Aus Çiyas Zunge wachsen hundert Hände. Er versucht, sie mit einem Messer abzuschneiden, doch sie wachsen nach. Es ist ein Traum, den er seiner Frau Gulistan erzählt, und wie so vieles in Karosh Tahas Roman „Gulistan“ scheint er zunächst rätselhafter, als er später ist. Denn in einer Diktatur kann eine Zunge tatsächlich zu viel tun. Sie kann Namen nennen, Geschichten erzählen, die falsche Sprache sprechen oder eine Wahrheit aussprechen, für die gerade eine andere vorgesehen ist.
„Gulistan“ spielt im Irak unter Saddam Hussein und erzählt von einem kurdischen Ehepaar, dessen privates Leben unter einem Regime steht, das die Grenze zwischen politischer Herrschaft und persönlicher Existenz weitgehend abgeschafft hat. Çiya verschwindet eines Tages, Gulistan sucht ihn und gerät dabei selbst immer tiefer in die Mechanismen staatlicher Gewalt. Als sie ihren Mann schließlich wiedersieht, trägt er die Uniform Saddam Husseins und dient dem Diktator als Doppelgänger.
Karosh Taha erzählt damit nicht nur von Verfolgung und Widerstand. Ihr Roman interessiert sich für eine schwierigere Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn eine Diktatur nicht allein über seinen Körper, sondern zunehmend auch über Sprache, Identität und Wirklichkeit verfügt?
„Gulistan“ ist für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Das passt zu einem Roman, der sich einer konventionellen historischen Erzählung verweigert und die politische Zerrüttung bis in die Gestalt seiner Sprache hineinführt.
Ein Diktator mit zwei Gesichtern
Noch bevor Gulistans Geschichte beginnt, spricht ein anderer. Taha stellt dem Roman einen englischsprachigen Interviewausschnitt mit einem ehemaligen Arzt Saddam Husseins voran, der 2003 nach Europa fliehen konnte und nun versucht, einen Widerspruch zu erklären, für den ihm selbst die richtigen Wörter zu fehlen scheinen. Der Saddam Hussein, dem er persönlich begegnete, sei aufmerksam, intelligent und fürsorglich gewesen; derselbe Mann traf Entscheidungen von tödlicher Grausamkeit.
Der Arzt sucht nach einer Erklärung und landet schließlich bei der Vorstellung zweier Gesichter, zweier Persönlichkeiten. Schon typografisch ist diese Passage bemerkenswert, denn Wörter und Satzteile stehen weit auseinander, Wiederholungen bleiben sichtbar, Gedanken suchen auf der weißen Seite nach ihrem Platz. Taha glättet das stockende Englisch des Mannes nicht zu einem eleganten Bericht, sondern macht die Unsicherheit des Sprechens zur sichtbaren Form.
Damit steht von Beginn an eine Frage im Raum, die den Roman begleiten wird: Welches Gesicht ist das wirkliche? Beim Diktator ist diese Frage politisch, wenig später wird sie körperlich.
Çiya verschwindet
Gulistan und Çiya erscheinen zunächst als Paar in einer privaten Situation. Sie liegen beieinander, erzählen, erinnern sich und sprechen über Träume, doch die politische Wirklichkeit ist längst mit im Zimmer.
Çiyas Traum von der Zunge, aus der hundert Hände wachsen, verbindet Sprache und Körper auf eigentümliche Weise. Die Zunge tut etwas, das sich nicht mehr kontrollieren lässt; selbst das Abschneiden hilft nicht, weil die Hände nachwachsen.
Dazu passt eine Erinnerung Gulistans. Auf einer Feier steigt der betrunkene Çiya auf einen Stuhl und beginnt, Namen der Anwesenden aufzuzählen. Was anderswo vielleicht nur eine peinliche Szene wäre, bekommt hier eine andere Temperatur. Gulistan versucht, ihn zum Schweigen zu bringen, während die Gäste zunehmend nervös werden. Ein Name ist nicht nur ein Name, wenn bereits seine öffentliche Nennung Folgen haben kann.
