz des Friedhofs schwer verletzt. Pinò nimmt ihn bei sich auf, pflegt ihn und versucht, in den verstörenden Bewegungen des alten Mannes noch etwas Vertrautes zu erkennen.
Doch Pinò trägt selbst eine Geschichte mit sich, die sich nicht ordentlich erzählen lässt. Er wurde nicht geboren, sondern geschnitzt. Erst seit dreizehn Jahren besitzt er einen menschlichen Körper. Einen vollkommen menschlichen allerdings nicht.
Menschwerdung als Zumutung
Musio erzählt Carlo Collodis „Pinocchio“ nicht neu. Er setzt dort an, wo das Märchen sein vermeintlich glückliches Ende erreicht hat: bei der Verwandlung der Holzpuppe in einen Menschen.
Bei Collodi ist dieser Schritt Belohnung und pädagogischer Abschluss. Wer lernt, gehorcht, arbeitet und Verantwortung übernimmt, darf ein richtiger Junge werden. Die Puppe wird zum Menschen, als wäre damit eine Hierarchie der Existenz endgültig geklärt.
Musio interessiert sich für das Danach.
Für seinen Pinò ist die Menschwerdung keine Erlösung. Sie ist der Beginn einer neuen Fremdheit. Der Körper aus Fleisch bringt Schmerz, Hunger, Triebe und Verfall. Er verlangt Aufmerksamkeit. Er kann krank werden, verletzt werden, altern. Pinò beobachtet ihn mit dem Misstrauen eines Menschen, der seinen eigenen Körper nicht für selbstverständlich halten kann.
Seine Gelenke scheinen noch zu knarren, seine Bewegungen bleiben hölzern, sein Blut gerinnt ungewöhnlich schnell. Er besitzt keinen Bauchnabel. Seine Stimme erzeugt keinen Widerhall, sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur.
Gerade dort ist Musios Roman besonders stark, wo er diese Abweichungen nicht auflöst, sondern körperlich werden lässt. Pinò erinnert sich an die glatte Oberfläche seines früheren Holzkörpers. Fleisch dagegen ist porös, verletzlich, unberechenbar. Es scheint sogar Schmerzen nachzuholen, die das Holz einst nicht empfinden konnte.
So verändert sich unmerklich die Blickrichtung. Nicht mehr die Puppe erscheint als defizitärer Mensch. Der menschliche Körper selbst wird sonderbar.
Er schwitzt. Er blutet. Er begehrt. Er verfällt.
Der Mensch ist hier nicht die vollendete Form. Er ist ein Körper, der ständig etwas verlangt und zugleich jederzeit verloren gehen kann.
Der Vater und sein Werk
Auch die Beziehung zwischen Pinò und Geppetto verliert ihre märchenhafte Eindeutigkeit. Der Vater hat sich ein Gegenüber geschaffen, um seiner Einsamkeit zu entkommen. Schon darin liegt eine Unwucht: Pinò existiert nicht zunächst für sich selbst. Er wurde gebraucht, bevor er überhaupt einen eigenen Willen entwickeln konnte.
Er begreift früh, dass es seine Aufgabe ist, Geppetto Gesellschaft zu leisten. Eigenwillen darf er besitzen, solange er die väterliche Ordnung nicht stört.
Als die Verwandlung zum Menschen unvollständig bleibt, reagiert Geppetto nicht nur mit Sorge. Er reagiert mit Enttäuschung und Gewalt. Pinòs Andersartigkeit erscheint ihm als Fehler eines Werkes, das seinen Zweck verfehlt.
Damit verschiebt Musio die alte Pinocchio-Frage. Es geht nicht mehr darum, wie aus einer widerspenstigen Puppe ein guter Junge wird. Es geht darum, wem ein geschaffenes Leben gehört.
Geppetto hat Pinò hervorgebracht. Daraus leitet sich eine stille Form von Besitz ab. Der Sohn soll nicht nur leben, sondern die Vorstellung erfüllen, die seinem Leben vorausging.
Das ist die unangenehme Seite jeder Schöpfungsgeschichte: Der Schöpfer hält seine Absicht leicht für das Wesen des Geschaffenen.
Nun aber ist Geppetto alt und hilflos. Pinò wäscht ihn, versorgt ihn, beobachtet seinen beschädigten Körper. Die Machtverhältnisse haben sich äußerlich umgekehrt, innerlich jedoch nicht. Der Sohn pflegt den Mann, der ihn geschaffen, versteckt und geschlagen hat. Liebe, Pflicht, Gewohnheit und Angst liegen so dicht beieinander, dass sie sich kaum noch voneinander lösen lassen.
Musio braucht dafür kein großes psychologisches Vokabular. Die Pflege selbst genügt. Ein Körper versorgt einen anderen. Nur dass der eine Körper einst vom anderen hergestellt wurde.
Ein Körper ohne Herkunft
Dann wird eine Urne an den Strand gespült.
Was der Friedhof nicht länger festhalten kann, gelangt in Pinòs Leben. Er erfährt, dass Geppetto bereits vor ihm einen Sohn hatte. Plötzlich bekommt seine eigene Herkunftslosigkeit eine andere Richtung. War Pinò überhaupt als eigenständiges Wesen gedacht? Oder sollte er eine Leerstelle füllen?
Der Verdacht verändert die Schöpfungsgeschichte. Aus dem Wunder könnte ein Ersatz geworden sein.
Besonders präzise ist dabei das Motiv des fehlenden Bauchnabels. Pinò hat einen Vater, aber keine Geburt. Sein Körper besitzt keine sichtbare Spur jener Verbindung, die Menschen gewöhnlich an ihren Anfang erinnert. Er ist gemacht worden, nicht zur Welt gekommen.
