Als Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit bin ich ein armes Würstchen: Den meisten meiner Klienten – häufig sind diese psychisch angeschlagen und/oder ohne Berufs- bzw. Schulabschluss – kann ich nicht weiterhelfen. Meine Kollegen und ich simulieren hier nur Vermittlung. Anstrengend sind Klienten mit höheren Bildungsabschlüssen, die dennoch durch alle Raster fallen, ihre Ansprüche und ihren Dünkel aber weiterhin aufrechterhalten. Es heißt ja immer: Durch den Fachkräftemangel sei es so einfach wie nie, in Deutschland Arbeit zu finden. Pustekuchen! Viele meiner Klienten sind für die heutigen Mangelberufe, sei es in der Pflege, sei es im Erziehungswesen, schlichtweg nicht qualifiziert und damit nicht geeignet, teilweise fehlt auch die Motivation. In anderen Berufszweigen kommen immer noch zig Bewerber auf eine einzige Stelle, und die, die nicht erwünscht sind, landen dann im Zweifel bei mir. Was soll ich aber mit einem Doktor der Germanistik anfangen, der sich für den Lehrerberuf zu schade und hinsichtlich einer Universitätslaufbahn gescheitert ist?
Ja, es ist eine ganze Armada an Arbeitslosen, die tagtäglich bei mir und meinen Kollegen aufschlägt. Ein Strom an Arbeitsuchenden, mal verzweifelt, mal apathisch. Das Wissen darum, vielen von ihnen nicht wirklich helfen zu können, geht mir an die Nieren. Im Zweifel vermittele ich die hoffnungslosen Fälle von einer Fortbildungsmaßnahme in die nächste. Dazu ersticken wir hier auf lokaler Ebene an den bürokratischen Vorgaben aus Nürnberg. Die Kollegen von der Bundesagentur für Arbeit wissen doch häufig gar nicht, was bei uns an der Basis tatsächlich abgeht. Ich will ehrlich sein. Ich kann doch hier ehrlich sein? Die meisten Jobs der heutigen Arbeitswelt sind Scheißjobs. Bullshitjobs. Im produzierenden Gewerbe werden stumpfsinnig und mechanisch die immer wieder gleichen Handgriffe wiederholt. Im Dienstleistungsbereich gilt es Produkte an man und frau zu bringen, von denen die Verkäufer meist selbst nicht überzeugt sind. Und in der Verwaltung wälzt man Akten, wartet auf die ausbleibende Digitalisierung und verwaltet sich und seine Mitmenschen zu Tode. Allein die Bundesagentur für Arbeit, mein Arbeitgeber, hat ca. 114.000 Beschäftigte und ist damit eine der größten Behörden in Deutschland. Dennoch oder gerade deswegen ist sie an vielen Stellen dysfunktional und ineffektiv, wie ich aus meiner tagtäglichen beruflichen Praxis weiß.
Ja, auch meinen Job als Arbeitsvermittler zähle ich zu den Bullshitjobs. Wenn ich ehrlich bin – ich kann hier doch ehrlich sein? – habe ich innerlich schon gekündigt. Sich mit irgendetwas selbstständig machen, sein eigener Chef sein, das wäre es doch. Aber dazu bräuchte man eine glorreiche Idee und unternehmerischen Mut. An beidem fehlt es mir, dem das Denken und Nachdenken in seinem Bullshitjob schon längst abhanden gekommen ist. Dabei habe ich mit so großem Enthusiasmus und Idealismus begonnen, mit dem naiven Glauben daran, vielen Menschen tatsächlich helfen zu können. Pustekuchen!
Und so sitze ich hier, in meinem kleinen Büro einer Agentur für Arbeit irgendwo in der deutschen Provinz. Ich mache Termine aus, die viele meiner Klienten gar nicht erst wahrnehmen, ich vermittele diese munter in Fortbildungen und AB-Maßnahmen, von deren Qualität ich selbst nicht überzeugt bin, und ich hoffe, dass die Armada der Arbeitslosen sich nicht gegen mich verbündet und mich attackiert. Denn auch tätliche Angriffe gegen Arbeitsvermittler kommen vor. Highlight ist, wenn ich doch mal einen Klienten in Lohn und Brot bringen konnte, wenn es ein Match gibt, was wie gesagt selten genug der Fall ist…