Cornelia Funke erzählt in „Emma glaubt nicht an Feen“ von einem Mädchen, das für fantastische Wesen eigentlich keine Verwendung hat. Emma interessieren Käfer, Schnecken, Pflanzen und Vögel. Die wirkliche Welt ist ihr wundersam genug. Bis eine Hummel plötzlich ein Gesicht hat. Ein wunderbar illustriertes Kinderbuch über das genaue Hinsehen – mit viel Natur, ziemlich eigensinnigen Feen und einer Heldin, die erst sehr klein werden muss, um zu entdecken, wie groß die Welt ist.
Cornelia Funke macht es sich mit ihrer Heldin zunächst erstaunlich schwer. Sie will von Feen erzählen und erfindet dafür ein Mädchen, das Feen für ziemlich überflüssig hält.
Emma ist elf, klein für ihr Alter und lieber draußen als in der Schule. Ihr Zimmer ist voller Steine, Tannenzapfen, getrockneter Blüten und leerer Schneckenhäuser. Im Regal stehen Käfer- und Schmetterlingsführer. Alles, „was nicht von Menschen gemacht war“, interessiert sie.
Das ist ein kluger Anfang. Funke setzt ihre fantastische Welt nicht gegen die Wirklichkeit. Im Gegenteil: Für Emma ist die Wirklichkeit längst fantastisch genug.
Emma braucht keine Feen
Wenn Emma nach der Schule nach draußen will, packt sie Notizbuch, Stifte, Insektenbestimmungsbuch, Vergrößerungsglas und ein Marmeladenglas in ihren Rucksack. Ein Handy hätte sie zwar gern, allerdings hauptsächlich wegen der Apps zur Bestimmung von Pflanzen und Käfern. Ihre Brüder, so viel Seitenhieb muss sein, schauen darauf ohnehin nur „irgendwelche dummen Videos“.
Emma ist also keine verträumte kleine Waldelfe, die nur darauf wartet, dass endlich irgendwo ein Flügelchen zwischen den Blättern hervorschaut. Sie beobachtet. Sie bestimmt. Sie weiß Dinge.
Und sie sieht hin.
Zwei Schnecken auf dem frisch gepflanzten Salat ihrer Mutter werden deshalb nicht zum Ärgernis, sondern vorsichtig umgesiedelt. Emma klopft zunächst sacht auf ihre Häuser, weil sie gelesen hat, dass Schnecken verletzt werden können, wenn man sie zu abrupt hochhebt. Dann betrachtet sie die dünnen Gehäuse und fragt sich, wie es sich wohl anfühlt, sein Haus ständig mit sich herumzutragen.
Diese kleine Szene erzählt mehr über Emma als jede Charakterbeschreibung.
Sie interessiert sich nicht nur dafür, was ein anderes Lebewesen ist. Sie versucht sich vorzustellen, wie es wäre, dieses Lebewesen zu sein.
Die Hummel hat ein Gesicht
Dann geschieht etwas, das in Emmas sorgfältig sortierter Welt nicht vorgesehen ist.
Zwischen Brombeerranken schwirrt etwas an ihr vorbei. Pelzig, geflügelt, zunächst eine Hummel. Nur dass zwei dunkle Augen Emmas Blick erwidern.
Die Hummel hat ein Gesicht.
Funke lässt Emma darauf wunderbar vernünftig reagieren. Das kann nicht sein. Vielleicht ein Tarnmuster, wie man es von Motten kennt. Irgendetwas wird sich schon finden.
Denn Emma glaubt nicht an Feen oder Elfen. Sie glaubt an Bienen, Hirschkäfer, Schnecken und Schmetterlinge. Und dann stellt Funke die eigentlich entscheidende Frage des Buches: Warum sollte man Wesen erfinden, die Menschen ähneln, wenn es doch bereits so viele aufregendere Geschöpfe gibt? Damit hat das Buch seinen schönsten Widerspruch gefunden.
Ausgerechnet dieses Mädchen wird Feen begegnen.
Man muss Emma nur klein genug machen
Natürlich folgt Emma dem merkwürdigen Wesen. Sie kriecht durch Efeu und Brombeerranken, obwohl ihre innere Vernunftstimme sie daran erinnert, dass sie längst mehr als die erlaubten dreiundzwanzig Schritte vom Gartentor entfernt sein dürfte.
Schließlich wird sie auf die Größe einer Maus geschrumpft.
Das ist mehr als der übliche Trick, mit dem ein Kinderbuch seine Heldin in eine fantastische Welt befördert. Denn Funke macht damit körperlich, was Emma gedanklich schon vorher getan hat: Sie verändert die Perspektive.
Aus Gras wird Wald. Pflanzen werden zu Landschaften. Tiere, die ein Mensch normalerweise übersieht, befinden sich plötzlich auf Augenhöhe oder sind sogar bedrohlich groß.
Der Mensch verliert seinen angestammten Platz ganz oben im Bild.
Und genau dort wird „Emma glaubt nicht an Feen“ interessant.
Eine Natur, die nicht für Menschen eingerichtet wurde
Das ökologische Motiv des Buches liegt auf der Hand. Die verborgene Welt der Saat-Feen ist bedroht, und Emma wird sich an ihrer Rettung beteiligen müssen.