Der fehlende Nabel ist deshalb mehr als ein fantastisches Detail. Er ist eine kleine körperliche Leerstelle, in der die gesamte Frage nach Herkunft sitzt.
Pinò besitzt Erinnerungen, aber keine Kindheit, die sich selbstverständlich ordnen ließe. Er hat einen Schöpfer, aber keine Mutter. Er besitzt einen menschlichen Körper, doch dieser Körper bestätigt seine Geschichte nicht.
Musio verbindet damit zwei Formen des Verdrängten: die Toten, die aus ihren Gräbern zurückkehren, und die verschwiegene Familiengeschichte, die sich nicht länger an ihrem vorgesehenen Ort halten lässt.
Der Friedhof wird zum Modell des Romans. Begraben bedeutet nicht verschwunden.
Das gilt für die Toten. Es gilt für Geppettos ersten Sohn. Und es gilt für das Holz, aus dem Pinò einmal bestand. Auch nachdem er Fleisch geworden ist, scheint sein früherer Körper nicht ganz aufgehört zu haben.
Vergangenheit ist bei Musio kein abgeschlossener Zeitraum. Sie steckt in den Gelenken.
Zwischen Märchen und italienischem Alltag
Dass diese Konstruktion nicht unter ihrer eigenen Symbolik zusammenbricht, liegt vor allem an Musios nüchterner Erzählweise. Porto San Prospero ist kein entrückter Märchenort. Es gibt Telefonzellen und Mopeds, Fernsehshows, eine Spedition, Nachbarn und Behörden. Während ein Friedhof ins Meer rutscht, läuft die Welt weiter.
Gerade diese Alltäglichkeit gibt dem Fantastischen Halt.
Niemand muss lange erklären, wie eine Holzpuppe zum Menschen werden konnte. Interessanter ist ohnehin, was dieser Mensch danach tut: arbeiten, den Vater waschen, sich vor Nachbarn verbergen, den eigenen Körper beobachten.
Das Wunder ist geschehen. Nun beginnt die Verwaltung seiner Folgen.
Darin liegt eine leise Komik des Romans. Das Märchen wird nicht widerlegt. Es bekommt einen Alltag.
Auch die politische und mediale Gegenwart der späten Achtzigerjahre bleibt präsent. Nachrichten von Autobomben, Regierungswechseln und Arbeitskämpfen laufen neben Pinòs privater Unsicherheit her. Die große Geschichte und die kleine Geschichte berühren sich nicht immer direkt. Aber sie teilen eine Erfahrung: Ordnungen, die stabil wirken, können überraschend ins Rutschen geraten.
Musios Symbolik ist dabei nicht zurückhaltend. Holz, Fleisch, Friedhof, Urne und Vater-Sohn-Verhältnis tragen ihre Bedeutung sichtbar mit sich herum. Auch die Namen Pinò, Geppetto und Madonna Turchina lassen Collodis Vorlage keinen Augenblick vergessen.
Manchmal sitzen die Motive fast zu ordentlich an ihrem Platz.
Doch Musio nutzt die bekannte Geschichte nicht als literarisches Ratespiel. Die Wiedererkennbarkeit ist Teil seines Verfahrens. Weil wir zu wissen glauben, wie Pinocchios Geschichte endet, kann er gerade diesen Schluss unsicher machen.
Das berühmte „richtige Kind“ wird bei ihm zur fragwürdigen Kategorie.
Aus anderem Holz
„Aus anderem Holz“ ist Familiengeschichte, Körperroman und dunkle Märchenfortschreibung zugleich. Vor allem aber untersucht Musio eine Vorstellung, die in Märchen gern als selbstverständlich behandelt wird: dass Verwandlung ein Ziel besitzt.
Pinocchio wollte ein Mensch werden. Oder genauer: Die Geschichte wollte, dass er einer wird.
Musio interessiert sich dafür, was eine solche Erfüllung kostet.
Sein Pinò möchte nicht besser werden. Er versucht zunächst zu verstehen, was dieses Menschsein überhaupt sein soll. Der Körper, der ihm die Zugehörigkeit verspricht, erinnert ihn fortwährend an seine Abweichung. Ausgerechnet das Fleisch, das ihn zum Menschen machen sollte, wird zum Schauplatz seines Fremdseins.
Damit kehrt Musio die Perspektive des alten Stoffes um. Nicht Pinòs Andersartigkeit verlangt nach einer Erklärung. Erklärungsbedürftig wird vielmehr die Ordnung, die zwischen richtigem und falschem Körper, Herkunft und Herkunftslosigkeit, Schöpfer und Geschöpf unterscheidet.
Vielleicht muss Pinò deshalb gar nicht herausfinden, ob er endgültig ein Mensch geworden ist. Interessanter ist, warum diese Frage so wichtig sein soll.
Am Anfang des Romans stürzt ein Friedhof ins Meer. Die Toten verlassen die Plätze, die man ihnen zugewiesen hat. Pinò könnte Ähnliches bevorstehen.
Nur dass sein Grab aus einer Vorstellung besteht.
Über den Autor
Giuliano Musio, geboren 1977 in Burgdorf, ist schweizerisch-italienischer Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Anglistik und lebt in Bern. Im Luftschacht Verlag erschienen zuvor seine Romane „Scheinwerfen“ und „Wirbellos“. Mit „Aus anderem Holz“ ist Musio für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Der Roman führt den Pinocchio-Stoff in eine Gegenwart weiter, in der weniger die Verwandlung selbst als ihre Folgen interessieren.
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