Dann wacht Gulistan eines Morgens auf, und Çiya ist verschwunden. Zunächst versucht der Alltag noch, eine harmlose Erklärung zu liefern: Vielleicht ist er Brot holen gegangen oder erledigt etwas. Doch aus der Abwesenheit wird eine Suche. Gulistan erkundigt sich bei Freunden und Bekannten, fragt in der Nachbarschaft und geht schließlich zur Polizei.
In einem Rechtsstaat wäre das eine Selbstverständlichkeit. In Saddam Husseins Irak ist es ein Risiko.
Wer sucht hier eigentlich wen?
Auf der Polizeiwache macht Taha politische Macht sichtbar, ohne zunächst offene Gewalt zu benötigen. Die Beamten verlangen scheinbar gewöhnliche Angaben zu Çiya, doch bald verändern sich die Fragen. Politische Aktivitäten und Verbindungen interessieren sie ebenso wie Gulistans Familie und Herkunft.
Aus der Meldung eines verschwundenen Menschen wird beinahe unmerklich eine Befragung der Frau, die ihn sucht.
Gerade die bürokratische Ruhe dieser Verschiebung macht sie bedrohlich. Gulistan muss nicht nur antworten, sondern während des Antwortens abschätzen, welche Wahrheit ungefährlich genug ist, ausgesprochen zu werden. Die Polizei wird nicht zu einer Institution, die gemeinsam mit ihr nach Çiya sucht; Gulistans Suche macht vielmehr sie selbst für den Staat sichtbar.
Damit verändert sich die Bedeutung der Sprache. Fragen sind keine neutralen Fragen mehr und Antworten keine bloßen Informationen. Jeder Name kann eine Verbindung herstellen, jede Verbindung einen Verdacht erzeugen, sodass selbst die Wahrheit taktische Eigenschaften bekommt.
Eine Diktatur zeigt sich hier nicht erst in Gefängnissen und Gewalt, sondern bereits in jenem Augenblick, in dem ein Mensch vor einem einfachen Satz überlegen muss, welche Folgen seine Wörter haben könnten.
Wenn der eigene Mann das Gesicht der Macht trägt
Gulistans Suche führt zu einer Szene, die das Doppelgängermotiv des Beginns radikalisiert. Inmitten einer Menschenmenge sieht sie Çiya wieder – in der Uniform Saddam Husseins, als Doppelgänger des Diktators.
Der verfolgte kurdische Mann trägt nun die Erscheinung jenes Mannes, dessen Regime ihn verfolgt. Eine Diktatur eignet sich damit nicht nur Sprache, Öffentlichkeit und politische Wahrheit an, sondern buchstäblich einen Körper. Çiyas Äußeres wird zur Oberfläche der Macht; der einzelne Mensch verschwindet hinter dem Bild des Herrschers, das durch ihn vervielfältigt wird.
Hier antwortet die Handlung beinahe unheimlich auf den Bericht des Arztes zu Beginn. Dort besitzt Saddam zwei Gesichter, hier besitzt eines seiner Gesichter plötzlich einen anderen Menschen.
Taha macht aus dem Doppelgänger kein bloßes Kuriosum aus dem Maschinenraum einer Diktatur. In ihm verdichtet sich vielmehr eine zentrale Frage des Romans: Was bleibt vom eigenen Ich, wenn ein politisches System beansprucht, über Erscheinung, Sprache und Wahrheit zu bestimmen?
Der Wahn der Verhältnisse
Auch Gulistans Wirklichkeit bleibt davon nicht unberührt. Sie wird verhaftet und verliert zunehmend die Sicherheit über ihre eigene Wahrnehmung, während zugleich ihre Widerstandskraft wächst. Hinzu kommt die Nachricht von ihrer Schwangerschaft, wodurch Gefangenschaft und entstehendes Leben, Ohnmacht und Zukunft auf eine eigentümliche Weise nebeneinandertreten.