Doch Funke ist dort stärker, wo sie diese Botschaft nicht ausformuliert, sondern ihre Heldin erleben lässt.
Emma muss Natur nämlich gar nicht erst lieben lernen. Das tut sie längst. Sie muss etwas Schwierigeres begreifen: Dass ihre Liebe zur Natur den Menschen noch lange nicht zu deren Mittelpunkt macht.
Auch die Feen warten keineswegs dankbar auf ein Menschenkind, das sie rettet. Einige würden Emma nach ihrer Entdeckung am liebsten den Füchsen zum Fraß überlassen. Distel-, Löwenzahn- und Glockenblumenfee sind schließlich diejenigen, die ihr helfen.
Das bekommt der Geschichte gut. Die Natur muss nicht nett sein, um einen Wert zu besitzen.
Elias Linnekuhl lässt die Pflanzen die Seiten erobern
Sehr schön übersetzt Elias Linnekuhl diesen Gedanken in seine Illustrationen.
Schon in der Leseprobe beginnt die Vegetation, sich ihren Platz zurückzuholen. Blätter und Ranken schieben sich an die Texte heran, kleine Insekten tauchen zwischen den Seiten auf. Besonders eindrucksvoll ist die ganzseitige Zeichnung, in der Emma sich durch das Dickicht bewegt: Man muss sie zwischen den Pflanzen beinahe suchen.
Das Bild nimmt vorweg, was mit Emma geschehen wird.
Sie wird kleiner.
Die Welt nicht.
Und Linnekuhls Schwarz-Weiß-Zeichnungen verhindern zugleich, dass Funkes Feenwelt ins allzu Niedliche kippt. Es gibt viel zu entdecken, ohne dass jede Seite zum Wimmelbild wird.
Zum Vorlesen wunderbar – beim Selberlesen etwas anspruchsvoller
Der Verlag empfiehlt „Emma glaubt nicht an Feen“ ab sieben Jahren, und zum Vorlesen passt diese Einordnung sehr gut. Funke erzählt anschaulich, humorvoll und mit genügend kleinen Spannungsmomenten, um ein Kapitel am Abend durchaus auch einmal mit Protest beenden zu können.
Für Kinder ab der zweiten Klasse, die bereits sicherer lesen, eignet sich das Buch auch zum Selberlesen. Ganz leicht macht Funke es ihnen allerdings nicht.
Ihre Sätze sind nicht durchgehend kurz und schlicht gebaut. Es gibt Einschübe, Nebensätze, Gedankenbewegungen und gelegentlich längere Konstruktionen. Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Funke ihre Sprache nicht vollständig dem Erstleseschema unterordnet. Das ist kein Mangel – im Gegenteil. Aber zwischen „kann lesen“ und „liest dieses Buch mühelos allein“ liegt eben noch ein Unterschied.
Gerade deshalb könnte es ein schönes Buch für den Übergang sein: erst gemeinsam lesen, irgendwann allein weiterlesen.
Mams und Paps – ein bisschen Patina muss sein
An einer Stelle wirkt das Buch allerdings eigentümlich aus der Zeit gefallen.
Emmas Eltern heißen konsequent „Mams“ und „Paps“. Das mag als familiärer Ton gedacht sein, hat aber einen leicht altbackenen Klang. Dazu kommt das ausgesprochen harmonische Familienarrangement: Mams teilt Emmas Naturbegeisterung, versteht ihren Bewegungsdrang und spricht von Pflanzen als „Lichtessern“ oder ihren „fußlosen Freunden mit Wurzeln“. emma-glaubt-nicht-an-feen_97834…
Das ist sympathisch, bisweilen aber auch ein wenig sehr gemütlich eingerichtet.
Vielleicht gehört diese leichte Patina zu Funkes Erzählwelt. Sie stört das Abenteuer nicht. Aber neben Emmas Bestimmungs-Apps und dem durchaus gegenwärtigen Kinderalltag fällt sie auf.
Wozu Feen, wenn es Schnecken gibt?
Der schönste Gedanke von „Emma glaubt nicht an Feen“ steckt deshalb bereits auf den ersten Seiten.
Emma braucht das Fantastische eigentlich nicht.
Sie kann minutenlang ein Schneckenhaus betrachten, Regentropfen in einem Spinnennetz sehen und sich fragen, wie die Welt mit zwei Fühlern auf der Stirn aussähe. Für sie beginnt das Wunder nicht dort, wo die Realität endet.
Es liegt längst unter dem nächsten Blatt.
Cornelia Funke muss ihrer Heldin deshalb keine völlig andere Welt schenken. Ein verwilderter Park hinter dem Gartenzaun reicht. Ein Brombeerdickicht. Dreiundzwanzig Schritte.
Und schließlich eine Hummel mit einem Gesicht.
„Emma glaubt nicht an Feen“ ist ein schönes, klug illustriertes Naturabenteuer für Kinder ab sieben Jahren – hervorragend zum Vorlesen und für geübtere Leserinnen und Leser ab der zweiten Klasse auch schon zum Selberlesen. Vor allem aber erinnert Funke daran, dass Fantasie nicht unbedingt bedeutet, sich etwas auszudenken. Manchmal genügt es, auf das Vorhandene so lange zu schauen, bis es wieder fremd und erstaunlich wird.