NDR Sachbuchpreis 2026: Zehn Bücher für eine Gegenwart, die sich nicht einfach erklären lässt

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Der NDR hat die Longlist für den Sachbuchpreis 2026 veröffentlicht. Zehn Bücher wurden aus mehr als 130 Einreichungen ausgewählt. Sie beschäftigen sich mit Weltpolitik, Russland, Wirtschaftskriminalität und rechter Vereinnahmung, aber auch mit künstlicher Intelligenz, Tierwelt und der Frage, was eigentlich aus der Literatur der DDR geworden ist. Es ist eine Liste, die weniger ein gemeinsames Thema besitzt als einen gemeinsamen Zustand: Die Gegenwart ist kompliziert geworden.

cms.nhwdi lesering/KI

Zehn Bücher sollen es zunächst richten. Oder wenigstens erklären.

Aus mehr als 130 eingereichten Titeln aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Nominierungskommission zehn Bücher für die Longlist des NDR Sachbuchpreises 2026 ausgewählt. Gesucht wird ein deutschsprachiges Sachbuch, das gesellschaftlich relevante Themen auf besondere Weise vermittelt und neue Perspektiven auf die Gegenwart eröffnet. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Schon die Themen der Auswahl zeigen allerdings, dass diese Gegenwart sich gegen eine einfache Beschreibung ziemlich erfolgreich wehrt.

Da ist Philipp Bloms „Die strauchelnde Welt. Eine Globalgeschichte 2001–2014“, daneben Anne Brorhilker und Traudl Bünger mit „Cum/Ex, Milliarden und Moral. Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt“. Cathryn Clüver Ashbrook richtet mit „Der amerikanische Weckruf“ den Blick auf die Vereinigten Staaten, während Katja Gloger und Georg Mascolo in „Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“deutsche politische Entscheidungen untersuchen.

Das ist viel Weltpolitik für zehn Bücher. Aber eben nicht nur.

Zwischen verschwundener DDR-Literatur und gekaperten Begriffen

Für einen Literaturbetrieb besonders interessant dürfte Carsten Gansels „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“ sein. Schon der Titel stellt eine Frage, die weit über die Geschichte einzelner Autoren und Bücher hinausführt: Was bleibt eigentlich von einer Literatur, wenn mit dem politischen System, in dem sie entstanden ist, auch dessen kulturelles Gedächtnis neu sortiert wird?

Daneben steht Ruth Hoffmanns „Raubzug von rechts. Familie, Freiheit, Widerstand: Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht“. Maria-Sibylla Lotter beschäftigt sich in „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ wiederum mit einem Begriff, der längst nicht mehr nur persönliche Erfahrung beschreibt, sondern Teil gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen geworden ist.

Man kann diese Bücher sehr unterschiedlich lesen. Gemeinsam ist ihnen zunächst nur, dass sie sich mit Begriffen, Erzählungen und Deutungsmacht beschäftigen. Wer bestimmt, wie Vergangenheit erinnert wird? Wem gehören Wörter wie Freiheit, Familie oder Widerstand? Und wann wird aus persönlicher Verwundbarkeit eine gesellschaftliche Kategorie?

Damit wird die Longlist fast nebenbei zu einer Bestandsaufnahme jener Kämpfe, die heute nicht allein um politische Entscheidungen geführt werden, sondern um ihre Beschreibung.

Auch die KI sitzt inzwischen mit am Tisch

Dass Christoph Koch mit „Hallo, wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert“ auf der Liste steht, erweitert dieses Feld noch einmal. Künstliche Intelligenz erscheint hier nicht in erster Linie als technische Frage, sondern dort, wo sie längst angekommen ist: zwischen Menschen.

Norbert Sachser und Niklas Kästner richten den Blick mit „Tierwelt am Limit“ wiederum auf die Anpassungsfähigkeit von Wild- und Haustieren im Anthropozän. Liya Yu fragt in „Hirn statt Moral“, welche Rolle Neuropolitik für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen kann.

Damit reicht diese Longlist vom menschlichen Gehirn bis zur Weltordnung, vom Tier bis zum Algorithmus, von Cum/Ex bis zur DDR-Literatur. Das klingt zunächst ein wenig wie die Themenliste einer sehr langen Redaktionskonferenz. Tatsächlich lässt sich darin aber eine gemeinsame Bewegung erkennen: Fast alle Titel beschäftigen sich mit Systemen, die ihre bisherige Selbstverständlichkeit verloren haben.

Politische Ordnungen geraten ins Rutschen, gesellschaftliche Begriffe verändern ihre Bedeutung, technische Systeme greifen in Beziehungen ein, Tiere müssen sich einer vom Menschen veränderten Umwelt anpassen und Literatur verschwindet nicht unbedingt dadurch, dass niemand mehr schreibt, sondern manchmal dadurch, dass niemand mehr liest.

Ein Sachbuch soll nicht die schnelle Antwort liefern

Die Nominierungskommission hat die eingereichten Bücher nach Relevanz, Originalität, Lesbarkeit und nachhaltiger Wirkung bewertet. Ihr Vorsitzender Ulrich Kühn beschreibt das starke Sachbuch als eines, das einordnet und aufklärt, Struktur in eine unübersichtliche Welt bringt und gerade dem Drang zur einfachen Antwort widersteht.

Das ist möglicherweise der interessanteste Satz dieser Preisrunde.

Denn an einfachen Antworten herrscht derzeit kein Mangel. Eher an der Bereitschaft, eine komplizierte Antwort auszuhalten.

Ein gutes Sachbuch muss die Welt deshalb vielleicht gar nicht übersichtlicher machen. Es reicht mitunter, wenn es genauer zeigt, warum sie so unübersichtlich geworden ist. Die zehn Titel der Longlist nähern sich dieser Aufgabe aus sehr verschiedenen Richtungen. Manche gehen historisch vor, andere investigativ, politisch, philosophisch oder naturwissenschaftlich. Der Zusammenhang entsteht erst in der Zusammenschau.

Und plötzlich steht da ein ziemlich genaues Bild des Jahres 2026: eine Gesellschaft, die über ihre Vergangenheit streitet, ihre politischen Gewissheiten überprüft, ihre Begriffe neu verhandelt und gleichzeitig feststellen muss, dass nun auch Maschinen beginnen, an unseren Beziehungen teilzunehmen.

Aus diesen zehn Büchern werden im nächsten Schritt drei Titel für die engere Auswahl des NDR Sachbuchpreises 2026 bestimmt.

Bis dahin lohnt schon die Longlist einen genaueren Blick. Nicht unbedingt, weil zehn Bücher erklären könnten, wie die Welt funktioniert. Sondern weil sie ziemlich deutlich zeigen, an welchen Stellen sie gerade nicht mehr so funktioniert wie gedacht.

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