Die Frage nach dem Wahn gehört dabei zu den stärkeren Bewegungen des Romans. Wenn ein paranoides System permanent Wahrheiten verdreht, Menschen verschwinden lässt und Wirklichkeit nach seinen Bedürfnissen arrangiert, lässt sich psychische Desorientierung nicht sauber von der politischen Umwelt trennen. Der Wahnsinn befindet sich nicht ausschließlich im Kopf einer Figur; auch die Welt, in der sie sich orientieren soll, hat ihre Verlässlichkeit verloren.
Taha verwischt diese Grenze zunehmend. Je weniger Gulistan der Wirklichkeit trauen kann, desto dringlicher wird die Frage, ob eine eindeutige Wirklichkeit unter solchen politischen Bedingungen überhaupt noch zur Verfügung steht.
Eine Sprache, die ihre Ordnung verändert
Formal verweigert sich „Gulistan“ einer unauffälligen Erzählweise. Taha reduziert die Zeichensetzung, lässt Kommata aus, zerlegt Dialoge und verteilt einzelne Wörter oder Satzteile über die Seite. Fragen und Antworten können beinahe protokollartig erscheinen, während an anderer Stelle größere Prosabewegungen entstehen.
Die Typografie ist dabei kein äußerer Effekt, sondern Bestandteil des Erzählens. Bereits der englischsprachige Bericht des Saddam-Arztes zeigt, wie Zwischenräume, Wiederholungen und stockende Gedanken sichtbar gemacht werden. Die Seite wird zum Raum, in dem Sprechen nicht nur gelesen, sondern beinahe beobachtet werden kann.
Das verlangt Aufmerksamkeit und verweigert den bequemen Lesefluss. Gerade darin liegt jedoch eine Verbindung zum Gegenstand des Romans: Gulistan lebt in einer Welt, in der Sprache nicht selbstverständlich ist, weil Wörter Konsequenzen besitzen. Taha lässt auch ihre Sätze diese Unsicherheit austragen. Grammatische Ordnung wird gelockert, Sprache räumlich auseinandergezogen, Schweigen bekommt plötzlich Platz auf der Seite.
Die Sperrigkeit ist deshalb kein Nebeneffekt, sondern Teil des poetischen Verfahrens. Der Text will nicht nur erzählen, dass Sicherheit verloren geht; er entzieht auch dem Lesen einen Teil seiner gewohnten Sicherheit.
Zunge, Name, Gesicht
Drei Motive verbinden sich dabei immer enger: die Zunge, aus der in Çiyas Traum hundert Hände wachsen und die sich nicht zum Schweigen bringen lässt; der Name, der auf einer Feier ausgesprochen und auf einer Polizeiwache abgefragt wird; und das Gesicht, das bei Saddam Hussein zwei Persönlichkeiten zu tragen scheint und später durch Çiyas Doppelgängerdasein vervielfältigt wird.
Zunge, Name und Gesicht sind elementare Zeichen einer Person. Durch die Zunge spricht sie, durch den Namen wird sie bezeichnet, am Gesicht wird sie erkannt. Gerade auf diese Zeichen greift die Macht zu.
Damit ist „Gulistan“ mehr als ein Roman über die historische Diktatur Saddam Husseins. Taha untersucht, wie politische Gewalt bis in jene Bereiche vordringt, die Menschen gewöhnlich als ihre eigenen betrachten: Körper, Sprache, Erinnerung und Wahrnehmung.
Dass die kurdischen Figuren wegen ihrer Sprache und Herkunft verfolgt werden, verschärft diesen Zusammenhang. Sprache stiftet Identität und kann sie zugleich verraten; ein Name bezeichnet einen Menschen und kann ihn zugleich verdächtig machen; ein Gesicht macht jemanden unverwechselbar, bis ein Diktator gerade diese Unverwechselbarkeit für sich beansprucht.
Erzählen gegen die verordnete Wahrheit
Eine Diktatur erzählt ebenfalls. Sie produziert Parolen, Heldenbilder und Feinde, lässt die Baath-Partei und Saddam Hussein feiern und entscheidet darüber, welche Version der Wirklichkeit öffentlich gelten soll. Der Diktator verfügt deshalb nicht nur über Polizei, Gefängnisse und Gewalt, sondern beansprucht auch die Erzählung.
Taha setzt diesem Anspruch keine zweite, beruhigend geschlossene Wahrheit entgegen. Ihr Roman bleibt vielstimmig, fragmentiert und formal widerspenstig. Selbst der ehemalige Arzt Saddam Husseins erhält mit seinem irritierenden Bild eines aufmerksamen, mitfühlenden Mannes Raum. Das entschuldigt nichts, sondern macht eine verstörendere Möglichkeit sichtbar: Grausamkeit muss nicht jederzeit ein Gesicht tragen, an dem sie eindeutig als Grausamkeit zu erkennen wäre.
„Gulistan“ interessiert sich für die schwierigeren Zwischenräume: für einen Arzt, der einen aufmerksamen Menschen erlebt und dessen Verbrechen nicht mit diesem Bild zusammenbringen kann; für eine Frau, die zur Polizei geht, obwohl die Polizei Teil jener Ordnung ist, die sie bedroht; und für einen verfolgten Mann, der schließlich das Gesicht seines Verfolgers trägt.
Am Anfang wachsen aus Çiyas Zunge hundert Hände. Er versucht, sie abzuschneiden, doch sie kommen zurück. In einem Roman, in dem die Macht Namen abfragt, Gesichter vervielfältigt und Wahrheiten verordnet, ist das vielleicht kein besonders beruhigendes Bild.
Über die Autorin Karosh Taha
Karosh Taha ist eine deutsch-kurdische Schriftstellerin. In ihren Romanen beschäftigt sie sich mit Herkunft, Zugehörigkeit und den politischen Bedingungen, unter denen Identität entsteht und von außen zugeschrieben wird. Dabei verbindet sie gesellschaftliche Fragen mit einer literarischen Arbeit an Perspektive, Sprache und Erzählform.
Mit „Gulistan“ richtet Taha den Blick auf die Verfolgung der kurdischen Bevölkerung unter Saddam Hussein und auf eine Diktatur, die bis in Sprache, Körper und Wahrnehmung ihrer Figuren hineinreicht. Der Roman steht 2026 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb
Ronja von Rönne: Alles Liebe – Wenn Geschichten die Wirklichkeit verändern
1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl: Wie frei ist ein Leben, das ständig eine neue Rolle braucht?
Deutscher Buchpreis 2026: Die Longlist und ihre zwanzig Vorstellungen von Gegenwart
„Parasiti“ von Alisha Gamisch: Was sich in einer Familie einnistet
Szczepan Twardoch: Sehnsucht – Der Roman, der aus einem Stausee einen Ozean macht
Nathan Devers erzählt in „Gegen sich selbst denken“ von der Freiheit der Philosophie – und von einer Sprache, die den Glauben überlebt
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung
Real Americans von Rachel Khong – Was heißt hier „wirklich amerikanisch“?
„Air“ von Christian Kracht – Eine atmosphärische Reise zwischen Mythos und Wirklichkeit
„Beautiful Ugly“ von Alice Feeney – Ein düsterer Psychothriller über Liebe, Verlust und die Suche nach Wahrheit
„Antichristie“ von Mithu Sanyal: Ein provokativer Roman über Glaube, Macht und Identität
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Clemens Böckmann: „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“
Aktuelles
Karosh Taha: „Gulistan“ – Wenn selbst ein Name gefährlich wird
Pocket FM wird Sponsor des Selfpublisher-Verbandes
Eunike Grahofers „Wurzeln – Apotheke aus der Erde“
Rage – Du sollst brennen von S.T. Abby: Am Ende reicht Rache allein nicht mehr
Pain – Du sollst leiden von S.T. Abby: Wenn die Wahrheit nicht mehr verborgen bleiben kann
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Revenge – Du sollst flehen von S.T. Abby: Wenn aus Rache endgültig Krieg wird
Blood – Du sollst bereuen von S.T. Abby: Wie lange kann man jemanden lieben, den man nicht kennt?
Secret – Du sollst mich fürchten von S.T. Abby: Wenn die Serienkillerin zur Heldin wird
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb
Brecht, Gleiwitz und die Sprache des 1. September
Das Literarische Quartett am 4. September 2026